Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 182 (3.7.1931)
- Date
- 1931-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053936--2430-3057858- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
St. 183 — 3. Tnll 1931 DIE STIMME Seite » Ende oder Erneuerung? Der Allgemeine Zionismus — der Grundpfeiler der Bewegung Von Dr. J. Schwafzbart Es ist spät, aber vielleicht noch nicht zu spät. Zerfressen und zerrissen, kräftig in seinen Teilen, jedoch ohnmächtig als Gesamtheit, stolz auf seine Verdienste, willensstark, aber ohne Energie erhebt sich nun der Allgemeine Zionismus fast in der letzten Minute, um zu gesunden und zu leben. Allen denjenigen, die mit einer Träne des Mitleids oder verheimlichter Freude dem Allgemeinen Zionismus ein Trauerlied singen, will die Mutter der zionistischen Bewegung von der Tribüne ihrer Weltkonferenz in Basel laut zurufen: «Ich will wirken, folglich lebe ich!» Wird es nicht zu spät sein? Die Erben des Allgemeinen Zionismus warten voll Ungeduld. Wird die Weltkonferenz der Allgemeinen Zionisten in Basel ein Anfang der Erneuerung des Allgemeinen Zionismus oder sein Schwanengesang sein? Wenn der Allgemeine Zionismus tatsächlich ein Anachronismus ist, dann ist es Zeit, daß er als Sonderorganisation die Arena verlasse. Wenn jedoch der Begriff «Allgemeiner Zionismus» kein leerer Schall ist, wohl aber’ein Programm, eine Idee, eine Funktion bedeutet, dann müssen alle Kräfte vereint werden, um das gutzumachen, was die langjährige Ohnmacht und die strafwürdige Gleichgültigkeit der führenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung verschuldet haben. Die Organisation ist kein Selbstzweck, sie ist nur ein Mittel. Sie muß Sinn und Daseinsberechtigung haben. Und ich behaupte, daß der Allgemeine Zionismus ein Programm, eine Idee, eine Funktion und eine Mission ist, und deshalb glaube ich, daß eine geeinte und kräftige Organisation notwendig ist, damit er seine Funktion erfüllen könne. Ja, noch mehr: Ich behaupte, daß ohne die Erfüllung dieser Funktion als eines Faktors der Harmonie und der Synthese, die Verwirklichung der inneren wie auch der äußeren zionistischen Ziele unmöglich sein wird. Der Allgemeine Zionismus ist der Vollstrecker des geschichtlichen Testamentes der Lehre unserer Historiosophie, die besagt, daß die Einigung der Nation eine unbedingte Notwendigkeit ist. Diese Aufgabe kann keine Föderation im Zionismus und keine Fraktion erfüllen. Nur der Allgemeine Zionismus. Aber auch das äußere Ziel des Zionismus wird unerreichbar bleiben, sollte nicht beim Aufbau Palästinas der allgemein nationale Gedanke als treibender Motor der Taten wirken. Der Klassenkampf zu einer Zeit, da wir aus dem Nichts alles bauen müssen, kann uns zerschmettern. Die Gegensätze zu überbrücken und alle dem nationalen Dienst unterzuordnen, das vermag nur der Allgemeine Zionismus. Denn unsere Lage ist einzigartig: Wir besitzen keine objektiven Grundlagen der Unabhängigkeit. Die Parteien einer normalen Nation kämpfen um den Ueberbau — wir vorderhand um die Fundamente. Diese Fundamente sind für alle schöpferischen Teile des Volkes gemeinsam, aber wir werden sie nur dann erobern können, wenn bei der Alltagsarbeit über die Parteiinteressen der allgemeinnationale Gedanke triumphieren wird. Und der Ausdruck dieser Idee ist nur der Allgemeine Zionismus. Deshalb ist der Drang zu seiner Erneuerung keine Schimäre. Und sollte er sich als Schimäre erweisen, dann würde das bedeuten, daß wir unfähig sind, die Erneuerung des nationalen Lebens durchzuführen, und daß wir als eine Nation in Zerstreuung gehen, wenn auch Fragmente eines neuen Daseins entstehen sollten. Den Allgemeinen Zionismus töten zwei Sachen: Der Mangel des Glaubens in unseren eigenen Reihen an die historische Aufgabe des Allgemeinen Zionismus und der Mangel einer disziplinierten geeinten Organisation. Der Mangel des Glaubens führt ln der Konsequenz zur vollständigen Vernachlässigung unserer Jugend. Denn wozu die Jugend in allgemein-zionistischem Geist erziehen, wenn man an den Allgemeinen Zionismus nicht glaubt? «Wir haben immer die Jugendorganisationen (Haschomer Hazair, Blauweiß usw.) unterstützt, auch dann, wenn diese Organisationen eine Ideologie verfochten haben, die der unseren diametral entgegengesetzt war. So lange saugten die uns fremden Richtungen Lebenssäfte aus uns, bis wir selbst eingetrocknet waren wie Skelette. Und jetzt sagen die Kinder des Allgemeinen Zionismus: «Die alte Mutter soll sterben.» Gegen diese Stimme aber protestieren wir, denn wir wollen beweisen, daß der Allgemeine Zionismus weder alt ist noch welk — im Gegenteil, lebens- und schaffensfähig. Der Mangel einer gemeinsamen Organisation führte die Allgemein-zionistische Bewegung zu einer derartigen Differenzierung, einem derartigen Partikularismus, daß wir zwar einen Rumpf und Hände und Füße haben, all das aber nicht verbunden ist: wir besitzen keinen Organismus. Manche behaupten: Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, dann kann man sie nicht in einer gemeinsamen Organisation überwinden. Denn eine Organisation hat nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn sie sich auf eine Meinungseinigung und ein gemeinsames Programm stützt. Stimmt. Aber ich behaupte, daß wir eben ein grundsätzliches Programm besitzen, das uns alle vereinen könnte. Wenn Im Laufe der Zeit Meinungsverschiedenheiten entstanden sind, die voneinander so entfernt liegen, wie die Ideologien des Brith Schalom und des Revisionismus, dann konnte es nur dadurch geschehen, daß die minder wichtigen Verschiedenheiten in bezug auf die Taktik ins Riesenhafte übertrieben worden sind, eben durch den Mangel einer gemeinsamen Organisation, in der bei einem gegenseitigen Gedankenaustausch diese Meinungsverschiedenheiten wenigstens . nicht so kraß gewesen wären. In jeder größeren Organisation gibt es Meinungsverschiedenheiten. Wenn aber in einer Organisation der Wille, der gemeinsamen Sache zu dienen, lebendig ist, dann entspringt diesem Bewußtsein eine freiwillige, nicht mechanische Disziplin, die die Minderheit zwingt, sich der Mehrheit unterzuordnen, ohne daß die Rechte der Minderheit, den Kampf um die Eroberung der Mehrheit zu führen, irgendwie geschmälert werden. In einer zerklüfteten Organisation fehlt dieses Bewußtsein, und jede Meinungsverschiedenheit wird dort zu einer grundsätzlichen Weltkampagne. Wenn es wahr wäre, daß, wie manche behaupten, die Allgemein-zionistische Organisation nur deshalb sich behaupten kann, weil in ihr jede Meinung autonom, ohne Disziplin, Platz findet, dann ist diese Organisation eine organisierte Desorganisation, und dann darf man sich nicht wundern, wenn ihre Kampfeskraft gleich null ist. Heute ist der Protest gegen die Zerklüftung der Allgemeinen Organisation so weit fortgeschritten, daß es wirklich schwer sein müßte, eine Organisation zu schaffen, in der Hugo Bergmann zusammen mit Jabotinsky arbeiten könnte. Und deshalb geht es jetzt nicht darum, auf einer Konferenz das nachzuholen, was im Laufe von mehr als zehn Jahren versäumt worden ist. Die Aufgabe der ersten Weltkonferenz der Allgemeinen Zionisten ist es, den Allgemeinen Zionisten den Glauben an ihre Funktion im Rahmen der gesamten zionistischen Bewegung zurückzugeben und die grundsätzlichen gemeinsamen Programmpunkte zu präzisieren. Von diesem Zentrum wird eine Propaganda ausgehen, die im Laufe der Zeit auch die extremen Flügel des Allgemeinen Zionismus uns nähern und so eine mächtige Allgemein-zionistische Organisation schaffen wird. Die Entscheidung naht. Entweder wird der Allgemeine Zionismus seine gegenwärtige Desorganisation beibehalten, dann wird er sterben und mit ihm wird auch der wichtigste Grundpfeiler der zionistischen Bewegung zugrunde gehen, oder aber wird er aus seiner Lethargie erwachen und seine Aufgaben in einer starken Organisation erfüllen. Tertium non datur! Die Weltkonferenz der Allgemeinen Zionisten in Basel wird Antwort geben auf die Frage: das Ende oder die Erneuerung des Allgemeinen Zionismus. Amerika wünscht eine Koalition Die Frage des jüdischen Weltkongresses Ein Gespräch mit Ab. Goldberg In Berlin weilte kürzlich auf der Durchreise nach Basel Herr Ab. Goldberg, einer der Führer des amerikanischen Zionismus. Das erste Ziel seiner Reise war Warschau, wo er mit führenden Persönlichkeiten des polnischen Judentums über vorbereitende Arbeiten zur Einberufung eines Weltkongresses der Judenheit Rücksprache hielt. In einem Gespräch mit dem J. T. A.- Vertreter erklärte Herr Goldberg, die amerikanischen Zionisten seien für die Schaffung eines Führerkolleglums, das an Stelle des zurücktretenden Dr. Welzmann die Leitung der Zionistischen Weltorganisation ln die Hand nehmen soll. Es müßten alle Richtungen des Zionismus — Arbeiter, Revisionisten wie Misrachi — ln dem Kollegium vertreten sein. Die Amerikaner fordern ferner die Einsetzung eines speziellen ökonomischen Rates unter Eliminierung politischer Elemente. Bei der neuen Arbeit soll die private Initiative stärker akzentuiert werden. Für ein solches Programm würde man die Majorität der Allgemeinen Zionisten, die Misrachi und die Revisionisten gewinnen. Dabei huldigen wir keineswegs irgendwelchen Kampflosungen gegen die Arbeiter; im Gegenteil, wir erkennen den historischen Wert der Leistungen der jüdischen Arbeiterschaft ln Palästina an. Der Kongreß werde sich mit der Frage beschäftigen müssen, einen Teil der politischen Arbeit nach Amerika zu verlegen. Man soll vor dieser Idee nicht erschrecken; war ja auch die Leitung der Jewish Agency zwischen London und New York geteilt. Die täglich In Basel erscheinende Kon grell« zeitung liegt in der Administration der «Stimme» und ln der Buchhandlung M. Rath, II., Taborstraße Nr. 20a, auf. Herr, Ab. Goldberg kam dann auf die Idee der Vorbereitung eines jüdischen Weltkongresses zu sprechen. Der American Jewish Congreß, der ihn beauftragt hat, in Europa für diese Idee zu wirken, denkt nicht daran, den Kongreß von sich aus einzuberufen. Er betrachtet es lediglich als seine Aufgabe, den Boden zu sondieren. Er hat darum nach Basel jüdische Persönlichkeiten aus verschiedenen Ländern eingeladen und regt an, daß diese ein Initiativkomitee einsetzen, das ermächtigt werden soll, weiteste Kreise der Judenheit für die Idee zu gewinnen und deren Vertreter in das Komitee zu kooptieren. Der Umstand, daß sich ln Berlin — unabhängig von der amerikanischen Anregung — eine Initiativgruppe jüdischer Journalisten zur Propagierung der Kongreß-Idee gebildet hat, beweist die Dringlichkeit und die Lebensfähigkeit dieser Idee. Sind doch die Journalisten diejenigen, die auf den Pulsschlag des jüdischen Lebens hören und darum am ehesten ahnen, wohin die Richtung geht Es ist z« hoffen, daß die von den Journalisten vorbereitete Intellektuellenkonferenz Erfolg haben und der Idee des Weltkongresses den Weg bahnen wird. Der Standpunkt der Allgemeinen Zionisten (Eigenbericht der «Stimme».) Basel, 29. Juni. Die vereinigten Gruppen der Landsmannschaften der Allgemeinen Zionisten formulieren folgende Grundsätze zu den politischen Fragen des Kongresses: Die Politik der englischen Regierung urid der Palästinaverwaltung hat das Vertrauen des jüdischen Volkes — das bisher die Grundlage unserer Beziehungen zur Mandatarmacht war —- aufs tiefste erschüttert Die englische Regierung hat in stets zunehmendem Maße und insbesondere in den letzten zwei Jahren gegen die ihr im Mandat auferlegten Verpflichtungen bei der Errichtung des jüdischen Nationalheims verstoßen. Das Weißbuch vom Oktober 1930, das vom gesamten jüdischen Volke einmütig mit Entrüstung zurückgewiesen wurde, darf für die Politik in Palästina in keinem Sinne eine Grundlage bilden. Der Brief des Premierministers an Dr. Weizmann bedeutet zwar in einigen wesentlichen Pünkten eine Korrektur des Weißbuches,,ist aber in änderet) unb§? friedigend und läßt weitere wichtige Fragen . Örtert. Mit aller Schärfe muß das Verhalten der Palästina- Verwaltung zurückgewiesen werden, die systematisch den Aufbau des jüdischen Nationalheimes behindert und selbst elementare Rechte der jüdischen Bevölkerung in Palästina nicht versteht. Insbesondere wird festgestellt, daß auch der Brief des Premierministers in der Praxis der Administration keinerlei Aenderung herbeigeführt hat. Das Vertrauen zur Mandatarmacht kann nur wieder hergestellt werden, wenn Politik und Praxis der britischen Regierung und der palästinensischen Verwaltung grundlegend geändert werden. Die Misrachi'Weitkonferenz Rücktritt des Merkas olami Basel, 26. Juni. (J. T. A.) Am Donnerstag, den 25. Juni, abends, wurde die Weltkonferenz des Misrachi unter Teilnahme von 34 misrachistischen Kongreßdelegierten eröffnet. Die zum Teil in geschlossener Sitzung abgehaltenen Beratungen galten der von der Misrachi-Fraktion auf dem Kongreß endgültig einzunehmenden Haltung. Basel, 28. Juni. (J. T. A.) In der am 26. Juni vormittags abgehaltenen zweiten Sitzung der Misrachi-Weltkonferenz erstattete Rabbi Meir, Berlin, Mitglied des Merkas olami, einen Bericht über die Tätigkeit des Misrachi-Weltverbandes im Laufe der letzten zwei Jahre. Rabbi Berlin forderte die Konferenz auf, die verschiedenen Spezialfür Externisten-Matura an sämtlichen Mittelschulen im Herbsttermin 1931. Eröffnung am 7. Juli. Vorbereitung zur W i e d e r h o 1 u n g s-, Nachtrags- und Aufnahmeprüfung für alle Klassen der Mittelschulen. Nachmittags- Beschäftigung für Mittelschüler. Geprüfte aktive Mittelschul- Professoren mit großer Erfahrung. Bequeme, den modernen Anforderungen entsprechende Schu’räume. Mäßiges Honorar. Schulbehördlich genehmigtes Lehrinstitut «Universum». IX., Freiheitsplatz 14, Mezzanin (Neben dem Votivpark). Telephon B 49-2-63. Sprechstunden von 12 bis 1 und 4 bis 7 Uhr oder jederzeit nach telephonischer Vereinbarung. ZSSSSmSSSSSSSBSSSSSSBSm