Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 182 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 182 — 3. Juli 1931 OIE STIMME Seite 5 XVII. und XXVII. In Basel tagt zum siebzchntenmal das Parlament des jüdischen Volkes; im Volke wird die latente Trauer um den Tod des großen Führers zum siebenundzwanzigsten Male akut. Am zwanzigsten Thamus wird der Kongreß inmitten seiner Beratungen stehen; am zwanzigsten Thamus kehrt Theodors Herzls Todestag wieder. So reichen sich Leben und Vergangenheit, Gegenwart und Tod die Hand. Die Gegenwart ist trüb, die Zukunft ungewiß, die überdimensionale Gestalt des unsterblichen Toten leuchtet jedoch auch heute und wird immer leuchten. Wie würden wir Ihn brauchen! Heute, im Parteienhader, heute, in der Zerrissenheit, heute, inmitten einer Welt von Feinden. Wie würden wir den, der vor siebenundzwanzig Jahren starb, gerade dort brauchen, wo jetzt seine Schöpfung, der Kongreß, zum siebzehnten Male tagt! Er starb zu früh, lange bevor er sein Lebensziel erreichte. Er starb im Kampfe um sein Volk. Er starb und überließ uns ein Erbe: die Organisation, den Kongreß, die lebendige, unaufhaltsame Idee. Diese Idee der Einheit, des Zionsglaubens und der Renaissance, muß auch jetzt neu gekräftigty weiter entfaltet werden. In Basel tagte Theodor Herzls erster Kongreß. In Basel beratet um den Kaf Thamus das jüdische Volksparlament zum siebzehntenmal. Noch nie hat dieser Tag so verpflichtet wie heuer. Noch nie war Theodor Herzls großes Wort ein derart kategorischer Imperativ: «Wir sind ein Volk, e i n Volk! ...» w. Die einst um Herzt waren Von S. P i,c k e r. Um die Entwicklung von Ideen und Bewegungen ist es wahrscheinlich stets anders bestellt, als es im Ursprung vorausbedacht war; selbst da, wo diese Entwicklung eine günstige Wendung nahm. Auch die Menschen, die beim Ursprung der Bewegung Pate standen, werden oft an die Peripherie abgedrängt oder gar verdrängt. In der Regel ist es indessen nicht die Bewegung, die diesen Veteranen Unrecht tut; das Gegenteil ist der Fall. Da sie sich nicht mehr dareinfinden, ziehen sie sich oft zurück, sehr oft zum großen Schaden des Ganzen. Eben brachte uns ein alter Zionist, einer von den Chowewe Zion, Lipmann Rosenthal, einen charakteristischen Fall in Erinnerung (in der «Hazefirah»). Wir haben unlängst vom Tode des Prof. Chawkyn in der Schweiz gehört, dieses weltberühmten Gelehrten, der seinen sehr beträchtlichen Nachlaß ausschließlich für die Förderung von Jeschiwoth orthodoxester Observanz vermachte. Chawkyn, der ein Menschenalter hindurch nur in der großen Welt gelebt hat, wollte am Ende doch seinem Volke durch eine so geartete Stiftung dienen, während er an Erez Israel gar nicht dachte, und dennoch hatte er, wie Rosenthal erzählt, schon bei der Entstehung der Chibath-Zion mitgewirkt, . Propagandareisen etc. unternommen. Was diesen Mann späterhin davon abhielt, den Zionismus auch in seiner Blüte weiter zu verfolgen — es bleibt ein Rätsel der Entwicklungsgeschichte von Menschen und Bewegungen. In den Bereich dieser Erscheinung, die an sich vielleicht tragisch sein mag, jedoch anscheinend unumgänglich ist, gehört es, daß aus dem Kreise der Wiener Mitarbeiter Herzls kaum jemand, eigentlich niemand, auf den letzten Kongressen zu sehen war. Mutet es doch wehmütig an, von diesen Herren überhaupt selten zu hören. Nicht unangebracht scheint es nun, die jüngere Generation mit einigen von ihnen wieder bekannt . zu machen. Da ist nun der jüngste dieses Kreises, der seinerzeitige Präsident der großösterreichischen zionistischen Organisation unmittelbar nach Herzls Abgang Doktor Isidor Schalit, der übrigens vor kurzem seinen 60. Geburtstag feierte. Welche Agilität entfaltete der junge Schallt einst, noch vor Herzls Auftauchen, als er, zusammen mit dem alten Bierer (der, über neunzig Jahre alt, jetzt in Lemberg lebt und dessen Sohn und Enkel bekannte Zionisten sind), mit Schnirer und Birnbaum unter Assistenz Brainins und auch Smolenskys, die erste zionistisch-akademische Verbindung «Kadimah» ins Leben rief! Schalit war die rechte Hand Herzls, der Organisator des ersten Kongresses u. a. Er führte eine zionistische Aerzteexpeditiön in den türkisch-griechi- »chen Krieg. Später kandidierte er als erster in West- Oesterreich für das Wiener Parlament. Heute lebt er zurückgezogen — als Gekränkter und Verärgerter. Etwas mehr Konnex mit der Bewegung behielt bis jetzt der Senior des Wiener Kreises um Herzl, der 82jährige Joh. Kremenezky, der bekanntlich in Erez Israel ein ziemlich bedeutendes Kapital investiert hat. Er war es, der die Gründung des INF. in seinem Referate auf den 4. Kongreß geradezu erflehte (da sich Hindernisse entgegenstemmten), worauf er die Leitung der Nationalfonds-Bureaus bis zu deren Uebersiedlung von Wien nach Köln ehrenamtlich innehatte. Bis heute ein weit und breit geachteter Großindustrieller, auf dessen Wort man im öffentlichen Leben gerne hört (die Stadt Wien ernannte ihn zum Ehrenbürger), wurde er, seitdem am 15. Kongreß die Leitung des KKL. fortab nur nach einem Parteienschlüssel besetzt wurde, von jedem Einfluß in der zionistischen Führung abgeschnitten. Noch handelt es sich bei den Oberwähnten nicht um den Typus jener Mitarbeiter Herzls, die seit dessen Ableben sich in völlige Passivität begaben. Um die wichtigsten unter den Ueberlebenden auch dieser Art herauszugreifen, seien einige genannt. Ungeklärt und ganz unbegreiflich auch für Kenner der Verhältnisse ist es, daß Dr. Schnirer, ein Mitglied des ersten Aktionskomitees, der sonst in Wien, namentlich in medizinischen Kreisen, eine ansehnliche Rolle spielt, zum Beispiel als Redakteur des Aerzte-Kalenders, sich die ganzen Jahre über in einer solch starren Reserviertheit zum Zionismus verhalten hat. Daß Dr. Alexander Mintz, ebenfalls ein Mitglied des ersten Aktionskomitees, in juridischen Kreisen ein M'ann von Namen, höchstens noch eine KKL.-Büchse hält, ist eine Exemplifikation zu jener Bemerkung. Heißt es doch in den ersten Kapiteln der Herzischen Tagebücher, daß Dr. Mintz «nichts tut, als daß er schmollt». Er ist nun ein dauernd Unzufriedener geblieben. Es könnte noch des sympathischen Samuely, des Sekretärs Herzls, Erwähnung getan werden, der aber nur aus faktischer Altersschwäche jetzt nicht in Erscheinung tritt. Wie vorausbemerkt, handelt es sich hier lediglich um in Wien Lebende und Ueberlebende. Ein naher Mitarbeiter Herzls, der immer aktiv geblieben ist. Dr. Michael Berkovicz, wohnt jedoch schon lange in Bielitz. Aus dem Rahmen dieser Schilderung müssen ferner auch Namen solcher entfallen, die der Bewegung den Rücken gekehrt haben, wie Dr. S. R. Landau, Dr. Nathan Birnbaum, welch letzterer jedoch auch nicht mehr in Wien lebt. Einen der Wiener gibt es ferner, der abgefallen war und zurückgekehrt ist, Dr. A. K a m i n k a. Zum Schlüsse muß noch mit besonderem Bedauern hervorgehoben werden, daß die Kraft eines Adolf Böhm infolge der Parteienrivalität auf den Kongressen entbehrt werden muß. Theodor Herzl und Ludwig Gumplowicz Der Führer unterwegs und der Professor der Staatsrechte. Von Dr. T. N u s s e n b 1 a 11. Theodor Herzl führte mit vielen berühmten Zeitgenossen eine ausgedehnte Korrespondenz. Oft, insbesondere kurz nach dem Erscheinen seines «Judenstaates», kam es vor, daß Herzl, verschiedenen Anregungen seiner Zeitgenossen folgend, sich an diese wandte, um ihre Meinungen zu hören oder das Interesse dieser Persönlichkeiten auf den Zionismus zu lenken. Der Gedanke des Proselytentums lag in diesem Falle dem Führer der Zionisten ferne, er war sich aber dessen bewußt, daß der Gedanke der Wiederherstellung des jüdischen Staates Uber den Einzelfall hinaus allgemeine Bedeutung besaß, die die Wissenschaft nicht übersehen durfte. Leider besitzen wir bis heute keine geschlossene Sammlung der Briefe Herzls; sie würde das wunderbare Ringen eines Menschen um seine Idee darstellen. Nur einige lehrreiche und interessante Briefe Herzls aus jener Zeit sind uns bekannt, Briefe Herzls an Bismarck, Georg Brandes, Herbert Spencer, und die Antworten der Briefempfänger, die teilweise zurückhaltend oder sogar ablehnend klingen. «Wir sind zufällig zur gleichen Zeit Gäste auf dieser Erde,» schrieb Herzl an Spencer, «und so ist es für mich interessant, zu erfahren, wie sich der Gedanke eines Judenstaates im Geiste des großen Philosophen wiederspiegelt . .. .» Doch machte Herzl mit Staatsmännern bessere Erfahrung als mit Philosophen und Professoren ,.. Einen wichtigen, bisher unbekannt gebliebenen Beitrag zum Thema Herzl und die Professoren, der auch biographisch interessant ist, verdanken wir dem Warschauer Universitätsprofessor und Oberrabbiner Dr. Moses Schorr, einem ehemaligen Schüler Gumplowicz’s. Professor Schorr berichtet darüber ln einer Festschrift, die zu Ehren des Historikers Dubhow herausgegeben wurde. Im Dezember des Jahres 1899 veröffentlichte der berühmt« Staatslehrer und Soziolog« Ludwig Gump.lowicz in der von Harden redigierten «Zukunft» «ine wissenschaftliche Abhandlung unter dem Titel: «Soziologische Geschichtsauffassung». In dieser Abhandlung beschäftigte sich Professor Gumplowicz mit verschiedenen geschichtsphilosophischen Systemen und Staatstheorien, denen er seine eigene Auffassung von der Entstehung der Staaten entgegenstellte. Diese Auffassung, seither als die «soziologische Staatstheorie» bekannt, wurzelt in der Anschauung, daß die Staaten aus dem Zusammenstoß heterogener ethnischer Elemente entstehen und alle Geschichte nur einen Kampf solcher gegnerischer Elemente darstellt. Aus der Tatsache eines ursprünglichen Vorhandenseins heterogener Gruppen — führte Gumplowicz aus — die von den sie umgebenden verschiedenen Milieus mit verschiedenen Begabungen ausgestattet sind, und -aus der zweiten Tatsache, daß jede dieser Gruppen von einem Selbsterhaltungstrieb beseelt ist, ergeben sich unvermeidlich die Zusammenstöße zwischen stärkeren und schwächeren Gruppen, die den Entwicklungsprozeß der Menschheit in Fluß bringen. Nach demselben Gesetz reißt der Strom der Geschichte die unzähligen Menschengruppen in ihre Wirbel. Dieses Gesetz lautet: «die Stärkeren herrschen». Unter dem Eindruck dieses Artikels hat Herzl am 11. Dezember 1899 folgenden Brief an Professor Gumplowicz gerichtet. Das Original dieses Briefes schenkte später Gumplowicz seinem Schüler Professor Schorr. Wien, 11. Dezember 1899. Hochgeehrter Herr Professor! Ihr dieswöchiger Aufsatz in der «Zukunft» hat mich zu mancherlei Gedanken angeregt und zu dem Wunsche, Ihre Ansicht über den Zionismus kennen zu lernen. Sie haben wohl schon von dieser «verrückten» Bewegung gehört. Ich lasse Ihnen einige Publikationen schicken: meine Broschüren und die stenographischen Protokolle der drei Basler Kongresse. Es bereitet mir ein nachhaltiges Vergnügen, daß die Universität und noch andere ernsthafte Kreise die Bewegung bisher nicht bemerkt oder nicht verstanden haben. Ein hübsches Detail: in meiner ersten Schrift vom Judenstaate, mit der diese heute schon in aller Welt verbreitete Bewegung begann, war ein Kapitel dem Rechtsgrunde des Staates gewidmet. Ich setzte an die Stelle der kümmerlich opportunistischen Theorie der «Naturnotwendigkeit» — "vom contract social nicht mehr zu reden — die Theorie der negotiorum gestio, die, wie mir scheint, vor Ihrer soziologischen Auffassung bestehen kann. Diese Theorie, die vielleicht mindestens diskutabel ist, wurde bisher noch von niemandem eines Blickes gewürdigt. Ich tue offenbar nicht gelehrt genug. Lesen Sie die Sachen, die ich Ihnen schicke, wenn Sie Zeit haben, eine Bewegung zu beobachten, die noch nicht historisch ist, aber es möglicherweise werden wird. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Th. Herzl. Dieser Brief hat, wie Schorr richtig verweist, kurz nachher Widerhall in einem Artikel gefunden, den Herzt unter dem Titel «Unterwegs» veröffentlicht hat. Scheinbar war Herzl durch die, wie Schorr meint, ironisch« Antwort Gumplowicz’ verbittert. Wir erlauben uns aber diese Anschauung dahin zu ergänzen, daß Gumplowicz den )3rief Herzls mit Stillschweigen überging. Herzl quittierte in seinem Artikel die Stellungnahme des Grazer Professors mit folgenden Worten: «Wenn ich nicht irre, ist unser Werk ein merkwürdiges. Wären die Professoren der Universität nicht so schrecklich zerstreute Menschen, die ihren Regenschirm immer irgendwo im Altertum stehen lassen, sie müßten uns eigentlich zuschauen, ob wir klug oder töricht schaffen. Selbst unsere Fehler könnten manche Lehre ergeben. Aber die Professoren, die das Werdende nie verstehen, kommen erst später; nachher freilich wissen sie alles besser als wir und si« erklären uns das Gewordene. Von solchen Bewegungen, wie unserer zionistischen, wird darum den späteren Generationen kein« genaue Vorstellung vorbereitet. Diejenigen, die kühl und «wissenschaftlich» genug sein könnten, um ruhig zu beobachten, bemerken die längste Zeit überhaupt gar nicht, daß da etwas Wichtiges vorgeht Di« Agierenden wieder stehen zu sehr mitten drin, um bei allem Wahrheitsbestreben, das sie erfüllen mag; verläßliche Angaben machen zu können. Wir werden eines Tages am Ziele sein — wir hoffen es prit aller Kraft unserer Seele — und dann werden vielleicht alle Stationen, die Zwischenfälle der Fahrt, alle Er* Wartungen und Besorgnisse, die jahrelang unser Leben ausfttllten, mit einem Schlage vergessen sein ...» Unser« geehrten Leser werden auf das Inserat der Fein- Waschanstalt p,Habsburg“, Zentrale: VL. Wallgaase Kr. l (Belte 1), aufmerksam gemacht. Dia Firma , ist als etaä(M dieser Branohe Mitglied der Rabattsektion des Keren KsjS meth und die Mitglieder dieser Sektion genieAen Inngen den Üblichen Rabatt.