Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 182 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 OIE STIMME Nr. 182 — 3. Juli 1931 Am aller Welt Statistisches Ober die Jerusalemer Universitätsbibliothek Aus den letzten von der hebräischen Universitätsbibliothek veröffentlichten Statistiken ist zu ersehen, daß die Bibliothek, die im lahre 1925 erichtet wurde, bereits 23O.U00 Katalogisierte Bände umfaßt, von denen 95.000 in deutscher, 44.000 in englischer, 38.200 in hebräischer, 12.000 in französischer, 9000 in russischer und 8700 Bände in jiddischer Sprache geschrieben sind. Der Bücherzuwachs im abgelaufenen Jahre betrug 14.000 Bände, darunter 5300 (38 Prozent) judaica, unter ihnen 2251 Werke in hebräischer Sprache. Die medizinische Abteilung der Bibliothek wurde um 2266 Bände, die soziologische und pädagogische Abteilung um 1260 Bände, die naturwissenschaftliche und mathematische Abteilung um 700 Bände vermehrt. Die Bibliothek erhält regelmäßig über 1500 Zeitungen und Zeitschriften. Bismarcks Jüdisches Biut Der 1914 im Kyffhäuser-Verlag München erschienene Semi-Gotha hat bekanntlich eine Ahnentafel der Familie Bismarck aufgestellt, aus der hervorgeht, daß die 1851 zu Triest geborene Ehefrau des Grafen Georg Hoyos, Alice, geb. Whitehead, die Schwiegermutter des Fürsten Herbert Bismarck und mütterliche Großmutter des früheren deutschnationalen Abgeordneten und jetzigen Förderers der nationalsozialistischen Partei Fürsten Otto, der wegen seiner antistaatlichen Betätigung von seinem Posten als Landrat enthoben worden war, einer englischen Familie entstamme, «deren Chef Sir James Whitehead die Stelle eines Kultusvorstandes der israelitischen Gemeinde in London bekleidete*. Auch von mütterlicher Seite floß der Gräfin Hoyos jüdisches Blut zu. Die Hitler-Presse und der von Dr. Goebbels redigierte «Angriff* nehmen nun gegen den Semi-Gotha Stellung und werfen ihm vor, daß er mehrere deutsche Adelsfamilien geschädigt habe, indem er ihnen nachsagt, daß jüdisches Blut in ihren Adern fließt. Sie sprechen den Wunsch nach einer Neuredigierung des Semi-Gotha zugunsten vieler Adelsfamilien, die jetzt im Hitler-Lager stehen oder die Hitler- Bewegung unterstützen, aus. Wieviel Juden jlbt es? Die «Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden» bringt eine von Raymond Pearl, Leiter des Biologischen Instituts an der J. Kopkih-Universität, hergestellte Statistik der Bevölkerung der Erde, wonach der gegenwärtige Stand der Menschheit auf 1.849,500.000 Seelen bemessen wird. Die jüdische Bevölkerung ist an dieser Gesamtheit mit nur 0.8 Prozent beteiligt. Den 0.8 Prozent Juden stehen 36.9 Prozent Christen und 623 Prozent Nichtchristen gegenüber. Djen absoluten Stand des Gesamtjudentums gibt Raymond ^earl mit 15,630.000 Seelen an. Rassenmischunj bei Duden und Nichtjuden Am Montag, den 1. Juni, hielt der Direktor des Instituts für physische Anthropologie der Universität Frankfurt a. M. Prof. Dr. Franz Weidenreich aut Einladung der Gesellschaft für jüdische Familienforschung im Brüdervereinshaus zu Berlin einen Vortrag über das 1 hema «Rassenmischung bei Juden und Nichtjuden in alter und neuer Zeit». Professor Weidenreich bemerkte einleitend, man müsse sich darüber klar sein, daß es Rassen und Rassenunterschiede gebe, wenn es auch manchmal schwer falle, sie auseinanderzunalten. Auch entspreche das von den Anthropologen als besonders charakteristisch herausgehobene Repräsentativbild einer Rasse durchaus nicht dem Durchschnitt einer solchen Bevölkerungsgruppe. An der Hand eines reichen Lichtbildmaterials zeigte der Vortragende, daß die besonderen Eigentümlichkeiten des jüdischen Typus in einer Mischung von Merkmalen der vorderasiatischen, orientalischen und mediterranen Rasse bestehen und daß dieser jüdische Typus mehr oder weniger deutlich auch bei Angehörigen anderer Volksgruppen der Gegenwart und der Vergangenheit, sogar bei bsdern und Japanern auftritt. Den vorderasiatisch-orientalischen Typ, wie ihn die Juden besitzen, zeigen auch die erhaltenen Abbildungen sumerischer, altgriechischer und etruskischer Köpfe, also der Angehörigen von Völkern, die die großen antiken Kulturen geschaffen haben. Dagegen müsse man mit der Laterne suchen, um unter den Trägern der Kulturen des Altertums und auch unter hervorragenden späteren Repräsentanten des geistigen Lebens Menschen nordischen Typs zu finden. Die Unrichtigkeit der von den antisemitischen Rassentheoretikern aufgestellten Behauptung, daß aller Kulturfortschritt auf den Einfluß der nordischen Rasse zurückzuführen sei, lasse sich somit leicht nach* weisen, wenn man auch nicht in den Fehler verfallen dürfe, nunmehr in entgegengesetzter Weise kulturschöpferische Fähigkeit ausschließlich den Vertretern des vorderasiatischorientalischen Typs zu zuschreiben. Eine ura'le Synagoge ausgegraben Dr. Vlada Petrovic, Direktor des Nationalmuseums in Belgrad, der mit einer wissenschaftlichen Expedition das Trümmerfeld der einstigen Römerstadt Sfoba in Sildserbien durchforschte, hat dort eine Synagoge mit Bad ausgegraben. Dieser archäologische Fund wird als außerordentlich wichtige wissenschaftliche Entdeckung bewertet. Das Synagogengebäude ist gegen Süden gerichtet und bat an der Eingangs* Seite ein Peristyt. Auf einer Säule des Peristyis wurde eine 32zeilige griechische Inschrift entdeckt. Es wird angenommen, daß diese Inschrift aus der klassischen Römerzeit stammt. In der Inschrift wird ein angesehener Burger, Tiberius PolyJ—.rmos, Haupt Synagoge und der Juden, welcher Häuser und das Peristyi «dieser heiligen Stätte in Stoba*' geschenkt hatte, erwähnt. Da einige Säulenkapitäle des Peristyis mit Kreuzen versehen sind, neigt man zur Annahme, daß die ursprünglich jüdische Kultstätte später in eine christliche Kirche umgewandelt worden war. Für das Problem über den Ursprung der christlichen Basilika hat die Entdeckung der Synagoge von Stoba große Bedeutung, denn sie kann als Beweis gelten, daß die Basilika-Form sich aus der Synagoge entwickelt hat. Die zwei Ma&idim Zwei Maggidim (Wanderprediger) kamen gleichzeitig in eine Kehilia, ein alter und ein junger. Der junge Maggid ging rasch zum Kultusvorsteher und erhielt die Erlaubnis, am nächsten Tage in der Synagoge zu predigen. Der alte Maggid traf den Kultusvorsteher nicht mehr zu Hause an und wurde von dessen Frau an den Stellvertreter des Kultusvorstehers gewiesen, der ohne weiteres dem Maggid erlaubte, am nächsten Tage zu predigen. Die beiden Maggidim wohnten im gleichen Hotel Tür an Tür. Der junge Maggid begann, laut seine Predigt auswendig zu lernen. Der alte Maggid im Nebenzimmer war zunächst über die Störung ungehalten, dann lauschte er andächtig und fand, daß sein junger Konkurrent eine ausgezeichnete Predigt memorierte, besser als alle, die er selbst seit Jahren ständig am Programm hatte. Der junge Maggid lernte unermüdlich und laut seine Predigt bis zum Morgengrauen, der alte Maggid horchte unentwegt und sprach leise mit, so lange, bis er die Predigt auswendig wußte. In der Synagoge gab es am nächsten Tag eine gewaltige Aufregung, als plötzlich zwei Maggidim predigen wollten. Schließlich einigte man sich dahin, daß beide sprechen sollte, zuerst der ältere und dann der jüngere. Der ältere Maggid begann, und dem jüngeren standen die Haare zu Berge, als er seine eigene Predigt vernahm, die er die ganze Nacht hindurch gelernt hatte. Was tun? Er war Anfänger, und eine zweite Predigt hatte er nicht vorbereitet. Er grübelte und grübelte, der Schweiß rann ihm von der Stirne, er wollte schon davonlaufen. Da beendete eben der alte Maggid seine Predigt, und der unglückliche Anfänger stand mit schlotternden Knien da und mußte beginnen. Im letzten Augenblick hatte er eine herrliche Idee. Seine Gestalt straffte sich, und mit der größten Seelenruhe begann er seine eigene und einzige Predigt die der alte Magdid soeben beendet hatte. Die Gemeinde stutzte, und als sie erkannte, daß der junge Maggid dieselbe Predigt wie der alte Maggid hielt, ging eine gewaltige Bewegung durch die Zuhörer: «So ein Kopf, er hört einmal eine Predigt und schon kann er sie auswendig. Ein Wunder, ein Wunder!» Der alte Maggid wa* geschlagen und der junge der Held des Tages. Der fccMsport bei den Juden Im Mlheiatter . Im Mittelalter war es den Juden im allgemeinen verboten, Waffen zu tragen. Trotzdem finden sich Nachrichten darüber, daß es auch die Juden vielfach verstanden, mit Waffen umzugehen. Von den böhmischen Juden , wird berichtet, daß sie bewaffnet einhergingen; von den spanischen, daß sie sich im Fechtspiel übten, um mit dem König und seinem Heere in den Krieg zu ziehen; von den Wormser Juden, daß sie, als die Stadt belagert wurde, gemäß der Entscheidung des Rabbi Eleasar selbst am Sabbat die Waffen ergreifen durften, um der Bürgerschaft Beistand zu leisten. Die Schöppenchronik von Magdeburg erzählt von einem im Jahre 1386 zu Weißenfels von Juden veranstalteten Turnier, «wo die Juden stachen und tornierten und da der Hof zerginge, da wurden die fremden Juden auf ihrer Heimat verhalten von Claus von Trote und Koler von Krosnik und nahmen ihnen gross Gut.» philanthropische Leistungen der amerikanischen Judenheit Aus eben veröffentlichten amtlichen Aufstellungen geht hervor, daß von dem Gesamtbeträge von 142,082.670 Dollar, die im Jahre 1930 in den Vereinigten Staaten in Spenden der mindestens einer Million Dollar von Einzelpersonen und Stiftungen philanthropischen Zwecken zugeführt wurde, 35,470.020 Dollar oder 25 Prozent von jüdischen Persönlichkeiten und Institutionen stammen. Auch die drittgrößte und viertgrößte Spende des Jahres wurde von Juden gemacht: Maurice Falk hat 10 Millionen, der verstorbene Conrad Hubert 8,750.000 Dollar im Jahre 1930 philanthropischen Zwecken gewidmet. Nachstehend die Liste der jüdischen Persönlichkeiten, die im Jahre 1930 Spenden von einer Million Dollar und darüber für wohltätige Zwecke gemacht haben: Max Adler (eine Million Dollar für ein Planetarium in Chicago), Louis Bamberger und Frau Felix Fuld (5 Millionen Dollar für ein Institut für höhere Studien in Newark), Max Epstein (eine Million Dollar für ein Kunstmuseum an der Universität Chicago), Maurice Falk (10 Millionen für die Pittsburger Wohlfahrtsstiftung), Daniel Guggenheim (IX Millionen letztwillig für die Daniel und Florence Guggenheim-Stiftung), Conrad Hubert (8,750.000 Dollar letztwillig für sieben verschiedene Wohlfahrtszwecke), Ralph Jonas (eise Million Dollar für die Vereinigten jüdischen Wohlfahrtsorganisationen von New York und Brooklyn), Jules Mastbaum (2 Millionen für das Rodin-Museum iri Philadelphia), Harry H. Meyer (2,470.220 Dollar letztwillig für das Montefiore-Spitäl in Pittsburg und das Mount Sinai-Spital in New York), Julius Rosenwald (2,550.000 Dollar für drei Wohlfahrtszwecke) und Morris Schinasi (eine Million Dollar letztwillig für ein Spital in Konstantinopel). Niedergang des Judentums In der Türkei Seit dem Ende des Weltkrieges befindet sich das Judentum in der Türkei in einer traurigen Lage. Die wirtschaftliche Depression, die Steuerpraxis, die offenkundig gegen die Juden sich austobt, und religiöse Intoleranz führen dazu, daß es vielfach nicht möglich ist, das Leben der jüdischen Gemeinden aufrecht zu erhalten. Viele jüdische Schulen und Organisationen stehen vor dem Ruin. Die Auswanderungsbewegung nimmt ständig zu. Man schätzt, daß die jüdische Bevölkerung der Türkei in den letzten 10 Jahren von 140.000 Seelen auf 80.000 Seelen gefallen ist. Die türkische Regierung erlaubt den jüdischen Schulen nicht mehr die Auswahl ihrer Lehrer, sie erzwingt vielmehr die Anstellung von schlecht ausgebildeten türkischen Lehrern, deren Gehalt die doppelte Höhe eines normalen Lehrergehaltes hat. Die Regierung verbietet auch den Unterricht in fremden Sprachen und erlaubt nur zwei Wochenstunden für den Unterricht in der jüdischen Religion. So werden jüdische Kinder in nichtjüdische Schulen gepreßt, wo sie den täglichen Angriffen der türkisch-nationalistischen Jugend ausgesetzt sind. Die Türkei ist auf dem besten Wege, die Sympathien des Weltjudentums zu verlieren. Das Benehmen der Türkei gegenüber den Juden im Mittelalter und bis zum Beginn ues Weltkrieges bildet ein Ruhmesblatt der türkischen Geschichte. Es wäre zu wünschen, daß sich die Türkei auf ihre Tradition besinnt und ihren jüdischen Bürgern Gerechtigkeit angedeihen läßt. Kleine Nachrichten aus Palästina Die arabische Exekutive und die paläetineneisehe Volkszählung. Die arabische Exekutive hat einen Aufruf an alle Araber, einschließlich der Beduinen, erlassen, an der bevorstehenden Volkszählung in Palästina teilzunehmen. Die arabische Presse behauptet, die Jaden seien gegen die Volkszählung, weil sie befürchten, daß durch diese offenbar werden würde, welch kleine Minorität im Lande sie daratellen. Fußballspiel am Sabbat. In der Frage der Fußballwettsplele an Sabbathtagea bat der Waod Leumi die Entscheidung getroffen, daß dem jüdischen Sportklub Makkabi die Austragung von Wettspielen' an Sonnabenden unter der Voraussetzung gestattet werden soll, daß an diesen Tagen kein Kartenverkauf stattfindet und auf dem Spielfeld nicht geraucht wird. Die AgudaUl Israel hat sich mit dieser Regelung nicht zufriedengegeben, sondern dem High Commissioner Sir John Chancellor eia Memorandum überreicht, ln dem die Erlassung eines Gesetzes, durch das Wettspiele am Sabbath verboten werden, gefordert wird. Auch die Oberrabbiner von Jerusalem haben dem Sportklub Makkabi mitgeteilt, daß sie gegen Fußballspiele am Sabbath Einspruch erheben. Einwanderer aus Moeaul an der Grenze festgehalten. 38 Juden aus Mossul, die, über Damaskus-kommend, die Nordgrenze Palästinas überschritten hatten, wurden, da sie keine Visa besaßen, ln Rosch Pinah verhaftet und zwangsweise an die syrische Grenze gebracht. Da ihnen jedoch von den französischen Behörden der Rückttbertritt auf syrische« Gebiet verweigert wurde, müssen sich die Auswanderer vorläufig im Grenzgebiet aufhalten, wo sie Hunger und Not preisgegeben sind. Protest der arabischen Frauenorganisation gegen den Spruoh der Klagemauerkommisoion. Die arabische Frauenorganisation hat an den Völkerbund und das Kolonlalamt Telegramme gerichtet, ln denen gegen den Spruch der Klagemauerkommisslon Protest erhoben wird. Es wird erklärt, die Durchführung der ln der Entscheidung vorgesehenen Maßnahmen würden Unruhen zur Folge haben. Chaneellor-ßtraße statt 3tr«us-8tra6a in Jerusalam. Die Umbenennung der Nathan Straus-Straße zu Jerusalem, in der dos Straus-Gesundheitszentrum steht, in Chancellor-Straße, hat ln jüdischen Kreisen lebhaften Unwillen erregt Es wird darauf hingewiesen, daß es entsprechend der palästinensischen Tradition, Straflien nicht nach lebenden Persönlichkeiten za benennen, auch keine Plumerstraße oder Samuelstraße ln Palästina gibt Daß nunmehr die Straus- Straße, die einzige nach einem amerikanischen Juden benannte Straße Palästinas in Chancellor-Straße umbenannt wurde, und damit den Namen einer Persönlichkeit tragen soll, die nicht nur noch am Leben Ist, sondern sogar noch lm aktiven Dienst steht, wird als ein krasser Bruch mit der bisherigen Tradition und alB Beweis für die in den Kreisen der Palästina-Regierung bestehende Animosität gegen die Juden angesehen. Die provisorischen Straßentafeln, die den neuen Namen der Straße tragen, wurden Montag Nacht, zvröli Stunden nach ihrer Anbringung, von anbekannten Tätern besudelt. Beschädigung jüdischer Baumpflanzungen In Palästina. Jerusalem. (J. T. A.) In der Jüdischen Kolonie Karkur und auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds im Gebiet der Uaifabucht wurden von unbekannten Tätern abermals eine Anzahl von Bäumen entwurzelt Derart*«* Fälle von Vandalismus sind in der letzten Zelt in Palhstinn häufig geworden. Freilassung der vsrhaftstsn jildiaohen Arbeiter, Jerusalem, 29. Juni. (J. T. A.) Die im Zusammenhanf mit einer Demonstration für das Recht' der Juden auf Beteiligung an den Straßenbauarbeiten in Afuleh verhafteten zwölf jüdischen Arbeiter wurden nach Erlag einer Kautloft auf freien Fuß gesetzt . , i <