Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 181 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 181 — 25. Juni 1931 DIB STIMME Sefttf Bitdungsfragen der jüdischen Frau auf der Wizokonferenz Von Dr. Nadja Stein. Die Erkenntnis tut not, daß die Bildungsarbeit an der jüdischen Frau, die ein lebendiges Verhältnis zu Palästina gewinnen soll, sehr des Ausbaus bedarf. Es ist nun so, daß die Frau in viel höherem Maße e;n praktischeren Dingen zugewendetes Leben führen muß als der Mann, daß ihr, auch der geistig arbeitenden Frau, wegen ihrer häuslichen Pflichten in den Mußestunden viel weniger Zeit und Konzentrationsmöglichkeit für außerberufliche theoretisch-soziologische und abstrakt wissenschaftliche Lektüre bleibt als dem Mann, daß daher für sie die Gefahr einer völligen geistigen Entfremdung vom Judentum viel drohender ist und daß sie auch beim Anschluß an seine Befreiungs- und Erneuerungsbewegung nur in eine oberflächliche Verbindung, nur in einen lockeren und mehr äußeren Zusammenhang mit ihrem Volkstum gerät und sich eine nur mangelhafte Kenntnis seiner geistigen und wirtschaftlichpolitischen Gegenwart aneignet. Hier hätte die Bildungsarbeit der zionistischen Frauenorganisationen einzusetzen, hier hätte sie zu versuchen, das Maximum von dem zu vermitteln, was die Frau mit jüdischem Bewußtsein, mit Wissen über die Lebensprobleme des eigenen Volkes und dem Ringen um die Ausdrucksform der eigenen Volksgemeinschaft erfüllen könnte. Aus der unübersehbaren Fülle jüdischer Literatur und Publizistik der Gegenwart und der weiten Schatzkammer jüdischen Kulturguts hätte sie das zu wählen und in der entsprechenden Form weiterzugeben, was die jüdische Vorkämpferin von heute für sich selbst und die anderen als Rüstzeug braucht. Bei den beschränkten Mitteln, die die unermüdlich auf die Verwirklichung ihres großen und wichtigen Palästinaprogramms bedachten zionistischen Frauengruppen der Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen wagten, bedeutet schon die Schaffung eigener Frauenblätter einen großen Schritt nach vorwärts, und in ihrer leicht faßlichen Form mit den wichtigen und Enthusiasmus weckenden Berichten über den Ausbau der eigenen Institutionen haben sie eine notwendige Funktion, umsomehr, als sie sich zusehends höher entwickeln. Aber sie bedürfen einer Ergänzung durch Materialien, die den Gruppen eine eigentliche, diesen Namen verdienende und selbständig zu leistende Bildungsarbeit ermöglichen. Das V'ortragswesen in den Gruppen ist zumeist unsystematisch und zusammenhanglos. Oft ist es die Persönlichkeit und das Spezialwissen des jeweiligen Referenten, die das Thema bestimmen, oft schwankt man in den Themen, um auch Fernstehende heranzuziehen und wählt aus diesem Grunde Dinge, die nichts oder wenig mit der eigentlichen Bildungsaufgabe zu tun haben, so daß der einzige kostbare Nachmittag der monatlichen Zusammenkunft vergeudet wird. \Dle ernsteren Zionistinnen finden daher nur in den Zusammenkünften und Aussprachen der Ortsgruppen, dort wo diese aktiv sind, Aufklärung, die sie suchen. Nun hat sich an manchen Orten allerdings schon langsam die Form der Studienzirkel eingebürgert, Zusammenkünfte kleiner Frauengruppen, die unter Anleitung einer Referentin im Laufe ein Semesters ein bestimmtes Detailthema ausführlicher behandeln und vielleicht auch selbst zu diesem Zweck Bücher lesen und referieren.. Aber dieser Studienzirkel gibt es nur wenig, weil die Zahl der Frauen, die sie zu leiten imstande sind, sehr klein ist. A)is allen diesen Erkenntnissen und Bedürfnissen heraus hat die Organisation der amerikanischen Zionistinnen, die Hadassah, ihr Kulturdepartment geschaffen, das nun allmählich den richtigen Weg eingeschlagen hat. ln dem mehr als hundert Druckseiten umfassenden Bericht der Hadassahexekutive an ihre letzte Landeskonferenz kommt der Darstellung der Vorsitzenden des Kulturdepartments, der Philosophin und Schriftstellerin N i m a S. A d 1 e rblum, einer geborenen Palästinenserin, eine besondere Bedeutung zu. Das Kulturdepartment der Hadassah wird von einem zentralen Stab von fast 40 Mitarbeiterinnen verwaltet, unter denen sich auch eine Reihe von Vertreterinnen der Juniors befinden. Das Kulturdepartment der Hadassah unterstützt die Lernbegierde der Frauen, indem es ihnen aus der Flut des Materials den Teil in annehmbarer Form zugänglich macht, der ihnen die eigene Aufgabe, das eigene Leben und das jüdische Wollen der Gegenwart besser verständlich macht. Es erspart ihnen die Beschäftigung mit dickleibigen, zahlreichen und verstreuten Publikationen, Indem es ihnen ausgearbeitetes Kurs- und Vortragsmaterial zusendet, mit dem die Frauen sich unter Leitung ihrer lokalen Kulturreferentin vertraut machen. Die Instruktionen an die Leiterinnen, die jede Zusendung begleiten, werden immer weiter ausgebaut. Zweiwöchentliche Presserevues, die eine knappe Rundschau über wichtig erscheinende Palästinaartike! enthalten, gehen überdies den Studienleiterinnen regelmäßig zu und ebenso Anzeigen und Empfehlungen bedeutsamer N e uerscheinungen. Die Frauengruppen halten vielfach so weit, daß sie ihrerseits ihre Zentrale durch Ausarbeitung von Vortragsmaterial unterstützen, das sie in Studiengemeinschaften zusammensteilen, und daß sich bei ihnen immer stärker die Einrichtung des Oneg Schabbat einbürgert, der Abhaltung von Zusammenkünften am Schabbat, die nach ehrwürdiger, altjüdischer Sitte dem «Lernen» gewidmet sind. Seit zwei Jahren führt die Hadassah auch einen «Kurs für jüdische Eltern über Erziehungsfragen», der den Eltern dabei behilflich sein will, das tägliche Leben des Kindes mit seinem jüdischen in Einklang zu bringen. Durch Reisen, die die Vorstandsmitglieder des Kulturdepartments ln die Ortsgruppen unternehmen, wecken sie bei diesen ein besseres Verständnis für die Ziele der Bildungszentrale und veranschaulichen sich deren Bedürfnisse, so daß sie ihnen ln Zukunft besser Rechnung tragen können. — Ferner besteht die wertvolle und anfeuernde Einrichtung der Cultural Fellowship durch die Juniors, einer Bildungselite irrr Rahmen ihrer Organisation, in die man aufgenommen wird, wenn man nachweisbar ein vorgeschriebenes Minimalpensum jüdischer Bildungsarbeit absolviert hat. Die Leitung des Kulturdepartments der Hadassah sieht eine gewaltige Arbeit vor sich, die sie sich aber mit Recht nur rationalisiert denken will. Sie zielt dahin, allmählich eine Bildungszentrale der jüdischen Frau überhaupt ins Leben zu rufen. Durch Verbindung mit den Kulturdepartments der anderen großen, jüdischen, Hunderttausende umfassenden Frauenorganisationen Amerikas, die sie bereits angebahnt hat, und durch Vereinheitlichung der zionistischen Bildungsbestrebungen unter den Frauen durch Verbindung mit der Wizo, worüber auch schon Besprechungen stattgefunden haben, soll die heute verstreut geleistete große Kulturarbeit unter den Frauen zusammengefaßt und auf größerem Maßstab nutzbar gemacht werden. Der Ruf nach erweiterter, nach vertiefter jüdischer Bildungsarbeit unter den Frauen mag nicht unzeitgemäß sein in einer geschichtlichen Konstellation, da innerer Fortschritt um so nötiger ist, als der äußere so gehemmt ist, da materielle Leistungen nur stärkster innerer Bewegung entfließen können. Er mag nicht unzeitgemäßer sein, als alle die Schöpfungen des Judentums, die von der Jeschiwah von Jabne bis zur Gründung der Universität auf dem Skopusberge, den Oeist aufrechterhieiten und beflügelten, während der Körper besonders arg darbte und litt. Ein nichtjüdischer Zionistenfreund über Palästina Der Dekan der Krakauer Universität, Prof. Dr. Archutowski, Ordinarius für Bibelkunde und ein namhafter Palästina-Forscher, erteilte einem Mitarbeiter des «Jüdischen Volksblattes», Bielitz, ein Interview über palästinensische Probleme, das wir nachstehend in Auszügen wiedergeben. Auf die Frage, ob die maßgebenden Faktoren der Palästina-Administration über die bevorstehenden August- Unruhen unterrichtet waren, erklärte Prof. Archutowski, daß er aus dem Munde des polnischen Konsuls Dr. Zbyszewski Ende April 1929 erfahren habe, in Palästina sei eine Pogroniatmosphäre deutlich zu verspüren. Eine Haßwclle ist im Anzug — sagte der Konsul —, eine Abrechnung bereitet sich vor, als ob demnächst Flammenzeichen blutiger Zusammenstöße aulleuchten sollten. Die eben zu jener Zeit erfolgte Abreise Chancellors machen eine stilles Plazet zum blutigen Spiel als wirkliche Ohnmacht. Diese Tatsache weist un- Die am Sonntag, den 14. Juni im Logenhaus zu Berlin i abgehaltene gemeinschaftliche Tagung des Iniviativkomitees der Jewish Agency für Deutschland und der Mitarbeiter des Keren Hajessod gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung für den Gedanken des Palästina-Aufbaus. Etwa 150 aktiv an der Palästinaarbeit in Deutschland beteiligte Persönlichkeiten, unter ihnen eine Reihe der repräsentativsten Figuren des deutschen Judentums, hatten sich eingefunden, um die Berichte der Referenten über die Arbeit des Keren Hajessod und des Initiativkomitees der Jewish Agency in Deutschland, sowie über den gegenwärtigen Stand des Aufbauwerkes in Palästina und die wirtschaftlichen Probleme dieses Landes entgegenzunehmen und über Mittel und Wege für eine wirksame Fortsetzung des Palästinawerkes zu beraten. In dem Ueberblick über die Entwicklung der Palästinaarbeit in den letzten zwei Jahren verwies Direktor Wassermann auf die außergewöhnlichen Schwierigkeiten, denen das Palästinawerk in dieser Zeit begegnete. Gerade im Hinblick auf diese Schwierigkeiten müsse jede Anstrengung gemacht werden, um nunmehr die Herzen aller Juden für das Palästinawerk zu gewinnen. Der Fortgang der Arbeit für Keren Hajessod und Jewish Agency in Deutschland könne dem bereits in der Zeitschrift «Unser Werk» erschienenen Bericht entnommen werden. Infolge des Anhaltens der Wirtschaftskrise ist eine rückläufige Bewegung der Eingänge für den Keren Hajessod eingetreten. Auch haben Sammlungen und Aktionen für palästinensische Einzelinstitutionen der Keren Hajessod-Arbeit Abbruch getan. Doch konnte andererseits durch Herabsetzung der Ausgaben für Propaganda und Organisation in den ersten acht Monaten des laufenden Rechnungsjahres eine Verringerung der Spesen um 24 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des vorigen Rechnungsjahres erzielt werden. Das Deutsche Komitee Pro Palästina hat durch Veranstaltung von Vortragsabenden und Kundgebungen den Gedanken des jüdischen Palästina-Aufbaus in die große deutsche Oeffentlichkeit getragen. Das Auswärtige Amt hat auch in diesem Jahre die Jahresversammlung des Deutschen Komitees Pro Palästina zum Anlaß genommen, um in einem an zweideutig darauf hin, daß die Politik Englands den Juda« gegenüber doppelgesichtig und doppelzüngig ist, daß sic bloß auf das Eigeninteresse bedacht ist, dessentwegen England auch nie auf das Palästina-Mandat als ein in seinem politischen Wirkungsbereich liegendes Land verzichten wird. Die Palästinenser empfinden diese Politik des moralischen Doppelbodens mit begreiflicher Bitternis. England hat die Balfour-Üeklaration erlassen, um für sich in den Kriegsnöten die Haute Finance und die öffentliche jüdische Meinung zu gewinnen; gegenwärtig aber sind ihm die jüdischen Sympathien nicht von ausschlaggebender Wichtigkeit, wiewohl auch die Förderung des arabischen Nationalismus auch nicht in seinen wahren Absichten gelegen ist. Die Rückkehr der Juden in ihre angestammte Heimat, welche die jüdische Psyche herausgemeißelt hat, in der die Wiege des jüdischen Staatswesens gestanden hat und in der die schönsten und dauerndsten Errungenschaften des Judentums geboren wurden, ist ein Experiment von faszinierender Schönheit. Die Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina ist durch die Geschichte so fest geschmiedet worden, daß dessen Zugehörigkeit zum Judentum von niemandem, auch rticht von den Arabern, die es als Eindringlinge betreten haben, in Frage gestellt werden darf. Das Vei* trauen des jüdischen Volkes zu England Ist erschüttert worden; es sind keine Anzeichen für ein Einlenken zu einer redlichen und gewissenhaften Interpretation und Verwirklichung der Balfour-Deklaration vorhanden. Der eevorstehende Kongreß soll eine ragende Tribüne werden, von der das Unrecht und die tiefe Enttäuschung des Jüdischen Volkes einen weithin vernehmbaren Ausdruck finden soll. Die anrüchige Taktik der Palästina-Verwaltung soll öffentlich angeprangert werden, damit die Welt die ungeschminkte Wahrheit erfahre, damit es allen klar werde, daß mit den unverjährbaren Rechten des helmlosen Märtyrervolkes Schindluder getrieben wird. Ich bin fest überzeugt — fuhr Prof. Archutowski fort —, daß das jüdische Volk sein Naturrecht durchsetzen und Palästina wieder gewinnen wird. Zum Schlüsse meines Interviews möchte ich Sie bitten, noch einen bescheidenen Rat entgegenzunehmen: Gewöhnt euch das aufgedonnerte Geschrei über eure Erfolge ab, verkündet nicht lärmend, wenn ihr etliche 10 Dunam erwerbet, denn diese Propaganda putscht nur den arabischen Nationalismus auf. Arbeitet still, systematisch, ausdauernd und noch ausgiebiger als bisher, und euer Werk wird denkwürdig werden und Palästina neue jüdische Werte hervorbflngcn. Aus Gründen politischer Klugheit halte ich es für vollständig verfehlt und abwegig, m öffentlichen Kundgebungen sich auf die Parole des Judenstaates festzurennen, statt alle Anstrengungen darauf zu richten, die jüdischen Positionen ln Palästina möglichst zu verstärken und zu erweitern, denn nicht so sehr papierene Proklamationen als die in dem palästinensischen Boden verwurzelte jüdische Gemeinschaft Ist,:, die einzige gewichtige Realität in dem politischen Ränker spiel der Diplomatie: -ir,v Graf Bernstorff gerichteten Brief des Staatssekretärs von Bülow die Sympathien der deutschen Reichsregierung für das jüdische Palästinawerk zum Ausdruck zu bringen. Sodann ergriff der Direktor des Keren Hajessod Doktor Arthur Hantke das Wort zu seinem Referat «Die Situation in Palästina und die Arbeit des Keren Hajessod». Der Redner wies darauf hin* daß auf der jüdischen Bevölkerung Palästinas ein doppelter Druck lastet: einerseits die ernste politische Situation, andererseits das angesichts des Rückganges der allgemeinen Sammlungen und der auf private Initiative erfolgenden Investitionen entstandene Gefühl, daß die jüdischen Führer sich nicht überall ihrer Verantwortung gegenüber Palästina bewußt sind. Die gegenwärtige Wirtschaftslage in Palästina sei zwar nicht unbefriedigend, im Hinblick auf die künftige Entwicklung aber müsse eine verstärkte Einwanderung gefordert werden, die nur möglich ist durch eine verstärkte Tätigkeit von Keren Hajessod und Keren Kajemeth. Der Keren Hajessod ist der entscheidende Pionierfaktor, durch den eine Privatinitiative überhaupt erst ermöglicht wird. Ein großangelegtes Referat über «Wirtschaftliche Probleme in Palästina» hielt das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency Dr. Arthur Ruppln. Er erklärte, aus dem großen Komplex der palästinensischen Wirtschaftsfragen nur das in letzter Zeit im Vordergrund der Diskussion stehende Problem, ob in Palästina für eine Kolonisation großen Stils Platz geschaffen werden könne, herausgreifen und behandeln zu wollen. Der Redner zeigte sodann, wie die unrichtigen Schlüsse Sir John Hope Simpsons bezüglich der Aufnahmefähigkeit Palästinas durch Anwendung der unzulänglichen Methode einer Bodenbegutachtung vom Flugzeug aus und der Mitverwertung der Untersuchungen der Johnson-Kommission zustande gekommen sind und daß sich nach Korrektur der nachweislichen Fehler des Simpson-Berichtes die Richtigkeit der von den jüdischen Kolonisationsfachleuten vorgenomenen Schätzung ergibt, derzufolge in den Ebenen allein ohne Verdrängung der arabischen Landwirte die Ansiedlung von weiteren 55.000 landwirtschaftlichen Familien möglich ist. Imposante Kundgebung für den Palästina-Auf bau in Deutschland Tagung des Initiativkomitees der jewish Agency und des Keren Hajessod für Deutschland