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Die Stimme · 1931-06-25 · Heft 181 (25.6.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 181 (25.6.1931)
Date
1931-06-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 181 — 25. Juni 1931 DIE SUMME Seite 7 Gartenfest, Türkenschanzpark, XVIII., Hasenauerstraße 52 (Endstation 40 er Wagen). Karten ä S 3‘50, Studentenkarten S 2,50 erhältlich im Jüdischen Hochschulausschuß, IX., Zimmermannplatz 8, Tel. A 25-2-28, Bücherstube Prof. M. Rath, II. Taborstraße 20 a und bei den Portiers der Hochschulen. Reinerträgnis zu Gunsten der Fürsorgeinstitutionen des Jüdischen Hochschulausschusses. veranstaltet vom JtldlSdien HOCllSdlUlaUSSdlUO. Donnerstag den 25. Juni 1931 y28 Uhr abends im Kaffee-Restaurant Verarmung der deutschen Juden (Von unserem Berliner Berichterstatter) Der vergangene Winter war für die deutschen Juden besonders schwer. Nicht mehr einzelne sind es, die Not leiden, ganze Bevölkerungsschichten sind in Verhältnisse geraten, die dringend Hilfe heischen. Die heftige Diskussion, ob diese Not ihre Gründe in der allgemeinen deutschen Wirtschaftskrise habe oder spezifisch jüdische Wirtschaftsnot sei, ist über Nacht verstummt. In allen Lagern ist man sich darüber einig, daß die jüdische Bevölkerung ihrer eigenartigen anormalen Wirtschaftsstruktur zufolge den Auswirkungen der Krise in weit erheblicherem Maße ausgesetzt ist als die nichtjüdische. Während noch vor nicht allzulanger Zeit von berufener deutscher Seite erklärt wurde, wir hätten es mit einer reinen Konjunkturkrise zu tun — die Konjunktur müsse sich über kurz oder lang heben und die sieben fetten Jahre würden wiederkommen, woran allerdings schon damals niemand mehr glaubte —, weiß heute jedermann, daß die deutsche Wirtschaft — und nicht nur sie — eine ausgesprochene Strukturkrise durchmacht. Wir erleben ihren Uebergang vom freien individualistischen zum gebundenen kollektivistischen System. Wer auch nur einigermaßen mit der Wirtschaftsstruktur der deutschen Juden vertraut ist, dem brauoht nach diesen Vorausschickungen nicht mehr gesagt zu werden, was das Wesen der jüdischen Wirtschaftsnot ist. Denn gerade die Juden sind es, die — nicht nur in Deutschland — geradezu verbissen an der individualistischen Form der Wirtschaft und des wirtschaftlichen Denkens festhalten. War es doch der Liberalismus des halben Jahrhunderts vor dem Weltkrieg, dem die deutschen Juden ihren hervorragenden Aufstieg vor allem im Getreidehandel, der Textilindustrie und Konfektion, dem Metallhandel und dem Bankwesen verdanken. Nun sind es gerade diese Gebiete, auf denen sich die neuen kollektivistischen Tendenzen am stärksten auswirken. Ständiges Ausbreiten und Anwachsen von Kartellen, Konzernen, Trusts und Genossenschaften, Hand in Hand damit die erdrückende Konzentration des Kapitals in Industrie und Handel (Warenhäuser) schalten bewußt den freien Wettbewerb des individuell bewirtschafteten Kapitals aus. Wenn man bedenkt, daß fastdieHälfte aller erwerbstätigen Juden Deutschlands selbständig ist — und das heißt nicht selbständige Großunternehmer, sondern kleine und mittlere Kaufleute —, daß ein weiteres Drittel Angestellte sind, die dazu noch von einer antisemitischen, resp. aus Furcht vor den Antisemiten grassierenden Judenverdrängung besonders grausam betroffen sind, so muß man die schwersten Befürchtungen für die wirtschaftliche Zukunft der deutschen Juden hegen. Zwar sind die Juden auch in den neuen Wirtschaftsgebilden vertreten, zwar werden die neuen Ideen auch von einzelnen Juden besonders stark unterstützt — was bedeuten aber schon die paar jüdischen Warenhausbesitzer und Bankdirektoren, die ihrer besonderen Fähigkeiten halber auch unter veränderten Umständen ihre Privatkarriere gemacht hätten — und gewiß wird es auch in Zukunft noch solche Glückspilze geben — was bedeuten diese wenigen gegenüber der großen Masse, für die das Morgen ein Fragezeichen ist? Kein Wunder, wenn daher überall, wohin man kommt und was man liest und mit wem man spricht, die Lage in den schwärzesten Farben gemalt wird. Denn der Ausweg, den es gibt, nämlich die Anpassung und Einordnung in das neue Wirtschafts- System, ist für die Juden aus anderen Gründen nicht einzuschlagen. Um auch jetzt wieder wie vor 70 Jahren Wirtschaftspionier zu sein und sich zu behaupten, indem man den andern, schwerfälligeren, vorauseilt, fehlen die Voraussetzungen. Allein die antisemitische Pest, die Deutschland ohne Unterschied der Partei verseucht, läßt das nicht mehr zu. Außerdem fehlen auch den Juden selbst die Energie, Kraft und Intelligenz, über die sie damals in größerem Maße als die andern verfügten. Das Judentum ist nach dem Weltkrieg erschöpft und zermürbt, seine Wirtsvölker haben sich unterdessen einen Nachwuchs herangebildet, der es mit dem jüdischen Unternehmergeist aufnehmen kann. Nur durch Proletarisierung wird es der großen Masse gelingen, sich wirtschaftlich zu erhalten und das tägliche Brot zu sichern. Für eine solche fehlen aber jegliche Voraussetzungen und auch jeglicher Wille. Wenn wir daher heute wachsenden Rückgang der Zahl der jüdischen Erwerbstätigen, Sinken ihres Gesamteinkommens und Ansteigen der Zahl der jüdischen Arbeitslosen und der jüdischen Konkurse und Ausgleiche — also um sich greifende Pauperisierung — zu verzeichnen haben, so hat das den Grund, daß die deutschen Juden die nahende Katastrophe nicht sehen wollen und krampfhaft an den veralteten Formen incUviduaUatebßi Wirtschaftsform festhalten, während ihnen der Boden unter den Füßen schwindet. Völlig unvorbereitet geht die deutsche Judenheit dem neuen Wirtschaftssystem entgegen. Und sollte auch die Eingliederung der deutschen Juden in die kollektivistisch aufgebaute deutsche Volkswirtschaft gelingen, sie müßte mit dem Preis des Jude-Seins erkauft werden. Denn nur eine feste wirtschaftliche Basis ermöglichte es dem einzelnen, sein Judentum trotz der feindlichen Umgebung durch Jahrhunderte zu erhalten. Die Erkenntnis von dieser doppelten Bedeutung des Geldes für seine Existenz als Mensch und als Jude hatte der Jude vor der anderen Welt voraus. Und darum suchte er jene Wirtschaftskreise zum Gebiet seiner Betätigung, wo er fremde Konkurrenz gar nicht oder nur wenig zu fürchten hatte. Dadurch und durch seine Mehrleistungen auf den betreffenden Gebieten, war es ihm möglich, Jude zu bleiben. Denn Jude sein heißt, im wirtschaftlichen Wettbewerb gehandikapt sein. Das neue Wirtschaftssystem nimmt jede Möglichkeit, diesen Nachteil durch wirtschaftliche Mehrleistung wettzumachen. Wenige starke Naturen werden dem Judentum treu bleiben, die meisten aber ihre und ihrer Kinder materielle Existenz mit dem Opfer des Judentums erkaufen müssen. Zwei Länder zeigen uns diesen Prozeß in grausiger Klarheit: Rußland und Polen. Wer heute in Rußland leben will, das heißt, wer Anspruch auf Nahrung, Kleidung, Wohnung und ärztliche Hilfe erhebt, hat sich in jeder Beziehung in das Wirtschafts- und Geistessystem des Bolschewismus einzuordnen. Tut er das nicht, so ist er ein lebender Anachronismus, zum Aussterben bestimmt, wie die ältere jüdische Generation, oder ein Held, wie die russischen Zionisten. Und Helden gibt es nur wenige. So ist ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung Rußlands proletarisiert, das sind jene, die sich rechtzeitig ' Schwelt — Grlndalwald — Bernor Oberland Inmitten der Imposantesten ’Gebirgswelt HOTEL SILBERHORN, TeL 79 Vortötfllebo Vetpflegnng.toaßige Preise — Gleiches Hans: Locarno" Pension Villa Montana - Saison: Februar bis Juni. September bis November — Bes. Frau F. Kahn in die neue Ordnung hineinfanden, allerdings unter Aufgabe des Judentums, wozu man sich ja heute in Rußland nicht mehr zu taufen braucht, der größte Teil ist aber ganz verarmt und ohne jede Hoffnung auf Besserung. Aehnlich ist es in Pole n, wo der erste Schritt, sich wirtschaftlich besser zu stellen, die Entweihung des Sabbat ist. Denn der jüdische Kaufmann kann gegen die Konkurrenz nicht aufkommen, wenn er zwei Tage die Woche feiern oder an Feiertagen, wie es heuer zu Pessach war und zu Pfingsten wieder der Fall sein wird, gar vier Tage hintereinander sein Geschäft geschlossen halten muß. Er konnte es noch, so lange er bessere Waren und billigere Preise bot als sein nichtjüdischer Konkurrent. Davon ist aber heute keine Rede mehr. Die Welt hat von uns gelernt. Mit dem Sabbath erkauft sich der polnische Jude seine Konkurrenzfähigkeit, und so wird er Stück um Stück seines Judentums aufgeben müssen. Wer könnte es ihm verdenken! Ein Land nach dem andern kommt so an die Reihe, überall nach seiner Art und unter andern Bedingungen, aber mit den gleichen Folgen für die Juden, und sei ihre Lage selbst so gut und äußerlich sicher wie sie noch vor kurzem in Deutschland war. Wir haben uns bemüht, rein wirtschaftlich zu denken, und andere Momente nur in unsere Betrachtung gezogen, als sie entscheidend auf die Wirtschaft miteinwirken. Aber auch rein wirtschaftlich gesehen, bekommen wir wieder einen Beweis, wie recht der Zionismus hatte, als er auf die Gefahr der labilen Grundlage des jüdischen Wirtschaftslebens hinwies. Den Ausweg, den wir nannten, nämlich die geschlossene jüdische Siedlung — und nur Palästina kommt dafür in Betracht —, wollten die sich sicher fühlenden Juden nicht sehen. Nun muß sie die nahe Katastrophe belehren, daß die Erhaltung des Judentums nur dort möglich ist, wo Judentum keine Benachteiligung darstellt, wo man nicht mehr leisten muß,.um Jude bleiben zu können, sondern wo, Judentum etwas Gegebenes ist, Selbstverständlichkeit, allen in -.einem ..Wirtschaftsgebiet Tätigen gemeinsam ' und daher nicht gegen den Zweiten auszuspielen. —um. 3reie zionistische dribüne Reform des Kongresses und der Organisation Ein Vorschlag von S. Puker Die bestehende Form der zionistischen Organisation ist in ihrer Beschaffenheit für die Gegenwart ein Unding. Daß nur zaghaft Reformvorschläge zum Vorschein kommen, zeugt zwar für pietätvollste Beziehung zu Nonnen, die durch Tradition geheiligt sind, ist indes der Sache selbst höchst abträglich. Am unberührbarsten hält man die Formalismen des Kongresses, die zumeist geradezu zum alten Eisen gehören. Da nun der Kongreß die Pulsader der Organisation ist, so besehen wir uns doch zunächst seine Physiognomie. In einem rhetorischen Wettrennen, das auf zehn Tage festgesetzt ist, aber in der Regel zwanzig währt, und auch das nur aus dem Grunde, weil länger kein ernst zu nehmender Delegierter ausharren kann, sollen für zwei jahre Prinzipien festgelegt werden, Kolonisationspläne, Budgets nicht nur durchberaten, sondern auch akzeptiert werden und, last not least, auch eine Exekutive gewählt werden. Wollen wir uns hier nun zu einer Riesenketzerei aufraffen, so soll die Frage dreist gewagt werden: Was absorbiert alles dieser Kongreß? Verschweigen wir schon den Kostenpunkt, der zwar keinesfalls wenig Ins Gewicht fällt; was für Schätze an Energien werden da während vieler Wochen, ja Monate aufgebraucht, die obendrein wenig der Außenpropaganda, gar viel aber dafür der Inneren Auseinandersetzung dienen! Bei all dem aber kann doch der Kongreß in seinem Plenum nicht Beschlüsse fassen, die alle stets rasch sich erneuernden Umstände berücksichtigen. Was frommen Festlegungen auch auf Minimalbudgets, was nützen auch präzisierte politische Forderungen, wenn äußere Faktoren und neu eintretende Möglichkeiten und Unmöglichkeiten jeweils erneut zur Stellungnahme zwingen? Da hat sich freilich schon das Gewohnheitsrecht eingebürgert, daß das Aktionskomitee ebenfalls aller Arten Probleme löst, die der Kongreß nicht voraussehen kann und die er auch anders beurteilen mochte. Nicht wenig schwerfällig ist ja doch auch sogar ein Gremium wie das Aktionskomitee, dessen Umfang an sich reformbedürftig erscheint. Daß die Exekutive dem Aktionskomitee verantwortlich ist, ist in Ordnung; daß dieses an einen außerordentlichen Kongreß appellieren kann, führt eben zu einer Folgerung, TTTtnrnTTT; damit und mit einem Grundproblem der Organisationsmisere ist jedoch vor allem die Art der Beschickung des Kongresses. Wir haben überall zionistische Organisationen; wir haben Zionisten in den Landesorganisationen, in Sonderföderationen usw. Zum Kongreß aber wird immer eine improvisierte Organisierung, unabhängig von Zugehörigkeit dahin oder dorthin, rasch vorgenommen. Ueber diesen Unfug zu reden, ist müßig; er ist allbekannt. Sicher ist, daß nicht die Schekelßahlerschaft die Widerspiegelung der potentiellen Organisation darbietet. Zionisten und Kongreß-Schekelzahler sind leider nicht immer identisch . . . Allerdings finden sich auch auf diese .Weise für kurze Zeit, de facto lediglich zwecks Wahlkampfes, mit anderen Worten, zur Auslosung der Kongreßmandate durch eine einheitliche Wählerschaft, die Parteien in jedem Lande zusammen. Der des breiteren erörterten Frage des notwendigen Zusammenschlusses der gesonderten Gruppen zur einheitlichen Organisation in jedem Lande ist hiermit dennoch nicht näher getreten, obschon in dem einheitliche]! Schekel der Ansatz hierzu gegeben erscheint. Dieser ganze Komplex schreit geradezu nach einer Reform, die sich nun sehr einfach durchgehend durchführen läßt. Der Kongreß soll vornehmlich den Zweck haben, nach gewissen Intervallen eine zentrale Tagung zu bieten. In aller Welt wählt man Staatspräsidenten für vier bis fünf Jahre. Nun, würde der zionistische Präsident einmal in drei Jahren gewählt, mit nichten wäre gegen das demokratische Prinzip verbrochen. Die wesentliche Aufgabe des Kongresses sollte es eben sein, neben dem Gipfelpunkt, wie es die Wahlen sind, grundlegende Referate zu Tage zu fördern* und dies soll mitsamt der Tagung der Agency längstens ein4 Verlag Josef Brenner, Wien, 11. ———■ ■— um.■ ■■. ■ « .... Soeben erscheint Marburg, Dr. Fritz: Oer Antisemitismus ln der deutschen Republik steif broschiert Mark 5L— mit zahlreichen aktuellen Illustrationen auf JO Kung^ ,E; drucktafeln, Vorrätig ln allen Buchhandlungen, iWo nicht verlange man direkt .vom Verlag^ •1 d i&Mk

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