Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 180 (18.6.1931)
- Date
- 1931-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 180 — 18. Juni 1931 DIE STIMME Seite 5 Eine königliche Ehrung für Hyamson! Von H a z o f e h. Die zum Geburtstag König Georges kürzlich verlautbarte «Ehrungsliste» ging auch an Palästina nicht vorbei. Es wurden in — äußerlich — schöner Parität je 2 Briten, Araber und Juden bedacht. Von den beiden Briten ist der eine Polizeihauptmann und der andere M. A. Young, Chefsekretär der Palästinaregierung, der das Verdienst beansprucht, am Tag vor der Rückkehr seines beurlaubten Vorgesetzten Chancellor ins Land, jene Verordnung zur «Kontrolle» der Bodenkätife herausgebracht zu haben. Die zwei «geritterten» Araber sind minder interessant. Hingegen beansprucht die Auswahl der jüdischen Ehrenmänner unsere Aufmerksamkeit. Der eine ist Siegfried H o o f i e n, Direktor der Anglo-Palestine-Bank und Mitglied der von der Regierung seinerzeit ernannten Währungskommission, der im August 1929 während der Unruhen zeitweilig die Zionistische Palästinaexekutive geleitet hat und vor der Shaw-Kommission sowie später in einer eigenen Broschüre die Leistungen der Juden für den Palästinaaufbau und zumal des jüdischen Steuerträgers zur Stärkung der Regierungskasse eindrucksvoll veranschaulichte. Damit sich aber nicht etwas wie Satisfaktion über solche Ehrung eines Volkstreuen in den jüdischen Herzen rühre, wurde zugleich der Chief Immigration Officer der Palästinaregierung, Herr Albert Montefiore Hyamson, zum Offizier des Britischen Reiches ernannt. Ja, das ist der in der ganzen jüdischen Welt sattsam bekannte Hyamson, der seit Jahren, um mit der jüngsten Denkschrift des Waad Leumi an die Mandatskommission des Völkerbundes zu sprechen, die Entmutigung der jüdischen Einwanderung nach Erez besorgt, der die Guillotine des Immigrationsregulativs gegen die Heimatssehnsucht des jüdischen Volkes so meisterlich handhabt, daß die Seufzer, Tränen und Flüche Tausender von Enttäuschten an ihm haften blieben. Das ist jener Hyamson, auf dessen in geheimer Sitzung gemachte Angaben hin die Mehrheit der Shaw-Commission ihre gegen die Einwanderung der Juden überhaupt und der jüdischen Arbeiter insbesondere gerichteten Schlußfolgerungen und Vorschläge basiert hat. Es mochte noch hingehen, daß Hyamsons Angaben von Uebelwollen durchtränkt waren, aber in einem wichtigen Punkt erwiesen sie sich als geradezu falsch. Denn er informierte die Kommission dahin, daß die Auswahl der im Rahmen der jeweiligen Zertifikatszahl einwandernden mittellosen und zur körperlichen Arbeit bestimmten Elemente, kurzum der Chaluzim, von der «Histadruth», d. h. der Allgemeinen Arbeiterorganisation vorgenommen werde und dies nicht nach sachlichen, sondern nach parteiischen Gesichtspunkten. Als der Shawbericht erschien, stand darin zu lesen, daß die Kommissionsmehrheit ’ diesen, von Hyamson bezeugten Mißbrauch — bei Nichtbeachtung der diesbezüglichen Vorbehalte Mr. Snells — aufs strengste rügte. Daraufhin richteten nicht nur die Histadruth, sondern auch die Jewish Agency bezw. Zion. Exekutive heftige Beschwerden an den High Commissioner und das Kolonialamt in London: Hyamson habe gegen besseres Wissen falsche Information erstattet, denn die Auswahl der Chaluzim erfolge unter der Aegide der Agency und werde von den Palästinaämtern der einzelnen Auswanderungsländer durch eigene, aus allen zionistischen Fraktionen zusammengesetzte Kommissionen besorgt, u. zw. nach einem gewissen, auf die sachliche Eignung eingestellten Wertungssystem. Die angerufenen britischen Instanzen versprachen Nachprüfung. Faktisch heißt es denn auch im später edierten Simpson-Bericht, obschon recht verschämt, daß laut Nachprüfung die von der Shaw-Kommission gemachten Angaben im Detail sich als «n ic h t e x a k t» erwiesen haben und daß die übliche Praxis vielmehr der Beschreibung Mr. Snells entspreche. Welche Folgerung zog nun die Regierung aus der beschämenden Tatsache, daß ihr Beamter gelogen hatte? Entließ sie ihn, degradierte sie ihn oder schickte sie ihn wenigstens außer Landes? Nein, er blieb auf seinem verantwortungsvollen Posten und erhielt nunmehr als Draufgabe eine hohe, eine königliche Auszeichnung. Glaube niemand, daß es sich hier um einen harmlosen Fall automatischer Schablone handle, etwa weil Hyamson nach dem Amtsschema eben an die Reihe gekommen sei, geehrt zu werden; auch tröste sich keiner damit, daß hier bloß ein uns Juden unbewußt verletzender Fehlgriff vorliege; schließlich lehne man die Erwägung ab, daß mit Hyamsons Auszeichnung den Arabern ein Gefallen geschehen sollte, denn ihnen bleibt auch der liebedienernde Jude als Jude verdächtig. Wer im Lande lebt, weiß es besser: Derlei Akte wiederholen sich mit solcher Regelmäßigkeit, daß es schwer fällt, noch länger an einer wohldurchdachten Politik der Provokation zu zweifeln. Die Juden sollen in einen Zustand der Erbitterung und Verzweiflung ge¬ Das verläßliche* reinpflanzliche ABFÜHRMITTEL PASTAPALM i8tln allen Apotheken erhftltl* drängt werden, um sie zu ducken oder zu Desperadostreichen zu verlocken. Wie lange ist es denn seit jener anderen königlichen Verordnung her, die — ausgerechnet nach dem Augustpogrom — die Rangordnung der palästinensischen Würdenträger kundgab, wobei die Repräsentanz der Jewish Agency und der Zion. Exekutive in die 28. Kategorie verwiesen wurde, hinter eine Kavalkade uniformierter und ziviler Gruppen von oft fragwürdiger Bedeutung! Wahrlich, ein faßlicher Anschauungsunterricht für die arabischen Meuterer, ihnen größeren Respekt vor den Trägern des Jüdischen Nationalheims beizubringen — der «Leitende Beamte der Einwanderungsabteilung» rangierte dabei recht weit rückwärts, knapp vor den auf Nebbich abgestempelten Agencyleuten. Seither aber wurde Hyamson aus der Versenkung hervorgeholt, denn er hatte sich ja inzwischen durch sein fachmännisches Gutachten an die Shaw-Kommission wohlverdient gemacht in den Augen seiner Herren und Auftraggeber... Doch schon rufen wir uns selbst zur Ordnung. Auch wenn sich die Faust vor Grimm ballt, darf niemandem Unrecht geschehen. Laßt uns doch bedenken, daß Hyamson — seines Ursprungs als Chaimsohn eingedenkt, — als feuriger Zionist begann, daß er im Dienst unserer Sache das angesehene Blatt «Zionist Review» in London herausgab, eine Reihe wertvoller Bücher schrieb und zu Nahum Sokolows Standardwerk «Geschichte des Zionismus in England» die Hauptarbeit beitrug. Ja, Hyamson, damals britischer Postbeamter, ließ sich 1921 nach Palästina versetzen, weil ihn der zionistische Geist antrieb, sein Lebensideal am Platz des nationalen Aufbaus zu verwirklichen. Und dann diese jähe Abkehr vom Hochziel seiner Jugendjahre, diese schroffe Entfremdung von den Volksgenossen, dieser moralische Niederbruch... Wie kam das alles, wie war das nur möglich?! Fast brächte es uns Erleichterung zu glauben, daß es sich hier nur um einen Einzelnen handelt, der aus einem persönlichen “IM Hotel Genova Montecatini in Italien Via Saline 36 (Beste Lage beim Kurhaus) Inhaber: Nisselbaum aus Zoppot und Berlin Zimmer mit und ohne Pension sehr billige Preise anerkannt gute Kiiche Bestens empfohlen von vielen Rabbinern Manko solcher Entartung verfiel. Aber es ist weit schlimmer. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, in Hyamson den . unglückseligen Typus eines Juden zu erkennen > und - -zu bedauern, -der. .in, die y antisemitische Maschinerie der Britischen Palästinaverwaltung geriet und von ihr zum Zerrbild verunstaltet wurde. Der Fall Hyamson muß im Zusammenhang mit anderen trüben Erfahrungen gewertet werden. Herbert Samuel, der vor Antritt seines Amtes als erster High-Commissioner stolz verkündet hatte, er wolle das Land so jüdisch machen, wie England englisch sei, hat rasch genug umgelernt; trotz großer Vollmachten sah er sich alsbald bemüßigt, mit seinen judenfeindlichen Subalternen zu paktieren, die Storrs und Richmonds auf ihren Posten zu belassen und die arabischen Unruhestifter Aref und den Großmufti aus der Verbannung herbeizurufen, um ihnen statt der Sträflingsketten hohe Würden zu überreichen. Und der Generalstaatsanwalt Norman Bentwich? Er ist der Sohn Herbert Bentwich’s, Führers der Ancient Maccabeans aus Herzls Tagen und Erbe seiner Ueberzeugung. Noch heute zweifelt kein Jude an Bentwich's Ergebenheit für die Sache des Nationalheims und auch kein Araber; sonst hätte sich nicht die Mordwaffe eines arabischen Beamten-Kollegen gegen ihn erhoben. Doch wie vorsichtig und leisetreterisch, er nennt es «pazifistisch», waren all seine Maßnahmen zur Anwendung des Gesetzes gegen die Nationalbanditen! Es genügt der Hinweis darauf, daß ihm die jüdische Landespresse wegen seiner zweideutigen Färbung den Namen «Nemer hagamal», des getigerten Kamels, dies der hebräische Ausdruck für Giraffe, verliehen hat... All das läßt darauf schließen, welch seelischem Druck der jüdische Beamte in Diensten der Britischen Palästinaverwaltung ausgesetzt ist. Es dringt ja nicht zu viel aus diesem, vor den Natives dicht verhängten Kreis in die Oeffentlichkeit. Einiges über den Antisemitismus rings um die Palästinaregierung stand ja in früheren Berichten der Zionistischen Exekutive an den Kongreß und sicher wüßte Dr. Weizmann mehr davon zu erzählen, wenn ihm erst die Zunge gelöst wäre. Bekannt aber ist, wie man jüdisch-englische Beamte selbst von den gesellschaftlichen Veranstaltungen der englischen Kolonie in Palästina fernhält, und wie man sogar ihre Beiträge bei der amtlichen Sammlung für die Erdbebenopfer zurückweisen wollte, bis der brave Lord Plumer dazwischenfuhr. Es gehört bei den jüdischen Beamten schon ein Charakter von Härte und Reinheit des Diamanten dazu, diesem steten Druck zu trotzen. Nicht jeder findet den verzweifelten Mut des jüdischen Polizeioffiziers, der im Gerichtssaal, als seine Zeugenaussage gegen die arabischen Pogromhelden ironisiert wurde, die Uniform auszog und hinwarf. Man muß nur einmal in das verwitterte Das zionistische Landeskomitee für Oesterreich» sowie dio Organisation zionistischer Frauen Oesterreichs (Wizo) drücken ihrem Mitgliede Frau Scafoimus I»€Bssweg anläßlich des Hinscheidens ihres Bruders Dr.OsiasGottesmann das aufrichtigste Beileid aus. zerrten, zerquälten Züge, um zu verstehen. Jeder Jude rückt im Autobus unwillkürlich von ihm ab und, wenn er an Sabbat- und Festtagen zum Bethaus schleicht, wird ihm der Aufruf der Thora verwehrt. Ja, man erzählt, daß ein Mr. Green, der es in der Britischen Armee bis zum Major gebracht und später wegen der Schmach des unter dem Union Jack erfolgten Pogroms an gebrochenem Herzen starb, Hyamson die Türe gewiesen habe. Was Wunder, wenn schließlich noch tiefer Haß gegen die eigenen Brüder in einem solchen Mann großwächst. Und nun wurde er vom König zum Offizier des Britischen Reiches ernannt. Weder Jude noch Araber wird sich darob freuen — und Hyamson selbst? Das Fazit: Die Juden sehen sich in Erez Israel vor ein schlimmes Dilemma gestellt. Sie müssen, wenn schon nicht im Hinblick auf das verheißene Nationalheim, so doch um der Gleichberechtigung willen die Einsetzung jüdischer Beamter fordern. Und zugleich müssen sie davor zittern, daß sich unter dem Druck der Mißgunst von oben die Wohltat zur Plage wandelt und der jüdische Beamte zum schwersten Dränger der Juden wird. So kristallisiert sich wiederum als die nächste, unausweichliche Aufgabe der Zionistischen Organisation und ihres Kongresses heraus, auf Klarheit zu dringen: Wie doch hält es England, Regierung und Volk, mit unserem Nationalheim? Aufsehenerregende Revelationen der „Jewish Chronicle“ Der parlamentarische Berichterstatter der Londoner «Jewish Chronicle» berichtet in der letzten Nummer dieser Zeitschrift über interessante politische Details, die im Zusammenhang mit der Genfer Tagung stehen. Wir bringen die betreffenden Nachrichten auf die Verantwortung des genannten Blattes. Ich höre von autoritativer Seite, daß Dr. Shiels im Verlaufe von Gesprächen mit Mitgliedern des Parlamentsdes öfteren zu verstehen gegeben hat, er teile, die Ansichten Passfields dahingehend, daß das Palästina- Mandat unausführbar sei, da die Verpflichtungen der Regierung gegenüber den Juden diametral entgegengesetzt seien den Verpflichtungen gegenüber den Arabern. In parlamentarischen Kreisen werden Passfield und Shiels als entschiedene Antizionisten und Feinde der jüdischen Aspirationen betrachtet. Am lächerlichsten ist es, daß Passfield und Shiels der Ueberzeugung sind, Weizmann sei ein Extremist. Als das Weißbuch veröffentlicht wurde, erkannte Mac- Donald sofort, wem er im Kolonialamt gegenüberstand, und unternahm praktische Schritte, um die Macht des Kolonialamtes zu vermindern, indem er ein Subkomitee einsetzte, dessen Vorsitzender Henderson war. Selbstverständlich führte diese Aktion des Premierministers zu Protesten Passfields und Shiels’. Beide fühlten, daß es sich um einen Versuch handelte, sie um ihre Macht zu bringen. Ihre Gefühle spiegeln sich in ihrer konstanten antizionistischen Haltung wieder. Zum Glück der Zionisten ist der Sohn des Premierministers, Mister Malcolm MacDonald, Abgeordneter. Er hat oft schon, wenn ein vollständiger Bruch zwischen den zionistischen Führern und der Regierung unvermeidlich schien, die Situation gerettet. In letzter Zeit war der Premierminister mit einigen Fragen über Palästina befaßt. Auch hier intervenierte sein Sohn. Wenn einmal die Geschichte der Ereignisse seit dem Weißbuche passfields klar zu übersehen sein wird, dann wird man sehen, daß Malcolm MacDonald ein loyaler Freund des Judentums gewesen ist. Niemand weiß das besser, als Dr. Weizmann. Man ist sich also klar darüber, daß Shiels in Genf nicht prozionistisch gesinnt sein wird. Es ist die einhellige Ansicht von Mitgliedern aller Parteien, daß es Shiels nicht gelungen ist, das Wesen des Palästina- Problems zu erfassen und daß er nicht erfolgreich arbeitet. Erfahrene Politiker erachten einen Personenwechsel im Kolonialamte als dringend notwendig, wenn die zionistische Bewegung nicht weiter behindert werden soll. Aenderungen in der Beamtenschaft Palästinas bereiten sich vor. Es ist aber kein günstiges Resultat zu erwarten, wenn nicht ähnliche Aenderungen im Kolonialamte durchgeführt werden. Ueber den Landentwicklungsplan meint der Berichterstatter, es sei die Möglichkeit vorhanden, daß das Parlament den Landentwicklungsplan verwerfen werde, wenn die zionistischen Führer nicht die Gelegenheit benützen, während der nächsten Monate unvoreingenommene Abgeordnete für den Zionismus zu gewln? nen. Die gegenwärtige Lage erfordert eine weise CUjd mutige FipirerschalL