Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 184 (16.7.1931)
- Date
- 1931-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 6 DIE STIMME Nr. 184 — 16. Juli 1931 Zionisten! Schicket eure Kinder in die jüdische Schule! Chaiesrealgymnasiutn /Oeftentlfchkeitsrecht/Staatsgiiltige Zeugnisse / Hebräisch Englisch / Latein / Aufnahme in allen Klassen II., Castelle? gasse 35 Telephon 11*48-2-82 Fortsetzung und Schluß der Generaldebatte Zu Beginn der Sitzung am Sonntag, den 5. Juli vorm, erklärt Kongreß-Präsident Alotzkin, er müsse mit Bedauern feststellen, daß ein kleiner Teil der Presse Nachrichten verbreitet habe, als hätten auf dem Kongreß Schlägereien stattgefunden und als habe man für eine große Anzahl von Verwundeten medizinische Hilfe von der Stadt Basel angefordert. Der Kongreß sei Zeuge dessen, daß keine solchen Zwischenfälle stattgefunden haben und das Präsidium bitte die gesamte Presse, dies festzusteilen. *J&i*Zwi G r i n b e r g (palästinen. Revisionist) führt aus, auf dem Kongreß wäre die Not Palästinas verschwiegen worden. Niemand habe die wirkliche Wahrheit erzählt. Sei nicht der Kongreß die Tribüne, von den Forderungen der Judennot dem internationalen Forum zu erzählen? Im Lande henjs,che Pogromstimmung. Da aus dem Kotei maaravi kein Geld komme, sondern nur Unruhen, habe man ihn dem Islam weggeschenkt. Das höchste Heiligtum des Volkes sei verkauft worden, weil die Bureaukratie Ruhe haben wol te. Die Furcht, die Zielsetzung zum Ausdruck zu bringen, gleiche der Furcht eines Kaufmannes, der stillschweigend bankrottiert. Goldmanns Rede Nahum Gold mann erklärt als Vertreter der Politischen Kommission des A. C., es sei ein schwerer Fehler, außenpolitische Probleme in erster Reihe unter innerpolitischem Gesichtspunkt zu betrachten. Ein Volk müsse politisch die Reife haben, sich wenigstens in diesen Fragen über den bloßen Parteikampf zu erheben. Vieles, was zur Beurteilung des MacDonald-Briefes gesagt wurde, sei in hohem Maße von parteipolitischen Motiven bestimmt gewesen. Es habe keinen Sinn, wenn Jabotinsky die Balfour- Deklaration maximalistisch, den MacDonald-Brief aber absolut minimaüstisch interpretiert habe. «Consideration of balance» bedeute nichts anderes, als daß die Regierung, wen^sich Juden und Araber nicht verständigen können, Rücksicht auf beide Teile nehmen muß. Das habe die Regierung schon vor dem MacDonald-Brief getan. _ Uebrigens habe das Aktionskomitee einstimmig mit den Stimmen der Revisionisten beschlossen, die Einladung der Regierung zu den Verhandlungen anzunehmen, ohne daß die Bedingung gestellt worden wäre, das Weißbuch nicht zu akzeptieren. Ich habe, führt Goldmann aus, dem Brief Weizmanns in diesem Wortlaut nicht zugestimmt Er hätte lauten müssen: wir sind zufrieden, aber wir warten auf weitere Verhandlungen und wollen sehen, ob aus der Theorie Praxis werden wird. Dies habe der Kongreß nachzuholen, dennoch sei der MacDonaid-Brief eines der positivsten Dokumente der letzten Jahre. Für die Einstellung zur englischen Politik fordert üoldmann die Befreiung sowohl von inneren Sentiments als auch von Resentiments. Man werde England von Fall zu Fall nach seinen Taten beurteilen, ohne Haß und ohne Liebe, skeptisch und nüchtern, aber als den zentralen Faktor unserer Politik. Es müsse klar sein, daß die Lage auch schwer bleiben werde nach einem Wechsel der Führung. Der Kongreß müsse aber eine Führung schaffen, die die Einheit des Volkes und der zionistischen Frontstellung repräsentiere. (Die hierauf folgende Begrüßung Adolf Thomas’ und dessen Rede brachten wir bereits in unserer vorigen Nummer. — Red.) Dr. Arje Tartakower (Linksgruppe, Polen): Für uns ist entscheidend die Not der jüdischen Volksmassen und reale Arbeit in Palästina. Die Frage der Majorität ist für uns unbedeutend. Die Gefahr der Verkleinerung des Zionismus liegt nicht auf politischem Gebiete, sondern bei unserer Kolonisationsarbeit in Palästina. Es gibt nur einen Weg: die Konzentrierung der Massen zu einer großen Volksanstrengung für den Ausbau der konkreten Positionen und die Fortführung des Kampfes auf dem Wege, den die jüdische Arbeiterbewegung in Palästina beschritten hat. Rabbi Meir Berlin (Misrachi) betont die zwei unge-# heuren Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage: in-Worten und Resolutionen müsse man vorsichtig sein und andererseits müsse man den Enthusiasmus im jüdischen Volke wecken und, was man will, in der stärksten und schönsten Form sagen. Diese Sprache sei leider in den letzten Jahren verloren gegangen. Zwar könne jedes starke Wort uns an gewissen Stellen schaden, aber man' dürfe nicht vergessen, daß uns jedes schwache Wort beim jüdischen Volke schadet. Die Forderung einer Round Table-Konferenz hätte zurückgestellt werden müssen in-einem 'Zeitpunkt,'da . die arabischen Führer kein Interesse an einer Verständigung haben. Mit vielen Dingen im Revisionismus sei der Misrachi nicht einverstanden. Ihm passe die militaristische Entwicklung des Brith Trumpeldor nicht, wie Ihm vieles von Handlungen der chaluzlschen Jugend nicht gepaßt habe. Aber wenn eine Gruppe für «starken» Zionismus ist, dann ist der Misrachi für sie. Sodann spricht Ab. Goldberg (New York), über' dessen Rede wir in der vorigen Nummer der «Stimme» bereits berichtet haben. iichkelt gehabt, die Führerschaft einer scharfen Kritik zu i nterziehen. Diesmal hatte er aber etwas Neues. In den eisten seine«1 Rf-öen hat er prophezeit — jetzt haben sich die Prophezeiungen erfüllt. Man hat auch erwartet, daß er, wenn nicht in allem, so doch wenigstens in den Hauptsirichen, sein Programm tür die Zukunft darlege in bezjg aur die Mandatarmacnr, auf die Araber und auf das jüdische Volk; man erwartete, er werde zu dem berühmten Triangel Stellung nehmen. Aber er hat sich statt dessen in eine Debatte bezüglich des Mac-Donald-Briefes eingelassen. Das Ende'seiner Rede war viel besser, aber es war trotzdem, mit Jabotinskys Maß gemessen, keine großangelegte Rede. Es fiel ihm diesmal schwer, die richtigen Worte zu finden, alles klang abgehackt, stakkato; er machte zu viele Pausen und nicht ein einzigesmal gelang es ihm, mit Verve und von Leidenschaften getragen, mit Hingerissenheit, sich selbst vergessend, die Atmosphäre zum Siedepunkt zu erhitzen, wie ehedem so oft. Warum Jabotinskys Rede verhältnismäßig weniger stark war als gewöhnlich? Es ist ganz egal, welche Erklärung man dafür gibt. Die Tatsache bleibt bestehen, daß die Generaldebatte dieses Jahr und auf diesem Kongreß durch Jabotinskys Beteiligung nicht den Höhepunkt erreichte, den man erwartet hat. Der zweite Vertreter der oppositionellen Gruppen, Jizchak Grünbaum — sein Stern hat dieses Jahr nicht geleuchtet. Er war während des ganzen Kongresses in Wolken verhüllt, kam mit einer kleinen Gruppe und brachte viel Verwirrung mit sich. Es scheint, daß er den Weg verloren hat; Grünbaum ist kein guter Redner, aber wenn er aufgeregt ist, spricht er mit Ueberzeugung und macht auch Eindruck. Seine Worte sind keine Pfeile, aber Feilen. Er ritzt und kratzt; allenfalls tut es weh. Dieses Jahr hat sich die Scheehinah von ihm abgewendet. Es tut das Herz weh, wenn man sein Mitsichringen auf der Tribüne sehen muß. Er redet nicht, sondern stammelt nur; seine Rede erinnert an das Jom Kippurlicht, das langsam ausgeht: es knistert, flackert und ist vom Rauch begleitet. Die Arbeiter haben dieses Jahr als Hauptredner Bin G u r i o n und Berl Locker gestellt. Bin Gurion fehlt Stimme, und d i e Stimme, die er hören läßt, tut den Ohren weh. Trotzdem haben seine Kampf- und Protestreden Kraft, Gewicht, Blit? und Feuer. Seine Rede auf dem Kongreß erhob sich zum Gipfel, wenn sie einen Protest gegen England beinhaltete. Er wollte aber als kühler Kopf und ruhiger Mensch erscheinen; das hat er auch erreicht, doch die Hede hatte kein Niveau. Nicht viel besser ist es Berl Locker ergangen. Locker sagt von sich in einer seiner Heden, daß er als guter Polemiker bekannt sei. Das mag stimmen — eine Generalrede ist aber nicht für Polemik bestimmt. Polemik kann nicht den ganzen Inhalt der Rede bilden. Lockers Rede war Senf, aber kein Braten. Dabei muß man auch sagen, daß gute Polemik nur die ist, die die Gegner mit Tränen in den Augen hören, bei der sie aber auch lachen und das Spiel mitmachen müssen. Wenn aber die Gegner so erhitzt werden, daß sie Protest erheben und die Rede unterbrechen, dann ist cs zwar Polemik, aber keine gute Polemik. Berl Locker hat diesmal seine Gegner aus dem Häuschen gebracht. Es waren ernste Proteste und seine Rede wurde für die Dauer einer halben Stunde unterbrochen. Man meinte, daß er sein Roß nicht im Zaume halten könne und sich vcrgaloppiert habe. Es haben sich, wie immer, auch dieses Jahr Ussischkin, Wise und Stricker an der Generaldebatte beteiligt. Alle drei haben gewöhnlich Erfolg als Redner auf der Tribüne. Aber man kann nicht sagen, daß sie diesmal das Maximum dessen erreicht haben, was sie erreichen können. Von den dreien ist natürlich Wise der große Tribun mit internationalem Namen. Es ist nunmehr 30 Jahre her, daß er seine Reden in Amerika gehalten hat und er ist heute nicht nur einer der berühmtesten, sondern auch einer der kraftvollsten Redner in der Neuen Welt. Es würde viel mehr Platz erfordern als mir hier zur Verfügung steht, eine Skizze von Dr; Wises Rhetorik zu geben. In Wahrheit ist er kein Redner, sondern nur Tribun mit allen Vor- und Nachteilen, die in der Bedeutung dieses Wortes Am Montag, den 6. Juli, nachmittags gab Bin Gurion die Erklärung ab, die Arbeiterpartei betrachte es als einen Bruch der Tradition, daß der größten Kongreßfraktion nicht der Vorsitz in der Permanenzkommission efngeräumt worden sei. Sie werde daher ihre Vertreter aus allen Kommissionen zurückziehen. Sodann setzte der ehemalige Vorsitzende der Zionistischen Organisation Amerikas, Louis Lipsky, in längeren Ausführungen auseinander, wie sich die von ihm vertreten* amerikanische Gruppe zur gegenwärtigen Lage stellt. Er verteidigte Weizmann, griff jedoch die Haltung der englischen Regierung an, Indem er erklärte, die Mandatarmacht habe nichts Wesentliches dazu beigetragen, um Weizmanns schwierige Stellung, um die er wahrlich nicht zu beneiden sei, zu erleichtern. Nach der Veröffentlichung des MacDonald-Briefes hätten di* Juden erwartet, daß nunmehr in der Haltung der verantwortlichen Stellen eine Aenderung emtreten werde. Statt dessen sei aber deren Feindseligkeit gegenüber der festgelegten Politik gewachsen und eine törichte Gleichgültigkeit gegenüber der Auswirkung einer solchen Haltung auf die Beziehungen der Juden zu England an den Tag gelegt worden. Zur Rede von Rabbi Stephen Wise habe er zu bemerken, daß seine, Llpskys, Gruppe sich der von Rabbi Wise an Dr. Welzmann geübten Kritik nicht anschließe, doch könne nicht in Abrede gestellt werden, daß Wise!m Namen der Mehrheit der amerikanischen Delegation gesprochen habe. Lipsky unterzog sodann den MacDonald-Brief einer Analyse und erklärte, auch wenn der MacDonald-Brief ungünstiger gewesen wäre, als er tatsächlich ist, hätte die Antwort des Kongresses auf ihn nur in einer Konzentrierung aller Kräfte auf die Stärkung der jüdischen Position in Palästina besstehen können. Die britische. Regierung sei nicht nur für die Lage, in der sich Weizmann gegenwärtig befindet, verantwortlich, sondern auch dafür, daß sich die agressiven Tendenzen innerhalb der Partei so stark entfalten konnten. Nach Lipsky sprach der Präsident der Zionistischen Föderation Argentiniens, Nathan G es a n g. Er trat energisch dafür ein,, daß .Weizmanns Rücktritt endgültig bleibe. . F. B e r n s t e i n (Holland) erklärt, daß sich die hollänr. dischen Zionisten für eine Reqrganisatioi der Zionistischen Organisation im Sinne einer Zusammenfassung der divergierenden Elemente einsetzen würden. Dr. Josef Ruf eisen (C. S. R.): Alle seien sichdarin einig, daß die Mandatarmacht ihre Verpflichtung gegenüber dem jüdisch-nationalen Heim nicht erfüllt hat, und der bedeutendste Ausdruck dieser Unzufriedenheit sei die Demission Dr. Weizmanns. Da bisher erst etwa 5 Prozent der Judenheit der ganzen Welt organisatorisch erfaßt seien, sei es nicht an der liegen. Einige Teile seiner Rede werden für ewige Zeiten als der Ausdruck der Entrüstung der Juden gegen den Wortbruch der Mandatarmacht erhalten bleiben. Er .hat mit einer Feuerpeitsche über den Rükken unserer Feinde geschlagen. Man soll sich nicht irren — Wise besitzt viel Humor und Satire, aber nicht immer mischt er beides, um die Härte der Rede zu mildern und sie für alle Elemente annehmbar zu gestalten. Ussischkin war härter als gewöhnlich. Seine Art sind kurze Sätze,: deklarationsmäßig, wenn nicht streng logisch innerlich verbunden. Man erinnert sich seiner Rede in Zürich, die, obgleich brutal, doch erfrischend gewirkt hat, denn es war die nackte Wahrheit. Diesmal kann man nicht sagen, daß es keine Wahrheiten, und man kann nicht behaupten, daß sie verschleiert gewesen wären; aber sie waren so gesprochen, daß sie nicht den gehörigen Eindruck machten. Anscheinend muß auch die Wahrheit Formen haben. Weizmann, der immer der Held der Generaldebatte ist — es gibt vielleicht sehr wenige solcher fähiger, schlagfertiger Debattenredner wie er — hat dieses Jahr von seiner großen Fähigkeit keinen Gebrauch gemacht. Seine beiden Reden las er vor und es kfang aus ihnen ein müder Ton heraus. Der Widerhall war Abschiednehmen. Damit erklärt es sich, daß er in seiner Rede so viel Platz der Geschichte des Zionismus gewidmet hat. Das war wie eine Andeutung, daß er das Urteil über sein Werk einer späteren Geschichtsforschung überlasse. Die Geschichte soll sein Werk ln ihren Schutz nehmen. Der Kongreß war ln jeder Hinsicht anders als sonst, Viel wird in den kommenden Jahren an den Kongressen geändert werden. Hoffentlich werden auch bezüglich der Generaldebatte gewisse Reformen geschaffen werden. Sie muß weniger generell sein und sich mehr auf den Bericht der Exekutive beziehen; dann kann man erwarten daß die Debatte prägnanten und ausschlaggebenden Charakter haben wird.