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Die Stimme · 1931-06-25 · Heft 181 (25.6.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 181 (25.6.1931)
Date
1931-06-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIL STIMME Sette 3 ,y Nr. 181 — 25, jitnl 1931 Ein Gespräch i Seit einigen Tagen weilt in Wien der hcrvorfagende amerikanische Zionistenführer, Ehrenpräsident der amerikanischen zionistischen Organisation und engster Mitarbeiter Brandeis’, Richter Julian Mack. Mister Mack ist Delegierter zum Zionistenkongreß und wird sich Ende dieses Monats nach Basel begeben. Er hatte die Liebenswürdigkeit, über einige aktuelle zionistische Themen uns gegenüber seine persönliche Meinung zu äußern. Wie wir erfahren, wird Julian Mack, der am 19. Juli d. J. sein 65. Lebensjahr vollendet, diesen Tag in Wien im Kreise seiner hier lebenden Familie verbringen. Der trotz seiner sechseinhalb Jahrzehnte jugendlich aussehende, rüstige Zionistenführer beantwortet unsere Anfragen folgendermaßen: «... Wir, ich meine die Brandeis-Mack-Oruppe, waren ja immer Gegner der auf dem Prinzip 50:50 erweiterten Jewish Agency. Unser seinerzeitiger Vorschlag lautete: man solle die palästinafreundlichen Nichtzionisten bewegen, in die Exekutive einzutreten, wo sie sich mit wirtschaftlichen Angelegenheiten befassen sollen. Nach Annahme dieser verantwortlichen Stellung würden sie dann schon hoffentlich mit der Zeit Zionisten werden. Dies haben wir uns von der Verwirklichung dieses Planes versprochen. Leider wurde dieser unser Vorschlag nicht angenommen. Ich gestehe offen, daß, wenn die in der heutigen Form bestehende Jewish Agency nicht vorhanden wäre, ich keinesfalls dafür eintreten würde, sie auf Grund des 50:50-Prinzipes zu schaffen, trotzdem ich natürlich die Mitarbeit der Nichtzionisten für den Aufbau Palästinas haben will. Aber, da sie schon einmal besteht, bin ich nicht für ihre volle Abschaffung, insbesondere, da die amerikanischen Führer des nichtzionistischen Teiles der Jewish Agency, Warburg und Cyrus Adler, wie auch einzelne europäische Führer, mit Hingabe und Aufopferung ihre Pflichten erfüllten und erfüllen. Cyrus Adler z. B., ein orthodoxer Jude, der keineswegs Zionist ist, und Warburg hängen mit großer Liebe an unserem Werk. In der letzten Zeit läßt sich auch bei Warburg vielleicht noch ein gewisses stärkeres Hinneigen zum Zionismus bemerken. In unserer Erinnerung ist noch sein wirklich schönes Schreiben, das er nach der Veröffentlichung des Weißbuches an Professor Weizmann gerichtet hat. Vielleicht bewirkten auch die Geschehnisse in Deutschland, das Anschwellen des antisemitischen Hitlerianismus, eine Wandlung bei Warburg und anderen Agency-Nichtzionisten Amerikas. Sie sind meines Erachtens heute mehr jüdischnational eingestellt als früher. Was aber die Leistungsfähigkeit der Jewish Agency betrifft, muß offen gesagt werden: wir Zionisten müssen beispielgebend sein, wir müssen vorangehen, sonst haben wir kein Recht, uns hinter die Nichtzionisten zu verschanzen und uns zu beklagen, daß sie nicht genügend finanzielle Opfer brächten. iit Julian Mack Die Opferbereitschaft und die L e i s t u ngen der Nichtzionisten sind von den unseren unmittelbar abhängig.» «... Nun zu Rektor Magnes. Persönlich ist er ein sympathischer und einwandfreier Mensch, dessen Grundidee Pazifismus heißt, jedoch ist er nicht im geringsten Maße als Zionist oder auch nur als Nationaljude zu betrachten. Die Balfour-Deklaration, das Palästinamandat kümmert ihn nicht, die jüdische Majorität in Palästina erscheint ihm unwichtig. Wesentlich für ihn ist die jüdische Seele, der jüdische Geist. Wichtig ist für ihn die Möglichkeit, diesen Geist in Palästina zu neuer Entfaltung zu bringen. Gerechterweise muß allerdings betont werden, daß Magnes sich während seiner letzten Amerikareise absolut loyal benahm und in keiner seiner Reden, die er in verschiedenen Versammlungen hielt, politische Themen streifte.» «Die Klagemauerangelegenheit,» erwidert Julian Mack auf eine andere Frage, «ist meiner Ansicht nach kein so bedeutendes Problem. Den Spruch der inter-, nationalen Kommission halte ich, wenn nicht für gerecht, so doch wenigstens für annehmbar. Die Tatsache, daß einzelne Juden ungehindert vor der Klagemauer beten dürfen, kann uns genügen. Mehr haben wir nie verlangt.» Bezüglich der künftigen Leitung der zionistischen Organisation meint Julian Mack, daß eine Regierungskoalition, an der auch Revisionisten teilnehmen würden, zustande kommen werde. Keine Kooperation zwischen Allgem. Zionisten Amerikas und Revisionisten New York, 21. Juni. (J. T. A.) Am Sonnabend, den 20. Juni, sind zahlreiche Mitglieder der amerikanischen Delegation zum 17. Zionistenkongreß nach Europa abgereist, unter ihnen Emanuel Newman, Rabbi Stephen Wise, Jacob de Haas und Jacob Fishman. Emanuel Newman, auf den die Redigierung des Programmes der amerikanischen Zionisten in erster Reihe zurückzuführen ist, erklärte vor seiner Abreise Vertretern der Presse gegenüber, die auf einer revisionistischen Pressekonferenz in London aufgestellte Behauptung, die Mitglieder der amerikanischen Delegation würden auf dem Kongreß mit den Revisionisten kooperieren, entspreche nicht den Tatsachen. Sie werden schlonk an jeder beliebigen KörpersteUe. Kein Fettansatz, keine Fettpolsterl Aeußerliche Anwendung. Garantiert unschädlich, wissenschaftlich begutachtet. Erfolg überraschend! Auskunft kostenlos durch: Generalvertretung der «Riagan» G. m. b. H., Wien, I. Himmelpfortgasse 9. Wir liquidieren Ausverkauf! 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Der Polizeioberkommissär von Nazareth hat die Freilassung der verhafteten Arbeiter gegen Kaution verweigert. „Haam“ verboten Die revisionistische Tageszeitung «Haam» wurde vom High Commissioner bis auf weiteres verboten, weil die Zeitung am 11. Juni anläßlich der Veröffentlichung des Klagemauer-Berichtes ein Gedicht von «Eldad» veröffentlicht hatte, das ein Klagelied war und der Trauer über die gegenwärtigen Zustände in Palästina und den Verlust der jüdischen Rechte an der Klagemauer Ausdruck gab. Die hebräische Arbeiter-Tageszeitung «Dawar» befaßt sich mit der Einstellung des revisionistischen Blattes «Haam» und zieht einen Vergleich zwischen dem harmlosen Gedicht, das zum Anlaß genommen wurde, das Blatt zu verbieten, und dem Aufruf des Präsidenten der arabischen Exekutive, Musa Kazim Pascha, in dem von den drei im Vorjahre hingerichteten arabischen Mördern als von «Märtyrern des Arabertums» gesprochen wird. «Dawar» erklärt, das Vorgehen der Palästina-Regierung sei darauf berechnet, den Anschein zu erwecken, als ob es die Juden seien, die sich der Aufreizung schuldig machen und den Frieden stören. Abschied von dem Dorfe Von Hermann Fischheimer. Die Hauptstraße der Ortschaft ist voll von Menschen, die dem Auszug der drei jungen Chaluzim beiwohnen wollen. Es scheint, als hätte die gesamte Einwohnerschaft des Ortes sich hier zusammengefunden, um an diesem Abschied teilzunehmen, und mit Ausnahme einiger Leute, die der ältesten Generation angehören, ist tatsächlich das ganze Dorf gekommen, dem Ereignis beizuwohnen. Die Menge umsäumte die Treppe, die in das Innere des Gemeindehauses führte, in dem sich fast alle Honoratioren des Dorfes versammelt hatten, und versuchte, etwas von dem, was sich in dem großen Vorraum abspielte, zu sehen. In der Hauptstraße war nicht weniger Schlamm als in den anderen Straßen, und die Leute, die ausnahmslos bis an die Knöcheln im Kot standen, fingen zu lärmen an. # Man fragte, warum sich denn die Ansprache verzögert hätte, und wie lange es noch dauern sollte, bis man zu einem Ende käme. Der Ortsgendarm, überlegen auf der obersten Stufe stehend, um weiteres Eindringen in den überfüllten Raum zu verhindern, überblickte mit hoheitsvoller Miene die Lage und versuchte, mit dem verrosteten Degen zu klirren. Als nur ein Gekreisch zustandekam, hob er ihn ein wenig und zeichnete einen Kreis in der Höhe seiner Kniescheibe. Die Umstehenden, die glaubten, daß das Manöver ihnen gelte, wichen erschrocken zurück und fingen in größerer Entfernung mit erneufer Kraft wieder zu murren an. Der Lärm hörte sich wie das langsam verhallende Grollen eines Wasserfalles an. Als das Murren da draußen noch mehr anschwoll, bequemte sich Reb Chaskel, der Ortsvorsteher, endlich dazu, die Abschiedsrede zu halten. Diese Ansprache war ziemlich persönlich gehalten; der Redner haspelte die Sätze herunter; er schnurrte und summte und sang und grollte und hatte binnen kurzem alles hinter sich. Erleichtert reichte er den drei Jünglingen, dann noch fast allen Anwesenden die schweißigen Hände. Die Zeremonie war beendet, der Zug formierte sich« der Ausmarsch konnte beginnen. Voran schritt der Redner neben den Chaluzim, hinter ihnen die Eltern, die Verwandten, und zuletzt der dichte Knäuel der anderen. Beim Hinausgehen öffnete sich eine Gasse zwischen den auf der Straße Harrenden. Der Gendarm salutierte; fest stapfte er in den Schlamm und spritzte ihn nach allen Seiten, was ihm Flüche und Verwünschungen eintrug, die wirkungslos an dem Panzer seiner Autorität 'abprallten. Der Schnauzbart stach in die Luft, die linke Hand stützte sich auf den Knauf des langen Degens, seine Rechte baumelte wie ein steifer Stab umher. Das Dorf bestand aus wenigen uferlosen Straßen, an deren Seiten niedrige, schiefgieblige Häuser standen, die grau, schmutzig und meist verfallen, wie . Haufen formloser Steine aussahen. Nur die Hauptstraße, in der sich das Gemeindehaus befand, nahm sich respektabler aus. Der Weg war von einigen schmalen Steinplatten flankiert, die mit einem Anflug von System an die Häuser stießen. Die eigentliche Straße in der Mitte, die das Dorf mit der eineinhalb Stunden entfernten Stadt und der nächstliegenden Ortschaft verband, war genau so grundlos wie die anderen Wege des Dörfchens. Das Gemeindehaus, wie ein großmächtiger einheitlicher Punkt inmitten zerstäubter kleiner Pünktchen, bildete den Stolz und die Sehenswürdigkeit des jetzt so erregt umherkribbelnden Ameisenhaufens. Ueber die Treppe, die in das Gebäude führt, zwischen den beiden hölzernen, runden, glatten Säulen, ergossen sich jetzt die verschwitzten Leiber und vermengten sich mit den Harrenden. Der Zug stieß sich langsam vorwärts. Voran der Gendarm, dann fröhlich die drei Chaluzim. Sie sind froh und glücklich und ihre Herzen jubeln: Endlich . . . endlich . . . endlich! Hinterher die Verwandten, die sich plötzlich erinnern, daß ein Abschied traurig sein müsse; die Männer ernst und nachdenklich, die Frauen halten die Taschentücher an Augen, Nase und Mund. Und all das, die Arme vor Anstrengung schwingend, stampft Löcher in den zähen Schlamm und bewegt sich vorwärts wie ein ungeheurer Vielfiißler. Es soll Abschied genommen werden; Abschied für jetzt, für lange Zeit, vielleicht für immer. Nur zwei von den Chaluzim — Jakob und Ber — haben Eltern; Josef, ihr Freund und Begleiter, hat niemand auf der Welt, nur einige weitläufige Verwandte, die an einem anderen Ort wohnen, sich nicht um ihn kümmern und ihn tun lassen, was er will. Teilweise freut er sich dieser Freiheit, aber oft überkommt ihn ein Sehnen nach Liebe, nach Vater und Mutter, nach jemandem, der zu ihm gehört, zu dem er gehört. Von ihm verabschiedet sich das ganze Dorf — denn hier gehört er zu allen, gehören alle zu ihm! Jeder einzelne von ihne^i hat geholfen, seine Ausrüstung zuzammenzustellen, sie wollen alle an ihm gutzumachen versuchen, was ein hartes Schicksal verschuldet. Man drückt ihm die Hände, steckt ihm immer wieder etwas zu . . . er steht, unfähig zu reden, gerührt da und läßt alles mit sich geschehen. Eine alte Frau küßt ihn sanft-mütterlich. — Den Anderen geht es genau so. Man drückt ihre Hände, wünscht ihnen Gutes, küßt sie. Auch sie stehen wirr und verlegen da und lassen alles mit sich geschehen. Inmitten des Trubels steht der Gendarm; sein Gesicht ist streng, unbeteiligt, und er blickt mißbilligend in das Getue. Es ist ihm gänzlich fremd und unverständlich — aber er tut seine Pflicht, für die er bezahlt wird. Alles andere ist ihm gleichgültig. Die Wirrnis hat sich ein wenig gelöst und geordnet, Jakob steht mit Vater, Mutter, Schwester, Neffen, umringt von neugierigen Menschen; er küßt die Mutter, reicht dem Vater die Hand, küßt die Schwester zweimal, hebt den schreienden Neffen in die Höhe, schüttelt den Herumstehenden die Hände und wendet sich nochmals der Familie zu. Etwas abseits, umringt von den Seinigen und Dörflern, steht Ber; sein Tun gleicht dem Jakobs. Es sieht aus, als spielten sie alle hier grelles, lärmendes Theater. Di« schlenkernden Bewegungen, das Kreischen, di« vielen Küsse wirken unecht und affektiert. Es ist seltsam, wie diese Menschen, je mehr sie sich dec Freude oder dem Schmerz hingeben, zu Uebertreibungen neigen und das Ganze sich ins Groteske, Unnatürliche steigert. Die Gruppe um Josef ist di« größte. Hier geht es nicht minder herzlich zu. Wenn er von hier wegfährt, bricht er alle Brücken Mailt \

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