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Die Stimme · 1931-07-16 · Heft 184 (16.7.1931) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 184 (16.7.1931)
Date
1931-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Kongreß-Streiflichter Von S. Picker. Weizmanns Schlußbekenntnis. Wir kennen die Art von Weizmanns Schlußreden zur Generaldebatte. Jedesmal, nachdem bereits Klage auf Klage die Gemüter bedrückt hatte, wirkten sie erhebend. Und wenn sie auch darnach angetan waren, eine kalte Dusche auf phantastische Träume zu gießen, so haben sie immer noch die gesenkten Häupter wieder aufgerichtet. Sie bildeten die generelle Abrechnung mit jener unverantwortlichen Negation, die sich in der Debatte und während der vorangegangenen Kongreßperiode in Wortschwall ausgetobt, mitunter auch in Gegenaktionen Luft gemacht hatte. Zum Schluß pflegten diese Reden in visionären Ausblicken zu gipfeln, die dem Führer die Herzen aller aufs neue eroberten. In einer ganz geänderten Atmosphäre, auch unter weit schwierigeren Bedingungen als bei früheren Kongressen hielt Weizmann diesmal seine Schlußrede. Er hatte schon zuvor gewagt, seine Popularität aufs Spiel zu setzen, als er das bekannte Interview gab. Nur ganz schlicht kommentierte er dann das Gespräch von der Tribüne aus. Wenige wurden dadurch beruhigt, aber V^eizmann hielt anscheinend eine Ueberzeugungsrefhörik in diesem Falle nicht für angebracht. Und bei der Schlußrede glaubte er seine Popularität vollends opfern zu müssen. Selbstbewußt, als hätte er nicht demissioniert, zog er es vor, die Siedehitze nicht noch mehr zu steigern, was durch ein Uebergehen zum Angriff geschehen wäre. Im Gegenteil — er bemühte sich, den', erbitterten Klagen über die Lage die Berechtigung njcht abzusprechen. ,j( -Nun die Stellungnahme »Welzmanns zum Mac- Donald-Brief! Was hätte er tun sollen? Sollte die von MacDonald ergangene Einladung zur Schlichtung der Streitigkeiten zurückgewiesen werden? Konnte man denn das Agreement, das Resultat wochenlanger Arbeit einer Kabinettskommission in einer Zeit, in der das Empire auch andere und nicht geringfügige Sorgen hatte (wie zum Beispiel Indien), unbeantwortet lassen? Wie leicht kann alle Kritik abgetan werden, da doch zu den Schritten Weizmanns die volle, man kann sogar sagen, einhellige Zustimmung der Politischen Kommission gegeben worden istl Ja, wir erfahren jetzt, daß sogar Amerika trotz der passiven Resistenz der dortigen Zionisten dem MacDonald-Brief ebenfalls zugestimmt hatte! Dabei involviert dieses Dokument keinesfalls die Festlegung auf einen gesetzgebenden Rat in Palästina, da Weizmann diesen von einer vorhergehender^j^pund Table-Konferenz abhängig machte. Wenn Weizmann in seiner Schlußrede bestrebt war, die Kritik seiner Gegner nicht zu glossieren, so fanh'^e? sich dennoch bemüßigt, Stephan Wises scharfen Angriff auf England als nicht zweckdienlich zu bezeichnen. Dabei war er gegen seinen Widerpart großmütig, verwies in Fortsetzung seiner Rede auf die Hilfe, die Wise während des Krieges England angedeihen ließ, und betonte mit Nachdruck, daß eine schlechte Politik Englands geeignet ist, sich solche Freunde zu verscherzen. Kürzer als sonst war diese Schlußrede, und sie löste nur einen spärlichen Beifall aus. Eine spätere Geschichte wird in der Lage sein, Weizmanns Wirken seit 1929 objektiv zu beurteilen. Merltorische Verhandlungen. Die Generaldebatte selbst zog sich überflüssigerweise länger hin, als es dienlich war. Denn es wäre schon aus psychologischen Gründen schwer gefallen, zum Beispiel nicht zumindest einen Vertreter der großen Jugendbewegung Haschomer Hazair oder des Jungmisrachi anzuhören. Auch konnten Vorsteher ganzer Landsmannschaften, Vertreter der Jemeniten, des palästinensischen Misrachi usw. nicht umgangen werden. Jeder Redner hatte nur vier Minuten Redezeit, die von den Vertretern der kleinen Landsmannschaften den Führern zediert worden sind. Unnötigerweise hat man den Fehler begangen, daß die Kommissionen zu spät zu arbeiten begannen, so daß das Plenum lange Zeit beschäftigungslos blieb. Glücklicherweise sprang da Suprasky mit seinem Referate über die palästinensische Industrie ein, das äußerst wichtige Momente zutage förderte. Er erzählte, daß 2,500.000 Pfund Sterling in die Industrie investiert worden sind; so groß ist auch der Ertrag der jährlichen Produktion. Um eine Million Pfund werden jährlich Rohmaterialien eingeführt, und 40.000 Menschen in Palästina leben bereits von dieser neugeschaffenen Industrie, die sich immer größere Absatzgebiete erobert. Leider übergeht der wichtigste in Frage kommende Konsument, die Regierung, diese einheimische Produktion. — Supraskys Vorschläge wurden sodann von Plenum angenommen. Hiernach ist die längst geplante Industriebank ins Leben zu rufen, das Industriedepartement der Agency ist auszubauen und besser zu dotieren, Palästinaprodukte sind intensiver zu fördern usw. Von einer gegenseitigen Annäherung aller Parteien in Wirtschaftsfragen zeugte die mit kleiner Aenderung widerspruchslos erfolgte Aufnahme eines neuen Planes, den die amerikanische Leitung für die Organisierung privater Initiative einbrachte. Die Amerikaner begannen bereits mit der Gründung eines Qeconomlc Boards, der private Unternehmungen zwar nach Be¬ DTE STIMME ratung mit zionistischen Behörden, aber ohne deren Kontrolle im Angriff nehmen und fördern soll. Der Kongreß sah die Notwendigkeit ein, diesen neuen Weg allgemein zu empfehlen: es geht darum, geschäftliches Interesse von der Beeirilussung durch poi.tijche zionistische Behörden freizumachen. Was die Frage jüdischer Arbeit betrifft, wird die diesbezügliche Beeinflussung im Wege der Beratung seitens der zionistischen Exekutive erwartet. Unter sonderbarem Desinteressement der Rechten, was sich durch die Leere der betreffenden Sitzreihen dokumentierte, wurde in der samstägigen Nachtsitzung die Kolonisationsdebatte absolviert. Die Rechte konnte diesen Fragen keine Aufmerksamkeit widmen, da ihre Zielsetzungsresolution noch nicht zur Verhandlung gelangt war. Im wesentlichen besagen die angenommenen Beschlüsse der Kolonisationskommission folgendes: Mit einer Gesamtsumme von 262.000 Pfund Sterling sollen die Emeksiedlungen so bald als möglich restlos konsolidiert werden; die Siedlungen des Kischonbiocks und des Mischmar Haemek sowie die Misrachikolonie sind zu erweitern. Dasselbe bezieht sich auf die Siedlungen der Jemeniten und der Transsylvanier. Auf dem Boden von Wadi al chawarith ist diö Gründung von Mittelstandssiedlungen in Angriff zu nehmen. Dort sollen hundert jüdische Legionäre kolonisiert werden. Ohne Debatte wurden die Vorschläge der Gesundheitskommission zur Kenntnis genommen, wonach das Sanitätswesen in die Verwaltung des Jischuw hinübergeleitet werden soll. Für das Budget kommt im großen und ganzen die Hadassah auf; vom Keren Hajessod wird nur ein Beitrag von einigen tausend Pfund verlangt. Lebhaftes Interesse legten alle Qruppen für die Organisationsfrage an den Tag. Allerdings nicht wegen des Interesses für die ganze Organisation, wohl aber um von der Organisation möglichst viel für sich herauszuschlagen. Einer Forderung der Allgemeinen Zionisten, daß das Kongreßwahlrecht von der Entrich- Denketan die Krawallean I der Handelshochschule! ■ unentgeltliche0 Stellenvermittlung I der Hakoah « Wer ausgebildetes, tüchtiges und diszipliniertes Per- I sonai aller Art und aller Branchen braucht, wende I sich an die M HAKOAH, I., Wiesingerstr. 11 ' Tel. R-25-0-1^ | tun# des Schekels in beiden Jahren, die zwischen zwei Kongressen liegen, abhängig gemacht werde, wurde nicht stattgegeben. Beschlossen wurde hingegen, daß im Kongreßjahr der Schekel für das vergangene Jahr nachgekauft werden kön/.e. Andererseits blieb ein Wunsch der Revisionisten, wonach das Privilegium Erez Israels bei der Schekelquote aufgehoben, dafür aber allen Mitgliedern der Knesseth Israel insoferne sie es wünschen, das Wahlrecht zum Kongreß gegeben werden sollte, unberücksichtigt. Diese Einstellung der Revisionisten ist verständlich, denn sie haben bereits mit einem gewissen Menschenmaterial, namentlich im alten Jerusalem, für sich ziemlich gute Erfahrungen gemacht. Die Organisationsdebatte gab auch Jabotinsky Gelegenheit, wiederum ein kurzes politisches Kolleg über die Agency zu halten. Es wurde nämlich ein Beschluß der Kommission zur Kenntnis genommen, wonach die zionistischen Behörden in Verhandlungen mit der Jewish Agency bezüglich der Reorganisation der Agency eintreten sollen. Jabotinsky wollte natürlich mehr: die Auflösung der erweiterten Agency, weil diese sich nicht bewährt habe. Allerdings schien er jedoch geneigt zu sein, zuzugeben, daß mit dem nicht eingetretenen finanziellen Erfolg der Agency noch kein Beweis für ein Mißlingen einer ökonomischen Kooperation mit der Agency überhaupt erbracht worden sei. Es ist daher der Glaube nicht unberechtigt, daß Jabotinsky sich doch von der Agency finanzielle Erfolge verspricht. Zur Alijahfrage wurden Forderungen aufgestellt, die Aufhebung der Gesetze und Verordnungen zu verlangen, die die Palästinaregierung bezüglich Einwanderung verschiedener Kategorien erlassen hatte. Für eine grundlegende Neuerung entschied sich die Mehrheit des Kongresses (die Allgemeinen Zionisten der A-Gruppe gingen da nicht mit) in bezug auf die Organisation der Alljah. Bekanntlich waren die Palästinaämter so verwaltet, daß die linken Gruppierungen einschließlich des Hechaluz und alle anderen zionistischen Gruppierungen zur Hälfte Einfluß auf die Verwaltung dieser Aemter hatten. Auf dem 17. Zionistenkongreß wurde festgesetzt, daß sämtliche zionistischen Gruppierungen nach Maßgabe ihrer Schekelzahler ihren Anteil in der Verwaltung bekommen. Die dramatische Nacht Vermieden es die Revisionisten, offenbar aus dem Grunde, um sich eine Schlappe zu ersparen, das von Jabotinsky in seiner Rede in Aussicht gestellte Mißtrauensvotum gegen die Exekutive einzubringen, so warf ihnen der Zufall ein anderes, mit sehr knapper Nf. 184— 16. Juli 1931 Mehrheit erzieltes Votum ln den Schoß, das als eine Art Rüge für Weizmann gewertet werden muß. Es geschah, wie bereits berichtet, anläßlich des J. T.-A.-Interviews. Die Nacht von Sonntag auf Montag war die dramatische Nacht des Kongresses. Es muß gesagt werden, daß sie noch verhältnismäßig glimpflich verlief. Nach großen Anstrengungen gelang es der Politischen Kommission, eine Endzielresolution zu formulieren, für die auch der Misrachi zu haben war, trotzdem das Problem der Mehrheit in Palästina in ihr nicht betont wurde. Freilich ließ die Linke zusammen mit der A- Oruppe der Allgemeinen Zionisten nichts unversucht, um diese Resolution zu Fall zu bringen. Aber es war immerhin ein Glück, daß man eine Überwiegende Majorität des Kongresses um eine Formel einigen konnte, die der Berichterstatter Nahum Goldmann als außen- LeibesvcrstopiUng, abnormale Zersetzung und Fäulnis im Darm, vermehrter Säuregehalt, des Magensaftes vergehen bei Gebrauch des natürlichen «Franz-Josef»-Bitterwassers. In Drogerien erhältlich. politisch harmlos bezeichnen konnte und die nur int allgemeinen gegen die Verkleinerungstendenzen in der Zielsetzung des Zionismus gerichtet war. Mit großem Schmerz nahmen nun die Linke und die A-Oruppe der Allgemeinen Zionisten, auch nachdem Gegenvorschläge ihrerseits nichts fruchteten, jene mit geringer Mehrheit vom Plenum angenommene Resolution ln Kauf, wonach das Weizmannsche Interview bedauert wird. Die größere (B-Gruppe) der Allgemeinen Zionisten stimmte geschlossen für diesen Antrag. Dasselbe kann man hingegen vom Misrachi nicht sagen, als der Antrag für Uebergang zur Tagesordnung Uber die revisionistische Zielsetzungsresolution eingebracht wurde. Die meisten Mlsrachisten absentierten sich. Farbstein wurde von revisionistischer Seite geradezu frenetisch bejubelt, als er von der Tribüne aus ihnen seine Stimme gab. Ebenso wurde der Zuspruch einiger Radikalen von den Revisionisten warm begrüßt. Als Ussischkin für den Uebergang zur Tagesordnung stimmte, wurde er von den Revisionisten be«i schimpft. Aehnlich erging es Naiditsch. «Busf* (Schande!) rief Jabotinsky mehrmals mit großer Entrüstung aus. Als nun der Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung über die revisionistische Zielsetzung angenommen wurde und Großmann eine Erklärung abzugeben begann, in der er die Linke angriff, stimmte dreiviertel des Kongresses die «Hatikwah» an. Dann wurde «Techesaknah» gesungen und lange applaudiert, während auf der revisionistischen Seite ein ohrenbetäubender Lärm herrschte und von dort in einemfort Schimpfworte hinüberflogen. im Singen und im Schreien überboten sich die Linke und die Rechte. So herrschte« lange Zeit turbulente Szenen, und die Tatsache, daß es nicht zu Prügeleien kam, spricht doch noch für ein letztes Maß von Selbstbeherrschung. Jabotinsky stieg auf einen Sessel, zerriß seine Delegiertenkarte und warf die Papierschnitzel gegen die Linke. Nicht genug damit, nahm er aus der Tasche ein 20-Centimes-Stück und warf es der Linken zu. Ein Baseler Revisionist riß die blauweiße Fahne von der Galerie herunter, was große Empörung im ganzen Saal hervorrief. Nach einer Weile wurde die Fahne von zionistischen Couleurstudenten im Triumph wieder angebracht. Endlich verließen die Revisionisten unter ohrenbetäubendem Gejohle den Sitzungssaal. Erst jetzt konnte der Präsident Motzkin die Sitzung schließen. Nachdem sich bereits alle Zuschauer entfernt hatten, drangen revisionistische Jugendliche in den Saal und versuchten neuerlich die Fahne und das Bild Herzls zu entfernen. An den Kommissionssitzungen am Montag, den 13. Juli, haben die Revisionisten nicht teilgenommen. Es heißt jedoch, daß sie zur Nachmittagssitzung des Plenums erscheinen werden. Es wäre zu wünschen, daß sich die Aufregung lege und daß der Kongreß seine Beratungen unter Mitwirkung der Revisionisten beende . . , Konstituierung des Weltver- Bandes Allgemeiner Zionisten Basel, 12. Juli. (J. T. A.) Unter dem Vorsitz von Dr. Schwarzbart und in Anwesenheit von Vertretern aus 26 Ländern hat sich der Weltverband Allgemeiner Zionisten nach einem Referat von Dr. MossJnsuhn Konstituiert. Zum Präsidenten des Verbandes und der Leitung wurde Dr. bchwarzbart (K.akau) gewählt. Zu Leitungsmitgliedern wurden gewählt: Doktor T h o n, Dr. F e 1 d b 1 u m (Krakau), zwei Vertreter aus Amerika, Dr, Landsberg und ein zweites Mitglied aus Deutschland, Dr. Schmorak und ein zweites Mitglied aus Ostgalizien, Le vite und Hin des aus Kongreßpolen, Direktor Bernhard (Großrumänien)» Dr. Grünbaum (Oesterreich); ferner aus Palästina» wo eine Zweigstelle der Leitung bestehen wird: Berlin, Dr. Glücksohn, Dr. Mosslnsohn, Sup r a s k y und Dr. Oh r e n s t e i n. Ussischkin hat seine Mitarbeit zugesagt. Schließlich wurde ein Zentralrat gewählt, der sich aus den Vertretern der Allgemeinen Zionisten in der Jerusalemer und Londoner Exekutive und im A. C., sowie aus je einem Vertreter der 36 Landesverbände zusammsasetzt.

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