Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 184 (16.7.1931)
- Date
- 1931-07-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 184 — 16. Juli 1931 DIE STIMME Seite 5 Die Durchführung des Landentwicklungsplans Die Forderungen der Jewish Agency nur zum geringen Teil berücksichtigt. Bestürzungauf dem Zionistenkongreß. Basel, 9. Juli. (J. T. A.) Der soeben in Basel bekannt gewordene Inhalt einer telegraphischen Instruktion des britischen Kolonialamtes an den High Commissloner Sir John Chancellor über die Durchführung des Landentwicklungsplanes sowie das Begleitschreiben Lord Passfields zu dieser Instruktion haben in den Kreisen der Kongreßdelegierten lebhafte Beunruhigung ausgelöst. Die Instruktion, die am Donnerstag, den 9. Juli, in Palästina offiziell kundgemacht werden sollte, bildete den Gegenstand einer erregten Debatte in der Politischen Kommission, die die ganze Nacht hindurch die durch diese neue Verlautbarung des Kolonialamtes geschaffene Lage beriet. Das Dokument wird von der Politischen Kommission als ungünstig für die jüdischen Interessen beurteilt. Die wichtigste Forderung der Jewlsh Agency, nämlich die Forderung, es solle voll vornherein festgesetzt werden, daß Juden und Araber In gleicher Weise aus der Durchführung des Landentwicklungsplanes Vorteil ziehen sollen, ist unerfüllt geblieben. ln dem Brief wird bloß erklärt, die Regierung habe diese Forderung zur Kenntnis genommen. Der Landentwicklungsrat wird aus einem Juden, einem Araber und einem Engländer bestehen. Trotz der seitens der Jewish Agency dagegen erhobenen Einwände ist der High Commissioner in Fragen des Landentwicklungsplanes die höchste Instanz. Den einzigen für die Juden günstigen Punkt bildet eine Klausel, derzufolge der Begriff der «dislozierten Araber» im Sinne des Mac- Donald-Briefes verstanden werden soll. Der betreffende Paragraph des MacDonald-Briefes (§ 9) wird in der Instruktion 2m Zusammenhang mit der Klausel zitiert. In der Politischen Kommission des Kongresses herrschte große Bestürzung über die Instruktion des Kolonialamtes, die als neuer Beweis für die unfreundliche Haltung dieses Ministeriums gegenüber den Bestrebungen zur Schaffung der jüdischen Heimstätte in Palästina angesehen wird. Die Veröffentlichung auf Intervention Dr. Weizmanns auf eine Woche hinausgeschoben Abänderungen des Inhaltes sind nicht zuerwarten. London, 9. Juli. (J. T. A.) Das Kolonialamt hat beschlossen, die Veröffentlichung der Instruktionen über den Landentwicklungsplan zurückzustellen, obwohl ursprünglich beabsichtigt war, den Landentwicklungsplan am heutigen Tage in Kraft treten zu lassen. Diese Zurückstellung wird auf eine von Dr. Weizmann privat an das Kolonialamt gerichtete dringliche Mitteilung zurückgeführt, in der er darauf hinweist,, die plötzliche Entscheidung des Kolonialamtes, den Landent- «B-'lü.S.1.1 ■!—Ul11 'HBBBgBBBS? ■' l-lJ" U BülBg 11 .* Die Kongreßredner Von Ab. Gold b erg (New York). B a s e 1,1 m J u I i. Trotzdem der Zionistenkongreß in jeder Hinsicht Parlamenten ähnlich zu sein strebt, hat er doch mitunter ganz eigenartige Formen. Der Permanenzausschuß z. B. ist eine Institution, die in keinem Parlament der Welt ihresgleichen findet. Es ist ein Gemisch von Ingredienzen, das mit gewöhnlichen Parlamentsausschüssen nichts zu tun hat. Es ist ein Ausschuß, dessen Permanenz höchstens einige Wochen dauert, und doch auch eine Kommission, die für die laufende Entwicklung der Aufgaben des Kongresses unentbehrlich ist. Dasselbe gilt von der Generaldebatte. Hier wird Uber alles gesprochen; der Redner spricht nach der ihm zugemessenen Zeit, und wenn er ein paar Kapitel Psalmen rezitieren wollte, niemand würde ihn daran hindern, auch nicht die Tatsache, daß der Saal sich leert. Es werden aber in jeder Generaldebatte auch •chöne programmatische Reden gehalten und manchmal kommt es vor, daß scharfe Kritik geübt wird. Diese Sorte von Reden gibt der fürchterlich in die Länge gezogenen, oft färb- und sinnlosen Generaldebatte eine Daseinsberechtigung. Wehmütig blicke ich zurück auf die Jahre vor dem Kriege, als sich hervorragende Qualitätsredner wie Nordau, Zangwill, Stand usw. an der Generaldebatte beteiligten. Aber auch in den ersten Nachkriegsjahren stand die Generaldebatte noch auf einem viel höheren Niveau als in der letzten Zeit. Mit dem Wiener Kongreß scheint die Glanzperiode geendet zu haben. Es dreht sich alles um den Führer der Revisionisten, Herrn Jabotinsky, den Führer der Radikalen, Herrn Grünbaum, hie und da um eine Rede der Allgemeinen Zionisten, um die Antwort Weizmanns und damit ist es Schluß. Die anderen Reden dienen nur dazu, die leere Zeit auszufüllen und den verschiedenen Delegierten der Länder Gelegenheit zu geben, auf der wicklungsplan ln einem Zeitpunkt zu veröffentlichen, in dem der Kongreß über das künftige Schicksal der Weizmannschen Politik berät, müsse von schädlichen Folgen für die von Weizmann vertretene Richtung sein. Daraufhin hat sich das Kolonialamt bereit erklärt, die Veröffentlichung auf eine Woche zurückzustellen. Es wird erwartet, daß die Ankündigung der Durchführung des Landentwicklungsplanes nunmehr in der regulären Ausgabe der palästinensischen «Official Gazette» vom 16. Juli erfolgen wird. Anpassungen oder Aenderungen des Inhaltes des Planes im Verlauf dieser Woche kommen jedoch nicht in Frage, da das Kolonialamt von dr. Hans Haisei Kurarzt in föcsd Jiatf ordiniert Hauptplatz 9 sich aus die Angelegenheit als entschieden betrachtet. Es wollte bloß Weizmann gefällig sein und ihm in seiner gegenwärtigen Lage keine weiteren Schwierigkeiten bereiten. Im Hinblick darauf, daß die Exekutive sich auf Vorschlag der Berliner Tagung der Politischen Kommission vor einigen Wochen entschlossen hat, das Kolonialamt zu ersuchen, mit der Ankündigung des Landentwicklungsplanes zu warten, bis die neue Exekutive gewählt sein würde, da sie der Meinung war, eine vor ihrem Rücktritt stehende Exekutive könne nicht im letzten Augenblick die Verantwortung für einen so wichtigen Gegenstand übernehmen und die neue zionistische Exekutive vor ein fait accompli stellen, sowie darauf, daß das Kolonialamt offenkundig zunächst bereit war, mit der Veröffentlichung bis nach dem Kongreß zu warten, erscheint diese Aenderung in der Haltung des Kolonialamtes den verantwortlichen zionistischen Kreisen völlig unerklärlich. Weizmann und die Verkündung des Landentwicklungsplans In einer der Jüdischen Telegraphen-Agentur übergebenen Erklärung dementiert Dr. Weizmann, die aus London stammende Meldung, daß die Zurückstellung der Verkündigung des Landentwicklungsplanes für Palästina auf eine Intervention seinerseits beim Kolonialamt zurückzuführen sei. Ich habe niemals, erklärte Dr. Weizmann, in dieser Richtung interveniert, weder ich noch irgendeine mir nahe stehende Person haben etwas mit dieser Zurückstellung zu tun. Tribüne zu erscheinen, um ihre Reden zu halten, die oft nicht so sehr für den Kongreß als für das liebe Publikum zu Hause bestimmt sind. Um der Gerechtigkeit willen soll hier der Name Arlosoroff erwähnt werden. Er ist der einzige Mann, der sich nach dem Kriege als neuer Stern auf dem zionistischen Firmament bewährt hat. Er ist bei weitem kein guter Redner. Es fehlt ihm Stimme, Modulation, Gestikulation und Humor. Seine Diktion ist leicht genug, an Worten fehlt es ihm gewiß nicht. Er besitzt eine große Bildung, ist politisch geschult und mit den laufenden politischen und sozialen Fragen der modernen Welt genau bekannt. Es fehlt ihm aber die Leidenschaft und er ist langatmig in der Sprache. Eine gute Rede muß auch kurze Absätze und spitze Phrasen im Ausdruck haben. Diese Fähigkeit ist Arlosoroff nicht gegeben — wenn man ihm lange zuhört, wird man müde. Und wenn seine Partei ihm nicht mit ihrem Beifall heraushelfen würde, was soviel wie eine Pause für den Zuhörer bedeutet, es wäre schwer, ihm zuzuhören. Doch er ist ein wichtiger Kongreßredner, besser wohl noch außerhalb des Kongresses, auf der Tribüne der Versammlung. In den ersten Jahren seines Erscheinens haben die Wohlwollenden gewünscht, daß Arlosoroff ein bißchen mehr Härte des Ausdruckes hätte, wie etwa Stricker, ein Tröpfchen vom Pathos Jabotinskys und ein wenig vom Humor Weizmanns. Aber Härte ist nicht eine Sache, die man sich aneignen kann; sie ist Ausdruck des Charakters, ebenso wie der Humor. Man kann Witze erlernen, aber Humor ist angeboren. Nur die wenigsten, nur Lieblinge der Götter sind mit dieser Gabe ausgezeichnet. Arlosoroff mag der Liebling der Hitachduth sein, aber der der Götter ist er nicht. Seine letzte Rede auf dem XVII. Kongreß ist auch kein Fortschritt im Vergleich zu den früheren, sondern eher ein Rückschlag. Es fehlte ihr die Wärme der Argumentation, die Leidenschaft und die Kälte der Ueberzeugung. Ich möchte sie als Schmus bezeichnen. Sie hat sicherlich keinen tiefen" Eindruck auf die Zuhörer gemacht und ist wahrscheinlich schnell vergessen worden. PrivatleHrlnstltvil „UNIVERSUM" WIEN, IX. FREIHEITSPLATZ 14 (neben dem Votivpark), Mezzanin. Telephon B 49-2-63 Maturavorbereitungs- und Mittelschulkurse, Sprachschule (engl., franz., ital.), Latein für Ergänzungsmatura, Deutschkurse für Anfänger. I. Klasse des Realgymnasiums für Knaben und Mädchen (gesondert). Das Oeffentlichkeitsrecht wird angestrebt werden. Individueller Nachhilfeunterricht, Nachmittags-Korrepetition für Mittelschüler, Tages-und Abendkurse. Die ganzen Ferien hindurch Fefialkurse für den Externisten-Prüfungstermin im Herbst. — Mäßiges Honorar. — Studienberatung und Auskünfte in der Direktion. ^ussprflifle von Hongreßrednem Wehe uns, wenn es unter uns Führer gibt, die das Parteiprestige höher stellen, als die zionistische Organisation. (Dr. Osias Thon) Ich glaube, daß ein Zionismus, der Menschen und Mittel produziert, mehr für sich spricht und die Ernst*, haftigkeit der Sache, als eine Formulierung, zu der,, nichts gehört, am wenigsten aber Mut. , (Kurt Blumenfeld)-/ Es gibt keine lebendige Politik in unserer heutigen Zeit und auch keine lebendige nationale Politik ohne die Idee der Gerechtigkeit und des Friedens. (Albert Thomas) Verzweiflung und Zionismus sind ganz unbedingte Gegensätze. (Nahum Sokolow) Nichts wirkt verheerender auf die Moral, als Ideale. (S. Großmann) Hüten wir uns in Zukunft vor zwei Dingen in unserer Außenpolitik: vor Parteipolitik und Sentiments• (Dr. Nahum Goldmann) Wir gleichen einem Kapitän, der sein Schiff nicht aufs Spiel setzen will und darum Ebbe und Flut genau beobachten muß, um bei Ebbe still zu liegen und die Vorteile der Flut auszunützen. Bei mir ist immer Flut, aber ich kann nicht dafür, daß es in der Welt auch Ebbe gibt. (Weizmartn)'11’ Die Wahrheit hat eine reinigende Wirkungv (Jabotinsky)'/, Notiert von O. Q. Beginn der Tagung des Administrative Committee Basel, 13. Juli. (J. T. A.) Am Sonntag, den 12. Juli, nachmittags, trat das Administrative Committee der Jewish Agency im kleinen Sitzungssaal des Kongreßgebäudes zu einer Tagung zusammen. Es soll hier auch ein Wort über einen jungen Menschen gesprochen werden, der sich in letzter Zeit den Radikalen angeschlossen hat — ich meine Nahum G o 1 d m a n n. Er spricht flott, hat eine scharfe Zunge, strengt sich nicht viel an, um die passenden Worte zu finden und simuliert Enthusiasmus. Seine Stärke ist das, was die Engländer Common Sense nennen — gesunder Verstand. Daß er sich plötzlich den Radikalen angeschlossen hat, bleibt ein Rätsel. Zwischen ihm und dem Hauptführer der Revisionisten klafft ein nicht zu überbrückender Abgrund. Es steht außer Frage, daß er einer der besten Redner ist. Aber es gibt Redner, die schon durch Geste, Stimme und Wort eine innere Kraft haben, die überzeugend auf die Zuhörer wirken, abgesehen von der Logik der Sache. Das jedoch fehlt Goldmann. Sein Anschluß an die Partei der Radikalen wird gewiß seine Kongreßkarriere in vieler Hinsicht stören. Er stand unter dem oberen Drucke des Führers, konnte selten zu Wort kommen und selten in seinem Glanze vor dem Publikum auf der Tribüne erscheinen. Nun hat er versucht, sich vom Führer loszureißen und auf eigenen Füßen zu stehen. Aber es war noch immer Furcht in seinem Herzen. Doch er hat Eindruck gemacht und es ist wieder klar geworden, daß er viel gesunden Menschenverstand hat und daß er es vermag, sich Uber die Parteien zu erheben; wir sollten die Augen offenhalten, denn er wird mit der Zeit Erfolg haben, wenn es unserer Bewegung beschert sein wird, ihre Tribüne weiter auf den gewonnenen Höhen zu halten. Nun zurück zu den Generalrednern. Jabotinsky hat seine besten Reden in Wien und vier Jahr# früher in Basel gehalten. Vor zwei Jahren in Zürich war er schon schwächer. Es dreht sich in seinen letzten drei Reden alles um die Jewish Agency und um Weizmanns Politik. Vielleicht war es nicht seine Schuld, daß die anderen Reden schwächer waren als die erste Wiener Rede, denn die Lage hat sich in diesen Jahren nicht geändert und er konnte keine neuen Argument# anführen. Die Menschen haben auf diesem Kongress« viel von Jabotinsky eiwartet. Hier hätte er die Möjfe* *