Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 180 (18.6.1931)
- Date
- 1931-06-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE STIMME Nr. 180 — 18. Juni 1931 IHeraiur /Kunst/Theater Chajim Bloch (Zu seinem 50. Geburtstag.) Wenn man die bisher erschienenen Schriften Chajim Blochs Revue passieren läßt, mutet die Zusammenstellung etwas paradox an: Mystik, Chassidismus und jüdischer Humor. Von der einen Seite Schriften über jene Strömung im Judentum, die an tiefem Emst nichts zu wünschen übrig läßt; von der anderen Seite jene leicht beflügelte Muse des Humors, der Satire, der humoristischen Anekdote. Dieser Widerspruch ist jedoch nur ein scheinbarer, denn durch die Schriften Blochs zieht sich wie ein roter Faden die Tendenz, der Wissenschaft der Volkskunde zu dienen. Vielleicht unbewußt, indirekt — aber gerade deswegen umso inhaltsreicher und wertvoller. Fast alles, was Bloch bis heute veröffentlicht hat (mit Ausnahme der kleinen Schrift «Bei unseren Brüdern in Amerika») stellt in der Hauptsache das Produkt eines seltenen Sammelfleißes dar. Bloch dichtet nicht, er erfindet nichts, er sammelt bloß chassidische Erzählungen, Ueberlieferungen und Anekdoten, reiht sie sinngemäß aneinander und bringt ein fertiges Werk zusammen. Nur die Einleitungen sind Eigenprodukte — sie stellen mehr persönliche Impressionen als aus Büchern Geschöpftes dar. Dadurch unterscheiden sich Blochs Chassidica von den anderen Schriften des gleichen Gebietes, daß er die Dinge so volkstümlich erzählt, wie sie in der mündlichen Ueberlieferung kursieren. Dasselbe gilt aber auch von seinen humoristischen Schriften «Ostjüdischer Humor», «Hersch Ostropoler», «Der Jude in seiner Anekdote» usw. Jede dieser Schriften enthält eine Fülle von Material zur jüdischen Volkskunde, einen reichen folkloristischen Schatz. Nur zufällig ist Bloch vor etwa 12 Jahren in die Literatur geraten. Sein Erstlingswerk «Der Prager Golem» (1919) erschien zuerst in der «Jüdischen Korrespondenz» (Wien). Die einfache, ungeschminkte und ohne viel Beiwerk rein gebliebene Form dieser Abschnitte aus dem «Leben» des «Prager Golem» fand Anerkennung und veranlaßte den Verfasser, der bis dahin nie daran gedacht, Schriftsteller zu werden, weiterhin bei der Stange zu bleiben. Seither vergeht kaum ein Jahr, das nicht ein neues Werk von Chajim Bloch brächte. Dem «Prager Golem» folgten 1920: «Die Gemeinde der Chassidim» und «I srae! :der GotteSjkämf'pf^ r»; -i1921“:erschierren' «Hersch Ostropoler» und «Ostjüdischer Humor»; 1923 «Gottes Volk und seine Lehre»; 1925 «K ab b a 1 i s t i s c h e Sagen» und «Tagebuch eines Kabbalisten»; 1926: «Bei unseren Brüdern in NewYork»; 1929: «Priester der Liebe»; 1930: «Der Jude in seinerAnekdote» usw. — Zur Zeit arbeitet Bloch an einem großen Werke über das jüdische Leben im Verlaufe eines Jahrtausends u. a. Bloch ist auch Mitarbeiter verschiedener Zeitungen und Zeitschriften und seine Aufsätze erfreuen sich großer Volkstümlichkeit. Reg.-Rat J. Kreppei. Die gegenwärtige Lage der hebräisch - palästinensischen Literatur Aus einem Gespräch mit A. Z. b e n J i s c h a i Der augenblicklich in Wien weilende bekannte hebräische Schriftsteller und Journalist A. Z. ben Jischai, Redakteur der Tel Aviver Tageszeitung «Haarez», erzählt uns folgende interessante Details über das palästinensische Schrifttum: «In meinem Aufsatz über die hebräische Literatur, den ich im in Amerika erschienenen Almariach «Sefer ha-Schanah lijhudej Amerika» veröffentlichte, habe ich festgestellt, daß im Jahre 5690 700 hebräische Bücher, davon 60 Originalwerke, erschienen sind. Diese Hochkonjunktur scheint aber nun vorüber zu sein. Die wirtschaftliche Krise, die auf Palästina lastet, hat auch den Büchermarkt nicht verschont. Das Verlagsgeschäft ist jetzt bedeutend schwächer und unter der Krise leiden insbesondere die Schriftsteller, deren Werke nicht herausgegeben werden können. Interessant ist es, daß im kleinen Palästina über 300 hebräische Schriftsteller und Journalisten leben.» «Welches die wichtigsten Neuerscheinungen der letzten Zeit sind? Einen großen Erfolg hatten die zwei ersten Bände des Romanes von H a z a z «Bijischuw schel Jaar». Gewichtige Werke sind auch die «Sugoth» von A. Steinmann und «Hamifal b’awarah» von Ewer H a d a n i, «Izawon» von R e u w e n i und die Trilogie des berühmten sephardischen Schriftstellers Burla «Bath Zion». «Die palästinensische Lyrik entwickelt sich weiter. Schlionsky und L a m d a n veröffentlichten neue Gedichtsammlungen; zu der ziemlich großen Schar der palästinensischen Dichter sind zwei neue hinzugekommen: Rüben Großmann und A. Brandes. Uri Zwi G r ü n b e r g bringt nach wie vor sehr schöne Gedichte im «Moznajim» zum Abdruck.» «Eine verhältnismäßig große Rolle spielen in der palästinensischen Dichtung die Frauen« Die kürzlich verstorbene Rachel war eine Dichterin von Gottes Gnaden. Esther Rab, Elischewa, Bath Mirj ä m, Anda P i n k e r f e 1 d und die jüngste unter ihnen, Mary, bilden den Kreis der palästinensischen Dichterinnen.» «Bekanntlich erscheinen in Palästina zwei literarische Zeitschriften, die von der Schriftstellerorganisation herausgegebene «Moznajim» und die «Ktuwim», um die sich einige junge Schriftsteller, mit Steinmann, Schlionsky und Horowitz an der Spitze, gruppieren. Es ist wahrscheinlich, daß in Kürze auch eine literarische Monatsschrift erscheinen wird, die diese beiden Gruppen gemeinsam herausgeben wollen. Diese Monatsschrift würde eine große Lücke in der palästinensischen Publizistik ausfüllen.» «Im letzten Jahre Ist ein neuer Zweig der Literatur in Palästina besonders stark aufgeblüht: Memoirenwerke sind große Mode geworden. So erschienen Memoiren von Dizengoff, Meierowitsch, Josef Elijahu S c h 1 o u s c h u. v. a. Im Zusammenhang damit ist auch das Aufblühen der biographischen Literatur zu vermerken. Im Verlag Mizpeh ist eine kleine Bibliothek (12 Bücher) biographischen Inhaltes erschienen.» «Nach wie vor stellen Uebersetzungen aus fremden Sprachen das stärkste Kontingent der Neuerscheinungen dar. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß die hebräische Literatur mit der europäischen in dieser Beziehung Schritt hält und daß die allerletzten Erscheinungen wichtiger Werke sofort ins Hebräische übersetzt werden. So erschien im letzten Jahre Georg Finks «Mich hungert» und «Der Weg zurück» von Erich Maria Remarque. Trotzkys «Geschichte der russischen Revolution» erschien in hebräischer Uebersetzung, noch bevor sie in der Originalsprache gedruckt worden war. In Vorbereitung befinden sich jetzt folgende Werke: Die Weltgeschichte von Wells, die Werke Max Nord aus und eine ganze Reihe von populärwissenschaftlichen und philosophischen Büchern.» «Einen unaufhaltsamen Aufschwung nimmt die palästinensisch-hebräische Presse. Zu den bestehenden drei Tageszeitungen «Haare z», «D a w a r» (dem Organ der Arbeiterschaft) und Itamar Ben Avi’s «D o a r H a y o m» gesellte sich in der letzten Zeit auch der revisionistische «H a a m». So hat heute ‘ Palä3töna"viei*TagesÄQifngett’Ufid.tes‘>-gibt noch-immer Pläne, weitere Zeitungen zu gründen. Von den neuen Zeitschriften sind zu erwähnen: «B am aal eh», eine Zweiwochenschrift der arbeitenden Jugend, die illustriert und in sehr schöner Ausstattung erscheint, ferner «B a m a a r a c h a h», ein Wochenblatt mit revisionistischer Tendenz, schließlich ein zweimal im Monat erscheinendes Magazin nach europäischem Muster «Kol No a». Avigdor Hameiri hat auch seinen «H am a c h a r» reaktiviert . . .» föUdkevsthau M. Ascher: Beitrag zur Ueberwindung der Krisen im Lichte des Judentums, 1931, A. J. Hofmann Verlag, Frankfurt a. M. Preis 1 Reichsmark. In dieser kleinen Schrift zeigt der Verfasser einen Weg aus der katastrophalen Lage, in der sich die Menschheit befindet. Diese Krise, die durch die Ueberproduktion hervorgerufen Ist, hat die Exzesse des Kapitalismus ganz klar zum Bewußtsein gebracht. Die Juden stehen innerhalb der allgemeinen noch in einer besonderen Krise. Uns, denen durch Vorschrift des Zinsverbotes Sabbath, Schmittah und Jobeieinrichtung der Kapitalismus widerwärtig sein müßte, uns betrachten die Völker als Shylocks. „Mag Sombart glauben, es sei in dem jüdischen Volkscharakter begründet, daß die Juden in ihren Berufen nicht in den Stätten der Produktion, sondern fast ausschließlich im Handel beschäftigt sind: in dieser Beziehung kann uns kein Sombart eines Besseren beiehren. Wenn ein Volk ausgeschlossen wird von wissenschaftlichen und anderen Staatsämtern, von Künsten, Handwerken und selbst dem Landbau, dann bleibt ihm freilich nichts übrig, als Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Wir wollen uns nicht darüber täuschen, daß es heute für viele darnach aussieht, als ob wir zu den geschicktesten Handelsleuten der Welt gehörten und daß die Neigung zum Handelsberufe vielen im Blut liegt. Wer aber die Geschichte des jüdischen Volkes studiert hat, weiß, daß weder während der Patriarchenzeit noch während der Zelt des Besitzes von Palästina, also Uber 2000 Jahre hindurch, der Handel zu den Neigungen und allgemeinen Beschäftigungen unseres Volkes gehörte. Mögen einzelne Israeliten, zumal in späterer Zeit, dem großen Handelsverkehr nicht ferngeblieben sein: die große Menge des Volkes hielt sich vom Welthandel fern. Es gibt kaum ein Land ln der Welt, das so günstig für den internationalen Handel gelegen wäre, wie Palästina, Es ist auf das günstigste mit Europa, Afrika und Kleinaslen verbunden. Kommt nun noch der Umstand hinzu, daß es von jeher im Charakter unseres Volkes lag, jede Lage mit großer Ausdauer auszunützen, so kann es wirklich nur aus weiser Absicht geschehen sein, daß unsere Ahnen nichts vom Handel wissen wollten, sondern es vorzogen, diesen den Phöniziern zu überlassen.“ Aus der Sklaverei des Kapitals wollte Marz die Menschheit befreien. Doch er führte sie nur in eine andere Sklaverei des Kapitals und der Maschine. Der Verfasser glaubt, daß der Krise abgeholfen werden könnte, würde man sich wieder der Landwirtschaft zuwenden. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein da und die Stadtflucnt der Arbeitslosen in die Schrebergärten beweist, daß es sich nicht bloß um Hypothesen handelt. Für die Juden kann dieses Bestreben am reinsten 'In Palästina verwirklicht werden, aber wie die .Verhältnisse heute liegen« kann Palästina nicht alle zur gleichen Zeit aufnehmen. Es ist natürlich, daß ein Heranreifen, eine Art Uebergang nötig ist. „Um richtig vorbereitet zu sein, ist es wohl unsere Pflicht, uns schon im Exil dahin zu erziehen, durch den Beruf unserer Väter, der par excellence der Beruf im heiligen Lande ist, unser Brot zu verdienen. Das Glück wird darin bestehen, daß man unabhängig von der Menschen Gunst und Pein, unabhängig von Krisis und Aberkrisis sein täglich Brot in Frieden zu verzehren hat* jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum.“ Am Schlüsse dieser sehr gehaltreichen Schrift wird der Lehrplan einer jüdischen landwirtschaftlichen Schule in den Ländern des Golus entworfen. Sig. Rohatyn. Jloiizen Der Jüd.-akad. Philosophenverein, IX., Zimmermannplatz Nr. 8, veranstaltet Samstag, den 27. Juni, um 8 Uhr abends im Herzi-Saal, II., Untere Augartenstraße 38, einen Jüdischen Abend in Gesang und Wort. Ausführende: J. Segal-Rosenbach (Gesang), Samuel Schwager (Rezitation), am Klavier: Berndt Antscherl. Auskunft zwischen 1 bis 2 Uhr mittags im Verein. Ehrenabend Olschansky. Bei dem am Dienstag, den 23. ds., %9 Uhr abends im Theatersaal (Astor), II., Praterstraße 60, stattfindenden Ehrenabend des Herrn L» Olschansky wird die ganze Truppe der jüdischen Bühne (Hotel Stefanie) mitwirken. Gespielt wird «Der genährter Chusen», Komödie in 3 Akten von Segall, mit der beliebten Soubrette Frl. Cilli Bell in der Hauptrolle. Israel Brandmanns Quartett über ein palästinensisches Lied, das in Wien einige Male mit großem Erfolge gespielt wurde, wird — wie wir erfahren, demnächst durch das Radio Bern übertragen werden. Vor der Volkszählung in Palästina Jerusalem, 11. Juni. (J. T. A.) Die Bildung eines beratenden Komitees für die bevorstehende Volkszählung in Palästina verzögert sich dadurch, daß die Araber unbedingt darauf bestehen, im Komitee durch 6 Delegierte vertreten zu sein, während den Juden nur 2 Sitze eingeräumt werden sollen. Ursprünglich hatten die Araber bloß eine ihrem zahlenmäßigen Anteil an der Landesbevölkerung entsprechende Vertretung im Komitee gefordert. Die Juden werden wahrscheinlich dem von den Arabern vorgeschlagenen Vertretungsverhältnis nicht zustimmen, obwohl sie der Frage der Vertretungsstärke viel weniger Bedeutung beimessen als die Araber. Die jüdischen Führer sind weit mehr daran interessiert, daß den illegal Eingewanderten Amnestie zugesichert wird und daß in den Volkszählungsbogen keine tendenziösen Fragen, die die Verläßlichkeit der Volkszählung beeinträchtigen könnten, aufgenommen werden. Es werden alle Anstrengungen gemacht, anläßlich der Volkszählung eine jüdische Einheitsfront zustande zu bringen. Die Agudas Jisroel wurde eingeiaden, mit der Exekutive der Jewish Agency und mit dem Waad Leumi Beratungen zu pflegen. pin.ji.eiklQS.PjQbJßm ergibt.sich.bei der Vorbereitung des Fragebogens'Für Volkszählung im Hinblick auf die geplante Einreichung einer oder mehrerer Fragen, die sich auf Bodenbesitz, resp. Landlosigkeit der Bevölkerung beziehen. In offiziellen Kreisen neigt man der Annahme zu, daß die Volkszählung wertvolle Informationen bezüglich der Frage der Landlosigkeit liefern könnte. Ein Hinweis hierauf erfolgte seinerzeit im Zusammenhang mit dem Weißbuch. In jüdischen Kreisen ist man demgegenüber der Ansicht, daß solche Fragen zu der Kategorie von Fragen mit polir tischer Tendenz gehören. Obwohl die jüdischen Führer sich einer gründlichen und unparteiischen Untersuchung zur Feststellung der wirklichen Zahl landloser Araber, einerseits derjenigen, die durch Uebergang von Grund und Boden in jüdischen Besitz landlos geworden sind, andererseits jener, die niemals Boden besessen haben, keineswegs widersetzen, stehen sie doch auf dem Standpunkt, daß der Apparat der Volkszählung nicht darauf eingestellt ist, eine Beantwortung dieser Frage zu ermöglichen. In aller Kürze Das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion in Moskau hat am 8. Juni drei jüdischen Betriebsleitern in Anerkennung ihrer Verdienste um die Industrialisierung und Kollektivierung des Landes den Lenin-Orden, die höchste Auszeichnung der Sowjetunion, verliehen. * ln Antwerpen hat die dortige Kommunalverwaltüng verfügt, daß von nun ab jüdischen Händlern die Antwerpener Märkte wieder offenstehen sollen und daß ihnen der notwendige Schutz gegen die Angriffe christlicher Markthändler gewährt werde. * Die Chefärztin des Blaguschinsky-Spitales in Moskau, Dr. Tina Schiperowitsch, das erste weibliche Mitglied der Roten Armee, ist im Alter von 35 Jahren gestorben. Dr. Schiperowitsch war Jüdin. * D’Avigdor Goldsmid wurde in der am Sonntag, den 7. Juni abgehaltenen Sitzung des Jewish Board of Deputies neuerlich zu dessen Präsidenten gewählt. * Die Palästina-Zentrale der Agudas Jisrael hat sich verpflichtet, in Hebron eine Knabenschule zu errichten. * Von den Mitgliedern der Palästina-Exekutive wird u. a. Dr. Werner Senator am Kongreß und an der Council-Tagung und Dr. Morris B. Mexter mir an der letzteren teilnelimen. Colonel F. H. Kisch wird während der Abwesenheit der übrigen Mitglieder der Palästina-Exekutive der Jewish Agency im Lande bleiben. * In einer Generalversammlung der Studentenschaft der Lcmherger Universität wurde der Beschluß gefaßt, Juden oder Judciutünunüngv nicht als Mitglieder der Studentenschaft aufzunelimen, so daß nunmehr der Ausschluß der Juden aus den polnischen Studentenverbänden restlos durclfc geführt erscheint L