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Die Stimme · 1931-06-18 · Heft 180 (18.6.1931) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 180 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 180 — 18. Juni 1931 Seite $ DIE STIMME Mandat, Boden-und Siedlungsfragen in Palästina Von Samu Halpetn «Die Verwaltung Palästinas soll unter der Sicherung, daß die Hechte und die tage anderer Teile der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden, jüdische Einwanderung unter geeigneten Bedingungen erleichtern und in Zusammenarbeit mit der in Artikel 4 erwähnten jüdischen Vertretung (Jewish Agency) geschlossene Siedlung von Juden auf dem Lande, mit Einschluß der nicht für öffentliche Zwecke erforderlichen Staatsländereien und Brachländereien, ermutigen.» (Artikel 0 des Palästinamandates). Vor aller Welt ist England die feierliche Verpflichtung eingegangen, den Juden in Palästina eine nationale Heimstätte zu sichern und ihnen die Möglichkeit hierzu durch Bodenerwerbungen, die primärste Voraussetzung einer nationalen Kolonisation, zu geben. Mehr als ein Jahrzehnt ist verflossen, seit dieses vor aller Welt gegebene Versprechen in unserem «Besitze» ist. Und das Resultat? Kommissionen, Delegationen und einzelne «Fachmänner» lösten einander ab, Berichte allerlei Farben erschienen, und wir kommen nicht weiter. Namentlich der letzte Abgesandte, Sir John Hope Simpson, zeugt für die Annahme, daß das britische Reich es mit der Verwirklichung der Mandatsziele nicht ernst, zumindest nicht eilig hat. Mit weich geradezu offenkundig antijüdischer Stellungnahme der Simpson-Bericht geschrieben ist, zeigt das soeben erschienene Buch des bekannten Agronomen Dr. A. Qranowsky: «Die Bodenfrage und der jüdische Aufbau in Palästina», Verlag C. Barth, Wien 1931. Das Buch gliedert sich ln zwei Telle. Der eine und größere Teil setzt sich mit dem Simpson-Bericht gründlich auseinander. Dr. Granowsky zeigt an den wichtigsten Punkten des Simpson-Berichtes auf, wie er von Entstellungen und falschen Vofaussetzungen geradezu strotzt, Wie stellt man z. B, die kultivierbare Fläche eines Landes fest? Wir Laien wären wohl der Meinung, man untersuche die verschiedenen Bodenarten durch Bemessungen und Erdproben, um die Eignung des Bodens und die Fruchtart, für die der Boden am besten geeignet ist, festzustellen. Simpson aber macht es anders. Wozu besitzt das britische Reich Flugzeuge? Der Boden Palästinas wurde mittels topographischer Flugzeugaufaufnahnien auf seine Kultlvlerbarkelt untersucht. Sein Hauptfehler bei der Feststellung.des" Begriffe§"«kulti- « vierbar» ist sein Ausgang von arabischen Begriffen. Nach der extensiven arabischen Arbeitsweise ist mancher Hoden, der durch intensive jüdische Arbeitsweise kultivierbar werden kann, unkultlvierbar, Als Beispiel sei erwähnt der Bodenkämpfe* von Nurls, der früher Heberverpestet war und jetzt, dank der jüdischen Entsumpfungsarbeif, ' 1225 Seelen in fünf Siedlungen ernährt, Simpson läßt natürlich bei seinen Berechnungen Transjordanien aus, das mit seinen 300.000 Bewohnern, von denen nur 130.000 seßhaft sind, eineinhalbmal so groß ist wie das palästinensische Mandatsgebiet. Daß im Ostjordanland nur 7.5 Menschen pro Quadratkilometer, im eigentlichen Palästina 36.2 Menschen pro Quadratkilometer wohnen und daß daher die kultivierbare Fläche, also der Boden für Besiedlungen, auf beiden Seiten des Jordans ln Rechnung gezogen werden muß, kümmert Herrn Simpson nicht. Aber es kommt noch viel schöner. Durch eine in keiner Welse begründete Erhöhung der Zahl der Fellachenfamilien hat Simpson den Bedarf der landwirtschaftlichen Böden für die bestehende Bevölkerung wesentlich erhöht, natürlich um zum Schluß zu kommen, daß dann für die Juden wenig bleibt, was ja Hauptzweck seines Berichtes ist. Man sehe sich folgende Rechnung an und konstatiere, daß sie nicht schwindelhaft ist. Es soll festgestellt werden, wieviel Boden dfe arabischen Fellachen benötigen, um leben zu können. Simpson unterscheidet drei Bodenarten: unbewässerbarer Boden, von dem eine Fläche von 130 Dunam erforderlich ist, um eine Familie ernähren zu können; zur Hälfte bewässerbarer Boden, von dem 40 Dunam für eine Familie genügen, und schließlich ausgesprochener Pflanzungsbodep, von dem schon 20 Dunam eine Familie ernähren können. Simpson multipliziert nun die 86.980 arabischen Familien, ohne seine eigene Rechnung von den drei Bodenarten zu berücksichtigen, mit vollen 130 Dunam, als wäre der ganze Boden Palästinas nicht bewässerbar! Natürlich brauchen die Araber allein nach dieser glänzenden Rechnung gegen 8 Millionen Dunam, Da aber nur Insgesamt 5,644,000 Dunam vorhanden sind, so fehlen für dfe Araber allein noch 2,356.000 Dunam, und da wollen noch die Juden Boden! Da also der palästinensische Boden unter Simpsons Händen und Rechnungen verschwunden ist, ist es selbstverständlich, daß dieser Juden upd Araber in einen Topf wirft und nicht berücksichtigt, daß die Juden pro Familie infolge ihres auch von ihm anerkannten höheren Lebensstandards mehr Dunam brauchen ajs die Araber. So wird es gemacht: man erhöht die arabische Be- Granowsky beweist, iind multipliziert aanh afe künstlich erhöhte arabische Famillenzahl mit der höchsten Dunamzahl des schlechtesten Bodens. Artikel VI des Mandats, den wir einleitend zitieren, spricht ausdrücklich von Staatsländereien, die zur Besiedlung von Juden herangezogen werden sollen. Folgende kleine Statistik spricht deutlicher als alles andere, wie es damit ist. Verteilung der Staatsländereien kultiviert kultivierbar unkultivierbar Dunam in % Dunam in % Dunam in % Araber bekamen . . . 97,8 102.000 34.6 — 33.9 luden bekamen . . . 1.980 Q,4 15,428 5.2 54.635 Rest bei der Regierung . . . . . 8.196 1.8 177.750 60.2 106.345 66.1 468.267 100 295.178 100 160.970 100 Von den kultivierten und zur Bebauung bereiten Boden bekamen die Araber nicht weniger als fast 98 Prozent! Die Juden bekamen nicht einmal ein volles halbes Prozent. Von den kultivierbaren bekamen sie immerhin 5.2 Prozent. Sehr splendid benahm sich dfe Administration bei der Verteilung der unkultvierbaren Böden. Hier bekamen die Juden nicht weniger als 33.9 Prozent und die Araber gar nichts. Geradezu aufreizend wirkt die Tatsache, daß die Juilen, mit Ausnahme der unkultvierbaren Böden, von den übrigen wichtigen Staatsböden nicht einmal einen, ihrem Anteil an der Bevölkerungszahl Palästinas auch nur annähernd entsprechenden Bodenanteil erhalten haben, wenn man erfährt, wie die Staatsländereien an die Araber verteilt wurden. Zum Beispiel in Tel-Esh* Siiok wurden von 4009 Dunam im ganzen auf sage und sehreibe vier Familien 3579 Dunam aufgeteilt, von weidien Familien eine in Aegypten wohnt und eine andere, aus zwei Schwestern und zwei Brüdern bestehend, 3469 Dunam oder 96.9 Prozent des verteilten Bodens erhielt. Aber auch in anderen Gebieten des Landes er* hielten Familien solch große Bodentelle zugewiesen, daß sie außerstande waren, sic selbst zu bearbeiten. Mit den Staatsländereien wurden einfach Großgrund* besitzerklassen geschaffen und somit Raum für die Bodenspekulation. Wie heißt es nur in einem Schreiben der englischen Regierung an den Völkerbund vom l. Juli 1922: daß «die Immigration der Juden und ihre dichte Ansiedlung auf dem Lande integrale und unerläßliche Tatsachen in der Ausführung der der Mandatarmacht obliegenden Pflicht der Errichtung eines Natioiialheimes für das jüdische Volk in Palästina» sind! Simpson behauptet, daß HQOO Dunam, dl« vom KKl an Siedler vergeben wurden, von den Siedlern weiterverpachtet wurden, was nicht stimmt; es wurde vielmehr vonden Siedlern dieselbe Anzahl Dunam zugepachtet, nicht verpachtet, was gerade das Gegenteil bedeutet. Wenn sonstige zugewiesene Böden nicht in Angriff genommen wurden, so sind einerseits das fehlen der materiellen Mittel, anderseits landwirtschaftliche Momente als Ursachen in Betracht zu ziehen. Ebensowenig stimmt Simpsons Behauptung, daß die Bodenreserve des KKL 155.000 Dunam beträgt. In Wahrheit beträgt die gesamtjüdische Bodenreserve 174,607 Dunam, die sich auf folgende Besitzer verteilen und keineswegs längere Zeit reichen werden: KKL.. 69.519 Dunam PICA ......... 55,465 Anderer jüdischer Besitz , , 49.623 174,607 Dunam Simpson ist viel weniger um die Juden, deswegen England das Mandat erhielt, afe um die Araber besorgt, und ist daher gegen einen weiteren Aufkauf des Bodens durch den KKL, da er eine Vertreibung der Fellachen von den Böden, auf weiche Art Immer, nicht zulassen kann, Auch hier zeigt sich die Oberflächlichkeit der Simpson'schen Studien. Hätte er sich Mühe genommen, so hätte er erfahren, daß genau 88,5 Prozent des KKL- Bodens von Grundbesitzern, die im Lande nicht einmal leben, erworben wurden, und nur 9,5 Prozent von Petlaehen. Die restlichen 2 Prozent stellen Schenkungen dar. Aber auch die Fellachen verkauften nur einen Teil ihresBodens, Un ganzen sind es 688 Fellachen, dfe früher Pächter auf dem Grundbesitz, der jetzt dem KKL gehört, waren. Es ist auch bekannt, was aus diesen 688 früheren Pächtern geworden IsU Herr Simpson kann beruhigt sein. Einer Erhebung zufolge, bei der nur über 41 der Pächter keine Informationen zu erhalten waren, wurde festgestellt, daß 437 ln der Landwirtschaft geblieben sind, 89 Hirten wurden, 50 städt. Arbeiter, 14 Kaufleute, 10 Kameltreiber, 4 Handwerker, 4 Gemüsehändler, 2 Milchhändler, und 37 gestorben sind. Es muß aber auch festgestellt werden, daß die Pächter, obwohl man dazu gar nicht verpflichtet war, Entschädigungen erhielten, die ihnen halfen, eine neue Beschäftigung zu finden. Mr. Simpson, der es ganz in Ordnung findet, wie die britische Administration die Bestimmungen des Mandats und seiner Ziele mit den Füßen tritt, protzt mit den 30.000 Pfund, die die Regierung für Meliorationen und Entsumpfungen ausgegeben hat, vergißt aber anscheinend gern, daß die jüdischen Institutionen 309.317 Pfund für diese Zwecke ausgegeben haben, also mehr als zehnmal so viel. Ja, er geht sogar noch welterund kritisiert die Prinzipien des KKL, die ln der Unveräußerlichkeit des einmal erworbenen Bodens und ln der ausschließlich jüdischen Arbeit ihren Ausdruck finden. Der KKL Ist dazu da, um Im Lande Boden für die Gemeinschaft zu kaufen. Unser Fonds vergibt den erworbenen Boden an den Pächter, der von diesem bearbeitet wird, aber Eigentum des KKL ist und bleibt. Der Boden ist Gemeineigentum und nicht Privateigentum. Wäre der Boden Privateigentum des Pächters, so könnte es höchstens zu Spekulationen mit dem von der Gesamtheit aufgebauten Boden führen, und nicht zu unserem Ziele, ln Palästina ein jüdisches Bauerntum zu schaffen. Herrn Simpson mit seinem privatkapitalistischen Ansichten mag das ja nicht passen, aber das jüdische Volk will eben einen neuen Menschenschlag in Palästina erzielen und' dazu ist Gemeineigentum an Boden Voraussetzung. Das ist auch der Grund des Prinzips der alleinigen jüdischen Arbeit. Der Zweck ist ja nicht, daß der Boden den Juden gehöre, vielmehr daß ihn Juden bearbeiten und nicht andere. Herr Simpson nehme zur Kenntnis, daß er es in Palästina nicht mit «Natives» zu tun hat, wie etwa in Hinterindien, sondern mit einer selbstlosen Bewegung, Ihrem Volke den Boden zur Bearbeitung eben durch das Volk zu erwerben. Das Ist Sinn und Inhalt des Zionismus. Wenn aber Simpson meint, daß die Unveräußerlichkeit des KKL-Bodens einen Vergleich mit dem unproduktiven Besitz einer «Toten Hand» verträgt, warum veranlaßt er nicht, daß der riesige Besitz der muselmanischen Kirche, der sogenannte «Wakf», aus seiner Gebundenheit, die wirklich unproduktiv ist, irgendwie gelöst wird? Hier verstummt auf einmal seine Kritik. So ist die Politik des Landes mit seinem Grundsatz des «Fair play» be- ' ^chaf Fe'n. 'Dfe'Frdftzcfe'dh %ehatipten"gerade nicht,'Immer nach diesem Grundsatz zu handeln, und haben trotzdem, oder vielmehr gerade darum in Syrien, wo sie die Mandatsverwaltung überhaben, Vorbereitungen getroffen, upi den «Wakf»-Besitz zu liquidieren. Wie überhaupt die Vergleiche zwischen England und Frankreich in bezug der Erfüllung der übernommenen Mandatspflichten immer zuungunsten Englands ausfallen. Das Kernstück des Simpson-Berichtes ist bekanntlich der sogenannte «Landentwicklungsplan», von dem schon jetzt feststeht, daß er ziemlich lange Zeit zu seiner Verwirklichung benötigen wird. Granowsky kritisiert den Plan überhaupt und zeigt, daß der Plan allein, ohne die sonstigen notwendigen Meliorationen usw. nicht zum Ziele führen wird, Jedenfalls, bis der Plan verwirklicht ist, wird die jüdische Bodenreserve aufgebrauebt sein. Und was dann? Aber das scheint Simpson nicht zu kümmern und er fordert ein Verbot der Unveräußerlichkeit des Bodens überhaupt. Mit dieser Forderung setzt sich Granowsky im zweiten Teil seines Buches in ausgezeichneter Weise auseinander. Er zeigt an der Hand von Beispielen ln Indien und Aegypten, wo gesetzliche Verbote des Verkaufes des Bodens geschaffen wurden, um zu verhindern, daß die Böden in die Hände von Wucherern fallen, daß diese Verbote ihren Zweck nicht erfüllt haben, da sich die Bauern nicht abhalten ließen, sich das Geld auf jede Art und Weise zu beschaffen und dfe Böden schließlich und endlich doch unter irgendeinem Titel weggekommen sind- .Auch die verschiedenen ähnlichen Maßnahmen in anderen Staaten führten nicht zum Ziel. Auch in Palästina stehen wir vor dem wichtigen Problem der Verschuldung der Fellachen, das dazu führt, daß die Wucherer oder gar dfe Effendis immer mehr verschuldeten Fellachen ihren Boden wegnehmen. Mit einem bloßen Verbot der Veräußerung des Bodens wird aber gerade das Gegenteil des Angestrebten erreicht; es besteht keine Möglichkeit zur Verbesserung des Bodens durch Meliorationen, ohne auf den Wucher angewiesen zu sein, indem man einen Teil des Bodens zu Geld macht. Jeder Geldbedürftige wird den Wucherern geradezu in die Arme getrieben. Granowsky schlägt daher dfe Privilegierung einer minimalen Bodenfläche von z. B. 75 Dunam pro Wirtschaft vor. Diese Fläche sqll unverpfändbar und unveräußerlich sein. Ferner beantragt er dfe Limitierung des Zinsfußes mit 9 Prozent. Hand in Hand mit diesen Maßnahmen müßten örtlich? Kreditgenossenschaften gegründet werden, dfe auch eine Erziehungsaufgabe bei den Fellachen hätten; die Erziehung zur Wirtschaftlichkeit in ihrem eigenen Interesse und im Interesse des Landes. So zeigt uns Granowskys Buch die Fülle der Probleme, die in Palästina zu lösen sind und an deren Lösung jeder nach seinen Kräften mitzuarbeiten : V' ' ■ ■> I ■ {•;1 31 $; T. %

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