Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 179 (11.6.1931)
- Date
- 1931-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 179 — 11. Juni 1931 DIE STIMME 7 7mniof Anl Schicket eure Kinder in die jDdische Schule! m I 11 ■ 1 1 I H I 1 I Chajcsrcalgymnasium/Ocflcnilichkcltsrccht/Staatsgiiltlgc Zcugtil8sc /Hcbräl8ch Mm I %pr III I I ■ Englisch / Latein / Aufnahme in allen Klassen II., Casiellezgasse 35 Telephon R-4S-2-82 iiiraKlalt, Bnsfpia* Brn prei«e WEISS Hier und draußen Von M. D. G r o ß, Tel-Aviv. *) Vorüber ist der heiße Wahlkampf zum Kongreß. Hier war es ein Wahlkampf nach allen Regeln der Wahlkämpfe, wie sie sich etwa in Oesterreich bei Parlamentswahlen abspielen. Die Allgemeine Arbeiterpartei war noch die verhältnismäßig ruhigste im Wahltaumel, da sie sich ihrer gewerkschaftlich stramm und fest organisierten Mitglieder sicher war. Aehnlich ruhig verhielten sich die misrachistischen Arbeiter, die trotz der schweren Notlage, in der sich die meisten ihrer Mitglieder befinden, die daher das Geld für den Schekel nicht aufbringen konnten, etwa 1800 Stimmen auf ihrer Liste vereinigten, wobei allerdings zu bemerken ist, daß manche misrachistische Baale-Batim und Intelligenzler es vorgezogen haben, für die sympathische Liste des Hapoel Hamisrachi zu stimmen. Die unruhigsten und nervösesten im Getümmel waren die Revisionisten, die es verstanden haben, auch viele hunderte ausgesprochen misrachistische Wähler für ihre Liste zu gewinnen. Ich hatte am Schawuothfeste in einer hiesigen chassidischen Synagoge, wie es hier üblich ist, mitten im Abendgebet, eine Agitationsrede für die Misrachiliste gehalten. Nicht wenig erstaunt war ich darüber, daß ein ganzer Hagel von sehr lebhaften chassidischrevisionistischen Zwischenrufen sich über mich ergoß. Es waren langbärtige Juden, die mit chassidischer Begeisterung das revisionistische Glaubensbekenntnis: «Weizmann haboged» («Weizmann, der Verräter!») mir dazwischenriefen. Es kann ja sein, daß die heißblütigen Revisionisten in ihrer, politischen und wirtschaftlichen Kritik zu gut 50 Prozent im Rechte sind, — das empfindet man hier besser als draußen — allein die Methoden, namentlich die der hiesigen Revisionisten, sind vom zionistischen und menschlichen Standpunkt aus beobachtet durchaus nicht einwandfrei. Die Art, wie sich die revisionistische Kritik äußert, kann von Juden mit gutem Geschmack und mit gut zionistischer Gesinnung nicht gutgeheißen werden. Was soll man dazu sagen, wenn alte, in der zionistischen Arbeit ergraute., Kämpfer, heute von.sehr,jungen Revisiö-. nisten täglich, in Wort .und. Schrift . mit dem Titel. «Boged» (Verräter) bedacht werden? Was soll man dazu sagen, wenn die studierende Jugend oft gegen die eigenen Lehrer aufgehetzt wird? Ich will unverhohlen und offen sagen und hoffe, daß die «Stimme» es nicht unterdrücken wird, daß ich und mit mir unzählige Misrachisten uns der revisionistischen politischen und wirtschaftlichen Kritik anschließen und auch manche Punkte des konstruktiven revisionistischen Programms ohne weiteres akzeptieren, um so eher, als diese Punkte meistenteils alte misrachistische Forderungen beinhalten. Doch müssen wir als reife Menschen, denen der Zionismus und seine Realisierung heilige Herzenssache ist, sagen, daß die Revisionisten den Kampf in dieser Form und mit diesen Mitteln nicht weiterführen dürfen! Es ist ja so gut wie sicher, daß der Revisionismus später, wahrscheinlich schon in kurzer Zeit, recht viel Wasser in seinen allzu herben Wein mengen wird, aber bis dahin kann er bei Fortsetzung seiner derzeitigen Kampfesart manchen schwer gutzumachenden Schaden anrichten. Besonders schädlich, ja verhängnisvoll erscheint die offene und versteckte Hetze seitens der Revisionisten gegen die zionistischen Fonds und deren Angestellte. Sie sollten doch bei aller berechtigten, meist aber unberechtigten Kritik an diesen Fonds einsehen, daß bei aller Wertschätzung der Privatinitiative das Land ohne Hilfe der Fonds für unabsehbare Zeit nicht aufgebaut werden kann. Wie in Bettauers bekanntem Roman «Die Stadt ohne Juden» würde ausschauen «das Land ohne Keren Hajessod», während ohne Keren Kajemeth überhaupt kein Land da wäre. Ihr zionistisches Verantwortungsgefühl sollte sie veranlassen, nicht das Kind mit dem Bade auszugießen. Wie immer dem sei, ein gewaltiger Unterschied zwischen hier, Erez Jisrael und draußen, der Diaspora, ist allenfalls zu konstatieren. Und dieser Unterschied ist das Wesentlichste. Hier wird gestritten, es wird gekämpft, die Meinungen prallen aneinander viel heftiger als draußen, aber hier wird selbst mitten im rasenden Kampf gearbeitet, gebaut, ununterbrochen gearbeitet und ununterbrochen gebaut, und zwar in allen Lagern. Täglich werden neue Gebäude errichtet, neue Pflanzungen in Angriff genommen, neuer Boden erworben und in Arbeit genommen usw. Draußen hat die Krisis die Unternehmungslust untcr- *) Wir bringen gerne das palästinensische Stimmungsbild unseres gesell. Mitarbeiters, Herrn M. Dr. Groß (früher Wien) zum Abdruck, wenn wir auch nicht umhin können, zu erklären, daß wir uns nicht mit allen Ausführungen des gesell. Verfassers identifizieren. bunden, die Spannkraft gehemmt, hier wird man trotz der Krisis und trotz der diversen Hindernisse vom Ideal getragen und getrieben. Arbeiter und Unternehmer, Industrielle und Kaufleute, Ackerbauer, Pflanzer, Handwerker, alle sind sie vom gleichen, gemeinsamen Ideal beseelt, alles arbeitet unverdrossen und unaufhaltsam. Draußen führen innere Parteikämpfe und Unstimmigkeiten manchmal zur Verdrießlichkeit, zum Erlahmen der Schwungkraft, zur Lustlosigkeit und Mattigkeit, sie wirken nur zu oft lähmend und hemmend. Nicht so hier. Die Hitze der Gefechte erzeugt neue Energiestrahlen, einen offenkundigen Wetteifer im Bauen und im Schaffen. Man brummt und man baut, man kritisiert und man schafft. Seit zwei Jahren geht es auf politischem Gebiet schief und abwärts, seit zwei Jahren verringern sich die Einnahmen der Fonds, seit?\vei Jahren ist es mit unserer Gesamtorganisation immer schlechter bestellt, und dennoch, trotz alledem, wer vor zwei Jahren hier war und jetzt wieder herkommt, sieht es und gibt es zu, daß hier auch in diesen schweren zwei Jahren nicht nur relativ, sondern auch positiv unglaublich viel geleistet wurde, und zwar auf jeder* 'es Aufbaues. Und wie wäre es erst, wenn dort draußen etwas weniger gestritten und etwas mehr geholfen worden wäre! Alle Streitenden von draußen sollten, wenn schon nicht für ständig, doch wenigstens für kurze Zeit herkommen und hier mit offenen Augen zuschauen und lernen, wie man auch im zionistischen Parteikampf, der unter Umständen nützlich sein kann, in der einen Hand das Schwert und in der anderen Hand die Kelle halten kann und soll. Kritisieren und bauen, bauen und kritisieren ist die Lehre, die derzeit von Zion ausgeht. Repräsentanten des lischuw in der (ewish Agency Jerusalem, 3. Juni. (J. T. A.) Der Waad Leumi nahm in seiner am Dienstag, den 2. Juni, abends, abgehaltenen Sitzung die Wahl der sechs Repräsentanten vor, die der Jischuw in die Exekutive der Jewish Agency zu entsenden berechtigt ist. Gewählt wurden Rabbi Uziel, Bialik, BenrZwl, Ahronowitz, Meyuchas und Zuchöwizki. Zu Vertretern des Jischuw im zionistischen Aktionskomitee wurden Bin Gurion und Eliahu Berligne, zu Stellvertretern Baratz und Glickson gewählt. Strickland — High Commissioner von Palästina? Jerusalem. (J. T. A.) Es verlautet in Kreisen der englischen Kolonie in Jerusalem, daß General Sir Peter Strickland, der Kommandant der britischen Truppen in Aegypten, wahrscheinlich als Nachfolger Sir John Chancellors, High Commissioner von Palästina werden soll. Kritik an der Zusammensetzung der amerikanischen Kongr eßdelegati on Die jiddischen Tageszeitungen «Morning Journal» und «Tog» befassen sich in den Leitartikeln ihrer Ausgaben vom 1. Juni mit der Wahl der amerikanischen Delegierten zum 17. Zionistenkongreß. Beide Blätter erklären, daß die amerikanische Delegation in dieser Zusammensetzung nicht den amerikanischen Zionismus repräsentiere. Der «Tog» wendet sich dagegen, daß dis Delegation zuni größten Teil aus Gegnern Weizinanns besteht, was dem Standpunkt der zionistischen Gesamtorganisation Amerikas widerspreche. Die kleine Gruppe, die gegenwärtig an der Spitze der Zionistischen Organisation Amerikas steht, habe Leute aus ihrer eigenen Mitte gewählt und die Empfindungen und Ueberzeugungen der zionistischen Massen mit Füßen getreten. Im Leitartikel des «Morning Journal» wird u. a. ansgefiihrt: Sicherlich kann die Liste der amerikanischen Delegierten nicht als wirkliche Repräsentanz der zionistischen Massen Amerikas betrachtet werden. Die Tatsache bleibt bestehen, daß ihre Auswahl von niemandem außer einem Minjan von Leuten getroffen wurde, die 20 Delegierte und 20 Ersatzdelegierte «wählten». Die Leitung hat von dem Privileg, das die Kongreßwahlordnung für den Fall einer Vereinbarung über eine Einheitsliste vorsieht, Gebrauch gemacht. Wir sind der Ansicht, daß das gesamte Problem der Kongreßwahlordnung einer Revision bedürftig ist. Die von der Leitung der Zionistischen Organisation Amerikas zusamnicngestellte Liste der auf Grund des interfraktionellen Wahlabkommens den Allgemeinen Zionisten Amerikas zustehenden 20 Kongreßdelegierten weist folgende Namen auf: Julian Mack, Louis Lipsky, Robert Szold, Stephen S. Wise, Pearl Franklin, Morris Rothenberg, Israel Brodie, Jacob de Haas, Mrs. David Greetiberg, Abee Goldberg, Richter William Lewis, Mrs. Schulzinger, Emanuel Neumann, Abraham Tuiiii. Mrs. William Lewis, Mrs. Archibald Silverman, Mrs. Nathan Rome, Jacob Fishman, David Podolsky, Eliahu Stone. «Der Yog» greift in seinem Leitmtikel vom 3. Juni die Leitung der zionistischen Organisation Amerikas wegen der von ihr getroffenen Auswahl der Delegierten zum 17. Zionistenkongreß abermals scharf an. Die Leitung der Organisation, schreibt das Blatt, sendet ihre Emissäre nach Europa, um die europäischen Zionisten zu v Anlassen, der Fahne des offiziellen amerikanischen Zionismus zu folgen, und um ihnen die Ueberzeugung beizubringen, daß Weizmann an allen Schwierigkeiten des Zionismus schuld ist. Wenn die osteuropäischen Zionisten mit den Emissären unserer Leitung verhandeln und Vereinbarungen mit ihnen treffen wollen, mögen Sie wissen, daß sie nicht mit dem amerikanischen Zionismus ververhandeln und Vereinbarungen treffen, sondern mit Einzelpersonen, die nicht den Erfolg des Zionismus, sondern die Befriedigung persönlicher Ambitionen anstreben. Palästina eine Kronkolonie? Wie «Eastern News Agency» aus angeblich verläßlicher Quelle meldet, wird seitens der französischen Militärbehörden die Aufhebung des Mandats über Libanon und die Umwandlung dieses Gebietes in eine französische Kolonie geplant. Ais Kompensation soll England vorgeschlagen werden, Palästina zur Kronkolonie zu erklären. Ritualmordlegende in Astrachan Moskau, 1. Juni (J. T. A.) In der letzten Zeit wurde in Astrachan von ehemaligen Mitgliedern der «Schwarzen Hundert» eine intensive Pogrompropaganda getrieben. Es wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten Christenkinder gestohlen und ihre zerstückelten Leiber in großen Kesseln gekocht. Die Behörden kündigen ein Verfahren gegen alle, die an dieser Propaganda teilgenommen haben, an und werden die Agitatoren veranlassen, öffentlich zu erklären, daß sie als Konterrevolutionäre versucht haben, unter Anwendung der alten zaristischen Methode, die einzelnen Nationalitäten gegeneinander aufzuhetzen, Unruhe und Verwirrung zu stiften. Erste Erfolge der Tote-Meer-Konzession Die «Palestine Potash Co.» hat soeben ihren ersten Tätigkeitsbericht veröffentlicht. Nach dem Zustandekommen des mit den Regierungen von Palästina und Transjordanien am 1. Jänner 1930 abgeschlossenen Konzessionsvertrages wurde mit der Einrichtung der Anlagen begonnen und am Ende des Monats Juli haben die gefüllten Verdunstungs* pfannen bereits eine Fläche von 48.56 ha bedeckt. Nach Absonderung des Kochsalzes begannen sich Ende August einige Tausend Tonnen Rohkalisalze niederzuschlagen, deren Eiasammeln bis Ende Dezember dauerte. Nach dem Ergebnisse des ersten Arbeitsjahres hat sich also die Möglichkeit der Kaligewinnung aus dem Toten Meere erwiesen, so daß sich die Gesellschaft zu einer Vergrößerung der Anlagen entschlossen hat, die auch bereits in Angriff genommen wurde. Die ersten Fertigprodukte werden aller Voraussicht nach Ende Dezember d. J. auf den Markt gelangen. Die Preise der* selben (Kali, Brom usw.) haben sich trotz des allgemeinen Preissturzes bisher gut gehalten. Verurteilung von Arabern Jerusalem, 2. Juni. (J. T. A.) In dem Prozeß gegen die Teilnehmer an dem Ueberfall auf das Haus des Kolonisten Broza in Moza im August 1929 wurde am Montag, den 1. Juni, von Richter Plunkett das Urteil gefällt. Der Angeklagte Saleh Zier wurde zu 5 Jahren, die Angeklagten Mohammed Khader und Mahamoud Assad wurden zu je 3 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die 11 übrigen Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. In der Urteilsbegründung erklärte Richter Plunkett, die Familie Broza wäre, wenn sie nicht bewaffnet gewesen wäre, von dem gleichen Schicksal ereilt worden wie die Familie Macleff, deren sämtliche Mitglieder in den Augustunruhen 1929 niedergemetzelt wurden. . Die jüdischen Gemeindewahlen in Polen Warschau. (J. T. A.) Die Hauptwahlkommission für die jüdischen Gemeindewahlen in Warschau hat nach durchgeführter endgültiger Prüfung des Abstimmungsergebnisses entschieden, daß auf die Liste der Agudas Jisroel 20 (statt, wie zuerst festgestellt, 19) entfallen, während auf die Liste der Polen mosaischer Konfession nur ein Mandat (statt 2), entfällt. Die Wahlen zur jüdischen Gemeinde in Lodz haben folgendes Ergebnis gebracht: Agudas Jisroel und die mit ihr verbundenen Gruppen errangen 15, die Zionisten 4, die Jüdische Volkspartei (Folkisten) 2, die Alexandrer Chassidim 2 Mandate, Misrachi und Handwerker 1, Polen mosaischer Konfession 1 Mandat.