Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 183 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 183 — 9. Jult 1931 DTE STIMME Sette T gezogen werden. Es gibt keinen Präzedenzfall in der konstrtutioneilen Praxis Englands für die Zurückziehung eines politischen Statements. Wir durften es auch nicht zu einer Abstimmung über das Weißbuch im Parlament kommen lassen. Hätte sich eine wenn auch kleine Majorität für das Weißbuch ergeben, so hätte dieses damit die parlamentarische Sanktion erlangt; wäre aber die Regierung wegen des Weißbuches geschlagen worden, so stand zu befürchten, daß sich die große Mehrheit der Labour Party gegen uns wenden würde und Palästina zu einer Parteifrage gemacht worden wäre. Unter diesen Umständen blieb uns mchis übrig, als die Einladung anzunehmen. Das Ergebnis der nun folgenden Beratungen bildete der Brief, den der Ministerpräsident am 13. Februar 1931 an mich gerichtet hat. Ich gedenke der Zeit, da, nach der Billigung der Baifour-Deklaration durch das Kriegskabinett, Sir Mark Sykes aus dem Beratungszimmer des Kabinetts trat und mir sagte: «Weizmann, es ist ein Junge!» Das war eine verhältnismäßig leichte Geburt. Die Geburtswehen der Balfour-Deklaration stellten sich erst in einem späteren Stadium dn. Jetzt, nach 13 Jahren, ist der Junge Barmizwah geworden, len habe ihn von seiner Geburt bis zu seiner Konfirmation begleitet und vertraue ihn nunmehr Ihrer weiteren Fürsorge an. Damit bin Ich am Schlüsse des politischen Teiles meines Berichtes. In Fortsetzung seiner Rede v/andte sich der aus seinem Amte scheidende Präsident der Zionistischen Weltorganisation WirtschaftsSragen zu. Die ökonomische Politik der zionistischen Verwaltung, sagte Dr. Weizmann, war von einem Programm beherrscht, wie cs nach unserer Meinung den elementaren Notwendigkeiten unseres nationalen Aufbauwerkes entsprach: Land und eine in eigener Arbeit s.ch erprobende Piönierbcvölkerung, die immer mehr Bauerndörfer und damit nationale Stützpunkte schafft, sich immer mehr im Boden verwurzelt und die immer mehr vom Geist des jüdischen Landes aufnimmt und erzeugt Das ist die nationale Kolonisation, die das starke Rückgrat bildet für jene andere wirtschaftliche Entwicklung, die sich in den Städten vollzieht Für diese, die privatwirtschaftliche Betätigung in Industrie, Gewerbe und Handel aber müssen die Bedingungen geschaffen werden, die ihre weitgehende Förderung und Entfaltung ermöglichen. Ohne die Spatenarbeit der Chaluzim, ohne ihren sittlichen und geistigen Drang, wäre es eitel, zu erhoffen, daß sich aus dem jetzigen Kern ein in sich seibst geschlossenes, sich selbst erhaltendes Wirtschaftsgebilde entwickeln wird. Dieses Feuer des Pioniertums glüht noch immer, und ich hoffe, es wird nie verglimmen. In Hinsicht auf die industrielle Entwicklung sind wir durchaus nicht müßig gewesen. Die Konzession für Licht und Kraft, die Tote-Meer-Konzession — diese Dinge fallen nicht vom Himmel. Sie waren das Ergebnis ernster und andauernder Bemühungen seitens der. Konzessionäre und der Jewish Agency. Wir waren es .auch, die wissenschaftlich den Boden für die agrikultureile und industrielle Entwicklung vorbereitet haben. Privates Kapital also kann individuelle Unternehmungen begründen. Aber es ist das nationale Kapital, das die Bedingungen zu schaffen hat. Geld und Arbeiter haben als Pioniere die Straße frei zu machen für den Einzug des privaten Kapitals. Ich glaube, niemand kann klarer gezeigt haben als wir, daß die vielen Hindernisse und Schwierigkeiten auf unserem Wege nicht durch bloßes Schreien und Protestieren bewältigt werden können. Die Mauern Jerichos fielen beim lauten Schall der Trompeten und des Kriegsgeschrcis. Ich habe nie gehört, daß mit solchen Mitteln Mauern aufgerichtet wurden. Als wir die Arbeit der Errichtung unseres nationalen Heims in Palästina aufnahmen, haben weder wir, noch die britische Regierung die Interessen der palästinensischen Araber aus den Augen verloren. Ich glaube nicht, daß man mich ehrlicherweise beschuldigen kann, das arabische Problem ignoriert oder mich für die Sicherheit des Jüdischen Nationalheims auf die britischen Bajonette verlassen zu haben. Ich glaube, ich kann in aller Bescheidenheit sagen, daß ich es war, der das arabische Problem in den Vordergrund zionistischer Politik gerückt hat. Mitten im Kriege, als eine siegreiche englische Armee Palästina besetzt hielt, als die Balfour-Deklaration und die Erklärungen der alliierten Regierungen uns aktive Unterstützung zugesagt hatten, hielt ich es für eine der ersten Pflichten der Zionistischen Kommission In Palästina, eine direkte Beziehung mit den arabischen Völkern herzustellen. Bereits in jenen Tagen traf ich mich mit dem Manne, der damals der Führer der arabischen Freiheitsbewegung war, mit Emir Felsal, jetzigem König von Irak. Wir haben schließlich mit Ihm einen Freundschaftsvertrag geschlossen, dem wir bis auf den heutigen Tag treu geblieben sind. Das ist viele Jahre her, aber in all den Jahren, die folgten, habe ich niemals eine Gelegenheit, wann und wo immer sie sich bot, versäumt, um mit arabischen und moslemitischen Führern in Verbindung zu treten. Der Tadel wegen des dürftigen Erfolges dieser Bemühungen trifft nicht mich. Heute, wo eine so große Verbitterung herrscht und die Atmosphäre so vergiftet ist, ist es schwer, von den Mitteln zu sprechen, durch die das Ziel einer friedlichen Kooperation mit den Arabern erreicht werden könnte, aber eine Sache scheint mir vollkommen klar zu sein: die Araber müssen fühlen und müssen überzeugt werden durch Tat und durch Wort, daß, welches immer das künftige numerische Verhältnis der beiden Völker ln Palästina sein Zu mcTttcitt 11jährigen Jungen jüd. Vorzugsschüler im hiesigen Realgymnasium, nehme ich 1 oder 2 Knaben, jünger oder gleichaltrig, über die Ferien eventuell ganzjährig. Alle Schulen im Orte, sorgfältigste Verpflegung, Familienanschluß. Preis S 200.-—. Anfragen Max Adler, Direktor a. D., Wiener Neudorf—Mödling, Ferdinandsgasse 16. mag, wir für unseren Teil keine politische Beherrschung planen; aber sie müssen auch dessen eingedenk sein, daß wir unsererseits uns niemals einer politischen Herrschaft anderer unterwerfen werden. Diejenigen, die durch Wort oder Tat den Arabern Palästinas Grund geben, unsere Absichten zu mißdeuten, laden eine schwere Verantwortung auf sich, und ebenso schwer ist die Verantwortung derer, die auf arabischer Seite unsere Absichten falsch darstellen und die Beziehungen zwischen den zwei Rassen vergiften. Neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit im gemeinsamen Interesse von Arabern und Juden werden sich vielleicht in dem vorgeschlagcnen Landentwicklungsplan ergeben. Weizmann wandte sich nun der Erörterung der Lage der erweiterten Jewish Agency zu, ivobei er die Schwierigkeiten schildert, mit denen die neue Organisation nach ihrer Gründung zu kämpfen hatte. Wenn man aber, so fährt er fort, auf die letzten zwei Jahre zurückblickt, kann man eines mit Gewißheit sagen: die nichtzionistischen Mitglieder haben sich auf politischem Gebiet als ein starker Pfeiler erwiesen; sie liautii uns auincuLig und weitherzig in unseren politischen Kämpfen unterstützt. Es ist das finanzielle Gebiet, wo leider unsere Erwartungen viel weniger in Erfüllung gegangen sind. Der Kongreß wird eine ehrliche Anstrengung zu machen haben, um unseren Partnern in der Agency zu helfen, ihre Anhänger zusammenzuschließen und die beiden Gruppen zu einem harmonischen Ganzen im Dienste des palästinensischen Aufbaues zu gestalten. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ein anderer Weg verhängnisvoll wäre für unser Werk in Palästina und indirekt für die Wohlfahrt der zionistischen Organisation. Statt Luftgebilden nachzuhängen und unsere Energien im fruchtlosen Kampf mit Schatten zu verschwenden, wollen wir doch unsere Anstrengungen darauf vereinen, was im Bereiche des Möglichen, was greifbar und erreichbar ist — vor allem auf die Befestigung des Werkes, das wir bereits in Palästina begonnen haben. Unsere Experten sagen uns — und unsere eigene Erfahrung, die wir in den letzten zehn Jahren in Palästina gewonnen haben, bestätigt diese Meinung —, daß es in Palästina noch Raum genug gibt für mindestens 50.000 jüdische landwirtschaftliche Familien, ohne daß man die legitimen Interessen der arabischen Bevölkerung irgendwie berührt. Es ist unsere vornehmste und dringendste Pflicht, unsere kolonisatorische Tätigkeit so zu entfalten, daß die Ansiedlung dieser Familien ermöglicht wird. Zur Verwirklichung dieses Planes ist es notwendig, daß die . . Fonds gestärkt werden und daß die Organisation der Agency weiter entwickelt wird, um immer breitere Schichten der Judenheit zu umfassen. Noch nachdrücklicher müßte dieser Ansiedlungsplan gefördert werden durch eine jüdische Anleihe für Anlagen in Palästina oder eine andere, großzügige Form der Finanzierung — eine Aufgabe, die die Agency in naher Zukunft zu lösen haben wird. In gedrängter Zusammenfassung würde das Programm der Agency und der Zionistischen Organisation umfassen: 1. die Aufrechterhaltung unserer im Mandat enthaltenen Rechte; 2. die Konsolidierung und Ausdehnung unseres bestehenden Werkes in Palästina, einschließlich Kolonisation der sogenannten Mittelklassen; 3. die Stärkung der nationalen Fonds, des Keren Hajessod und Keren Kajemeth, wenn möglich ergänzt durch Aufnahme einer jüdischen Anleihe (oder durch eine sonstige Finanzoperation größeren Stils) für die Zwecke der nationalen Kolonisation wie für die Entwicklung und Förderung von Privatunternehmen; schließlich: die Ausgestaltung der Organisation der Agency selbst auf einer breiteren und gesicherten Grundlage. Die ständige Formulierung maßloser Forderungen ist nur eine Gefahr für die Sicherheit des Mandats. Wir haben andere Wege und Mittel gesucht. In diesem Bemühen bin ich nicht immer erfolgreich gewesen, aber wenn ich heute mein Amt niederlege, formell und endgültig, so fühle ich doch, daß Ich die Bewegung ihrem Ziele ein wenig näher gebracht habe. Für uns ist die sittliche Grundlage und der Glaube an unsere Sache unerschüttert geblieben. In unserer Bewegung liegt eine unzerstörbare Kraft. Möge dieser Kongreß der Bewegung die richtige Bahn weisen und so ein richtiger Meilenstein werden auf dem Wege zur Erfüllung. Die Rede Prof. Weizmanns wurde vom überfüllten Saal mit verhaltenem Atem angehört. Mach Beendigung der Rede toste minutenlang stürmischer Beifall. Viele Deputierte drängten sich zur Tribüne, um den Präsidenten zu beglückwünschen. Nach dem Expose Prof. Weizmanns sprachen am 1. Juli nach Prof. Brodetsky, Ussischkin, Handtke und Rosenbliith. Infolge Raummangels sind wir gezwungen, die Reden und Referate sehr gekürzt wiederzugeben. Broüetskys Referat über die politische Arbeit In der Nachmittagssitzung vom 1. Juli erstattete Professor Selig Brodetsky das Referat über die politische Arbeit der Exekutive in London. Nach den August- Unruhen im Jahre 1929 fanden die Besprechungen mit dem Kolonialsekretär über die Sicherheit in Palästina statt, Eine Delegation des A. C. sprach beim Kolonialamt vor. Im letzten Jahre sind in Palästina auch verschiedene Aenderungen in den Einrichtungen für die Sicherungen erfolgt. Wir sind jedoch der Ansicht, daß die Frage der Sicherheit noch nicht gelöst ist und daß eine solche Lösung eine wichtige Aufgabe der politischen Kommission der zukünftigen Exekutive bleibt. Wir haben die Regierung offiziell davor gewarnt, die Einwanderung zu verringern. Im Laufe der Verhandlungen ist der Gedanke aufgetaucht, gemeinsame politische Linien auszuarbeiten. Die Verhandlungen scheiterten jedoch, da die Regierung vor dem Erscheinen des Simpson-Berichtes keine Erklärung über Boden- und Immigrationsfragen geben wollte. Inzwischen fand die außerordentliche Sitzung der Mandatskommission statt, deren scharfe Kritik großen Einfluß auf die öffentliche Meinung in London hatte. Im September 1930 begannen wir nach dem Erscheinen des Simpson-Berichtes neuerliche inoffizielle Verhandlungen mit der Regierung. Die Regierung stellte sich scheinbar auf den Standpunkt, daß die Bestimmung der Politik ihre und nicht unsere Sache sei. Schließlich erschien das Weißbuch und darauf folgte die Resignation Weizmanns. Durch beide Ereignisse wurde die öffentliche Meinung in England tief erschüttert. Politisch einflußreiche Kreise gaben der Meinung Ausdruck, daß das Weißbuch nicht in Einklang mit dem Mandat stehe. Es kam die Einladung, die Fragen des Weißbuches in einer Kabinettskommission zu diskutieren. Dies bedeutet, daß man das Problem Palästina zeitweilig der Kompetenz des Colonial Office entziehen wollte. Wir haben auch den Versuch gemacht, Vertreter aus Amerika und Palästina zu den Verhandlungen heranzuziehen — es ist leider nicht gelungen. Nach dem Weißbuch kam der MacDonald- Brief. Ich will hier öffentlich feststellen, daß der Brief von der Leitung keinesfalls als ein Sieg aufgefaßt wurde, sondern eben als ein Dokument, das die Fortsetzung der Diskussion mit der Regierung ermöglicht. Der Brief hat viele Gefahren gebannt und Chancen eröffnet. Aber wir haben sie in Realitäten umzuwandeln. In der letzten Zeit ist der sogenannte zweite Teil der Verhandlungen nach dem Erscheinen des MacDonald- Briefes eingeleitet worden. Die Kommission, mit welcher verhandelt wird, besteht aus Vertretern verschiedener Departements. Die Regierung wünscht die Führung einer Untersuchung über den Entwicklungsplan und wirtschaftliche Arbeiten an Ort und Stelle in Palästina. Die Exekutive nimmt den Standpunkt ein, daß die Ernennung einer Kommission von dem abhänge, was sie zu: tun habe. Erez Israel für die Juden; * ü; J80q Ussischkins zündende Ansprache In seinem am 1. Juli erstatteten Keren- Kajemeth-Bericht führte M. M. Ussischkin u. a. aus: Pogrome werden uns nicht abhalten, nach Palästina zu gehen. Wir haben zuletzt 160 Märtyrer begraben und 3000 neue Juden ins Land gebracht. Man zerstörte jüdisches Eigentum und das jüdische Volk sandte 650.000 Pfund zu seiner Erneuerung. Die Menschen, die die Pogrome organisiert und zugelassen haben, wissen jetzt, daß es auf diese Weise nicht geht Man mußte andere Wege suchen und fand die Begrenzung der Immigration. Aber wie gegen Pogrome, so gibt es auch gegen unvernünftige Gesetze eine öffentliche Meinung in der Welt Auch durch solche Gesetze kann man das Strömen des jüdischen Volkes nach Erez Israel nicht aufhalten. Der dritte Weg: Antisemitische Formen im Land, Verdrängung aus Militär, Aemtem und Polizei. Aber auch das half nichts. Die Juden blieben Im Lande, wenn auch nicht als Polizisten und Beamte. Jetzt hat man das Mittel gefunden: den Boden. Wem der Boden gehören wird, der wird der Herr des Landes sein. Ihr könnt eine Million Juden nach Tel-Aviv bringen und Wolkenkratzer bauen: Wenn der Boden ringsum von fremdem Landvolk besetzt sein wird, wird es nicht Erez Israel sein, sondern Palästina bleiben. Bei allen Kommissionen, Berichten, Verhandlungen handelt es sich um die Frage des Bodens. Weizmann hat heute den Vorwurf an uns gerichtet, warum wir nicht drei Millionen Dunam gekauft haben statt einer Million. Ich nehme diesen Vorwurf auf, muß aber noch einen hinzufügen, der sich gegen die zionistischen Führer richtet: Heute handelt es sich nicht mehr um Geld, sondern um die politischen Möglichkeiten. 95 Prozent des Bodens sind wüst und leer. Und man spricht von Ueberfüllung. Unsere Gegner sind bessere Politiker als wir. Nicht die Bodenfrage im allgemeinen interessiert sie. Sie greifen den Keren Kajemeth an, denn wenn Boden erst dem Jüdischen Nationalfonds gehört, bleibt er für immer und ewig Eigentum des jüdischen Volkes. Die zweite Erregung der Gegner gilt der Tatsache, daß jüdischer Boden von jüdischem Schweiß getränkt werden soll. Aus diesen Erwägungen erstand das Bestreben, die zwei Prinzipien des unverkäuflichen und des mit jüdischem Schweiß getränkten Bodens zu verändern. Der Kongreß muß zeigen, daß alle Berichte und Erklärungen den festen Willen nicht erschüttern werden, das jüdische Land vom Jüdischen NationaJfonds auf nationalem Boden mit jüdischen Händen aufzubauen. ln Erez Israel hat sofort nach dem Weißbuch eine Massensammlung als Antwort auf die Attacke ein* i i ■ü!,| ff';i; '.t ,|J<; t! j. t::T L; ■ v!