Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 181 (25.6.1931)
- Date
- 1931-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. BEZUGS. BEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 150, vierteljährl. S 4'20, ganzjährL . . S 16‘— Deutscbld. viertel* jährl. RM 3‘~ Tschechoslowakei viertelj. Ke 24*— Jugoslawien vierteljährL Din. 40*- Polen vierteljährlich Zloty 6*50 Ungarn Vierteljahr lieh Pengö 4*20 Rumänien vierteljährl. Lei 120— Uebriges Ausland vierteljährl Schw Franken 4‘50 Jlidisdke Zeitung 4. Jahrgang Wien, Donnerstag, 25. Juni 1931 (10. Thamus 5691) Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien, I.. Kärntner* Straße 28 Tel. R-27-4-86 Postsparkassenkontit Oestcvr. D 113.546 Polen . 191.199 Tschechoslowakei .500.230 Tugoslawien 40.879 Nummer 181 Barbarei Uber Wien Leben wir noch In einem Rechtsstaat? Blutige antisemitische Exzesse an der Universität und der Technik — Ein jüdischer Student springt aus dem Fenster — Viele Schwerverletzte — Die Polizei darf den geheiligten akademischen Boden nicht betreten TELEFON B 24-5 GRO'SSBVfFUEB FÜR HflUSWiiSCHE Die österreichische Hochschulschande Der mit großer Spannung erwartete Spruch des Verfassungsgerichtshofes hat die vom akademischen Senat der Wiener Universität erlassene Studentenordnung für verfassungswidrig erklärt. Damit hat ein unrühmliches Kapitel in der Geschichte der österreichischen Hochschulen sein — hoffentlich ewiges — Grab gefunden. Diese Studentenordnung wurde vom akademischen Senat in aller Stille und ohne Befragung der andersnationalen Studenten vor mehr als einem Jahr . erlassen. In ihr war zu lesen, daß sich die Studenten gleicher Nationalität zu Studentenorganisationen zusammenschließen sollten. Mit scheinheiligem Augenverdrehen wurde dabei natürlich behauptet, daß alle Studentennationen gleiche Rechte und Pflichten haben sollten, und wiederholt bemühte sich der damalige Rektor Gleispach, die jüdische Studentenschaft zur Bildung der jüdischen Studentennation zu bewegen. Es ist ein schöner Beweis für die politische Reife der akademischen jüdischen Studentenschaft, daß sie diesen Lockungen des Rektorates widerstanden hat, daß sie sich die Anschauungen des Rings der Alte-Herren-Verbände der zionistischen Verbindungen, des Zionistischen Landeskomitees und der zionistischen Kultusmandatare zu eigen machte, und daß sie sich nicht beirren ließ durch das Geschrei einiger weniger Jugendlichen, die sie auf eine schiefe Ebene drängen wollten; denn man muß sich darüber klar sein, daß diese Studentenordnung nichts weniger bedeutete, als die Legalisierung der unbeschränkten Machtvollkommenheit der Hakenkreuzler an der Universität unter einem anderen Namen. Welchen Zweck hätte es auch gehabt, eine jüdische Studentennation zu bilden, die den Hakenkreuzlern erwünscht gewesen wäre als Aushängeschild dafür, daß angeblich gleiches Recht an der Universität herrsche, wo sich in Wahrheit ein radaulustiger Mob austobt. Wie hätte es diesen Hakenkreuzlern gepaßt, darauf hinzuweisen, daß die Jüdischnationalen eine Studentennation bildeten. Hätte man dann doch vielleicht leichter unter dem Titel «Deutsche Studentenschaft» beim Welt- Studentenhilfswerk und anderwärts Geld bekommen, das allerdings oft von Juden stammt. Wie sagt man aber in solchen Fällen? Non ölet. Aber noch mehr, wäre diese Studentenordnung durch den Verfassungsgerichtshof gutgeheißen worden, dann hätte der Tag der Verkündigung dieses Urteiles den Anfang vom Ende der Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich bedeutet, einer Gleichberechtigung, die ohnehin vielfach nur auf dem Papier steht. Seit dem Umsturz wurde kein Jude zum Richterdienst zugelassen, kein Jude wurde Staatsbeamter, bei der Besetzung der Kliniken und ordentlichen Lehrkanzeln übersieht man beharrlich die bedeutenden jüdischen Wissenschaftler. Würde sich heute Einstein in Oesterreich um eine Professur bewerben, ich glaube, er könnte nicht ordentlicher Professor werden. Da herrscht ein Numerus nullus für Juden. Wäre nun diese Studentenordnung durch den Verfassungsgerichthof sanktioniert würden, dann hätten wir es erlebt, daß auch in anderen öffentlichen Korporationen der Versuch gemacht worden wäre, nationale Kammern zu bilden, um die iuden zu degradieren, so in der Handelskammer, im iremium der Kaufmannschaft usw* und damit Die Wiener Universität, einst eine friedliche Stätte des Geistes und der Wissenschaft, heute Tummelplatz des wildgewordenen Hitlerianismus, bot Dienstag, den 23. Juni, wieder einmal einen Schauplatz bestialischer antisemitischer Ausschreitungen. Die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes, derzufolge die Gleispachsche Studentenordnung als verfassungs- und rechtswidrig aufgehoben wird, löste unter den Hakenkreuzsiudenten einen wahren Wutausbruch aus. Die Exzesse, die knapp nach der Urteilsverkündung begannen, haben an Brutalität und Dimensionen die früheren derartigen Heldentaten der Wiener Hitleriaher weit übertrofteh. Barbarei über Wien — anders kann man den Ueberfall zusammengerotteter Hakenkreuzler auf einzelne jüdische Studenten nicht nennen. Barbarei über Wien: in den Gängen der Universität wird eine Menschenjagd veranstaltet — wer den Teuischen nicht genehm erscheint, wird geschlagen, bis er aus hundert Wunden blutet, und dann die Rampe hinuntergeschmissen. Barbarei über Wien: um das Leben zu retten, springen jüdische Studenten aus den Fenstern des ersten Stockes auf die Straße und bleiben verletzt auf dem Pflaster liegen. Und der Gipfelpunkt: trotz all dem hält Seine Magnifizenz, Herr Prof. Uebersberger, — ein würdiger Nachfolger des Prof. Gleispach — am mittelalterlichen Begriff des heiligen akademischen Bodens fest. Was schert ihn das Leben, die Gesundheit der nichtarischen wären wir hineingedrängt worden in den Numerus clausus; und hätte die jüdische Studentenschaft eine jüdische Studentennation gebildet, sie wäre bald mit Entsetzen wahr geworden, daß sie sich selbst in ein Getto gedrängt und sich selbst den gelben Fleck angeheftet hätte. Die jüdische Studentenschaft hat politische Reife bewiesen und war gut beraten. Hätte sie die Studentennation gebildet und wäre nun die Studentenordnung, nach der die Bildung der Nationen erfolgen sollte, als verfassungswidrig erklärt worden, wie es jetzt geschehen ist, dann hätte sich die jüdische Studenschaft selbst entwürdigt. Sie hat es nicht getan und es war gut so. Auch dem blödesten Auge mußte am 23. Juni 1931 klar werden, wer der Vertragspartner dieser jüdischen Studentennation gewesen wäre. Die deutsche Studentennation, die zum größten Teil aus Rassenantisemiten besteht, von denen sich niemand mit einem Juden an einen Tisch setzen würde, hat die blutigen Vorfälle des 23. Juni auf dem Gewissen. Man mag nicht wieder mit den «unverantwortlichen Elementen» und mit den «hochschulfremden Elementen» kommen. Die Hakenkreuzler mögen den Mut haben, für ihre Schandtaten einzustehen. Was am 23. Juni an der Wiener Universität und an der Technik geschehen ist, zu einer Zeit, da tausende Ausländer in Wien weilen, ist eine Schande für ganz Oesterreich. Wir können den Fremden in Wien viel Schönes und Einzigartiges zeigen. Am 23. Juni konnten sie etwas sehen, was im Baedeker nicht verzeichnet ist, was auch nicht drei Sternchen im Baedeker verdienen würde, sondern einen schwarzen Trauerrand, Wir fragen heute die Österreichische Regierung und alle Menschen in diesem Staate, die sich noch einen Rest von Schamgefühl bewahrt haben* ob es Studierenden? Was schert es ihn, daß es Schwerverletzte gibt? Das mittelalterliche Privileg muß aufrechterhalten bleiben! Vor den Toren der Universität hört die Staatsgewalt, hört das Recht auf Schutz des Lebens* hört das zwanzigste Jahrhundert auf. Die Polizei darf nicht in die Aula, trotzdem dort Verbrechen begangen werden, trotzdem von dort Hilferufe erschallen, trotzdem dort zehn auf einen, zwanzig auf einen, hundert auf einen wie wilde Bestien sich stürzen. Die Herren Hakenkreuzler, die ihr Mütchen kühlen, und an jüdischen Studenten für die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes Rache nehmen, dürfen in ihrer «Arbeit» nicht gestört werden . . . Ueber Hergang und Verlauf der Exzesse wird üns berichtet: Der Auftakt Bei der Sitzung des Verfassungsgerichtshofes, in der das Urteil gefällt werden sollte, waren viele Haken« kreuzler — mit Prof. Gleispach an der Spitze — an? wesend. Die Urteilsverkündung löste unter ihnen großen Unwillen aus, doch begnügten sie sich im Sitzungs« saale noch mit einem leisen Murren. Dafür kühlten sie ausgiebig ihr Mütchen während der nächsten Stunden im Universitätsgebäude, wohin sie geschlossen, inj Laufschritt fast, zogen, um die «Hiobsbotschaft» unter ihren Kommilitonen zu verbreiten. Bald hallten Korridore, Vortragssäle und die Bibliothek der Universität weiter angängig ist, daß die Wiener Hochschulen Trutzburgen bilden für Rassenhaß Und Hakenkreuzlerunwesen, ob es weiter erträglich ist, daß die sogenannte akademische Freiheit die Sicherheitsbehörde am Betreten des akademischen Bodens verhindern darf, wenn dieser akademische Boden entweiht wird durch Untaten, die im Sinne des Strafgesetzbuches als Verbrechender Einschränkung der persönlichen Freiheit, der gefährlichen Drohungy der Erpressung und schwerer körperlicher Beschädigung strafbar sind. Die akademische Freiheit hatte einmal ihren Wert, als es galt, die freie Forschung und die freie Lehre vor der Zensur der Kirche zu schützen. Sie hat heute jede Berechtigung verloren, wenn sie es den Hakenkreuzlern gestattet* jüdische Studenten und, was unglaublich schamlos ist, Studentinnen zu mißhandeln. Das Gewissen der Welt schläft nicht, und wenn es schläft, dann werden wir es wachrütteln. Wir werden diese Affenschande nicht weiter dulden und das Gewissen der Welt anrufen, wenn unsere staatlichen Behörden nicht energisch die Wiederkehr derartiger Vorfälle verhindern. Die Vorfälle des 23. Juni zeigen aud$ der jüdischen Studentenschaft, daß sie Herz und Verstand in das jüdischnationale und zionistische Lager führen muß, daß die Studentenschaft sich zusammenschließen muß, daß der Gesamtverband der jüdischen Hochschüler «Judäa» ein Zentrum werden’ muß, von dem ein geeinigter nationaler Wille ausstrahlt, und jeder jüdische Student muß sich darüber klar werden, daß es seine Ehrenpflicht ist, sich der «Judaä» als arbeitendes Mitglied anzuschließen». Wir sind die Minorität, aber geeinigtes Wollen und, geeinigtes Wirken wird die jüdische Studenten*^ schaft, hinter der die zionistischen Mandatare stehen, stark machen. Rr* Oskar ö x fi nfcaujkf/