Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 181 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seifte t DIE STIMME Nf, 181 — 25. Juni 193t alle Familienfeierlfchkeiten (Hochzeiten# Brith Milah, Bar Mizwah etc.) bekannt. Der Keren Kajemeth wird bei diesen Gelegenheiten durch seine Freunde Sammlungen für den Keren Kajemeth durchführen wider voitt Rufe: «Juden hinaus!» Die Hakenkreuzler stürmten die Vortragssäle, in denen gerade Vorlesungen abgehalten wurden, und schrien: «Gibt es hier Juden? Juden hinaus!» Bezeichnend ist es, daß die Professoren sich diesen Ueberfall gefallen ließen*, nur zwei von ihnen, Prof. Merkt und Prof. Hupka, hatten den Mut, dagegen zu protestieren. Professor Merkl sagte zu den exzedierenden Hakenkreuzlern: «Sie sprechen von akademischer Freiheit, und Sie mißbrauchen die akademische Freiheit!» Professor Hupka wurde von den völkischen Helden sogar tätlich bedroht. Wilde Prttgeluenen Das Ultimatum der Herren Hakenkreuzler war an eine Drei-Minuten-Frist gebunden. Aber sie ließen diese kaum verstreichen, und schon wurden die einzelnen jüdischen Studenten von einer überwältigenden Uebermacht der Hakenkreuzler überfallen und blutiggeschlagen. Viele Nazistudenten bearbeiteten ihre Opfer mit Stahlruten; einige jüdische Studenten wurden an Kopf, Gesicht und Augen durch diese Hiebe schwer verletzt. In der Aula bildete sich, wie gewöhnlich bei solchen Anlässen, ein Spalier der völkischen Studenten, durch den die jüdischen Spießruten laufen mußten. Alle Augenzeugen erklären, daß die an Exzesse antisemitischer Art gewöhnte Wiener Universität noch nie eine derartige Bestialität gesehen hat Einzelne jüdische Studenten wurden ln der Aula gefangengehalten und dort blutiggeschlagen. Markerschütternde Schreie hörte man auf der Ringstraße aus dem Gebäude dringen, aber die auf der Rampe befindliche Polizei durfte die Aula nicht betreten. Der diensthabende Polizeioffizier erklärte einem Intervenierenden wörtlich: «Meine Herren, Sie wissen, daß vor vielen Jahren in der Aula geschossen wurde. Sie waren damals nicht an der Universität — ich war als Polizist bei den Vorfällen zugegen. Wir sind mit gezogenem Säbel an der Türe der Aula gestanden — wir durften sie nicht betreten. Solange der akademische Senat nicht die Erlaubnis gibt, können wir jegen die Ueberfälle nicht elnschrelten.» ~ Und der Herr Rektor) 'Seine Magnifizenz Herrn Professor Uebersberger IcÖnhifen diese schweren Ausschreitungen nicht aus seiner Ruhe bringen. Es fiel ihm nicht im Traume ein, die Polizei um Intervention zu ersuchen. Vielmehr hielt er eine kurze, an die versammelten Völkischen in der Aula gerichtete Ansprache, ln der er diese tröstete und ihnen zu verstehen gab, daß man schon irgendein Hintertürl finden werde, um die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes zu umgehen, und die Studentenordnung in dieser oder jener Form aufrechtzuerhalten. Die Hakenkreuzler waren entzückt, um so mehr, als der Rektor bei der Polizei intervenierte, daß sie die Rampe räume. Dies geschah, allerdings unter der ausdrücklichen Bemerkung des diensthabenden Polizeioffiziers, daß bei der geringsten Ruhestörung die Rampe wieder besetzt werden würde. Hierauf begab sich Prof. Uebersberger in das Unterrichtsministerium, um die «Lage zu besprechen». „Juden itt der Eintritt verboten*'! Um die Mittagsstunde befestigten die Hakenkreuzler an den Säulen vor der Rampe zwei große, gelbe Plakate mit der roten Inschrift «Juden Ist der Eintritt verboten I» Sie verlangten vom Rektor, daß er eine «judenreine Woche» anordne, während welcher nur Ariern das Betreten der Universität gestattet sein solle. Diese judenreine Woche sollte dann am 2. Juli mit einem Fackelzug für Professor Uebersberger stilvoll beendet werden. Die großen, gelben Plakate erregten auf der Ringstraße großes Aufsehen. Die ln großen Ueberlandautos vorbeifahrenden Rotarier hatten Gelegenheit, zu allem wirklich Schönen, das sie in unserer Stadt genießen, auch Einblick ln das barbarische, mittelalterliche Wien zu nehmen. Wie wir erfahren, haben viele von Ihnen ihrer Empörung darüber Ausdruck gegeben, daß man in Wien unschuldige Menschen blutigschlage, ohne daß irgend etwas dagegen getan werde. Wie brutal der plötzliche Ueberfall der Hakenkreuzler auf die im Gebäude befindlichen jüdischen Studenten war, mag die Tatsache beweisen, daß ein bedrängter jüdischer Student ungarischer Staatsbürgerschaft aus dem Fenster des ersten Stockwerks aut die Straße sprang. Schwerverletzt blieb er auf dem Pflaster liegen. Am Nachmittag In den ersten Nachmittagsstunden veranstalteten die Hakenkreuzler!m Votivpark einen Bummel. Aber auch andersgesinnte Studenten fanden sich ein, um ihrem Unwillen gegen die Barbarei der Exzedenten Luft zu machen. Die Polizei bildete einen Riegel zwischen den beiden Parteien, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Bald darauf intervenierte das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde und der jüdische Hochschulausschuß bei der Polizeldtrektion und den akademischen Behörden, worauf die aufhetzenden Plakate entfernt wurden. Auf der Technik Auch auf der Technik kam es zu ähnlichen antisemitischen Ausschreitungen. Auch hier erscholl der Ruf: «Juden hinaus!» Drei jüdische Studenten wurden verletzt. Alle Hochschulen geschlossen Am Nachmittag wurde vom Rektorat eine Kundgebung angeschlagen, wonach die Universität und sämtliche Nebengebäude bis auf weiteres geschlossen bleiben. Nur Prüfungskandidaten sollen gegen Vorweisung der Ladung eingelassen werden. Auch alle anderen Hochschulen Wiens wurden geschlossen. RcsumA Im ganzen wurden gegen zwanzig jüdische Studenten verletzt, darunter einige schwer. Die Polizei hat fünfzehn Personen wegen Ordnungsstörung angehalten. Vor dem Vorläufiges Gesamtresultat der Wahlen Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, haben die Wahlen zum 17. Zionistenkongreß vorläufig folgendes Gesamtresultat ergeben: Allgemeine Zionisten 81 Delegierte, Arbeiterparteien 72, Revisionisten 44, Misrachi 34, Radikale 8, andere Gruppen 2 Mandate, ln dieser Aufstellung sind auch die auf Grund der Weltwahllisten gewählten Delegierten mitenthalten. Den Allgemeinen Zionisten, len Arbeiterparteien^ den Revisionisten und dem Misrachf wurden von ihren Weltwahllisten je zwei Mandate zugesprochen. Die Feststellung des endgültigen Resultates ist noch nicht möglich, da die Wahlresultate aus einigen Ländern noch ausstehen und in einigen anderen Ländern die Wahlen angefochten werden. Danzig entsendet einen Arbeitervertreter zum Zionistenkongreß Danzig, 18. Juni. (J. T. A.) Bei den Wahlen zum XVII. Zionistenkongreß erhielten die Liga für das arbeitende Palästina 247, die Revisionisten 191, Allg. Zionisten und Misrachi 73 Stimmen. Zum Kongreßdelegierten wurde der Poale Zionist Baruch Elsenstadt gewählt. Endresultat der Kongreßwahlen ln Westgalizien Nach dem nunmehr vorliegenden endgültigen Resultat der Wahlen zum 17. Zionistenkongreß in Westgallzlen und Schlesien haben in diesem Wahlkreis die Allgemeinen Zionisten (7571 Stimmen) sieben, die Vereinigten Arbeiterparteien (2727 Stimmen) zwei, Misrachi (2127 Stimmen) und Revisionisten (1619 Stimmen) je ein Mandat erlangt. Endgültige Verteilung der zionistischen Mandate in Kongi eß-Poien Nach der Verteilung der Kongreß-Polen zustehenden 33 Delegiertenmandate zum XVII. Zionistenkongreß hielt die Hauptwahlkommission eine weitere Sitzung ab, ln der festgestellt wurde, daß nach der Zahl der abgesetzten Schekalim Kongreß-Polen Anspruch auf 36 Mandate hat. Diese wurden endgültig wie folgt verteilt: Al Hamlschmar 5, Eth Liwnoth 2, Misrachi 7, Arbeitendes Palästina 11, Revisionisten 11. Aktionskomitee-Tagung am 29. (uni L o n d o n, 21. Juni. (J. T. A.) Das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation wurde für den 29. Juni, einen Tag vor Eröffnung des 17. Zionistenkongresses, nach Basel einberufen. Die Londoner Bureaus der Jcfiuft'jDotn Wien, 2., %aborstraße Vir. 8a 3)ie Qrenze der Xeistungsfähigkeit für moderne Qualitätsschuhe Sämtliche Anschlagstafeln der jüdischen Studenten wurden zertrümmert. Die Aula bot ein trauriges Bild: auf dem Boden verstreute Bücher, Skripten, Dameflhandtaschen, Glasscherben, Kleiderfetzen usw. zeugten noch in den Nachmittagsstunden von den Heldentaten der Hakenkreuzler. Sie brüsten sich damit, daß die Sperre der Hochschulen nicht als Folge der Exzesse, sondern als berechtigter Protest gegen die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes verfügt worden sei. Der 23. Juni wird mit schwärzesten Buchstaben in der Geschichte der Wiener Universität verzeichnet bleiben. Protestkundgebung der Jüdischen Studentenschaft Der jüdische Hochschulausschuß teilt mit: Samstag, den 27. Juni, H»9 Uhr abends» findet im Hotel Post, I., Fleischmarkt, eine Protestkundgebung der jüdischen Studentenschaft gegen die antisemitischen Exzesse an den Wiener Hochschulen statt. Sprechen werden Kultusmandatare und prominente Führer der zionistischen Bewegung ln Oesterreich. Kongreß Zionistischen Organisation und der Jewish Agency werden am 24. Juni für die Dauer des Kongresses und der Tagung des Council der Jewish Agency nach Basel verlegt. „Haolani“ für ein einheitlliches Programm der Allgemeinen Zionisten Das Zentralorgan der Zionistischen Organisation, «Haolam», veröffentlicht einen Leitartikel, in dem daran Kritik geübt wird, daß die Allgemeinen Zionisten eines einheitlichen Programms entbehren. Es wird darauf hingewiesen, daß in den Reihen der Allgemeinen Zionisten viele Extreme vorhanden sind, so einerseits die Mehrheit der amerikanischen Delegierten, anderseits die deutschen und englischen Delegierten. «Haolam» stellt die Forderung auf, daß die Allgemeinen Zionisten sich unabhängig von der Führerfrage auf ein Programm für die praktische Arbeit einigen. Die Revisionisten zur Uebernahme der zionistischen Leitung bereit L o n d o ri, 16. Juni. (J. T. A.) Am 16. Juni fand Im Bureau der Weltunion der Zionlsten-Revisionlsten eins Pressekonferenz statt, ln der der Vizepräsident de< Union, Meer Großman, darauf hinwies, daß die RevU» slonisten bei den Wahlen zum 17. ZionistenkongreS bereits 45 Mandate errungen haben und wahrscheinlich durch 50 Delegierte vertreten sein werden. Es seien Anzeichen dafür vorhanden, daß der revisionistische Standpunkt nicht nur zahlenmäßig, sondern auch geistig gesiegt habe. Das Kongreßprogramm der amerikanischen Zionisten stehe den Grundprinzipien des Revisionismus so nahe, daß eine Kooperation zwischen Revisionismus und amerikanischem Zionismus möglich geworden sei. Es gebe auch Momente, die darauf hindeuten, daß sich beträchtliche Telle der zionistischen Bewegung dem revisionistischen Standpunkt nähern# Es sei daher zu erwarten, daß der bevorstehende Kongreß der zionistischen Politik und Methode eine neue Wendung geben werde. Die Revisionisten seien sich der Verantwortung bewußt, die eine Partei, die Uber 60.000 Stimmen erhalten hat, zu tragen habe. In voller Kenntnis der politischen und finanziellen Schwierigkeiten, vor denen die Bewegung steht, seien sie bereit, die Führung, sei es in Form einer rein revisionistischen Exekutive, sei es in Kooperation mit Männern, von denen man erwarten könne, daß sic Im Geiste des revisionistischen Programms arbeiten würden, zu Übernehmen. Zum Schluß besprach Großman die gegenwärtige politische Situation und erklärte, es dürfe nicht zugegebei werden, daß auf dem kommenden Kongreß die Stellungnahme zu Tendenzen, das Jüdische Nationalheim ln seinem gegenwärtigen Entwicklungsstadium erstarren zu lassen, wie sie im neuen palästinensischen Bodengesetz und im Landentwicklungsplan zum Ausdruck kämen, gegenüber der Erörterung der Führerfrage in den Hintergrund trete. Unter« geehrten Leser werden auf da» Inserat der Flln* wasohanstalt „Habsburg“, Zentrale: VI., Waligasso Nr, 4 (Seite 1), aufmerksam gemacht. Die Firma ist als ejnsige dieser Branche Mitglied der Rabattsektion des Keren Kajemeth und die Mitglieder dieser Sektion genießen bei Beitel* lurtgen den UbUohen Babatt.