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Die Stimme · 1931-07-09 · Heft 183 (9.7.1931) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 183 (9.7.1931)
Date
1931-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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"eite 4 DIB STIMME Nr. 183 — 9. Juli 1031 Es gehört heute mehr Mut ftir eine intellektuell gebildete städtische Jugend dazu, sich eine Uniform anzuziehen, als eine pazifistische Oesinnung zu zeigen, die im Nachkriegseuropa verdammt billig geworden iat. Der Revisionismus ist keine wirtschaftsreaktionäre Bewegung. Was uns von den Linken trennt, ist ihr Bündnis mit der offiziellen Politik. Die Hauptfrage dieses Kongresses ist die der zionistischen Zielsetzung. Siebzehn Millionen Juden leben in der Welt zerstreut und wollen ihre Heimat wieder aufbauen. Was in der Baifour-Deklaration niedergelegt wurde, war nur eine unvollkommene Formel, aber England und die Welt und wir verstanden darunter den wahren Zionismus. Wenn jetzt England uns in der Durchführung des Zieles behindert, so müssen wir aufstehen und erklären: Ihr habt uns Euer Wort gegeben! Es ist deshalb eine eminent politische Handlung, die Zielsetzung jetzt unmißverständlich auszusprechen. Wir wollen eine Erneuerung der Organisation. Die Jewish Agency war die Grablegung der Zionistischen Organisation. Die Kooperation mit den Nichtzionisten wäre auch fortgeschritten, wenn man einen vernünftigeren Weg gewählt hätte. Ich rufe Ihnen zu: Kehren Sie zurück, geben Sie dem Kongreß seine Rechte und seine Souveränität wieder! Mit den Nichtzionisten werden wir uns schon verständigen. Kurt Blumenfeld wies am Anfang seiner Rede darauf hin, daß Max Nordau auf dem Hamburger Kongreß 1909 unter dem Drucke äußerer Verhältnisse, nämlich der jungtürkischen Bewegung, erklärt hat, daß man den Charter in das Archiv der Zionistischen Organisation verschließen müsse. Man könne sagen, daß auch Dr. Weizmann 1922 seine Zustimmung zum Churchill-Weißbuch, in welchem er persönlich angegriffen wurde, nur unter dem Drucke äußerer Verhältnisse gegeben hat. Wir bewundern die Weisheit der Mitglieder des ersten Zionistenkongresses, die dem Basler Programm zustimmten, weil sie glaubten, daß diese Formel der Situation entsprach. Wir bewunderten Herzl auch in dem Momente, als er erklärte, wir sind an einer Mauer angekommen, und wir folgten Wolfsohn und Nordau, als sie Judenstaat und Charter offiziell von der Kongreßtribüne aus verleugneten. Denn wir wußten, gerade darin liegt politische Reife. Drei Schwierigkeiten stehen vor uns: die erste ist Erez Israel. Für die Judenstaatsidee, d. h. den Gedanken der reinen Souveränität, bedeutete Palästina eine Belastung. Darum haben sich die Territorialsten nach einem anderen Lande umgesehen. Wir aber sagten, wir nehmen dieses Land mit allen seinen Belastungen. Es sei uns nicht geglückt, in xiie Baifour-Deklaration das Wort: «Palestine as a national home» einzufügen. Man hat es abgelehnt, und Balfour war es, der Transjordanien von Palästina abgetrennt hat. Unser Recht und unsere Zukunft beruhen nicht auf der Baifour-Deklaration, sondern auf unseren Vorstellungen und ■auigrunseren Leistungen. Eine der Möglichkeiten, unsere Arbeit zu erweitern, war die Heranziehung der Kräfte des jüdischen Volkes, und ein Mittel dazu war die Jewish Agency. Zionismus ist mehr als Judenstaat, er ist die letzte Kraft des jüdischen Volkes, das selbst noch nicht weiß, warum der Zionismus die Antwort auf die Judenfrage ist. Wenn Sie Proklamationen abgeben, dann zwingen Sie die englische Regierung dazu, wie es immer geschehen ist, sich schützend vor die anderen zu stellen. Sie treiben eine Welt, die keinen Grund hat, sich zu fürchten, mit Ihren Reden in eine Angstpsychose hinein. Wir aber brauchen und wollen Ruhe für das Wachsen eines großen nationalen Jischuw. Sie diskreditieren den Mehrheitsgedanken, indem sie ein leeres Wort aus einer Sache machen, die politisch erarbeitet werden soll. Das Werk, das wir heute führen, unter der Führung des größten Mannes in der jüdischen Welt, des genialen Staatsmannes Dr. Weizmann (langanhaltender Beifall bei den Arbeitervertretern und einem Teil der Allgemeinen Zionisten) beruht nicht auf Proklamationen. Weizmann hat den Mut gehabt, auf billige Popularität zu verzichten, obwohl er im Stande ist, allen Sehnsüchten unseres Volkes Ausdruck zu geben. Wir werden keiner Mischmasch-Exekutive unsere Zustimmung geben. Entweder soll klar Dr. Welzmanns Programm akzeptiert werden oder es soll etwas anderes kommen. Gegen jede andere Sache werden wir kämpfen. Ich schließe mit dem zionistischen Bekenntnis, daß wir in wahrer Freiheit das neue Leben aufrichten wollen, in Verbundenheit mit unserem ganzen Volke, dem Volke des arbeitenden Judentums. Sie werden erleben, daß hier ein Kampf geführt wird von Leuten, die nicht Redensarten machen, sondern die alles tun, um unmittelbar ln unseren Tagen die Verwirklichung herbeizuführen. (Langanhaltender Beifall bei den Arbeitern und einem •Teil der Allgemeinen Zionisten, Pfuirufe bei den Revisionisten). gcfcteiR’s patRilien-pension hrtanilu. Kiffitliii Hochstraße 43 t^MazjuiiiiuurrieHnnnr neben panhans. Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zimmer m. Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warmmd Kaltwasser in jedem Zimmer. Auskunft unter Telephon U-27-6-24 Dr. Chaim Arlosoroff ln der Sitzung von Freitag Nachmittag sprachen Tabib (Jenu-nite), Torczyner (Belgien), Naiditsch (Paris) und Mossinsohn (Tel-Aviv). Hierauf hielt Dr. Chaim Arlosoroff seine inhaltsreiche, viel beachtete Rede. Arlosoroff kritisierte scharf die Ideologie der Revisionisten. Niemand weiß besser als wir Palästinenser, welches Schicksal uns beschieden ist, wenn es uns nicht gelingt, aus dem kleinen Jischuw in nicht allzu langer Zeit eine große jüdische Siedlung zu machen. Wir arbeiten in dem schlimmsten Winkel der Levante, und wenn wir uns nicht durchsetzen können, gehen wir kulturellem und sozialem Niedergang entgegen. Wenn wir aber hier die Majoritätsforderung in eine Formulierung pressen, so bekunden wir, daß wir in eine Minoritätsstellung gedrängt sind, abgesehen von dem Drohungscharakter einer solchen Forderung. Oewiß, man braucht politische Bedingungen zu. Erleichterung der Weiterarbeit, aber es genügt, nicht, mit abstrakten Formeln zu operieren. Für unsere Welterarbeit sind zunächst zwei Bedingungen notwendig: politische Bundesgenossenschaft und politische Ruhe. Man hat eine Atmosphäre geschaffen, gleich der vor Kriegsausbruch in Deutschland, für die die Formel geprägt wurde: Hier werden Kriegserklärungen angenommen. Diese politische Isolierung zu brechen, ist unsere erste Aufgabe. Es kann noch kritischer werden: Sie wissen, daß der Irak in den Völkerbund aufgenommen worden ist und daß Frankreich in Syrien einen ähnlichen Weg gehen will. Und es wird dann nur noch ein A-Mandat geben, Palästina, das irgendwo hängen geblieben. Und wenn man daran gehen wird, auch den Status des Palästinamandats zu liquidieren, und wir in unserer Isolierung verbleiben, dann wird sich unsere Politik in einer gefährlichen Lage befinden. Arlosoroff warf den Revisionisten politische Verhetzung der Jugend vor und schloß: Das heutige Palästina, das sich auch zu verteidigen versteht, weiß, daß diese Verteidigung eine blutig ernste Sache arbeitender Menschen und nicht das Militärspiei einer oberflächlich erzogenen Jugend ist. So lange wir nicht mit diesen zerstörenden Kräften abgerechnet haben, gibt es keinen Weg zum Aufbau einer großen und lebendigen zionistischen Bewegung. (Beifall, Pfuirufe der Revisionisten.) Es sprachen dann noch Dr. Osias T ho n und einige andere Redner. Ihre Ausführungen waren darauf abgesfimmt, daß für die Zionisten trotz der gegenwärtigen höchst kritischen Lage kein Grund zur Verzweiflung bestehe und daß die praktische und politische Arbeit, wenn auch in neuer Form, mit aller Energie fortgeführt werden müsse. Stephen Wise — Tumulte Sodann hielt Rabbi Stephen W i s e, von stürmischem Beifall begrüßt, eine großangelegte Rede. Er führte u. a. aus: Von dieser Tribüne des jüdischen Volkes aus klage ich die gegenwärtige Regierung Englands vor dem Gewissen der Welt an, in tragischer Weise bei der Erfüllung der mit dem Mandat übernommenen Verpflichtungen gegenüber dem Jüdischen Volke versagt zu haben. Weizmanns Rede klang wie eine Erklärung der englischen Regierung. Meine Rede wird eine Erklärung an die englische Regierung sein. Ich richte keine Anklage gegen das englische Volk. Wie könnte ich auch Männer wie Lord Balfour, Lloyd George, Lord Plumer oder General Smuts anklagen. Denn diese Männer sind es, die in Wahrheit das englische Volk repräsentieren, nicht aber ein Passfield, ein Chancellor oder ein Keith Roach. Im weiteren Verlauf seiner Rede unterzog Rabbi Wise das Weißbuch einer vernichtenden Kritik. Die Sicherheit dürfe nicht auf den britischen Bajonetten beruhen, sondern darauf, daß dem Willen und den Bemühungen der britischen Beamten in Palästina, die Araber gegen die Juden aufzuhetzen, ein Ende bereitet wird. Unsere zweite Forderung heißt: freier, gesetzmäßiger Zutritt zum Boden; unsere dritte: Freiheit der Einwanderung. Keine dieser drei Forderungen ist in den letzten Jahren erfüllt worden. Wir hatten in Palästina schlechte Gesetze, die von noch schlechteren Beamten gehandhabt wurden. Wir hatten unter einer tragischen Unsicherheit zu leiden. Wir mußten eine Einschränkung, ja zeitweise sogar eine Einstellung der Einwanderung hinnehmen. Unter solchen Umständen kann man wohl sagen, daß das Versprechen der Errichtung des jüdischen Nationalheims tatsächlich durch ein Diktat der britischen Regierung annulliert worden ist. Gegen dieses Diktat habe sich der einmütige Protest des jüdischen Volkes, der auch im Rücktritt Dr. Weizmanns zum Ausdruck kam, gerichtet. Darum müsse auch Dr. Weizmanns Rücktritt endgültig sein. Denn zöge er jetzt seine Demission zurück, so würde England den Eindruck bekommen, daß die große Protestkundgebung der jüdischen Welt nichts als ein Sturm Im Wasserglas gewesen sei. Den MacDonald-Brief darf dieser Kongreß nicht als Gutmachung des Passfield-Weißbuches annehmen. Die Konsequenz wäre, daß neue und womöglich noch schlechtere Weißbücher kommen würden. Ich habe nicht nur den Glauben an England verloren, an das England Balfours, Smuts', Ich verlor auch meinen Glauben an das England der Arbeiterregierung, und Ich wende mich nicht an die englische Regierung, sondern an das englische Volk. Auf die Frage des Vorsitzenden Motzkin, in wessen Namen er gesprochen habe, erklärt Wise, er spreche als Mit« glled der amerikanischen Delegation und teilweise als Mitglied der Körperschaft der Allgemeinen Zionisten. Der BMÜ 5o«btn «rsctaicntti: DR. K R I h D R I C H K 0 RUHR €ifl Weg Von Christentum zun jüdisch« Volt Ein Buch, das Aufsehen erregt! In allen Buchhandlungen erhältlich Verlag der „VIKNNA“, I., Bognergazso 4 amerikanische Delegierte Fishman erklärt, daß Wise nur für einen Teil der amerikanischen Delegation spricht. Es entsteht ein großer Tumult. Locker ruft Wise das Wort «Demagogie» zu, Wise erwidert: diese Kreatur nennt mich einen Demagogen, Ich nenne ihn einen Gentleman. Locker stellt fest, Wise hätte den Arbeitervertretern zugerufen: «Euer Passfieldt» Mit demselben Rechte könnten die Arbeitervertreter Wise zurufen: «Euer Walker». Kaplansky ruft: Man soll nicht versuchen, englische Staatsmänner in die Debatte zu ziehen. Vorsitzender Motzkin erklärt, das sei auch sein Standpunkt. Locker fragt, warum Wise nicht auch Arbeiterführer Ist, wie Snell erwähnt hat. Locker bringt dann eine Reihe von Berichtigungen hervor. Auch Morrys Myer protestiert dagegen, daß das Präsidium es erlaubt, eine Regierung zu attackieren, mit der man die Bezieltungen noch nicht abgebrochen hat. (Großer Lärm bei den Revisionisten). Präsident Motzkin: Es mag unpraktisch oder schädlich seht, wenn Mitglieder des Kongresses gegen eine Regierung sprechen, mit der wir in Verbindung sind, Ich aber kann es einem Redner nicht verbieten, wenn er in einem Moment der höchsten Erregung des jüdischen Volkes darüber gesprochen hat Ich schließe die Sitzung. (Zum Protest gegen die Ausführungen Wises hat Dr. Weizmann während dessen Rede demonstrativ den Saal verlassen.) Ab. ~ *" Am Sonntag, den 5. Juli, vormittags, setzte das Plenum des Kongresses die Hauptaussprache fort. Es sprachen der Präsident des Weltmisrachi Rabbi Meir Berlin, der amerikanische Delegierte Abraham G o 1 d b e rg und Uri Zwi Grünberg (Palästina), der an den Kongreß appellierte, die zionistische Bewegung zu retten und eine Grundlage einer Zusammenarbeit aller Parteien auf neuer Basis zu schaffen. Redner der Linken Tartakower aber lehnte eine Zusammenarbeit mit den Revisionisten mit aller Entschiedenheit ab. Im Namen der politischen Kommission des A. C. referierte Dr. Nahum G o 1 d nr a n n. Er wandte sich gegen jede parteipolitisch orientierte Außenpolitik, einerlei ob sie von den linken Parteien oder von den Revisionisten ausgehe, und verlangte die Annahme des MacDonaid-Briefes. (Die bemerkenswerte Rede Goldmanns werden wir in der nächsten Nummer bringen. Die Red.) Besonderes Augenmerk verdient die Rede Abraham Goldbergs. Er führte u. a. aus:^«Früher sagten wir, wir hätten ein Recht auf Erez Israel und wollten mit den Arabern in Frieden und Verständigung leben. Jetzt aber behauptet man, wir hätten fast kein Recht auf Palästina und wir wären bereit, noch weniger als ein geistiges Zentrum anzunehmen, nämlich ein Laboratorium. Ich weiß nicht, ob man damit die Araber gewinnen wird — die Juden bestimmt nicht. An der jetzigen Krise tragen wir keine Schuld. Geld geben bedeutet In ute ein Opfer; opferbereit ist man aber nur fiir ein Ideal. Den Juden muß eine Losung gegeben werden. Wir haben leider keine Führerschaft, die uns vereinigen könnte. Das muß in Betracht gezogen werden.» — Der Redner kritisiert dann stark die Rede Weizmanns und betont die Notwendigkeit eines starken Protestes. Die vorsichtige Art der von den Führern der Linken wie auch der Revisionisten gehaltenen Reden beweist das Verständnis aller dafür, daß man etwas zusammen tun müsse, daß wir nicht zerrissen und zerbrochen vom Kongreß Weggehen können — ohne. Geld, ohne Einheit, ohne Freundschaft. Wenn aber jemand unter uns gegen England spricht, entsteht solch ein Lärm, daß nach außen der Eindruck hervorgerufen werden kann, als wären wir mit England einverstanden. Für unseren Führer hege ich die größte Sympathie, denn Ihn hat England am schlimmsten behandelt, und er hat alle Pfeile der Kritik mit seiner Brust aufgefangen. Wir sollten gegen die Art, wie England Weizmann behandelt, protestieren. Ich hatte gedacht, seine Demission werde uns vereinigen. Der Protest gegen England wird uns vereinigen, das Endziel wird uns vereinigen.» Der Redner betont zum Schluß die ungeheure und trotz allem ungebrochene Kraft des amerikanischen Judentums, das bestimmt imstande sein werde, der zionistischen Sache ausgiebig zu helfen. Aber die Vorbedingung dafür sei der Friedensschluß innerhalb der zionistischen Organisation. (Die Fortsetzung und den Schluß der Generaldebatte werden wir in der nächsten Nummer der «Stimme» bringe«. Die Red ) 8152

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