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Die Stimme · 1931-07-16 · Heft 184 (16.7.1931) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 184 (16.7.1931)
Date
1931-07-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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. f tut oltMME Seite * . ./. J Uli t ilO I Gesundheitswesen MIß Frankel (Hadassah) erstattet den Bericht der Jesundheitskommission. ln der Berichtsperiode sei das Niveau der Hadassaharbeit nicht gesenkt worden und die Politik, Teile der medizinischen Institutionen in kommunale Verwaltung überzuführen, wurde weitergeführt. Die Gesundheitskommission schlägt dem Kongreß die Annahme einer Reihe von Resolutionen vor, in denen die Uebertragung der Hadassah-Institutionen auf den Jischuw begrüßt und die Jewish Agency zur Führung weiterer Verhandlungen in dieser Richtung aufgefordert wird, Die Knesseth Jisrael wird aufgefordert, den Betrag von 350 OPfund aufzubringen, damit das Gesundheitswerk nicht gefährdet werde. Es wird festgestellt, daß die Palästinaregierung ihre Pflichten gegen das Gesundheitswerk nicht erfüllt hat und die Verpflichtung der Regierung zur Unterstützung der jüdischen Institutionen betont. Der Kongreß nimmt diese Resolutionen einstimmig an. £in Teil des Programms der Brandeis- Gi tippe angenommen Basel, 10. Juli. (J. T. A.) Am Freitag, den 10. Juli, vormittags, befaßte sich der Kongreß mit den verschiedenen Vorschlägen zu einem neuen Wirtschaftsprogramm. Gegen Mittag begannen die Abstimmungen über die einzelnen Resolutionen. Der Kongreß nahm jenen Teil des Programmes der amerikanischen Brandeisgruppe an, in welchem davon die Rede ist, daß die Körperschaften für Privatinitiative in Palästina aus der Kontrolle der Zionistischen Exekutive herausgenommen und autorisiert werden sollen, ihre Arbeit nach eigenem System durchzuführen. Zwecks Verwirklichung des Jüdischen Nationalheims, heißt es in diesem Programmteil der Brandeisüruppe, muß man nach Palästina eine möglichst große Zahl von Juden bringen, denen es in kurzer Zeit ermöglicht werden soll, eine wirtschaftliche Selbständigkeit zu erlangen. Am besten wird dieses Programm durchgeführt durch Institutionen ähnlich der Ruthenbergschen Electric-Corporation, der Tote Meer-Konzession, der Palestine Economic Corporation und den Unternehmungen individueller Investoren. Die Exekutive soll die Tätigkeit der verschiedenen Institutionen und Korporationen der Privatinitiative koordinieren, ohne selbst einen Anteil in der Geschäftsführung dieser Unternehmungen zu haben. Die Körperschaften für Privatinitiative und die privaten Investoren sollen meinsanv mit der P. I. C. A. Vorgehen. r Gleichzeitig ’ beschloß der Kongreß, das System der nationalen Arbeit und Kolonisation durch die nationalen Fonds zu verstärken. Die erhebende Trauerfeier . Ueber die Herzl-üedenkfeier des Kongresses haben wir bereits einen kurzen telephonischen Bericht gebracht. Nachträglich wird uns aus Base! berichtet: Am Sonntag, den 5. Juli, nachmittags, fand die Herzl-Jahrzeitfeier statt. Auf der Kongreßtribüne haben jene Delegierten Platz genommen, welche dem I. Zionistenkongreß in Basel 1897 beiwohnten; u. a. Justizrat Bodertheimer, Eder, Farbstein, Feiwel, de Haas, Sokolow, Wilensky u. a. m. Präsident Motzkin führte aus: Diese Sitzung ist dem Ausdruck unserer Trauer gewidmet um die größte jüdische Persönlichkeit, die unsere Zeit hervorgebracht hat, und um die Vorfälle in Erez Israel, um eine Reihe von bedeutenden Gesinnungsgenossen und Gesinnungsgenossinnen, die zusammen mit uns arbeiteten. (Das Haus erhebt sich). Es trifft sich zum erstenmal, daß der Kongreß in die Tage fällt, da Herzl uns nach der Jahreserinnerung genommen wurde. Nur wenige befinden sich hier, die mit uns das Erlebnis Herzls ganz durchgemacht haben. Als Herzl zu uns kam, zu denen, die bereits vorher jahrelang zionistisch tätig gewesen waren, waren wir zuerst erstaunt, ja etwas skeptisch, und waren nachher beglückt. Was war der Kongreß, den Herzl geschaffen hat? Meinen Sie etwa, es war einfach ein Kongreß von Juden, die über Palästina reden wollten? Es war ' ein Kongreß, der einen Prozeß gegen die ganze Menschheit anfing — darin bestand seine Größe. Wir Juden haben von Zeit zu Zeit Prozesse — Ritualmordprozesse, Pogromprozesse. Aber kein Prozeß war so schwierig wie der, den Herzl begann, ln einem ungeheuren Appell wandte er sich zum erstenmal an die gesamte Menschheit mit der einfachen Frage, die dann eine Frage für die Zionisten und Zionistenkongresse geworden ist; mit welchem Recht habt Ihr uns, Menschheit, unser Land genommen, mit welchem Recht uns gezwungen, von Land zu Land zu wandern und nicht unser eigenes Helm zu haben? Niemand sage mir, Herzl sei zu uns gekommen, weil der Antisemitismus damals so stark war. Das ist eine Legende. Was war der Antisemitismus damals im Vergleich zur Judennot der heutigen Zeit? Es standen uns die Tore der ganzen Weit offen, und der Antisemitismus selbst hatte damals noch vornehme Allüren. Herzl hat uns in die Familie der Nationen eingeführt und neben dem Kongreß die Organisation, die Kolonialbank und den Nationalfonds geschaffen. Auf dieser Tribüne stand er, eine majestätische Gestalt, umbraust von einem Meer von Liebe, immer mit der tiefen Trauer in seinem Blick, dem Bewußtsein der ganzen Schwere des Schicksals, das er sich erwählt hatte. Siebenundzwanzig Jahre sind vergangen, seit wir ihn verloren. Unsere Bewegung ist weiter fortgeschritten. Er hat jene Verbindung mit England, die uns zum Ziel führen muß, prophetisch vorausgesehen. Wenn die Welt heute Ehrfurcht hat vor dem jüdischen Chaluz, wenn der Ausdruck Chaluz bedeutet, daß ein Mensch sich ganz und gar mit seiner ganzen physischen und seelischen Kraft seinem Volk hingibt, dann war Herzl der erste Chatuz, ein Pionier und Held, wie ihn die Welt früher nicht gekannt hat Nahum Sokolow (Hebräisch): Wir wollen keinen Kaddisch der Waisenkinder und Trauernden beten, sondern einen Kaddisch von Hoheit und Majestät. Herzl ist nicht gestorben, Herzl ist in die Unsterblichkeit hineingegangen; Diesmal hat der Tod eine besonders große Lücke unter uns gerissen. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir Lord Balfour den nichtjüdischen Herzl nennen. (Der Saal erhebt sich). Lord Balfour symbolisierte das Beste und Edelste der britischen Rasse. Balfour stand von.Anfang an auf dem Standpunkt eines großen Zionismus. Er hat sich Bürgerrecht im jüdischen Volk erworben. Ich erwähne nun einen Verlust, der uns nie wieder wird ersetzt werden können: den Tod von Louis Marshall. (Der Kongreß erhebt sich). Mafshall starb in Schönheit und Erhabenheit, auf der Schwelle einer neuen Epoche der Arbeit. Diese jüdische Seele war vollkommen abgerundet und ausgeglichen am Ende ihres Lebens: Er war wie ein strahlender Sonnenaufgang, dieser Sonnenaufgang Louis Marshalls. Er kam und sprach zu uns: alles Gefühl, alle Liebe in seinem Herzen brach hervor in großer Ekstase für Palästina. In Liebe wird das jüdische Volk dieses herrlichen Menschen gedenken. Alfred Mond war ein Fürst in der Welt der Industrie und des Handels. Er stieg von Sprosse zu Sprosse. Und dann kam das Wunder: der Funke flammte auf, der versteckte Funke, der nicht gefunden werden kann durch chemische Analyse. Melchett war die Personifizierung von Herzls Wort: der Zionismus -ist die Rückkehr zum Judentum. — Nahum Sokolow gedenkt in seiner Trauerrede u. a. Nathan und Lina Straus’, Dr. Leon Reichs, Jean F is c h e r s, Abraham Podlischewskis, Rachel B 1 a w s t e i n s, Israel B e 1 k i n d s, William Hechlers, Pauline und Hans Herzls und der Helden, die als Opfer der Renaissance für Erez Israel gestorben sind und schon für die Ewigkeit mit der zionistischen Bewegung verbunden bleiben werden. Dr. Osias Thon würdigt die Bedeutung Theodor Herzls als des Schöpfers der Zionistischen Organisation, des großen Instrumentes im jüdischen Daseinskampf, und des jüdischen Nationaifonds. wie sich die Kommissionen konstituieren Die Konstituierung der Permanenzkommission stieß diesmal auf sehr große Schwierigkeiten. Die Arbeiterpartei die auf Grund der bisherigen Gepflogenheiten als stärkste Fraktion den Vorsitzenden der Kommission hätte stellen sollen, hatte hierfür den Delegierten ßerl Locker in Vorschlag gebracht. Der Wahl Lockers setzten jedoch die Revisionisten don heftigsten Widerstand entgegen, obwohl sie grundsätzlich das Recht der Arbeiterpartei, den Vorsitzenden zu nominieren, anerkannten. Schließlich wurde die Konstituierung in folgender Weise vorgenommen: Dr. Georg Halpern (Allg. Zionist), Vorsitzender, Richard Lichtheim (Revisionist), H. Farbstein (Misrachi), Berl Locker (Foale Zion), Dr. Rufeisen (Ailg. Zionist) stellvertretende Vorsitzende. Die Arbeiterpartei hatte schon früher, bei der Besetzung des Präsidiums der Politischen Kommission, eine Niederlage erlitten. Dadurch, daß die übrigen Parteien eine Einheitsfront gegen sie gebildet hatten, wurde nicht ihr Kandidat Dr. Arlosoroff, sondern der Allgemeine Zionist Doktor Ringel zum Vorsitzenden der Politischen Kommission gewählt. Nunmehr gaben die Vertreter der Arbeiterpartei zum Protest gegen die Uebergehung ihrer Gruppe bei der Besetzung der Präsidien der beiden wichtigsten Kommissionen die Erklärung ab, sie würden in keiner Kommission den Vorsitz oder Vizevorsitz übernehmen. Berichtigung In der letzten Nummer der «Stimme» brachten wir in dem Bericht Uber die Generaldebatte im Abschnitt Uber die Rede Berl Lockers u. a. folgendes: ». . . Der Tumult griff auf den Präsidiumstisch und die Tribünen über, wo ein Kongreßteilnehmer bei den Zusammenstößen verletzt wurde und ärtzliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte.» Wie uns aus Basel berichtet wird, entspricht diese Mitteilung nicht den Tatsachen. Es kam während der ganzen Dauer des Kongresses nicht zu Verletzungen von Delegierten oder Gästen. [ Die Lage der Juden in Argentinien Un^r Sonderberichterstatter in Basel hatte ein Gespräch mit dem Präsidenten der Zion. Organisation in Argentinien, Herrn Nathan Gesang, der als Delegierter Argentiniens dem Kongresse beiwohnte. Herr Gesang machte unserem Sonderberichterstatter folgende interessante Mitteilungen über das jüdische Leben in Argentinien. Es muß vorweg bemerkt werden, daß sich die Juden in Argentinien der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung erfreuen. Sie haben über die politische Lage nicht zu klagen. Von Antisemitismus weiß man nichts. Trotzdem macht sich in letzter Zeit in studentischen Kreisen eine gewisse Antipathie gegen die Juden bemerkbar. Das. ist darauf zurückzuführen, daß die christlichen Studenten die zukünftige Konkurrenz der zahlreichen jüdischen Studenten, die ganz ausgezeichnete Studienerfolge aufweisen, fürchten. Viel zu leiden hatten die argentinischen Juden durch das Mädchenhändlerunwesen. Es muß gleich bemerkt werden, daß die traurige Erscheinung des Mädchenhandels keine spezifisch jüdische Erscheinung ist. Die nichtjüdisclien Nationen haben ebenfalls ihren Anteil am Mädchenhandel. In Buenos Aires verbarg sich eine Organisation jüdischer Mfidchenhändier hinter einem angeblichen Wohltätigkeitsverein «Migdal*. Die jüdische Bevölkerung Argentiniens hatte von allem Anfang an zwischen sich und diesen Mädchenhändiern einen dicken Trennungsstrich gezogen. Die Mädctienhändler und ihr Anhang wurden nicht nur gesellschaftlich boykottiert, man verwehrte ihnen auch den Zutritt zu den Synagogen, ja man verweigerte ihnen sogar das Begräbnis auf den jüdischen Friedhöfen. Die derzeitige provisorische Regierung hat die Mädchenhändler aus dem Lande gejagt und dadurch die argentinischen Juden von einer großen Schande befreit. Die Juden in Argentinien zählen heute zirka 250.000 Seelen, von denen etwa 150.000 in Buenos Aires leben. Mehrere Industrien befinden sich zum großen Teil in jüdischen Händen, zum Beispiel die Kleiderkonfektion, Messingbettenerzeugung und Möbelfabrikation. Die größte Getreidefirma Argentiniens ist die Firma Louis Dreyfuß & Co. Auch in der Kunst und in der Literatur sind die Juden gut vertreten. So ist Albert Gerschonoff einer der Hauptredakteure der spanischen Zeitung «La Nacion». Berta Singermann ist eine berühmte Schauspielerin und Rezitatorin. Einen guten Namen machte sich auch der jüdische Dichter Zeitiin. Besonders stolz sind wir in Argentinien auf die jüdischen Kolonisten, die wir nicht nur als einen wertvollen Teil des argentinischen Judentums, sondern auch des Weltjudentums außerhalb Palästinas betrachten. Es muß daran erinnert werden, daß 30.000 Juden in Argentinien von ihrer Hände Arbeit als Bauern leben. Die Kolonisierung der Juden in Argentinien ist bekanntlich ein Werk des großen Menschenfreundes Baron Hirsch. Die Chowewe Zion haben seinerzeit die Kolonisation der Juden in Argentinien nicht gerne gesehen, weil sie davon eine Konkurrenz für Palästina fürchteten. Das hat sich als unrichtig herausgestellt. Man weiß in Europa nicht, daß die jüdischen Kolonisten in Argentinien Zionisten sind, und daß sie jährlich den Erlös aus dem Verkaufe der Bodenfrüchte einer großen Landfläche dem Keren Kajemeth widmen. Der Zionismus in Argentinien ist stark. Es gibt zirka 70 Vereine. Organisatorisch ist noch viel zu tun. Es sind im Zionismus Argentiniens alle zionistischen Parteien vertreten, aber 90 Prozent sind Allgemeine Zionisten. Diese sind auch der Teil der Bewegung, der die zionistischen Fonds alimentiert. Gut arbeitet die studentische Organisation «Juventud cultural zioniste» in Buenos Aires, die aus einigen hundert Mitgliedern besteht, gute Propaganda macht und in ihren Kreisen die hebräische Kultur pflegt. Das Schulwesen wurde lange Zeit von der Icä beherrscht, mit deren Programm wir natürlich nicht immer einverstanden sein können. Es ist jedoch in letzter Zeit eine Besserung eingetreten. Einerseits haben die Fachleute der lea einen Teil unseres Schulprogramms akzeptiert und andererseits sind wir selbst an die Errichtung von hebräischen Schulen geschritten. So haben wir heute in Buenos Aires einen hebräi.schen Kindergarten und eine hebräische Volksschule, die von Hunderten von jüdischen Kindern besucht werden. An im Inneren des Landes gibt es schon derartige Sc, cn. Wir sind jetzt daran, das hebräische Schulwerk in einem Verband zu organisieren. Die jüdische Presse erscheint in jiddischer und spanischer Sprache. Mit Ausnahme der Zeitung «Die Presse», die kommunistisch eingestellt ist, ist die ganze Presse prozionistisch. Auch das größte jüdische Tagblatt «Die jüdische Zeitung» ist prozionistisch. Außerdem geben wir ein zionistisches Wochenblatt «Die jüdische Welt» heraus. Auch im Innern des Landes gibt es Wochenblätter, die dem Zionismus wohlwollend gegenüberstehen. Von den jüdischen Zeitungen in spanischer Sprache seien genannt: «Semenarlo Hebräe», «La Luz» und «La Tribuna Hebrea.» So sind wir in Argentinien bestrebt, auch unseren Teil für die Renaissance des jüdischen Volkes beizutragen.

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