Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 181 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 DIE STIMME Nr. 181 — 25. Juni 1931 Jugoslawiens Sympathien für den Zionismus Milenko Vesnic an Dr. David Albala lm Verlag Tiscara Eugen, Osijek, ist soeben ein sehr inhaltsreiches, schön ausgestattetes Buch «Jüdische Aerzte in Jugoslawien» erschienen. Der Verfasser ist Dr. Lavoslav S i k. erster Vizepräsident der jüdischen Kultusgemeinde in Zagreb. Mit Genehmigung des Verlages drucken wir aus dieser Schrift einen interessanten Beitrag nach. Zur selben Zeit, als unser junger jugoslawischer Staat entstand, als die Stunde der so lange ersehnten Befreiung und Vereinigung der Serben, Kroaten und Slowenen schlug, erfüllten sich auch die jahrhundertelangen Träume und Hoffnungen des jüdischen Volkes, das nun wieder seine nationale Heimstätte in Palästina bekam. Mit diesem Geschehnis ist der Name eines jüdischen Arztes in Jgoslawien eng verknüpft: jener des Dr. ined. David Albala. Gemeinsam mit dem. Beograder Oberrabiner Doktor Isaac Alkalay ging er im Jahre 1917 nach Amerika. Es galt damals, die dortigen Juden auf dem Freiheitskampf der Jugoslawen aufmerksam zu machen und sie zu überzeugen, daß Israel in Serbien immer frei und gleichberechtigt war. An den Sanitätshauptmann Dr. David Albala richtete Minister des Aeußeren Milenko Vesnic jene berühmt gewordenen Worte, mit denen er als erster die Balfour-Deklaration über Palästina anerkannte: «Serbische Kriegsmission in den Vereinigten Staaten. — Washington, 27. Dezember 1917, — Lieber Hauptmann Albala! Wie ich erfahre, werden Sie am 29. d. der Versammlung des hiesigen großen kulturellen Jugendbundes «Menorah» beiwohnen. Ich wünsche sehr, daß Sie bei dieser Gelegenheit Ihren jüdischen Brüdern die Sympathie zum Ausdrucke bringen, mit welcher unsere Regierung und unser Volk deren Bestrebungen nach Wiedererrichtung der geliebten Heimstätte in Palästina begleiten. Soll ihnen doch eben diese Heimstätte ermöglichen, im künftigen Völkerbunde Jenen Platz einzunehmen, der ihnen vermöge ihrer mannigfachen Fähigkeiten und ihrem unbestrittenen Rechte nach gebührt. Wir sind überzeugt, daß dies nicht nur ihnen, sondern der ganzen Menschheit zum Segen gereichen wird. Sie, lieber Hauptmann Albala, wissen ja, daß es kein Volk auf Erden gibt, welches diesen Bestrebungen mehr Verständnis entgegenbringt als eben das serbische. Vergießen denn nicht auch wir selbst bittere Tränen an den Ufern Babylons im Angesichte unseres Vaterlandes, das wir erst vor kufzem verloren? Wie sollten wir da nicht einstimmen in Ihr Schluchzen, nicht teilnehmen an Ihrem Schmerze, der doch schon Jahrhunderte währt und durch Generationen geht — um so mehr, als ja unsere Landsleute Ihres Stammes und Glaubens für das serbische Vaterland ebenso tapfer gekämpft haben wie unsere besten Soldaten? Mit Bedauern werden wir jeden einzelnen unserer jüdischen Mitbürger scheiden sehen, der in sein gelobtes Land zurückkehrt. Einen Trost birgt für uns aber die Hoffnung, daß Sie unsere Brüder bleiben werden, daß Sie uns ein gut Teil Ihrer Herzen zurücklassen und daß dies das stärkste Band sein wird zwischen dem freien Israel und Serbien. Seien Sie, lieber Hauptmann Albala, überzeugt von der Ergebenheit Ihres Vesnic.» Nie werden diese Worte im jüdischen Volke vergessen werden. Die Anerkennung und die große Sympathie, welche die Judenheit der ganzen Welt Jugoslawien gegenüber bekundet, haben ihren Ursprung in diesem an Dr. Albala gerichteten Schreiben des Führers der serbischen Kriegsmission in Amerika, des Ministers des Aeußern Milenko Vesnic. Im heutigen jüdischen Leben Jugoslawiens stehen überall Aerzte an leitender Stelle. Im «Gemeindebunde», in den Bnei Brith-Logen, in den Gemeinden, in den Wohlfahrtsinstitutionen, in der zionistischen Organisation und im Keren Kajemeth, überall arbeiten Aerzte und allenthalben verstanden sie es, Einfluß zu gewinnen und der jüdischen Sache zum Erfolge zu verhelfen. An der Spitze der jüdischen Gemeinde in Subotnica steht ein Arzt; dort wurde vor acht Jahren das erste jüdische Spital Jugoslawiens errichtet. In Zagreb wurde im Herbste der Grundstein für das neue jüdische Spital gelegt, das gleichzeitig das so notwendige Mittelstandssanatorium für die ganze Bevölkerung sein wird. In einer zionistischen Studentenversammlung vor etwa einem Vierteljahrhundert stellte einer der Redner — ein Arzt — in scharfen Worten die Tatsache fest, daß die historischen Grundlagen der zionistischen Bewegung so wenig gekannt sind. Er sagte: «So wie mancher Mediziner meint, die Geschichte der Medizin beginne mit jenem Tage, an dem er sich im ersten Semester immatrikulieren ließ, ebenso ist mancher Zionist der Ansicht, daß die Bewegung erst dann begonnen habe, als er das erstemal die Parteisteuer, den Schekel, entrichtete.» Es ist sehr ehrenvoll, und ein Beweis der Anerkennung, wenn eine so hervorragende Zeitschrift wie der «Lijecnicki Vijesnik» in seiner, der Geschichte der Medizin gewidmeten Nummer auch den jüdischen Aerzten einen Artikel einräumt. Wenn es mir auch nicht gelang, in dieser kurzen Spanne Zeit viel Material zu sammeln, so habe ich doch den Weg für die weitere Arbeit gewiesen. Ich bin überzeugt, daß mich Juden und Nichtjuden, Aerzte und Laien verstehen werden. Kein Stand vermag — das müssen selbst wir irri praktischen Leben stehenden Juristen anerkennen — so schnell den Weg zum Herzen des Volkes zu finden, wie der helfende, der rettende, der lehrende Arzt. Die größten Führer der jüdischen Kultur waren Aerzte: Maimon Maimonides, der Philosoph, Jehuda Halevi, der größte Dichter unseres Volkes, Chasdai ibn Schaprut, der Staatsmann, der die Verbindungen erforschte, die zwischen den Juden Spaniens und jenen in Kroatien und unter den Chazaren bestanden. Jedes Volk hat seine Ziele, seine Ideale! Auch wir Juden wollen als Volk nicht untergehen! Nur die gemeinsame Arbeit aller kann den Fortschritt und die kulturelle Entwicklung der Menschheit bringen! Auf diesem Wege sollen die Aerzte unsere Führer sein! Darum ist auch das Studium der Medizin in gleicher Weise für die Jugoslawen wie für uns Juden wichtig, und zwar vornehmlich jenes der Geschichte der Medizin, die ja in Jugoslawien erst jetzt erforscht wird. Aus der Geschichte schöpfen wir alle, auch die jüdischen Aerzte, die Lehre: es genügt nicht, stolz auf die Errungenschaften früherer Generationen hinzuweisen! Wir müssen vielmehr selber so arbeiten, daß einst auch die Söhne stolz sein können auf die Leistungen ihrer Väter! Antisemitische Ausschreitungen in ....Radom Die jüdische Oeffentlichkeit in Polen, die sich noch nicht ganz über die ungeheuerlichen Vorgänge in Zloczew bei Lodz beruhigt hat, ist nun durch ähnliche Vorgänge in Radom in Aufregung versetzt worden. Auf dem Sportplatz außerhalb der Stadt Radom fand ein Fußballmatch zwischen einer polnischen und einer jüdischen Mannschaft statt, in dem die Juden den Sieg davontrugen. In dem Augenblick, als der Sieg der jüdischen Mannschaft verkündet, wurde, stürzten sich von den Zuschauerplätzen •Hullgäns auf die jüdischen Sportler und griffen sie an. Gleichzeitig überfielen andere Htritgans, jüdische Zuschauer auf den Zuschauerplätzen. Die jüdischen Sj>orger(.und die übrige jüdische Jugend setzten den Huligans einen organisierten Widerstand entgegen. Die Huligans ergriffen die Flucht in dlef^ Richtung der Stadt. Dort drangen sie in die hauptsächlich von Juden bewohnten Stadtteile ein und schlugen auf Männer, Frauen und Kinder mit Stöcken und Eisentsäben ein. Es brach eine furchtbare Panik aus. t Die jüdischen Einwohner flüchteten in die Häuser. Die Hujigans begannen mit Stöcken und Steinen die Fensterscheiben in den Wohnungen und Geschäftsläden einzuwerfen. Einige jüdische Läden wurden demoliert. In der Zeromski-, Lubelska-, Szeroka-, Godna-Straße und am Kosziuszko-Park wurden sämtliche Fensterscheiben in vielen jüdischen Wohnungen und Läden eingeschlagen. Das Büro der Zionistischen Organisation und das jüdische.Gymnasium waren besondere Ziele der Zerstörungswut des Mobs. Den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein wagten die jüdischen Einwohner nicht, ihre Wohnungen zu verlassen; der Stadttejl^jy^; wie ausgestorben. Gegen Mittemacht brachen die HtrHgaris wieder in das Stadtviertel ein, und der Terror begann von neuem. Die Polizei von Radom, die sich während des Tages als zu schwach erwies, um dem Wüten Einhalt zu tun und die nur einige Exzedenten verhaften konnte, wu^de^iiberwältigt und entwaffnet, worauf die verhafteten *littttgans gewaltsam befreit wurden. Auch der Polizeikommandant wurde entwaffnet. Bis drei Uhr morgens dauerten die Ausschreitungen an, an mehreren anderen jüdischen Häusern wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Erst als berittene Polizei von auswärts eintraf, kehrte Ruhe ein. Mehrere Huligans wurden verhaftet. *" Eine Abordnung der Jüdischen Gemeinde von Radom intervenierte bei der übergeordneten Sicherheitsbehörde und bat um Schutz für die in schwerer Panik lebende jüdische Bevölkerung. Wie es heißt, war der Angriff auf die jüdische Bevölkerung schon eine Woche vorher beschlossen worden, als bei einem Fußballkampf zwischen der Bar Kochba und einer polnischen Mannschaft zwei polnische Schüler im Spiel, wie dies bei Fußballkämpfen nicht selten vorkommt, verletzt worden. Am Montag, den 15. Juni, 9 Uhr abends, haben sich in Radom die antisemitischen Ausschreitungen gegen die ^jüdische Bevölkerung wiederholt. Einige jüdische Einwohner wurden schwer mißhandelt und verletzt. In der Eisengieße- , rei von Rubinstein wurden mehr als 100 Scheiben eingeschlagen. Die Fensterscheiben im Hause der Zionistischen Organisation und des jüdischen Gymnasiums wurden zum zweiten Mal eingeworfen. Die Polizei war rechtzeitig zur Stelle, verhaftete einige Ex- < zedenten und stellte die Ruhe wieder her. Am 18. Juni ist die jüdische Bevölkerung der Stadt Ra-f"Y dom durch ein neues Ereignis in Panik versetzt worden. j y Das fünfjährige Söhnchen der christlichen Familie Widro | Jr hatte sich verlaufen. Sofort entstand das Gerücht, daß die Juden aus Rache für die antisemitischen Angriffe das Kind getötet hätten. Die Polizei machte sich auf die Suche nach dem Kind und konnte dasselbe nach wenl- ’ gen Stunden den Eltern unversehrt zurückgeben. Inzwischen war die Stimmung in der Stadt sehr nervös geworden, der Pöbel rottete sich zusammen, und nur der j Umsteht der Polizei war es zu danken, daß nicht neue Exzesse ausbrachen. Die Polizei-Patrouillen in der Stadt sind durch Heranziehung von Polizeikräften aus anderen Städten verstärkt worden, der Bevölkerung wurde verboten, nach 9 Uhr abends die Wohnungen zu verlassen. Spanien und die Juden Das Edikt von 1492 existiert seit 1868 faktisch nicht mehr Die Jüdische Telegraphen-Agentur hat an den Botschafter der spanischen Republik in Berlin die Anfrage gerichtet, ob die spanische Regierung nicht beabsichtige, eine Erklärung zu veröffentlichen, in der das Judenaustreibungsedikt von 1492 formell widerrufen wird. Diese Anfrage hat Botschafter Castro in einem Schreiben an den Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, Herrn Jacob Landau, beantwortet, in dem es u. a. heißt: Durch die gegenwärtig besoriders betonten ernsthaften Bemühungen des jüdischen Stammes, innigere Beziehungen zum spanischen Volk herzustellen, erübrigt sich eigentlich die Notwendigkeit einer speziellen Erklärung seitens der Regierung der Republik. Die bloße religiöse Toleranz, die durch die Verfassung von 1876 gewährt wurde, ist nunmehr in religiöse Freiheit, durch die alle gesetzlichen Hindernisse beseitigt wurden, umgewandelt worden. Das Edikt von 1492 existiert seit der Revolution von 1868 faktisch nicht mehr; doch kann nicht in Abrede gestellt werden, daß Spanien in den Augen der öffentlichen Meinung Europas als ein Land mit einseitig exklusiver Religion gegolten hat. Diesem Stand der Dinge hat die spanische Republik ein Ende bereitet. Von dem Augenblick an, in dem der Staat sich als ein Gemeinwesen von «Laien» proklamierte und erklärte, daß der Katholizismus nicht länger die offizielle Religion Spaniens sei, war es klar, daß die Juden die Berechtigung erhalten hatten, ihre religiösen Bräuche unter allen erforderlichen Garantien und ebenso öffentlich wie in jedem anderen freien Lande auszuüben. Die spanische Republik sagt ihren Juden: Willkommen in Eurem Heimatland, im Lande Pedro Alfonsos, Maimonides’, Sem Tobs, Fernando de Rojas’ und vieler anderer, die bis zum Jahre 1492 einen integrierenden Teil des geistigen Erbes von Sepharad gebildet haben. Die Frage einer jüdischen Einwanderung in Spanien Toledo, 16. Juni. (J. T. A.) Der sozialistische Bürgermeister von Toledo, Ballester, ein bekannter Vorkämpfer der Republik, hat an die jüdische Gemeinde von Saloniki und an die Vereinigung sephardischer Juden in Amerika und Jerusalem ein Schreiben gerichtet, in dem er erklärt, er werde sich freuen, in seiner Stadt die Nachkommen ihrer einstmals vertriebenen besten Bürger begrüßen zu dürfen. Die Botschaft trägt offiziellen Charakter und besagt ferner, daß der Magistrat von Toledo den rückkehrenden Juden selbstverständlich die alten Synagogen («Del Tränsito» und «La Bianca») zurückgeben werde. Die Sepharden jugoslawiens und die neue Ordnung in Spanien Auf die von republikanischen Kreisen Spaniens ausgehende Propaganda für Rückkehr und Naturalisation sephardischer (spaniolischer) Juden nach Spanien haben die Sepharden Jugoslawiens negativ reagiert. In der Belgrader Zeitung «Vreme» präzisiert Leo A. Amar den Standpunkt der Sepharden Jugoslawiens wie folgt: Die jugoslawischen Juden fühlen sich als nationale Minorität in Jugoslawien sehr wohl; das Volk dieses Landes hat — wie kein zweites in der Welt — den Ausspruch: «Lieb ist uns jeder Bruder, wes Glaubens er auch sei», wahr gemacht. Die jugoslawischen Juden wurden nie verfolgt und sie denken nicht daran, das Land zu verlassen, für das sie ihr Blut vergossen haben. An Spanien bindet sie nichts mehr.