Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-07-03 · Heft 182 (3.7.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 182 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053936--2434-3057862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIB STIMME Seit* 7 Nr. 182 — 3. Juli 1931 „Wir werden uns zur Wehr setzen!“ Große Protestkundgebung der jüdischen Studentenschaft gegen die Universitätsexzesse Samstag, den 27. Juni, abends, fand im Saale des Hotel Post eine Massenprotestversa'mmlung der jüdischen Studenten Wiens statt, die sich gegen di« unerhörten Universitätsexzesse der vergangenen Woche richtete. Vorweg sei gesagt: die Versammlung hatte Niveau und zeugte von deth festen Entschluß der jüdischen Studentenschaft, ihrer bisherigen Passivität Abkehr zu tun und künftighin den hakenkreuzlerischen Radaubrüdern die Antwort zu erteilen; die sie verdienen. Wir wollen hoffen, daß es nicht'bei Worten bleiben ''wird, und daß für den Fall einer Wiederholung der Exzesse, die in Anbetracht der in Wien herrschenden Zustände leider nicht ausgeschlossen erscheint, die jüdischen Studenten entsprechend reagieren werden. Dies Verhalten werden die jüdischen Studenten um so eher einnehmen können, als die Vertreter der jüdischen Bürgerschaft,, die an der Protestversammlung teilgenommen und in ihr gesprochen haben, die Studentenschaft ihrer Unterstützung' in jeder Beziehung versicherten. Die Versammlung selbst verlief in: vollster Ruhe. Bemerkenswert Ist es nur, daß einige Hakenkrenzler, offenkundig um zu stänkern, - der Versammlung teilgenommen haben. Zum Schluß jedoch wurden sie erkannt, zur Ausweisleistung aufgefordert und dann aus dem Saale gewiesen. Eingeleitet wurde die Protestversammlung durch den Präsidenten des jüdischen Hochschulausschusses, Dezsö Weisz, der, ohne die Tatsachen zu beschönigen," offen seiner Empörung über die Haltung der jüdischen Studentenschaft Ausdruck gab. «Die Juden sind an der Universität eine Minorität von 30 Prozent. Eine solche Minorität darf sich nicht verprügeln lassen, oder wenigstens nicht s o verprügeln lassen. Die heutige Protestversammlung ist nicht nur dazu da, um gegen die schändlichen Untaten der Hakenkreuzler zu protestieren, sondern auch, um eine Aenderung im Verhalten und im Geiste der jüdischen Studentenschaft herbeizuführen, » sagte Herr Weisz unter anderem. Hierauf schilderte Dr. Willy Perl die Vorfälle an der Universität. «Die letzten Krawalle,» führte er aus, «unterscheiden sich von den früheren erstens durch ihre b e s oändere Brutalität, zweitens durch die weitgehendste Duldung seitens des Rektorat e s.» Der Redner rekapituliert kurz die allgemein bekannten Vorfälle und bezeichnet die Erklärung deS Rektors, "er hätte nicht gewußt, daß es zu Ausschreitungen kommen werde, als unwahr. Antisemitische Ueberfälle hätte es auch gegeben, wäre der Spruch des Verfassungsgerichtshofes im Sinne ‘ der Gleispachschen Studentenordnung ausgefallen, denn dann hätten die Herren Hakenkreuzler eine Siegesfeier in der Aula veranstaltet, die natürlich hätte judenrein sein müssen — das Uebrige ergibt sich von selbst. Achtzehn jüdische Studenten wurden schwer verletzt. Sie wurden durchwegs einzeln von einer mit Stahlruten und Gummiknüppeln bewaffneten Meute überfallen. Studentinnen wurden die Treppen, hinuntergeworfen. Bemerkenswert Ist, daß, trotzdem die Exzesse ununterbrochen von zehn Uhr vormittags bis drei Uhr nachmittags gedauert haben, die Universität in den frühen Nachmittagsstunden noch nicht gesperrt war. Zweieinhalb Stunden lang waren vor der Universität Plakate mit den aufreizenden Inschriften «Juda verrecke», und «Juden ist der Eintritt verboten» angebracht Die Versuche des jüdischen Hochschulausschusses, sich mit dem Rektorate telephonisch in Verbindung zu setzen, schlugen fehl. Die Antwort, die ein Rektoratsbeamter telephonisch erteilte, Seine Magnifizenz wäre nicht im Gebäude^ erwies sich als eine plumpe Lüge, denn zur selben Zeit hielt der Rektor gerade an die Nationalsozialisten eine Trostahsprache in der Aula. Aber es geht nicht nur um die Hiebe. Vielleicht noch wichtiger ist der moralische Eindruck, die Erinnerung, von einer Meute gehetzt worden zu sein, die den Opfern bleiben wird. Das darf nicht mehr Vorkommen. Wir dürfen es ln der Zukunft nicht zufassen, daß man einen einzelnen überfalle. Wir versprechen uns nicht viel von Protesten. Wir verzichten auf einen schriftlichen Protest bei den akademischen Behörden. Aber wir erklären hier vor aller Welt: Wir werden alle möglichen . Mittel ergreifen, um ln Zukunft anders zu reagieren. Für die Körper- und Sachschaden werden wir die Universität zivilrechtlich belangen. Wir . werden. alle gesetzlichen Maßnahmen gebrauchen, die uns nur zu Gebote stehen werden. Wir werden uns zur Wehr setzen und für unsere Studenten Waffenpässe verlangen, denn, das Verweilen an der Universität ist mit Lebensgefahr verbunden. Den Prozeß werden wir wahrscheinlich verlieren; die Waffenpässe wird man uns wahrscheinlich nicht ausfolgen. Dann werden wir wenigstens Gelegenheit haben, die Angelegenheit öffentlich breitzutreten. Und schließlich wird uns das Recht der Notwehr bleiben, von dem wir in ausgiebigstem Maße Gebrauch machen werden. Das kann uns niemand verwehren. Ein - Selbstschutz der jüdischen- Studentenschaft wird entstehen und allen beweisen, daß die jüdische Studentenschaft auch zu kämpfen versteht und dem jüdischen Volke Ehre bringen wird.» Präsident Weisz begrüßt dann herzlich den anwesenden Prof. Geiger und gibt bei dieser Gelegenheit seiner Entrüstung darüber Ausdruck, daß keiner der jüdischen Dozenten es für nötig erachtet hatte, der jüdischen Studentenschaft seine Sympathie kundzugeben und der Protestversammlung beizuwohnen. Der nächste Redner, Oberrabbinerstellvertreter Dr. David Feuchtwang, erhebt gegen die meuchelmörderischen Untaten der Hakenkreuzler und die kulturschänderischen Förderer dieser Untaten vor aller Welt und’ypr allen Menschen, die noch Empfindung für .Wahrheit und Gerechtigkeit haben,' feierlichen Protest. Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landeskommitees, der hierauf das Wort nimmt, erinnert an die Zeit der Kämpfe gegen das Waidhofener Prinzip. Damals, vor zwanzig Jahren, hatte die jüdische Studentenschaft geschworen, so lange gegen das Waidhofener Prinzip zu kämpfen, als nur ein einziger jüdischer Student in der Aula sein werde. Leider hat die heutige jüdische Studentenschaft diesen Geist nicht bewahrt Wenn man die Minorität ist, kann man unterliegen, aber man darf kein lächerlicher Gegner sein. Es gilt also, sich physisch und psychisch zur Wehr zu setzen. Der Redner gibt seiner Zufriedenheit darüber Ausdruck, daß die jüdische Studentenschaft nicht in die Schlinge gegangen ist, die ihr das Rektorat gelegt hat. Das Danaergeschenk einer nach Rassen organisierten Studentenordnung durften die jüdischen Studenten nicht annehmen, und es ist gut, daß sie es nicht angenommen haben. Heute zwingt die Zeit den jüdischen Studenten in das jüdischnationale Lager. Aber jüdischnational heißt nicht nationalistisch, sondern heißt, die tiefe Verbundenheit mit dem jüdischen Volke erkennen. Einigkeit tut not. Wenn die zustande kommen wird, braucht uns um die Zukunft nicht zu bangen. Hierauf spricht als Vertreter des Ringes der Aite- Herren-Verbände Herr Dr. Paul Stern, der ebenfalls die Nichtannahme der Studentenordnung durch die jüdischen Studenten . gutheißt. Gegen die jetzigen Exzesse gibt es rtür eine einzige Abwehr: Selbstschutz. Er versichert den jüdischen Studenten, daß alle jüdischen Akademiker hinter ihnen stehen und sie in jeder Beziehung unterstützen werden. Als letzter Redner spricht Dr. Josef L ö w e n h e r z, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde: «Sofort nach den Exzessen hat der Kultusvorstand eine Protestkundgebung gegen die Universitätskrawalle erlassen, welche die Zustimmung des ganzen jüdischen Wien gefunden hat. Wir stehen alle, ohne Rücksicht auf Parteiunterschiede, geschlossen hinter der jüdischen Studentenschaft. Die amerikanische Liga zum Schutze der ausländischen Studenten in Wien hat eine scharfe Protestnote gegen die Hochschulkrawalle an der Universität abgefaßt und Abschriften davon an die Adresse des Präsidenten Hoover, an die österreichische Regierung, an den Rektor und das Professoren-Koilegium der Wiener Universität, an den amerikanischen Gesandten in Wien, an die großen Zeitungskonzerne, an die Rotarier und andere gewichtige Institutionen und Persönlichkeiten gerichtet. Die Protestnote hat folgenden Wortlaut: «Wir, die Unterzeichneten Amerikane *, protestieren hiermit gegen die wiederholten Angriffe auf ausländische Minoritäten, wie gegen Ungarn, Polen, Juden, an der Wiener Universität. Wir sind hierher gekommen voll von Bewunderung und Respekt für die österreichische Kultur. Durch die Auswüchse, die wir miterleben mußten, sind wir aber auf daß tiefste empört und bedauern, daß auch die übrige Kulturwelt von diesen Vorgängen Kenntnis nehmen und in gleicher Weise entsetzt sein wird. Die Familien Passweg und üottesmaan danken auf diesem Wege allen Freunden und Gesinnungsgenossen für die Beweise liebevoller Teilnahme an ihrem Schmerze anläßlich des Ablebens des unvergeßlichen Dp. Oslos Bottesmann Das Präsidium der Kultusgemeinde hat wegen der antisemitischen Plakate interveniert, und mit Erfolg. Polizeivizepräsident Dr. Brandt ist selbst zur Universität hingefahren und hat uns zehn Minuten später davon verständigt, daß die Plakate entfernt worden sind.» Der Redner vergleicht dann die Zeit von vor zwanzig Jahren mit heute. Die wehrhaften Verbände hatten ihr historisches Recht. Sie haben bewiesen, daß die für ehrlos erklärten jüdischen Studenten Ehre haben und ihre Ehre zu verteidigen verstehen. Der Zynismus der Universitätsbehörden, eines Rektors, der seinerzeit erklärt hatte, daß er doch nicht «hinter jeden jüdischen Studenten einen Pedell stellen könne», verdient entsprechend gebrandmarkt zu werden. Der Mißbrauch des heüigen akademischen Bodens dürfe in Hinkunft nicht geduldet werden und die Kultusgemeinde werde in dieser Richtung ihre Forderungen steHen. Die jüdische Studentenschaft solle keine Exzesse provozieren, aber sie müsse geschlossen sein, und dann würde sie sich Respekt erkämpfen können. Die jüdische Studentenschaft könne versichert sein, daß hinter ihr das gesamte Judentum Wiens unter Führung des Kultusvorstandes stehe und daß es sie in ihrem Kampfe um die gerechte Sache unterstützen werde. Zum Schlüsse wurden folgende Resolutionen per Akklamation angenommen: Die versammelten jüdischen Bürger und Studenten Wiens protestieren energisch gegen die barbarischen Ueberfälle auf jüdische Studenten, die von den antisemitischen Banden blutig geschlagen wurden. Die jüdische Studentenschaft und die Juden Wiens werden sich in Zukunft gegen solche Ueberfälle zu wehren wissen. Einstimmiger Beschluß: Tretet einmütig für die Ehre der jüdischen Studentenschaft ein, die ja die Ehre des ganzen jüdischen Volkes ist! Verlanget Genugtuung für die erlittenen moralischen Schäden! Die jüdischen Bürger Wiens stehen geschlossen hinter der jüdischen Studentenschaft. Die am 27. Juni 1931 im Hotel Post in Wien anläßlich einer Protestversammlung gegen die antisemitischen Vorfälle an den Wiener Hochschulen anwesenden jüdischen Bürger und jüdischen Studenten Wiens fordern die Umwandlung der Universität in Jerusalem in ein Lehrinstitut, das befähigt ist, die jüdischen Studenten wie an europäischen Hochschulen auszubilden und ihnen akademischen Grad zu verleihen. Ebenso verlangen sie die Erhaltung und Ausgestaltung des Technikums in Haifa als Technische Hochschule, die geeignet ist, Ingenieure vollkommen auszubilden. Die verfolgte jüdische Studentenschaft des Galuth muß in Erez Israel Hochschulen haben, wo sie frei! und ungehindert auf Heimatboden zu studieren und die Grundlage für ihre Zukunft sich zu verschaffen in der Lage ist. Als amerikanische Bürger protestieren wir gegen die Feigheit, Unmenschlichkeit und den Mangel an Sportgeist (nach angelsächsischen Begriffen der schwerste Vorwurf, der gemacht werden kann. Die Redaktion), daß einzelne fremde Studenten von fünfzig- bis hundertköpfigen Banden attackiert werden. Wir waren Zeugen, wie ausländische Studenten mitleidslos verprügelt wurden. Sogar Frauen wurden verletzt. Wir protestieren gegen das kulturelle Unikum, daß der Rektor und Leiter einer Universität es verabsäumt, diese Opfer zu verteidigen, daß er vielmehr seinen eigenen Studenten den Eintritt in die Universität verbietet und es der Polizei untersagt, den Angegriffenen zu Hilfe zu eilen. Wir protestieren dagegen, daß ein solcher Mann im Amte verbleiben darf. Wir protestieren auch gegen das Verhalten der Polizei, die stets im vorhinein Kenntnis von solchen Attacken erhält. Seltsamerweise kommt sie aber immer zu spät und verabsäumt es, die Situation mit der notwendigen Energie ln die Hand zu nehmen. Diejenigen, die festgenommen werden, werden ohne Bestrafung wieder entlassen. Wir verlangen besseren Schutz von Seiten der verständigen, die vier Millionen Amerikaner vertritt, die an diesem Problem interessiert sind. Wir verständigen auch davon andere amerikanische Organisationen und Philantropen, welche die Wiener Universität unterstützt haben, ohne von der Parteilichkeit, der Grausamkeit und dem Vorurteil ihrer Führung und gewisser Professoren Kenntnis zu haben. Wir verständigen auch andere Körperschaften, wie die amerikanische Legion der Kriegsteilnehmer, die uns sicherlich in dem Kampf Scharfe Protestnote amerikanischer Staatsbürger in Wien gegen die Hochschulexzesse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.