Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 183 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr.!83 — 0. W 1931 Die Wiener Presse und der Kongreß Wien ist eine Stadt, in der über 200.000 Juden >en. Wien hat eine große Fresse, eine Reihe von Tageszeitungen, die von vielen, eher zu Unrecht als zu Recht, als «jüdisch» bezeichnet werden. Und trotzdem fanden es diese Biätter nicht nötig, über die Baseler Tagung ausführliche, ordentliche Berichte zu bringen. Jeden zweiten, jeden dritten Tag irgendeine verschämte, kleine Notiz, eine stark beschnittene Nachricht der Schweizer Depeschenagentur, bestenfalls ein «Eigenbericht» mit horrenden Entstellungen und unrichtiger Wiedergabe der Ereignisse — das ist alles. Hat denn der Zionistenkongreß keine größere Bedeutung, als irgendeine Konferenz von Emailgeschirrfabrikanten, Spiritisten oder ein Philatelistenkongreß? Ist denn in unserer Stadt nicht großes Interesse für die Baseler Beratungen vorhanden? Wie anders verhalten sich die großen Blätter im Reichi Die «Vossische Zcilung», «Ds cB.'.Üncr Tageblatt» bringen täglich ausführliche und richtige telephonische Berichte aus Basel; nicht zu reden von der «Frankfurter Zeitung», deren Berichterstattung wirklich erstklassig ist. Aber was in Deutschland notwendig erscheint, wird in Wien bagatellisiert. Anscheinend aus dem Grunde, weil wir hier eine große jüdische Bevölkerung und eine mächtige «jüdische Presse» haben... Rappins Siedlnngsplan ln der Eröffnungssitzung des Kongresses hielt Dr. Arthur Ruppin ein Referat über Kolonisationsprobleme, in dem er u. a. ausführte: Der Emst der Lage in der zionistischen Bewegung sei gekennzeichnet durch die Erschütterung des Vertrauens in die Mandatsmacht für Palästina und durch die Weltwirtschaftskrise, die sich höchst unglücklich auf die Eingänge für den Keren Hajessod ausgewirkt habe. In den nationalen Aufbaufonds, den Keren rtajessod, werden in diesem Jahre nur etwa 250.000 Pfund Sterling, die Hälfte dessen, was man erwartet hat, fließen. Mit so geringen Mitteln könne die geplante Konsolidierung der Siedlungen nicht durchgerührt werden. Auch 1ür die Aufrechterhaltung des Schulwerks, die Zahlung der Gehälter an Lehrer und Beamte, fehlen die Mittel. Als ein Lichtblick zu werten sei es, daß die Entwicklung der Industrie in Palästina trotz Weltwirtschaftskrise normal weiter vor sich geht Die Industrie habe den Boykott der arabischen Nationalisten erfolgreich überstanden. Die zionistische Belegung hätte die Aufgabe, neue Absatzmärkte für die palästinensischen Produkte zu erschließen. Im allgemeinen sei die Wirtschaffslage Palästinas gegenwärtig ziemlich stabil. Die palästinensische Orange habe ihren Rang und Preis auf den Weltmärkten behauptet, die Grape Fruit werde mit Erfolg gezüchtet. Es wurden die ersten Verträge mit den Siedlern aogeschlossen, durch die die Siedler sich verpflichteten, die verzinsten Darlehen allmählich zurückzuzahlen. Von 45 jüdischen Arbeitskolonien haben sich 11 bereits wirtschaftlich unabhängig gemacht und verzichteten auf Zuschüsse. Die übrigen Kolonien würden sich noch im Verlauf dieses Jahres wirtschaftlich unabhäng g machen können, wenn man ihnen ein Darlehen in der Gesamthöhe von 45.000 Pfund Sterling zur Verfügung stellen könnte. Ruppin befaßte sich eingehend mit dem Simpson- Bericht und erklärte, Simpsons Berechnung, es gäbe in Palästina als Folge der Bodenkäufe der Juden 29,4 Prozent landlose Araber, sei von Grund aus ein Mißverständnis. Ruppin wies an Hand von Zahlen und Dokumenten nach, daß nur wenige arabische Pächter infolge der jüdischen Bodenkäufe ihre landwirtschaftliche Betätigung aufgegeben haben, aber auch diese wenigen haben Entschädigung erhalten. In Palästina besteht kein Bodenmangel, allein an den Küstenebenen und im Jordantale können etwa 50.000 Familien landwirtschaftlich angesiedelt werden, ohne daß die jetzt dort sitzenden Pächter beeinträchtigt würden. Voraussetzung ist natürlich, daß die bis jetzt sehr extensiv betriebene arabische Landwirtschaft gleich der jüdischen intensiviert werde und daß ferner die nötigen Kredite hierfür zur Verfügung stehen. Die nächste Aufgabe der zionistischen Bewegung sei es, den Umfang der bisherigen Kolonisation in absehbarer Zeit zu verdoppeln. Dazu seien äußerste Anstrengungen notwendig. Ruppin schloß mit dem Appell an das jüdische Volk, bis zum letzten durchzuhalten, damit nicht die zionistische Bewegung nahe vor dem Ziel strande. Ausrottungskampf gegen die fuden in Kurdistan Aus Kurdistan in Jerusalem eingetroffene Flüchtlinge schildern, welchen entsetzlichen Verfolgungen die jüdische Bevölkerung dieses Landes in letzter Zeit ausgesetzt ist. ln Hamidieh wurden von den dort lebenden dreißig jüdischen Familien fünf ausgerottet, die Häuser der Juden geplündert und zwei jüdische Frauen geraubt. Die Ausschreitungen waren eine Folge der von Jerusalem aus betriebenen judenfeindlichen Propaganda. Die Kurden waren aufgefordert worden, das Blut der Moslems zu rächen, das angeblich von palästinensischen Juden vergossen wurde. Ch. fl. Biaiik für eine kulturzionistische Massenbewegung Chaim Nachman Bialik erklärte in einem Gespräch mit dem Redakteur der New Yorker Jiddischen Tageszeitung «Der Tog», Margosches, er habe es abgelehnt, die Eröffnungsansprache auf dem Kongreß zu halten, da er sich nur zwei Tage in Basel aufzuhalten und dann nach Karlsbad zu reisen gedenke. Er sei zu sehr verbittert, um eingehend über zionistische Einzelfragen sprechen zu können. Seiner Meinung nach beruhe die gesamte zionistische Politik in den letzten Jahren auf einem historischen Irrtum. Die Leitung habe das Schwergewicht auf England, statt auf das jüdische Volk, gelegt. Die Folge hiervon sei, daß Englands Versagen sich für die Juden katastrophal ausvvirke. Die gesamte Politik müsse daher geändert und der Versuch gemacht werden, die jüdischen Kulturwerte unter Betonung ihres Zusammenhanges mit Palästina jedem Juden in der Diaspora zugänglich zu machen. Der Zionismus müsse eine erzieherische Bewegung werden, die alt und jung erlaßt. Sobald dies erreicht sei, werde die Haltung Englands von geringerer Bedeutung sein. Bialik erklärte wörtlich: Laßt uns zunächst das jüdische Volk gewinnen und dann erst England. Wenn wir auf dem alten Wege fortschreiten, werden wir in fünf Jahren niemanden haben, zu dem wir sprechen können. Wenn wir dagegen eine mächtige Kulturbewegung an der gesamten jüdischen Weltfront entfesseln, werden wir im Verlauf von 20 Jahren das jüdische Volk zu seiner Aufgabe vorbereitet finden. Was in der Zwischenzeit in Palästina politisch geschieht, ist bedeutungslos.» Im Zusammenhang mit diesem Interview will Margosches erfahren haben, daß bedeutende zionistische Gruppen beabsichtigen, gemeinsam mit Vertretern der Jewish Agency in Amerika bald nach dem Kongreß ihre Beziehungen zur zionistischen Bewegung zu lockern, um alle ihre Kräfte der netffn Erziehungsmassenbewegung widmen zu können, der sie größere Bedeutung für Palästina beimessep als jeder politischen Arbeit. In dieser Bewegung soll der Gedanke Herzls von der Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland neu verkörpert werden. Warburg und Adler mit Weizmann solidarisch (Eigenbericht der «Stimme».) Basel, 2. Juli. Felix Warburg und Dr. Cyrus Adler haben an Dr. Weizmann ein Telegrarxi folgenden Inhalts gerichtet: Da wir annehmen, daß Sie in der für Sie charakteristischen Art die volle und alleinige Verantwortlichkeit für Schritte unternehmen werden, vor deren Einleitung wir mit zu Rate gezogen wurden, und für die wir mitverantwortlich sind, ermächtigen wir Sie, falls Sie dies wünschen, unsere nachstehende Erklärung vor dem Kongreß zu verlesen: ln allen der Veröffentlichung folgenden Konferenzen haben Sie sich an die von der Agency gewählten Methoden gehalten. Sie haben nicht nur die Mitglieder des Verhandlungskomitees zu Rate gezogen, sondern auch mir und den anderen Kollegen in Amerika in vollem Maße Gelegenheit geboten, Ratschläge zu erteilen und entgegenzunehmen, wie man am besten einen Weg aus den Schwierigkeiten, vor denen wir standen, finden könnte. Wir wünschen, die volle Verantwortlichkeit für die unternommenen Schritte und die erzielten Resultate — nach unserer Ansicht die besten, die unter den gegebenen Umständen erzielt werden konnten — mit Ihnen zu teilen. Stephen Wise über die jüdische Weltkonferenz In einem Gespräch mit dem JTA.-Vertreter, äußerte sich Rabbi Stephen Wise folgendermaßen über die Ziele der Konferenz zur Beratung über allgemein jüdische Fragen, die auf Anregung des American Jewish Congress unmittelbar nach Beendigung des Zionistenkongresses zusammentreten soll: Als Vorsitzender der vom American Jewish Congress zur Vorbereitung dieser Konferenz eingesetzten Kommission habe ich mich ursprünglich bemüht, zu erreichen, daß die Konferenz gemeinsam von uns und dem Komitee zur Wahrung der Rechte der jüdischen Minoritäten, an deren Organisierung wir vor vier Jahren in Zürich führend beteiligt waren, einberufen werde. Da jedoch ür. Motzkin, der Vorsitzende des Komitees der jüdischen Delegationen, und einige andere Mitglieder des Komitees nicht geneigt schienen, ihre Zustimmung zur Einberufung der Konferenz in dieser Form zu geben, haben wir uns aus einer Reihe einleuchtender Gründe vor die Notwendigkeit gestellt gesehen, die Konferenz nur im Namen des American Jewish Congress einzuberufen. Wir haben nicht an eine Konferenz gedacht, die sich mit den Rechten der jüdischen Minderheiten unter besonderer Bezugnahme auf den Friedensvertrag von Versailles befassen soll, sondern eine Konferenz, die die jüdischen Probleme ln ihrer Gesamtheit ins Auge fassen soll. Ferner soll es die eigentliche Aufgabe der Konferenz sein, in Betracht zu ziehen, ob nicht die Zeit gekommen ist, einen jüdischen Weltkongreß vorzubereiten. Viele von uns sind der Ansicht, daß ein solcher Kongreß schon lauge fällig ist. Wir glauben, daß ein solcher Kongreß schon viel früher einberufen worden wäre, wäre nicht die Jewish Agency auf den Plan getreten, von der man erwartet hat, daß sich aus ihr ein jüdischer Weltkongreß entwickeln werde. Palflstinafragen vor dem britischen Unterhaus London. (J. T. A.) Auf eine Anfrage des Abgeordneten Marcus (Labour Party), wann der Landentwicklungsdirektor für Palästina ernannt werden würde, welches seine Aufgaben seien, welche Amtsdauer und welche üehaltshöhc für ihn in Aussicht genommen sei, erklärte Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels. im Unterhaus, man hoffe, die Ernennung in nächster Zeit durchführen zu önnen. Eine Anfrage Colonel Howard Burys, oh der Direktor ein Engländer seih werde, blieb unbeantwortet. Schließlich erktärte Dr. Shiels auf eine Anfrage des Abg '•'Feten MacShane (Labour Party), er sei nicht in der Lage, eine Erklärung über die Verhandlungen bezüglich der Landentwicklung in Palästina abzugeben. Auf eine Anfrage Howard Burys bezüglich weiterer Verhandlungen mit der französischen Regierung über die Tote-Meer-Konzession, erklärte Unterstaatssekretär für Aeußeres Dr. Hugh Dalton, es sei vor kurzem eine Note der französischen Regierung über diesen Gegenstand eingelangt, und werde gegenwärtig geprüft. Das der französischen Regierung im |uli v. J. gemachte Anerbieten, die Frage dem Internationalen Gerichtshof im Haag zur Entscheidung zu unterbreiten, sei bisher von der französischen Regierung nicht angenommen worden. In aller Kürze Auf der 45. Jahresversammlung des Verbandes dfer amerikanischen Reformrabbiner wurde beschlossen, in dl« neue Auflage des Gesangbuches der jüdischen Reformgemcinden Amerikas nur mehr die Melodie, nicht aber den Text des Kol Nidre aufzunehmen. Die Rektoren der städtischen Gymnasien ln Warschau erklären, von Ihrer übergeordneten Behörde eine Weisung erhalten zu haben, laut der sie nie mehr als vier Juden, das heißt 10 Prozent der Gesamtschülerschaft, in eine Klass« aufnehmen dUrfen. Die Warschauer jüdische Gemeinde erhält derzeit 29 Schulen mit 101 Klassen, 3936 Schülern und 197 Lehrern. * Von den an der Rathenau-Mordstelle ln Berlin-Grunewald am Todestage Rathenaus niedergelegten Kränzen wurden die Schleifen abgeschnitten und entwendet, ferner die ganze Umgebung mit Hakenkreuzen beschmiert. Dr. Viktor Teytz, einer der Führer der tschechoslowakischen Juden, feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag. jj$ * General Gedeon Geismar, ehemaliger Kommandant 'es 4. Artilleriekorps und Ehrenpräsident des Keren Kajemeth in Frankreich, ist im Alter von 63 Jahren gestorben. Kleine Nachrichten ausPalästina Jüdisohe Polizei in Yadjur. - Die seit dem Uebcrfall auf eine jUdische Arbeitergruppe aus Yadjur im April d. J. dort stationierten vier britischen Polizisten wurden durch zwei jüdische Polizisten ersetzt Ea verlautet, daß demnächst zur Sicherung der öffentlichen Ordnung ln dem Distrikt eine neue Polizeistation in Yadjur errichtet werden soll. „Haam“ erscheint wieder. Die Regierung hat die Suspendierung der revisionistischen Tageszeitung „Haam", die vor kurzem wegen Veröffentlichung eines Protestpoems gegen die Entscheidung der Klagemauerkommission verboten wurde, aufgehoben. Das Blatt erscheint wieder. Aus der Provinz Krems a. d. D. Samstag, den 4. Juli, hielt dJe hiesige Ortsgruppe im Heime anläßlich der Wiederkehr des Todestages Theodor Herzl s eine Gedenkfeier ab, die guten Besuch aufwies. Nach einleitenden Worten des Obmannes Gg. Norbert Sachs hielt Gg. stud. jur. Fritz Karpfen die Gedenkrede, ta welcher er die Entwicklung des Zionismus von seiner Entstehung bis heute schilderte, die nach wie vor verbunden ist mit den Richtlinien, die der Schöpfer der Bewegung gegeben hat. Reicher Beifall lohnte die von Begeisterung getragenen Ausführungen. 0 m o ■ 0 ■ 0 ■ t) paoaoaoaoaoaoaoaoaoaoac Wenn Dünen unser (Statt Gefüllt, empfehlen Sie es. bitte, bei teuer Gelegenheit alten ihren Freundin und Bekanntem Geben Sie uns Adiessen an, an die wir Probe• nummern unserer Zeitung absenden können, paoaoBoaoaoaoaoBoaoaoBol n 0 « 0 0 flicht aasdrHchlkb aWestellte Abonnements gelten als Verlängert!