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Die Stimme · 1931-07-09 · Heft 183 (9.7.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 183 (9.7.1931)
Date
1931-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seit« 6 DIE STIMME Nr. 183 — 9. Juli 1931 Vertag Josef Brenner, Wien, It. Soeben erscheint Marburg, Dr. Fritz: Der Antisemitismus ln der deutschen Republik steif broschiert.Mark 2.— mit zahlreichen aktuellen Illustrationen auf 16 Kunstdrucktafeln. Vorrätig in allen Buchhandlungen. Wo nicht lagernd, verlange man direkt vom Verlag. Kongreß-Streiflichter Von S. Picker. Basel, 6. Juli. Die größte Frequenz an Gästen pflegten die Kongresse regelmäßig zu Beginn aufzuweisen, worauf allmählich die Lichtung begann. Nun dürfte die Erfahrung die Leute gewitzigt haben, sich für eine prnporiioneilc-.v Zeitaufteilung zu entscheiden, weil doch gewöhnlich die interessantesten Momente nicht gerade während der Eröffnung zutage treten. So sieht man diesmal in Basel gegen Schluß der Generaldebatte bedeutend mehr üiiste als während der Eröffnung. ln der Tat gestaltete sich die Generaldebatte, trotz selbstverständlicher Wiederholung der schon so oft gehörten Argumente, recht interessant und man kann sagen, daß sie allseits von einem Momente erfreulicher Besonnenheit beherrscht war. Soll das als ein Charakteristikum von selbstbewußtem Verantwortlichkeitsgefühl gewertet werden, oder ist auch das nur J Taktik zu nennen? Der weitere Verlauf wird dies noch klären. Eine parlamentaristische Neuerung brachte dieser Kongreß mit sich, die würdig wäre, von Staatsparlamenten nachgeahmt zu werden. Damit niemand irgendwie verkürzt werde, damit auch den Verhandlungen ein vorausbestiinmtes, ganz abgegrenztes zeitliches Ziel gesetzt werde, kam das Kongreßpräsidium auf eine einhellig gutgeheißene Lösung: Jede Gruppe sollte für jedes Mitglied 4 Minuten Redezeit bekommen und über diese Zeit nach eigenem Ermessen verfügen können. Da schon von Parlamentarismus die Rede ist, will ich auch das allgemein aufgefallene höchst originelle parlamentarische Benehmen erwähnen, das sich der Revisionismus von der Präsidialtribüne aus zurechtgelegt hat. Da hat sich oben einer der Vizepräsidenten sein Kommandohauptquartier eingerichtet, dessen Dienst durch eine schräge Reihe vom Pressetisch bis zum Delegiertenparterre , agierender Kuriere mittels Zettelpost glänzend, vör allem was Claque und Mißfallens-’ äußerungen betrifft, funktioniert Diese ausdrucksvollen Aeußerungen gibt unser Herr Vizevorsitzender aber auch in emotionellen Gesten dem Präsidenten gegenüber mehrfach in lauten Beschwerden zum Besten. Unser alter Kongreßpräsident zeigte auf dem siebzehnten Kongreß eine Routine, die alles bisher von. ihm Gewohnte übertrifft. Zu sehr großem Teile ist ihm der verhältnismäßig ruhige Verlauf zu danken, da tatsächlich manche in Sicht kommende Klippe schwerlich von einem anderen umsegelt werden könnte, ohne daß eine Sitzung gleich gesprengt würde. Eine Sitzung, in deren Verlauf der Arbeitervertreter Locker den Revisionisten Vorwürfe, wie Hitlerismus u. dgl. ins Gesicht schleuderte, mußte ja auch unterbrochen werden, nur zeigte eine gute Präsidialregie, wie man die Wogen legen konnte: Es trat verhältnismäßig Ruhe ein, als Locker sich zu der Erklärung bequemte, daß er mit seinen Worten nicht beabsichtigte, Kongreßmitglieder zu beleidigen... Im allgemeinen bewahrten die Revisionisten bisher Im Kongreßplenum in Haltung und Reden einen reservierten Ton. Nur in Stephen Wise’s donnernder Rede, die die ganze Rechte lebhaft akklamierte, erblickte die andere Haushälfte eine Provokation. Jabot i n s k y sowie L i c h t h e i m hingegen benahmen sich in ihren Reden fein diplomatisch. Eine Meisterleistung war die Rede A r 1 o s o r o f f s, der jedoch wie die anderen von seiner Seite den rechten Flügel scharf angriff. Ussischkins Rede war zum Teil schwer verständlich, insbesondere als er sich mit emphatischer Geste auf Weizmann zu verzichten bereit erklärte. Nur muß der ganze Gedankengang durchdacht werden. Weizmann und Ussischkin erklärten nämlich einmal in bezug auf Herzl folgendes: wenn es einmal zu wählen gälte zwischen Erez Israel und Herzl, würde man sich für ersteres entscheiden; ebenso müßte dies in bezug auf Weizmann zutreffen, meinte Ussischkin. Diese ganze Mitte um Ussischkin — S c h v: a r z o a r t — M i s r a c h i, zuzüglich Ab. Goldberg, des jüngsten Judenstaatlers Amerikas, plädierte in ihren Reden für die allumfassende Koalition, wobei es ihr auf einen ausgesprochenen Judenstaats-Proklamatorismus nicht unbedingt ankommt. So brachte es auch der Judenstaatler Thon zuwege, zu enunzieren, daß man sich nicht einbilden möge, Weizmann eigentlich je stürzen zu können, da die große Mehrheit es nicht wollen und der Rest es nicht können würde... Von dem, was an Bekenntnis zu Weizmann sonst von der Tribüne geäußert wurde, mögen zwei Redner zitiert werden: Kurt Btumenfeld, der Weizmann als den größten lebenden Juden und als einen der genialsten Staatsmänner der .Welt bezeichnete, und Arlosoroff, der den Revisionisten die Unterwühlung zweier Aktiven vorhielt, des Chaluzismus und des A ktivums Weizmann. Eine stimmungsvolle Abwechslung in die Plenarverhandlungen brachte der Sonntag. Vormittags erschien Albert Thomas, der es als ein lange gehegtes Herzensbedürfnis bezeichnete, sich an einem zionistischen Kongreß zu beteiligen. Er erinnerte an die Mithilfe, die er in Paris nach Kriegsende den zionistischen Aspirationen angedeihen ließ und hielt eine ermutigende Ansprache, nachdem er einigen Rednern mit sichtlichem Interesse zugehört hatte und von Motzkin und Sokolow unter beifälligster Zustimmung des ganzen Hauses aufs wärmste begrüßt worden war. Höchst interessant gestaltete sich die G c de n k r e d e Motzkins über Herzl bei der nachmittägigen Trauersitzung. Hierauf hielt Sokolow in hebräischer Sprache eine Gedenkrede nach den wahrem4 der Kongreßperiode Dahingegangenen um' den auf dem Felde des Kampfes in Erez Israel Gefallenen, worauf Dr. Thon und Abgeordneter Grünbaum sprachen. Eine überaus lebhafte Sensation für die sich drängende Zuhörerschaft bot die Verhandlung des Ehrenkongreßgerichtes gegen Meir Großmann v^geit Vertrauens- und Disziplinarbruches, die Sonntag abends geführt wurde. Jabotinsky und Großmann bekamen obendrein Gelegenheit zur Produzierung ihres Credos. Interessant ist Jabotinskys Verfechtung des Rechtes jedes Zionisten zu freier Handlungswe.se, unter der formellen Begründung, daß das zionistische Statut lediglich die Organe, nicht aber den einzelnen in seiner Handlungsweise einschränke. Drollig wäre cs, wenn es nicht auch so tragisch wäre, was Großmann unter anderem erzählte. Er wollte mit der verbotenen frühzeitigen Publikation der bevorstehenden Erlassung des Weißbuches ein Dementi seitens der Regierung — die ja die Sache noch geheim hiel1 — hervorrtifen, oder wenigstens umso früher jüdische Proteste herbei führen. Das Urteil wurde bisher nicht gefällt. Als historisches Geschehnis wird die Gründung des Weltverbandes der allgemeinen Zio’^^en, die ebenfalls Sonntag abends stattfand, bezeichnet. Prof. Weizmanns große politische Rede Mittwoch, den 1. Juli, vormittags, hielt Prof. Weizmann seine mit großer Spannung erwartete große politische Rede. Prof. Weizmann führte aus: Der XVII. Zionistenkongreß tritt in einer Zelt großer innerer und äußerer Schwierigkeiten zusammen. Im Verlauf der letzten zwei Jahre haben wir manche Enttäuschung erlebt. Das Tempo unseres Wiederaufbauwerks ln Palästina wurde ln einer uns gefährlichen Weise verlangsamt. Bevor ich mich in diesem meinem letzten Bericht mit unserer gegenwärtigen Lage befasse, will ich einen Rückblick auf die Geschichte unserer Bewegung werfen. Welches waren die Motive, die britische Staatsmänner nach Beratung mit Staatsmännern der alliierten und assoziierten Mächte bewogen haben, die Balfour-Üeklaration zu formulieren und später das auf dieser Deklaration basierende Palästina- Mandat zu übernehmen. Das britische Interesse für Palästina und den Zionismus ist kein Kriegsprodukt. Ich brauche Sie nicht an die von britischen Konsuln seit jeher Juden in Palästina gewährte Hilfe oder an das Angebot Joseph Chamberlains im Jahre 1903 zu erinnern. Dieselben Motive, die die englischen. Sympathiekundgebungen für die Juden in früherer Zeit inspiriert haben, liegen auch der Balfour-Deklaration zugrunde: Erstens ein «gefühlsmäßiges» Motiv, das seine Wurzeln in einem eingehenden Studium der Bibel hat Dieses Motiv trat beim Entwurf des Mandats in dem von britischen Staatsmännern geäußerten Wunsch zutage, in das Mandatsgebiet das biblische Palästina «von Dan bis Beer Scheba» einzuschließen. Zweitens: Das Unheil des Weltkrieges hatte das Gewissen der Welt wachgerüttelt. Präsident Wilson und andere führende Staatsmänner waren von dem Gedanken der Gestaltung einer besseren Welt beherrscht. Sie lenkten ihr Augenmerk auf die unterdrückten, kleinen Nationen und ethnischen Gruppen, unter ihnen auch die Juden, die in verzweifelt abnormalen Verhältnissen lebten. Bei der Schaffung einer idealen Welt mußte auch den Juden die Möglichkeit, ein normales Eigenleben zu führen, gegeben werden. Das dritte Motiv trug utilitaristischen Charakter. Es bestand in den Jahren 1916/17 das Bedürfnis, die Sympathien der Weltjudenheit, Insbesondere der amerikanischen Juden, zu gewinnen. Welches dieser drei Motive entscheidend war, kann ich nicht sagen, jedenfalls kam, zumindest im Jahre 1917, das utilitaristische Motiv in letzter Reihe in Betracht Die Zionisten begrüßten die Deklaration als den Beginn der Erfüllung unserer alten messianischen Hoffnung, einer Hoffnung, die einen integrierenden Teil des jüdischen Glaubens bildet. Das Mandat stellt aber ein höchst elastisches Dokument dar, das nur durch unsere eigenen Energien, Bemühungen und Resultate in ein wirksames Instrument verwandelt werden kann. Wir haben es an Warnungen vor übertriebenen Hoffnungen hinsichtlich der Möglichkeit hier sofortigen jüdischen Masseneinwanderung in das verhältnismäßig kleine Palästina nicht fehlen lassen. Es war uns auch damuss aenor bekannt, daß wir nicht die alleinigen Einwohner Palästina: sein würden. Es gehörte nicht zu unserer Konzeption von: Nationalhesm, daß es andere Einwohner Palästinas schädigen solle. Wir erwarten, daß jedem Juden, der den Wunscl hat, nach Palästina zu gehen, um dort Frieden und Befried! gung beim Aufbau eines eigenen nationalen Lebens zu fin den, die Möglichkeit gegeben werden wird, dies in absehbarer Zeit zu tun. Wir erwarteten ferner, daß wir die Möglichkeit haben würden, im Lande jene materiellen Grund’ngen zu schaffen, die groß und kräftig genug wären, den Ueberbau einer eigenen sittlichen und geistigen Kultur zu tragen. Wir dachten, daß dies in hohem Maße eine «qualitative» Lösung der Judenfrage und mit der Zelt einen wichtigen Schritt auf dem Wege zur Lösung der Frage auch in ihrem quantitativen Aspekt: Abhilfe gegen die jüdische Not im Osten, bedeuten würde. Auf jüdischer Seite war die Antwort auf den Appell der Balfour-Deklaration und des Mandats durch den Niedergang der großen Gemeinschaften Osteuropas, insbesondere Rußlands, im und nach dem Kriege gehemmt. So ergab sich noch vor der formellen Bestätigung des Mandats die Notwendigkeit einer Revision der Ideen und Ziele, um diese mit den Tatsachen und der gegebenen Lage ln Ueberelnstimmung bringen zu können. Auf diese Notwendigkeit wurde von verschiedenen Seiten verschieden reagiert. Da waren zunächst Jene, die dafür eintraten, daß der Zionismus künftighin überhaupt jeden politischen Kampf aufgebe und sich vollständig auf den Aufbau Palästinas «auf streng geschäftlicher Basis» und vorwiegend durch private Initiative konzentriere. Auf dem entgegengesetzten Pol standen jene, für die Realitäten einfach nicht existieren. Diese haben in ihrem Elfer, den Judenstaat zu errichten, vergessen, daß politischer Einfluß in einem gewissen Verhältnis zu praktischen Leistungen steht und nicht durch Proklamationen erreicht werden kann. Im Verlaufe der letzten zehn Jahre habe ich versucht, einen mittleren Kurs zwischen diesen beiden Extremen zu steuern und dabei weder die wirtschaftlichen Realitäten, noch die politischen Möglichkeiten aus der Sicht zu verlieren. Es wurde mir wiederholt der Vorwurf gemacht, ich hätte die Ideale des Gründers des politischen Zionismus aufgegeben. Wenn wir untersuchen, welches die Politik Theodor Herzls war, wie sie zuerst In seinem Buche «Der Judenstaat», dann auf dem Baseler Kongreß von 1897 und schließlich von Herzls Hauptmitarbeiter Dr. Nordau im Jahre 1916 verkündet wurde, finden wir, daß die Konzeption eines «Jüdischen Staates» nur in dem Buch «Der Judenstaat» auftaucht. Im «Judenstaat» aber ist es keineswegs klar, daß Herzl an Palästina als an das Land der Verwirklichung des Judenstaates dachte. Vom ersten Zionistenkongreß im Jahre 1897 an, auf dem sich Herzl endgültig mit der zionistischen Bewegung und damit mit der Idee, daß Palästina das einzige für die jüdische Renaissance in Betracht kommende Land ist, identifizierte, verschwindet das Wort «Judenstaat» aus seinem Programm. Was Herzl und die zionistische Bewegung im Jahre 1897 erstrebten, ist nach dem Baseler Programm «die Errichtung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk ln Palästina». Die jetzt in Kraft stehenden drei offiziellen Kommentare der Deklaration sind das Mandat selbst, das Churchfflsche Weißbuch vom Jahre 1922 und schließlich der das Weißbuch vom Oktober 1930 interpretierende Brief des Ministerpräsidenten an mich vom 13. Februar 1931. Prof. Weizmann gibt sodann einen Ueberbllck über die Entstehungsgeschichte des Mandats und des Churchill- Weißbuches sowie die Leistungen, die auf Grund dieser beiden Dokumente in Palästina vollbracht werden konnten, und stellt fest, daß es trotz der politischen Schwierigkeiten möglich gewesen wäre, das Jüdische Nationalhelm sogar fünfmal so groß zu gestalten, als es gegenwärtig ist, wenn wir die Mittel hierzu gehabt hätten. Dann bespricht er das Weißbuch vom Oktober 1930, das im Gegensatz zum Weißbuch 1922 die Möglichkeit der Errichtung des Jüdischen Nationalheims beseitigt und der Jewfsh Agency keinerlei Basis zu einer Kooperation mit der Regierung bot. An dem Tage, an dem das Weißbuch veröffentlicht wurde, fuhr Weizmann fort, habe Ich meinen Rücktritt vom Präsidium der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency angekündigt. Es war meine Absicht, sofort Kongreß md Council einzuberufen, damit diese zur Situation Stellung lehmen. Inzwischen aber wurden wir vom Ministerpräsidenten zu einer Erörterung mit einer Kabinettskommission ein- •jeladen. Die Beratungen, wie sie in der Vergangenheit iblich waren und die Lord Passfield Im Oktober 1930 uns ’.u verweigern für gut befunden hatte, sollten nunmehr mit iner autoritativen Körperschaft britischer Staatsmänner wieder aufgenommen werden. Es erschien unerläßlich, jedwede mögliche Rettung nach jenem Schiffbruch staatsmännlscher Kunst, dem Weißbuch vom Oktober 1930, zti versuchen. Das Weißbuch als solches konnte nicht zurück- Denket an die Krawalle an der Handelshochschule! unentgeltlich«^ Stellenvermittlung I der Hakoah Wer ausgeblldete«, »üchtiges und d'szipllniertes Personal aller Art und aller Branchen braucht, wende sloh an die HAKOAH» 1., Wieslngerstr, 11 t Tel. R-25-0-10 »

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