Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 183 (9.7.1931)
- Date
- 1931-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 183 — 9. Juli 1931 DIE STIMME Seite 3 Die Generaldebatte Die ungeheure Menge des Materials erlaubt leider nicht einer Wochenschrift, alle auf dem Kongreß geha'tenen Reden ausführlich zu bringen. Wir müssen uns also auf die wichtigsten Reden beschränken und können auch diese nur stark gekürzt wiedergeben. — Die Red. Die Generaldebatte begann Donnerstag, den 2. Juli. Als erster sprach der Führer der palästinensischen Arbeiterschaft Bin Gurion Der Redner richtete scharfe Angriffe gegen die Mandatarmacht und Gezeichnete den MacDonald-Brief als unzureichend. Er verurteilte besonders scharf die jüngst erlassene PächterschfiBtzverordnung. Der MacDonald-Brief, erklärte Bin Gurion, würde in Palästina als ein totes Denkmal betrachtet. Die Juden werden von der Palästina-Regierung bei der Vergebung öffentlicher Arbeiten systematisch boykottiert, sogar auf ausgesprochen jüdischen Gebieten, wo ihr Anspruch, bei Vergebung öffentlicher Arbeiten berücksichtigt zu werden, ein durchaus legaler ist. Wir wollen, rief Bin Gurion, kein Werkzeug des Imperialismus sein; wir wollen ln Ucberelnstlmmung mit der zionistischen Politik und mit Unterstützung der europäischen Demokratie eine direkte Verständigung mit den Arabern suchen. Das jüdisch-arabische Problem soll weder durch den Judenstaat noch durch einen binationalen Staat, noch auch durch Errichtung eines Kulturzentrums in Palästina gelöst werden, sondern durch Zulassung der jüdischen Einwanderung nach Palästina auf der Basis der Absorptionskraft des Landes. - Ein Weg zur Lösung der jüdisch-arabischen Frage ist der, daß kein Teil der Bevölkerung vom anderen beherrscht werde und daß die gerechtfertigten Forderungen der Araber unter der Bedingung erfüllt werden, daß keine andere Beschränkung der jüdischen Einwanderung stattfinden darf als die, die in der Aufnahmefähigkeit des Landes für Neueinwanderer begründet ist. Zum Schluß richtete Bin Gurion sehr scharfe Angriffe gegen die Revisionisten. Jabofnskys grobe Rede Donnerstag nachmittags hielt Vladimir Jabotinsky eine Rede von etwa zwei Stunden Dauer, die die gespannteste Aufmerksamkeit der Delegierten und Gäste fand. Jabotinsky führte ungefähr aus: Ich werde zwei Punkte behandeln: den MacDonald- Brief und die Zielsetzung im Zionismus. Für den zionistischen Aufbau braucht man Tatsachen, Leistung, aber stets ist es die Vorbedingung des weiteren Fortschritts, daß man auch den politischen Kampf führt. Von diesem Standpunkt aus müssen wir die Lage in und um Palästina betrachten. Die Beziehung des Kongresses zum Statement of Policy, das Lord Passfie.'d im Oktober 1930 unterbreitet hat, ist, glaube ich, einstimmig ablehnend. Aber es bestehen noch Zweifel über den Brief MacDonalds. Bei einem Vergleich mit Passfields Statement enthält der MacDonald-Brief gewiß Punkte, die wir selbstverständlich unparteiisch akzeptieren .werden. Es gibt dagegen andere, schlimme Punkte, und ich fürchte, daß sie überwiegen. Der MacDonald-Brief gibt dem arabischen Volk das Vetorecht bei jedem Schritt, der in der Ausführung des Mandates von der Regierung unternommen wird. ln der Frage der Zielsetzung, führt Jabotinsky weiter aus, habe weder der Begriff der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte noch jener des Nationalheims juridische Tradition. Das Wort «Staat» sei klar und der Kern des Begriffes «Judenstaat» liege in zwei Momenten: erstens Alehrheit und zweitens Selbstregierung. Das Moment der Selbstregierung sei ein elastisches Moment. Unelastisch , sei aber das Moment der jüdischen Mehrheit. Wenn dies eine Schwärmerei sei, dann eine sehr edle. Wenn es ein Recht ist, daß man den Juden die Rückkehr nach Palästina zuerkannt hat, dann ist jede Maßnahme, die diese unmöglich macht, ungerecht. Ich schlage Ihnen eine Resolution vor, die lauten soll: «Das Ziel des Zionismus, welches unter den Ausdrücken «Judenstaat», «nationales Heim» oder «öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte» zu verstehen ist, ist die Schaffung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit auf beiden Seiten des Jordan.» (Anhaltender Beifall bei den Revisionsiten.) Was heißt «Judenstaat»? Ein Land wird zum Judenland in dem Augenblick, wo dort eine jüdische Mehrheit ist. In den baltischen Provinzen wirkte 400 Jahre lang ein Volk von gewaltiger Kulturfähigkeit, das deutsche. Der Deutsche war der Organisator, der Pfarrer, der Lehrer. Alles haben die Deutschen dort geschaffen, nur — keine Mehrheit. Darum sind heute Riga und Dorpat nicht mehr deutsch. Leider ist es heute in der Welt nicht genug, Kulturwerte zu schaffen; sie dauern nur an, wenn das kulturtragende Volk die Mehrheit im Lande bildet. Erst die Mehrheit gibt dem Staat seinen nationalen Charakter. Das ist nicht Extremismus, sondern der normale Zustand eines Volkes, einen Staat zu haben. (Beifall.) Transjordanien darf aus dem Bereich der jüdischen Kolonisation nicht ausgeschlossen bleiben. Ich komme, sagte Jabotinsky, zum Schluß. Ich muß nur ein kurzes Glaubensbekenntnis hier ablegen, ein optimistisches Glaubensbekenntnis. Wir alle sind tief erschüttert über das Verhalten Englands. Ich sage, tief erschüttert, weii auch ich etwas dazu beigetragen habe, daß die jüdische Politik mit der englischen Politik verbunden wurde. Und ich habe mich sehr oft gefragt: Habe ich dem jüdischen Volk eine Lüge erzählt? Wenn ich zu der Ucberzeugung komme, daß man mit England nicht gehen kann, werde ich der erste sein, der es sagen wird. Wie ist es so gekommen? Es gibt ein Parallelogramm der Kräfte, auch in der Politik, ln unserer Politik ist eine Komponente England, Englands Gewissen, Englands Interesse. Die zweite Komponente jedoch ist unsere Politik, sie mag klein sein, aber auch von ihrer Richtung hängt die Richtung der Resultierenden ab. Wenn es wahr sein sollte, daß die beste Methode nichts helfen kann, dann ist die Hoffnung verloren. Aber wenn man sagen kann, daß unter diesen Kombinationen das Ergebnis bei einer besseren Methode ein anderes wäre, so ist das der optimistische Standpunkt. Heute ist noch der optimistische Standpunkt jener, für den die sicheren Chancen sprechen. Hätten wir vom Anfang an vor'England die Lage als unerträglich dargestellt, so dürften wir heute sagen, es geht nicht weiter. Wenp wir $ber dem englischen Volke in unzähligen Reden die Ueberzeugung beigebracht haben, die politische Lage sei satisfactory, ergibt sich eine andere Situation. Viele sagten, wenn es mit England nicht geht, so sind wir verloren. Nein, wir sind vollständig davon überzeugt, daß nicht mit einem gewissen Staate unsere Hoffnungen entstan- Ende nächster Woche wird ein großes inWien stattfmden Thema: Nach dem Kongreß Sprechen werden einige bedeutende Zionisteniöhrer ans verschiedenen Ländern, u. a. Doktor |, Schwarzbart (Krakau) und Ab. Goldbera (New-York) Nähere Einzelheiten, Datum etc. in der nächsten Nummer der „Stimme“ den sind und daß auch nicht mehr mit einer gewissen Orientierung unsere Hoffnungen verschwunden sind. So naiv wie diejenigen im Kasino zu Basel vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war, glaubten, so naiv glaube auch ich an die Ehrlichkeit der Welt, an die Macht der wahren Tatsachen, an die Macht des Volkes, der Zivilisation; ich glaube, daß das große Problem durch den Machtfaktor des moralischen Druckes entschieden wird und daß das jüdische Volk ein gewaltiger Faktor des moralischen Druckes ist. Nehmen Sie das an oder nicht, — ist mein Glaubensbekenntnis: ani maamin. (Stürmischer Beifall.). Ussischkin Nach Jabotinsky nahm das Wort M. M. Ussischkin. Er führte aus: Ich war immer und bin auch jetzt ein großer Gegner papierener Definitionen, der Definition von Weiz- .»lann und der Definition von Jabotinsky. Definitionen des Endzieles, wie immer sie auch formuliert werden, begrenzen mein Ideal, das viel größer, viel breiter, viel höher ist. Aber wenn ich vom Kongreß fordere, keine Definitionen festzusetzen, so habe ich und haben wir das Recht, von dem Manne, der seit dreizehn Jahren an unserer Spitze steht, zu verlangen, daß er keine Definitionen bringe, die unsere Hoffnung zerstören. (Beifall.) Dr. Weizmann, Sie hatten ein ewiges Wort verkündet: «Wir wollen, daß Erez Israel so jüdisch sein soll wie England englisch.» Sie hatten den Mut dazu. Dann haben Sie sich nach einigen Jahren voller Schwierigkeiten zurückgezogen. Auf dem Uganda-Kongreß hatten wir die Wahl zwischen Erez Israel und Herzl. Wenn wir heute vor der Wahl stehen, für ewig auf unsere großen Hoffnungen zu verzichten oder auf Sie, so werden wir auf Sie verzichten. (Lebhafter Beifall auf der Rechten.) Unser Endziel ist klar und wir brauchen hierüber nicht zu sprechen. Ich danke den Revisionisten, daß sie unserer Jugend Wien, IX., rrelheifsnlatz 14 (i.eben dem Votivj ark) Mtz anin. Tel. B 49 2*63 Maturavorbereitungs- und Mittelschulkurse, Sprach« schirlo (engl., lranz., ital.), Latein lür Ergänzung«- matura, Deutschkurse für Ausländer. Individueller Nachhilfeunterricht, Nachmittags-Korrepetition lür MiitolschiHer, Tagos- und Abendkurse. Dio ganzen Ferien hindurch Ferialkurso für den Rxternistenprüfungstermin im Herbst. Mäßiges Honorar* Srudienberatung und Auskünllo in der Direktion neue Hoffnungen auf eine politische Zukunft gegeben haben. Man hat uns gezwungen, gegen das englische Volk und seine Regierungen zu kämpfen. England ist ungeheuer stark und wir sind sehr, sehr schwach. Aber wir brauchen Palästina, und England braucht es nicht. Daß es sich bei uns um Sein oder Nichtsein handelt, gibt uns eine ungeheure Kraft Und darum wenden wir uns von dieser Tribüne des ganzen jüdischen Volkes an England: Großes, mächtiges, englisches Volk, verstehe die Lage eines 17-Mfflionen- Volkes mit gewaltigen intellektuellen Kräften und ungeheurem Idealismus, das 2000 Jahre lang wandert und sein altes Heim sucht. Zwinge uns nicht den Streit mit dir auf, vergiß nicht die Erzählung der Bibel vom großen Kampf des mächtigen Philisters Goliath mit dem kleinen Juden David. Von diesem Kongreß, der unsere Leitung und Formen unserer weiteren Arbeit schafft, sollen keine Sieger und keine Besiegten Weggehen. In den kommenden zwei Jahren muß die innere Zerfleischung in unseren Reihen ein Ende nehmen. Die innere Genesung wird auch zur äußeren Gesundung beitragen. (Lebhafter Beifall.) Tumulte anläülicli einer Rede Bert Lockers Namens der Linken nahm nunmehr der poalezföni« stische Führer Berl Locker das Wort. Auch er wandte'^ich scharf gegen die Ausführungen jabotinskys. Als der Redner erklärte, die Revisionisten seien ein reaktionärer Faktor, ihr Lehrmeister sei Hitler, die Anhänger Jabotinskys hätten die Assefath Haniwcharim an demselben Tage verlassen, wie die Anhänger Hitlers den deutschen Reichstag, brach ein beispielloser Sturm los. Und als Dr. von Weisl Locker zurief «Sie Antisemit! Sie roter Bandit!» und der Führer der Arbeiterpartei Bin Gurion mit dem Rufe «Hitler-Zionisten» antwortet, wäre es fast zu einem Handgemenge gekommen. Die Ordner legten sich ins Mittel und verhinderten Zusammenstöße. Währenddessen kam es am Pressetisch zu einem Zusammenstoß zwischen dem Vertreter der Ullstein-Blätter Julius Becker und dem revisionistischen Delegierten Dr. Wolfgang von Weisl, der bekanntlich Orientkorrespondent der Ullstein-Blätter ist. Die Revisionisten verlangten die Entfernung Julius Beckers aus dem Saale. Als sie zur Gewaltanwendung übergingen, griff der Pressechef des Kongresses, Moses Waldmann, ein und ließ eine Ordnerkette um Becker ziehen. Der Tumult griff auf den Präsidiumstisch und die Tribüne über, wo ein Kongreßteilnehmer bei den Zusammenstößen verletzt wurde und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Die revisionistischen Mitglieder des Präsidiums verließen die Tribüne und forderten Bestrafung der Schuldigen. Der Präsident sah sich genötigt, den Kongreß für eine Stunde zu unterbrechen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung erklärte Berl Locker, es habe ihm fern gelegen, irgendeine Gruppe des Kongresses beleidigen zu wollen, und setzte seine Ausführungen fort. Er warnte die Allgemeinen Zionisten und den Misrachi davor, das Programm der amerikanischen Brandeis-Gruppt anzunehmen und richtete an sie den Appell, sich mit der Arbeiterpartei zu friedlicher fruchtbarer Arbeit zu vereinigen. Lichtheim, Blumenfeld Im Mittelpunkt der Generaldebatte am Freitag vormittags standen die Reden des Berliner Führers der Zionisten-Revisionisten Richard Lichtheim und des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und eines der Führer der Allgemeinen Zionisten Kurt Blumenfeld, Richard L i c h t h e i m führte ungefähr aus: Von der Linken wird uns vorgeworfen, daß wir Militarismus spielen. Die letzte Hochzeitswoche ergab an Keren-Kajemeth-Sammlungen über S 600*—. Gebet daher dem Keren Kajemeth Ort und Zeit der Hochzeitdiners Eurer Bekannten und Verwandten bekannt.