Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 180 (18.6.1931)
- Date
- 1931-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 180 — 18. Juni 1931 DIE STIMME Seite 3 Deutschland vor dem Kongreß Kongreßwahlen. — Palästinakonferenzen. Von unserem Berliner Berichterstatter. Die Kongreßwahlen in Deutschland endeten mit einem überlegenen Sieg der Parteien, die für die Zionistische Realpolitik einer Kooperation mit England und der Herbeiführung einer Verständigung mit den Arabern eintreten und die entscheidende Voraussetzung hierfür in der steigenden Leistung des jüdischen Volkes und in einer innerlich gefestigten Zionistischen Organisation sehen. Jede dieser annähernd gleich starken drei Parteien (Allgemeine Zionisten, Arbeitendes Palästina und — im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern — Misrachi) erhielten mehr Stimmen als die beiden Oppositionsgruppen (Revisionisten und Radikale) zusamn^ifw Bedeutsam ist das starke Anwachsen der Stimmen des Arbeitenden Palästina, Erfolg der gemeinsamen Liste der Linksparteien; noch bemerkenswerter die Tatsache, daß die Revisionisten zwar, wie vorauszusehen, eine Steigerung ihrer Stimmen zu verzeichnen, haben, aber nicht in jenem Maße, wie sie selbst und auch die anderen es erwarteten. Die Wahlen haben gezeigt, daß die Revisionisten in Deutschland viel schwächer sind, als man aus ihrem marktschreierischen und pretentiösen Auftreten hätte schließen können. Auch hier hat sich der maßgebende Einfluß der allgemein-zionistischen Organisation gezeigt. Die Revisionisten sind dort stark, wo der Allgemeine Zionismus schwach ist, wie in Kongreßpolen und Oesterreich. Seine Schwächung liegt daher naturgemäß in ihrem Interesse. Jedenfalls ist die Zerrüttung der zionistischen Organisation in den genannten Ländern zu gutem Teil auf die zersetzenden Methoden revisionistischen Kampfes zurückzuführen. Dem kann nur — und das kann nicht oft genug betont werden — eine starker Allgemeiner Zionismus wirksam entgegentreten. Es ist erfreulich, daß im deutschen Zionismus die Verantwortung für das Schicksal der Organisation so tief empfunden wird. Das legt ihm aber auch die besondere Aufgabe auf, in der fortschreitenden Konsolidierung des Allgemeinen Zionismus beispielgebend und initiativ voranzugehen. * Auch im Lager der deutschen Nichtzionisten kann man diesen Geist der Verantwortung, hier für das Werk des Palästina-Aufbaues, deutlich fühlen. Die Tagung des 1 n ltiativkomitees der Jewish Agency und die Landeskonferenz des deutschen Keren Hajessod, die Sonntag in Berlin zu gemeinsamer Beratung zusammentraten, legen davon beredtes Zeugnis ab. Trotz des durch die schwere Wirtschaftslage verursachten Rückganges der- Einnahmen des Keren Hajessod und der Verschärfung der politischen Situation und bei aller kritischen Zurückhaltung und jedem Verzicht auf billigen rhetorischen Trumpf, sprach aus den Aeußerungen aller Redner ein selbstsicherer Optimismus, der durch den Bericht Dir. Oscar Wassermanns und die ausgezeichneten Referate Handtkes und R u p p i n s reale Grundlagen erhielt. Man muß staunen, wie sehr Nichtzionisten sich zionistische Ideologie zu eigen gemacht haben. Wenn sie es auch selbst nicht eingestehen und ihre liberalen oder konservativen Ansichten nicht stark genug unterstreichen können, so wird jeder unvoreingenommene Beobachter oft verblüfft feststellen, wie die Palästinasache Zionisten schafft. Nicht nur der Keren Hajessod hat unter ihnen eine Reihe eifriger und opferbereiter Mitarbeiter gefunden. Auch die Anschauungen dieser Männer beginnen sich langsam nach dem zionistischen Wind zu drehen. Es braucht bloß die entschiedene Absage Prof. Georg Bernhards an die Assimilation zitiert werden, die ein Zionist nicht schöner hätte formulieren können. «Dem Antisemitismus», sagte er, «ist nur durch ein stolzes Bekenntnis zum Judentum zu begegnen. Und gibt es ein höheres Bekenntnis zum Judentum als die Mitarbeit am Aufbau Palästinas? Vor dem Juden, der das bekundet, hat die nichtjüdische Umwelt unendlich mehr Hochachtung, als vor dem, der es unterläßt, weil er fürchtet, sein Bekenntnis zum Judentum könnte ihm schaden.» Diese Nichtzionisten haben sogar den Haupteinwand der zionistischen Opposition gegen die Erweiterung der Jewish Agency zu dem ihren gemacht, daß sie nämlich keine jüdische Volksvertretung sei, so lange ihre Mitglieder nicht vom Volke gewählt würden. Sie sind entschlossen — und die Konferenz setzte eine eigene Kommission ein, die einen demokratischeren Wahlmodus finden soll —, dieser «Notablenwirtschaft», wie Rabbiner Doktor B a e c k sagte, ein Ende zu machen und auch den nichtzionistischen Vertretern in der Agency jene politische Rechtsgrundlage zu geben, wie sie die Zionisten haben. Das Problem ist um so schwerer, als die angestrebte Wahl der Nichtzionisten durch die jüdischen Gemeinden es mit Allen seinen Freunden und Bekannten geben wir Nachricht vom. Ableben des Herrn Dr. Osias Gottesmann Lehrer am Hebtäischen Gymnasium in Lemberg, später in Helsingfors, der Im Alter von 30 Jahren in Wien gestorben ist. Das Begräbnis fand Sonntag, den 14. Juni auf dem Zentralfriedhof (IV. Tor) statt, Familie Passweg. sich bringen muß, daß auch hier die Zionisten mitstimmen, denen ohnehin schon 50 Prozent der Sitze gehören, und so der wahre Wille der Nichtzionisten nicht zum Ausdruck kommen würde. * Einen solchen «wahren Willen» gibt es noch gar nicht. Und deshalb kam auf nichtzionistischer Seite der lebhafte Wunsch zum Ausdruck, einmal allein, «unter sich» zu sein, um die Probleme zu klären und den Willen der Nichtzionisten eindeutig festzulegen. Und wenn auch unsekunyj&v^tJ^ könnten vereint nur marschieren, wenn wir uns vereint schlügen, so ist doch ein Widerstand gegen jenen Wunsch der Nichtzionisten in der Agency unberechtigt. Ungerecht ist aber auch ihr Vorwurf, die Zionisten hätten manches getan, was den Liberalen die Arbeit für den Keren Hajessod nicht erleichtert habe. Die Jewish Agency ist eine überparteiliche Gemeinschaft, die ohne Gesinnungskompromisse ihrer Mitglieder für die Schaffung der nationalen Heimstätte in Palästina arbeitet und in der jeder sagen kann, was er will, — wie es Kurt Blumenfeld formulierte. Und deshalb war es gut, daß sich die Zionisten in dieser fruchtbaren und auf hohem Niveau stehenden Ausan jeder beliebigen Körperstelle. Kein Fettansatz, keine Fettpolsterl Aeußerliche Anwendung. Garantiert unschädlich, wissenschaftlich begutachtet. Erfolg überraschend! Auskunft kostenlos durch: Generalvertretung der «Riagan» G. m. b. H., Wien, 1. Himmelpfortn^se 9. spräche auf forma!“ Bemerkungen und darauf beschränkten, die andern zu veranlassen, offen inre Meinung zu sagen. Was diese auch ausgiebig besorgten. Und wenn es manchmal erregt zu werden schien, so sah man doch überall brennenden Willen und wahres Verantwortungsgefühl für das Werk. Sie suchen einen Weg zwischen dem Vorwurf, den ihnen ihre antizionistischen Freunde wegen ihrer Mitarbeit am Palästinawerk machen, und dem der Zionisten, sie stünden jenen gegenüber in der Defensive und suchten eine Entschuldigung, statt in die Offensive überzugehen und die Außenstehenden zu gewinnen. (Wie man an die herankommen soll, hat die zweite von der Tagung eingesetzte Kommission zu beraten.) Sie haben noch nicht das Gleichgewicht gefunden, manche sehen noch im Palästinaaufbau eine mehr neben den mannigfachen Aufgaben der jüdischen Gegenwart. Daß sich aber die Erkenntnis Palästinas als des Hauptproblems der Erneuerung des Judentums auch bei ihnen durchsetzen wird, ist nur mehr eine Frage der Zeit. Der beste Beweis hiefür ist die Gestalt des Vorsitzenden der Konferenz, Dir. Oscar W a ssermanns, dieser in sich gefestigten, ausgeglichenen und gewinnenden Persönlichkeit, dieses Bankdirektors und Finanzmannes vonWeltruf,der seine Reden mit hebräischen Zitaten aus unserem Schrifttum schmückt und sich darin besser auszukennen scheint, als so mancher Rabbiner. Er ist erfüllt von jener verpflichtenden Erkenntnis, und daß sie auch die andern Nichtzionisten für sich gewinnt, ist ein großer, wenn auch vielleicht der einzige Erfolg der erv/eiterten jewisli Agency. Die Tagung ging mit dem festen Entschluß auseinander, nichts unversucht zu lassen, um das Versagen der Agency auf finanziellem Gebiet, das die drückende Wirtschaftskrise nur noch folgenschwerer gemacht hat, wieder gutzumachen. Den Problemen, die in ihrem Verlauf auftauchten und über die wir hier nur knapp berichten können, wird der Kongreß seine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. —um. ZUU SCHULABSCHLUSS ALS PIAMIE: Vielt und Zeit“ von SIEGFRIED ABELES Schönstes Jugendbuch, für die jüdisohe Jugend von 8 bis 14 Jahren Gebunden S 5a— Buchhandlung Josef Bdf WIEN, I., RABENSTEIG 3 Die Juden im christlichen Spanien Von Dr; Robert Sonnenwald (Schluß.) Die jüdische Geschichte von Navarra zeigt eine ganz parallele Entwicklung: auch hier erst staatskluge Förderung des wertvollen jüdischen Elementes, dann allmählich Verschlechterung der jüdischen» Lage, begründet durch die Abhängigkeit des Staates von Frankreich, schließlich offene Feindschaft gegen die Juden, Verfolgungen und 1498 — nach Anschluß an das übrige Spanien — Vertreibung. Die rechtliche Lage der aragonischen Juden nach außen erscheint geregelt durch das bereits erwähnte Gesetzbuch von 1247, auch für Navarra liegt eine Kodifikation vor; diese Gesetze behandeln in ihren auf die Juden bezüglichen Tellen das Prozeßrecht derselben, Insbesondere die zulässigen Beweismittel, unter denen nur der Zweikampf ausgeschlossen ist, sie schützen den gutgläubigen Erwerb der Juden, bestimmen das Wehrgeld und treffen sonstige Verfügungen über die Rechtsverhältnisse zwischen Juden und Christen. Dabei ist es bemerkenswert, daß viele Bestimmungen, die aus älteren Rechten, namentlich Stadtrechten, übernommen sind, bis in den Anfang des 12. Jahrhunderts zurückgehen. Für das Privatrecht der Juden untereinander ist im allgemeinen das jüdische Recht maßgebend, doch erscheint das eheliche Güterrecht nicht nur in den jüdischen Gemeindestatuten, sondern auch in den Stadtrechten sehr ausführlich geregelt. Die jüdischen Gemeinden erfreuen sich seit James I. voller Autonomie, sie haben selbstgewählte Vorsteher mit administrativen und richterlichen Beamten; Vorsteher, Rabbiner und Richter mußten vom König oder seinem Provinzstatthalter bestätigt wer- ,ttent ebenso bedurften die wichtigeren Gemeindebeschlüsse der königlichen Genehmigung. Dieses Recht der Könige verwandelte sich allmählich in eine Kontrolle, die zwar wohlwollend gehandhabt wurde, manchmal aber nicht nur die kleinsten und kleinlichsten Angelegenheiten der Gemeinden erfaßte, sondern selbst vor dem Privatleben der Juden nicht Halt machte. Von wesentlicher Bedeutung für die Könige war wie überall die finanzielle Leistung der Gemeinden; Freiheiten oder Aufhebung von Beschränkungen mußten darum bezahlt werden und die jüdischen Gemeinden bekamen schließlich für die Könige die Bedeutung von Steuerämtern, ja fast von Banken, wenn sie etwa bei den Gläubigern eines Königs dessen Schulden zu tilgen hatten; das jüdische Steuerwesen wurde endlich so zentralisiert, daß die Vertreter der Gemeinden in den Hauptprovinzen jährlich zur Bereinigung der Steuerfragen zusammenkamen, was dann allerdings auch von allgemeiner jüdischer Wirkung war. Nach innen hin erfreuten sich die Gemeinden einer bedeutenden Machtfülle, die in ihren, den Stadtrechten ganz nachgebildeten Statuten geregelt war. Sie hatten außer dem allgemein üblichen Wirkungskreis der jüdischen Gemeinden regelmäßig auch die Kriminalgerichtsbarkeit, welche unter dem Vorsitz eines königlichen Beamten ausgeübt wurde und sogar die Todesstrafe vorsah; die Zivilgerichtsbarkeit wurde von den Gemeindevorstehern bzw, den dazu bestellten Gemeindebeamten gehandhabt. 1354 mutet der Gedanke eines Gemeindeverbandes in Barcelona ganz modern an, geplant waren insbesondere Maßnahmen gegen drückende Gesetze und Beamte, gegen Exzesse der Menge und gegen das Denunziantentum, das bei den zahlreichen und genauen Bestimmungen, die sich in allen Gemeindestatuten darüber finden, wohl sehr geblüht haben mag und natürlich als eine ewige Gefahr gefürchtet wurde. Die traditionellen jüdischen Vereinigungen, wie Chewra-Kadischa, Krankenvereine Bikur-Cholim und Talmud Thora-Brüderschaften finden sich schon früh, . ... Um vom kulturellen Leben und der sozialen Gliederung der Juden zu sprechen, muß zunächst vermerkt werden, daß die neu erschlossenen Urkunden eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten entweder dem Dunkel der Anonymität entrissen oder sonst wichtige Daten und Züge für die Biographien schon bekannter Männer beigetragen haben. Von den' großen Rabbinern wurde Nachmanides schon oben erwähnt, Salomo ben Adret (Raschba), 1245—1310, und Isaak bar Schescheth (Ribosch), gestorben 1408, galten nicht nur in der Judenheit, sondern auch bei den Königen als höchste Autoritäten in allen Fragen des jüdischen Lebens und wurden wiederholt offiziell zu Gutachten und Entscheidungen herangezogen. Der bedeutendste unter den Gelehrten Aragoniens ist Chasdei Crescas, von dessen überragender Stellung unter Juden und Christen eine große Reihe von Urkunden zeugt: Bann und sogar Todesstrafe sind ihm als Oberrichter vom König überantwortet. Er ist als Theologe und Philosoph der bekannte Gegner des Maimonides und dessen «griechischer» Philosophie und unter seinen Schriften ist u. a. von Interesse der Bericht über die Unruhen des Jahres 1391, denen auch sein einziger Sonn als Märtyrer zum Opfer fiel, trotzdem ihn die Königin «wegen der großen und bedeutenden Verdienste» seines Vaters unter besonderen Schutz stellte. Mit der jüdischen Gelehrtheit ist vielfach die Kunst der Heilkunde und darum der weit» liehe Titel eines Magisters verbunden, auch die König«* und ihre Familien vertrauen sich am liebsten der erprobten Geschicklichkeit jüdischer Aerzte an, von denen eine Anzahl als Leibärzte und Hausgenossen der Könige erscheint. Mit der Medizin Hand in Hand geht das Studium der Naturwissenschaften, aber auch Sprachen, Grammatik und Philosophie werden eifrig betrieben, Astronomen und Astrologen sowie Verfertiger astronomischer Instrumente werden erwähnt Im öffentlichen Leben gibt es Juden als königliche Kommissäre und Fiskale (Baile), die oft das Rggjjg I jf> i. i r i: ■ H gl «V,; i ri!) •'