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Die Stimme · 1931-06-18 · Heft 180 (18.6.1931) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 180 (18.6.1931)
Date
1931-06-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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9CRC O DIE STIMME Nr. 180 — 18. Juni 1931 Schicket eure Kinder ln die jüdische Schule, In das Oeneniilchkeifsrechi — StaatsgfllUge Zeugnisse — II.. caslellezgasse 35 UODiSlCIl! CDalesrealifömnasliim Hebräisch — Englisch — Latein - Aninahme ln alle Klassen Telephon R 48-2-62 Wie ein Pole das jüdische Palästina sieht Der bekannte polnische Schauspieler und ehemalige Direktor des Stadttheaters in Krakau Zygmunt Nowakowski veröffentlicht im ansonsten nicht judenfreundlichen «Illustrowany Kurijer Codzienny» ein schönes und witziges Feuilleton über das jüdische Palästina, das wir in einigen Auszügen in deutscher Sprache wiedergeben. ... Ich muß jetzt, gerade jetzt, zur Zeit der regenlosen Tage, wieder an Palästina denken, wo mir die polnischen Juden in ihrer herrlichen Kolonie Bne Brak demonstrierten, wie sie einen künstlichen Regen arrangieren, der die Bananen- und Orangenplantagen bewässert Ich habe von diesen Bananen und Orangen gekostet, und ich kann nur sagen, daß ich mir hernach alle zehn Finger abgeschleckt habe. ... Ich bin den polnischen Juden in Palästina dankbar dafür, daß sie mir so viele interessante Dinge gezeigt und mich so nett aufgenommen haben — bestimmt nicht weniger nett, als Salomo die Königin von Saba. Diese Königin brachte, auf Kamelen aufgeladen, eine Menge wohlriechender Oele mit sich. Ich aber nahm nach Tel Aviv gar nichts, denn dort ist ohnehin alles in Hülle und Fülle vorhanden. . . . Aber man denkt nicht an die Bibel, dort, in dieser herrlichen Stadt, die die Juden im Laufe von 22 Jahren in einer regelrechten Wüstenei geschaffen haben. Nur ein Vergleich drängt sich in Anbetracht dieses Reichtums auf: der mit dem Tempel Salomos. Salomo war ein weiser und gerechter Mann und ein ganz guter Dichter, doch neben seinen vielen Tugenden hatte er auch einen Fehler — allerdings nur einen kleinen — einen Fehler, den die Deutschen mit dem Worte «Protzentum» bezeichnen. Und deshalb bin ich überzeugt, daß die Königin von Saba noch vor der Jerusalemer Stadtgrenze gesagt hat: «Jetzt habe ich aber schon genug von alledem.» Ich habe so etwas nicht gesagt. Ich war einfach paff. Das Neueste, das Praktischeste, das Beste haben die Juden in ihre reale Utopie eingeführt, die ich als neuzeitlichen Salomotempel in modernem Stil betrachte. Ja, ganz Tel Aviv ist ein neuzeitlicher Sa- Ipmotsmpel, P.er große König an seinem Tempel 13 Jahre lang gebaut — Tel Aviv ist in 22 Jahren erstanden, und das Material ist gewiß kostbarer. ... Tel Aviv ist märchenhaft rein. Aber es ist nur eine Stadt mit Handel und Industrie, und deshalb setzte ich mir in den Kopf, ich müsse auch das Dorf sehen. Ich wollte sehen, wie ein polnischer Jude seinen Acker bearbeitet. Die zwei Herren, die mich begleiteten, tauschten miteinander einige Sätze in der sonderbaren Sprache der Habimah, und plötzlich stand, wie aus dem Boden gewachsen, ein Auto vor uns. Wir fuhren nach Bne Brak, in eine Kolonie, die ausschließlich von polnischen Juden bewohnt wird; Chassidim aus der Nalewki in Warschau, aus Lodz, aus Lublin, mit einem Worte: das schrecklichste, bitterste Elend das man sich denken kann. Und jetzt, nachdem sie sich Boden gekauft haben, 750 Dollars pro Morgen, leben sie sich in Bne Brak wie der liebe Gott in Frankreich. Funkelnagelneue Häuschen, Kanalisierung, Wasserleitung, Elektrizität und alle Schikanen. Und da die Einwohner im Zustande eines sonderbaren Enthusiasmus — ich möchte sogar sagen: einer chronischen biblischen Extase — leben, da sie prinzipiell keinen Bakschisch nehmen und nicht wissen, was Diebstahl heißt, schließen sie grundsätzlich ihre Häuser nicht ab. Ich habe mir zwei dieser Häuser ganz genau angesehen, alles, von A bis W. C., und ich muß zugeben, daß mein Erstaunen um 100 Prozent gestiegen ist. Es ist einfach unglaublich. Und dann reiste ich ab, wieder nach Tel Aviv zurück, und segnete unterwegs die Bananen und die Orangen, die von den polnischen Juden unter dem blauen Himmel des arabisch-englisch-jüdischen Palästina gezüchtet werden. Sollen sie blühen und billig sein! Abends hat man dann auf allen Plätzen in Tel Aviv große Feuer angezündet, was aber nicht im Zusammenhang mit meiner Anwesenheit stand. Es wurde irgendein Frühlingsfest gefeiert. Im roten Flammenschein sangen Gruppen von Kindern wunderschöne Lieder. Hebräisch. Denn Palästina ist schon so ein sonderbares Land, wo auch das kleinste Kind hebräisch spricht. Die Stadt sah im Scheine des Feuers wie eine herrliche Dekoration aus, und im Flackerlicht der riesengroßen brennenden Scheiterhaufen wurden immer wieder neue Lieder gesungen, eines schöner als das andere. Mir schien das alles wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, wohlriechender als alle wohlriechenden Oele, die die Kamele der vorsichtigen Königin von Saba dem großen, weisen und gerechten Kßnlg brachten . ,. Palästinensische Pressestimmen «Davar» bespricht im Leitartikel vom 4. Juni die Verordnung zum Schutze der Pächter, die die Regierung diese Woche in einer besonderen Nummer der «Official Gazette» veröffentlicht hat und die sofort in Kraft getreten ist. Seit den Tagen Simpsons und des Weißbuches hat sich die Regierung bemüht, eine Mauer von Gesetzen gegen die jüdische Kolonisation zu errichten. Verschiedene Gesetzentwürfe machten ihren Weg von Jerusalem nach London und endeten schließlich in den Akten. Die vorliegende Verordnung, die dasselbe zum Ziele hat unter der Maske von Humanität und Fortschritt, hatte mehr Glück und wurde in großer Eile und mit Hilfe einer außergewöhnlichen Prozedur herausgebracht. Sie überläßt alles dem Gutdünken des High Commissioners, in Wirklichkeit also der Bodendiktatur der Palästina-Administration. Er kann jeden Landverkauf verbieten «nach seinem Gutdünken». Es genügt, sich auf einem Stück Land zwei Jahre niederzulassen, sei es im Einvernehmen mit dem Eigentümer oder sonstwie — wie das bei der Art des Verfahrens unserer Regierung möglich ist — um das Recht zu haben, für das ganze Leben «eingeordnet» zu sein. Denn man kann solch ein Land nicht veräußern, solange die Palästina- Regierung sich nicht davon überzeugt hat, daß der Pächter eine mindestens ebenso gesichterte Existenz hat, wie er sie vordem hatte. Und dasselbe gilt für den, der — gleich unter welchen Bedingungen — Bäume gefällt oder Gras abgeweidet hat. Als im Parlament über die neue Verfügung Fragen gestellt wurden, antwortete Dr. Shiels unschuldig, daß sie in Uebereinstimung mit einer gewissen Stelle im Macdonald-Brief erlassen wurde. Es scheint also vom Macdonald-Brief nur der eine fatale Satz übriggeblieben zu sein über die absolute Berechtigung des High-Commissioners — bis zur Errichtung einer zentralen Ueberwachung «alle notwendigen Maßregeln zum Schutze der Pächter zu ergreifen». Bei der heutigen Palästina-Regierung bedeutet das das Aufhören jedweden Bodenerwerbes durch die Juden. Und das ist in der Tat alles, was vom Macdonald-Brief übriggeblieben ist. Das bedeutet ferner, daß der Pächter weder in sozialer noch in Ökonomischer Hinsicht vorwärtskommen kann und daß die palästinensische Landwirtschaft für immer unentwickelt Zurückbleiben muß. Es ist nicht der geringste soziale Fortschritt oder auch nur eine Spur von wahrem Schutz für die Pächter in dieser Verfügung enthalten. (J. A. B.) Faschismus und Jtiderifrag’e Die Rechtslage der Juden in Italien. Der italienische Justiz- und Kultusminister Alfredo Rocco, der bekannte Theoretiker des Faschismus, hat in einem dem J. T. A.-Vertreter in Rom Dr. Ed. D. Kleinlerer gewährtem Interview die rechtliche Lage der Juden in Italien Umrissen und bemerkenswerte Aeußerungen über die Stellung des Faschismus zur Judenfrage und sein Verhältnis zu den das Rassenprinzip betonenden «faschistischen» Bewegungen des Auslandes gemacht. Im Verlauf des Gespräches erklärte Minister Rocco, die moralische und allgemeine Lage des italienischen Judentums habe sich nach dem Abschluß des Konkordats mit dem Vatikan bedeutend verbessert. Die italienischen Juden hätten Rechte erhalten, die sie bis dahin nicht besaßen. Unter anderem wird nunmehr die zivilrechtliche Gültigkeit der vor dem Rabbiner geschlossenen Ehen .anerkannt. Das von der faschistischen Regierung ausgearbeitete und vor einiger Zeit in Kraft gesetzte Statut, durch das Bestand und Tätigkeit der jüdischen Gemeinden Italiens geregelt wird, werde dazu beitragen, das italienische Judentum -,och mehr zu konsolidieren. Mit besonderem Nachdruck betonte Minister Rocco, daß die Möglichkeit der Erlangung aller staatlichen Posten für die Angehörigen der nichtkatholischen Konfessionen in Italien nicht bloß auf dem Papier stehe, daß sie nicht nur theoretisch, sondern auch in Wirklichkeit vorhanden sei. Hohe richterliche Stellungen werden in Italien von Juden bekleidet. Auch viele Lehrstühle der Universitäten sind mit Juden besetzt. Symptomatisch sei der große Anteil der Juden an der italienischen Armee, in der sie die höchsten Stellungen erreicht haben. Die jüdischen Generäle Liuzzi, Segre und Pugliese seien hervorragende Theoretiker der Strategie und Taktik. Auf eine Frage des J. T. A.-Vertreters bezüglich der Stellung des Faschismus zu analogen Bewegungen im Auslande und zu Bewegungen, die sich selbst als faschistisch bezeichnen und gleichzeitig das Rassenprinzip stark betonen, erklärte Minister Rocco, in Italien gebe es kein Rassenproblem. Italien sei von jeher ein Land gewesen, in dem sich verschiedene Völker und Rassen mischten. Kulturell sei die Vermischung der verschiedenen Rassen in Italien vollständig durchgeführt. Der Faschismus stütze sich als nationale Bewegung nicht auf Rassenvorurteile. In dieser Beziehung unterscheide er sich vollkommen vom Hitlerismus. Die schwarze Hundert in der Roten Armee Moskau. (J. T. A.) Wie aus Nowosibirsk gemeldet wird, kam es in einer Rekrutenabteilung während einer Marschübung zu antisemitischen Kundgebungen. Einer der neueingezogenen Soldaten brach plötzlich in den Ruf «Erschlagt die Juden, rettet Rußland!» aus. Ein zweiter Soldat namens Fodarenko erging sich in wilden antisemitischen Beschimpfungen und nahm gegenüber dem jüdischen Rekruten Schuster eine drohende Haltung ein. Die beiden antisemitischen Soldaten werden auf Anordnung ihrer Vorgesetzten vor ein Volksgericht gestellt werden. Sprechsaal der „Stimme“ (Für die Mitteilungen, die in dieser Rubrik erscheinen, übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) Revisionistischer „Sieg“ in der Provinz Die Gruppe der Allgemeinen Zionisten in Linz ersucht uns um nachstehende Veröffentlichung: In der «Neuen Welt» vom 12. d. M. schreibt ein Herr —i—, ein Anhänger der sogenannten Renaissancebewegung, über die Kongreßwahlen in Linz: «Es ist richtig, daß man mit den örtlichen Verhältnissen vertraut sein muß, um das Ergebnis dieser Wahl richtig zu verstehen. Wer mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß von den 39 revisionistischen Wählern nur 20 Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe sind, daß also 19 Gefälligkeitswähler zur Urne geschleppt werden mußten. Daraus eine Begeisterung für die «Renaissancebewegung» zu folgern, I bleibe den Revisionisten überlassen. Die Tatsache, daß nichtorganisierte Schekelzahler vom Wahlrecht Gebrauch machen dürfen, hat sich, wie man sieht, zugunsten der Linzer Revisionisten ausgewirkt. Wer mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß ca. 20 Allgemeine Zionisten infolge Abwesenheit für ihre List nicht stimmen konnten. Wer mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß nur 6 Revisionisten einen Beitrag für den Keren Hajessod leisten, während 3 Personen seit ihrer Zugehörigkeit zur revisionistischen Bewegung ihren Beitrag zur Gänze sistierten. Wer mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß in Linz keine Ortsgruppe der Union existiert und daß die jüdische Kultusgemeinde in Linz die erste österreichische Gemeinde war, welche mit den Stimmen der «Zionistenfresser» einen jährlichen Beitrag für den Keren Hajessod budgetierte. Wer mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß eine Opposition, die aus persönlicher Animosität entstand, plötzlich sich zum Revisionismus bekehrte, zumal das Schlagwort Antimarxismus Vorspanndienste leistete. Mancher, der lange vor den «Mißerfolgen Prof. Weizmanns» aus den Reihen der aktiven Zionisten desertierte, mancher, dem die neue . «zionistische..Moral»,.die.;Fonds zij sabotieren, sehr ge- ' legen war, nennt sich j^tzt Revisionist. Die Allgemeinen Zionisten in Linz haben seit dem Bestand der Ortsgruppe nicht aufgehört, in unermüdlicher disziplinierter Arbeit ihre zionistische Pflicht zu erfüllen. Wie die aktive Mitarbeit der Revisionsten in der Ortsgruppe beschaffen ist, weiß jeder, der mit den örtlichen Verhältnissen vertraut ist.» —ing— Wir erhalten folgende Zuschrift: «Die Neue Welt» jubiliert aus allen Registern der Begeisterung über den Wahlsieg der Revisionisten. Weizmann ist geschlagen, Amstetten, Kemmelbach und Scheibbs, wo es bis zum Wahltage keine Zionisten gab, sind revisionistisch. Man müßte hellauf lachen, wenn man nicht empört darüber wäre. Der Provinz wird diesmal eine ganz besondere Wichtigkeit und Bedeutung beigemessen; Linz, einer der wenigen Orte Oesterreichs, in denen seit Jahrzehnten wirklich ernste zionistische Arbeit geleistet wird, bekommt eine Moralpauke und wird gegen Kemmelbach und Scheibbs in den Schatten gestellt. Man muß mit den Ortsverhältnissen vertraut sein, sagt «Die Neue Welt», um den Wert der Wahlen richtig abschätzen zu können. Ausgerechnet in Linz ist sie mit den Ortsverhältnissen vertraut, in den Hochburgen des Revisionismus Amstetten, Kemmelbach und Scheibbs scheint sie dafür aber gar nicht zu Hause zu sein, denn sonst müßte sie wissen, daß in diesem Gebiet ein vermögender Mann den Ehrgeiz besitzt, der Union der Revisionisten zu zeigen, daß er ein «tüchtiger Arbeiter» ist. Es ist eine arge Entstellung der tatsächlichen Verhältnisse, von Gefälligkeits- und Verbindlichkeitswählern gerade dort zu sprechen, wo sie nicht vorhanden sind, während zionistische Moral und zionistisches Selbstbewußtsein in den Orten mit revisionistischer Mehrheit am wenigsten zu finden ist. Gefälligkeits- und Verbindlichkeitswähler, sie sind in Amstetten, Kemmelbach, Scheibbs und St. Pölten zu finden. s. k. r-WaHaaGäRr* dsf -!.-Ajäs03H3 Stenotypist(in) tüchtig, womöglich mit Ad: i;Uraiions» Praxis, für Wochenblatt gesucht. Zuschriften mit Zeugnisabschriften unter «Intelligent 817» a. d. Exped.

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