Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 178 (3.6.1931)
- Date
- 1931-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 178 — 3. Jtml 1931 DIB STIMME NMMMMft Hk HerzMfaldignng der Wiener Zionisten Bei strahlendem Sonnenschein erfolgte Sonntag, den M. Mai, der diesjährige Herzl-Grabgang der Wiener Zionisten. Schon in den frühen Morgenstunden wimmelte es in d«r Umgebung der Hochschule für Bodenkultur, von wo aus der Zug in der Richtung des Döblinger Friedhofes sich bewegte, von verschiedenen Gruppen, Jugendorganisationen, alten und jungen Gesinnungsgenossen, Männern und Frauen, die kamen, um dem toten Führer die pietätvolle Ehre zu erweisen. Die Straßenbahn, deren Verkehr verstärkt worden war, brachte immer neue Massen der Zugteilnehmer heran; vtele der Jugendbünde marschierten zu Fuß von den inneren Bezirken zum Treffpunkt; Jugendliche verkauften blau-weiße Nelken zugunsten des Keren Kajemeth; Fahnen und Wimpeln flatterten in der Luft; von Zeit zu Zeit ertönten Hornsignale; es herrschte eine gehobene, feierliche Stimmung. Der Zug Uni 10 Uhr setzt sich die Tete des Zuges in Bewegung. Den Zug eröffnen Mitglieder des zionistischen Landeskomitees mit Präs. Dr. Oskar Grünbaum, Vizepräsident Dir. Wilhelm Epstein und Dr. Josef Löwenherz an der Spitze. Ihnen folgen die zionistischen Kultusmandatare, Leiter des österreichischen Keren Hajessod und Keren Kajemeth, Rabb. Dr. Fe u c h t w a n g, Adolf Böhm und andere führende Wiener Zionisten. Die palästinensischen Makkabim begrüßen mit ihrer Fahne die sterblichen Ueberreste des Toten. Dann marschieren die Mitglieder aller zionistischen Bezirkssektionen, der Verband zionistischer Hochschülerinnen, Rede- und Lesehalle der jüdischen Studentenschaft, jüdischer Hochschulausschuß «Judaea», «Theologia», die Mitglieder der Frauenorganisation «Wizo» usw. Den größten Teil des Zuges bilden die Jugendgruppen, an deren Spitze die Organisationen des Linkskartells; J. S. A. J., Blau-Weiß und Haschomer Hazair marschieren. Es folgen die Histadruth iwrith und die Mitglieder des Jugendbundes «Zirenu» in ihrer schmucken Dreß, dann die Makkabisportler, jugendliche Zionisten aus Mödling, der Verein «Erez Israel» und die Mädchenvereinigung «Mirjam». Die Gruppe der radikalen Zionisten, mit Dr. Plaschkes an der Spitze, und wieder Jugendliche: «Gduth Zirim», zionistische Mittelschüler, Schüler des Chajes-Realgymnasiums, zionistische Korporationen und zionistisch-demokratische Jugend. Es folgen nun die Revisionisten mit Oberbaurat S t r i c k e r an der Spitze, anschließend die Pfadfindergruppe des «Haschomer Hadati» und die Organisation der misrachistischen Jugend. Dann marschieren der revisionistische «Brith Trumpeldor», Sport- und Schützenverein «Menorah», schließlich eine große Anzahl von «Stam»-Gesinnungsgenossen. Die stumme Defilierung Vor dem blumengeschmiickten Herzl-Grabe halten abwechselnd Ghaluzim und Mitglieder der zionistischen Korporationen Wache. Ein Aufgebot der Polizei postiert sich gegenüber dem Grabe, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Der Grabgang selbst verläuft in vollster Ruhe und Ordnung. Unzählige Fahnen und Wimpeln senken sich. «Smola Zazoh!» (Links schaut!) kommandieren mit gedämpfter Stimme die Jugendführer ihren Gruppen, da diese vor dem Grabe vorbeimarschieren. Sonst fällt kein Wort. Es ist eine würdige, stumme, 'den Wiener Zionisten schon zur Tradition gewordene Herzl-Huldigung. Um ^12 Uhr ist der Grabgang zu Ende und der Zug löst sich auf. Jugend Es fiel unangenehm auf, daß die große Masse der älteren Gesinnungsgenossen durch Abwesenheit glänzte. In der Stadt, wo Herzl lebte und wirkte, in einer Stadt, die eine jüdische Bevölkerung von mehr als 200.000 Seelen aufweist, erachtete es nur ein verhältnismäßig kleines Häufchen als seine Pflicht, dem Rufe des Landeskomitees zu folgen und am Grabgang teilzunehmen. Angenehm fiel dagegen die Massenbeteiligung der Jugend auf. Wir haben viel zionistische Jugend in Wien, und wir haben eine gute Jugend. Sie war, man sah es ihr an, mit ihrem Herzen bei der Sache. Sie erfreute die Zuschauer durch ihrg Strammheit und Disziplinertheit. Wien, das hat der letzte Maisonntag gezeigt, hat eine gute zionistische Jugend. Und dennoch, hatte nicht ein führender Gesinnungsgenosse recht, als er fragte: «Wo ist die Jugend dann, nach einigen Jahren? Wohin verschwindet sie? Warum bleiben viele Jugendliche, wenn sie erwachsen sind ihrem Jugendideal nicht treu?» Diese bittere Skpesis ist, das wissen wir aus Erfahrung, nicht unberechtigt. Hakenkreuzier provozieren Sie konnten nicht umhin, die Herren Hitlerianer, es wenigstens zu versuchen, einen Krawall zu inszenieren. Auf der Rampe der Hochschule für Bodenkultur hatte sich eine Gruppe von Nazis angesammelt, der sonderbarer Weise der Zutritt zu der Rampe von der Polizei nicht verwehrt worden war. (Die Rampe ist bei dem alljährlichen Herzl-Grabgang immer für die Mitglieder des Landeskomitees und die zionistischen Funktionäre reserviert). Nachher entschuldigte sich die Polizei damit, daß die Herren Hakenkreuzier ihr versprochen hätten, sich ruhig zu verhalten. Sie verhielten sich aber alles andere eher als ruhig. Als der Zug sich in Bewegung setzte, begannen sie mit den wüsten Schmährufen «Deutschland erwache, Juda verreckeI» die Zugteilnehmer zu provozieren. Dies rief unter den Juden natürlich eine berechtigte Empörung hervor, und nur der besonnenen Haltung der Führ«', die die Jugend vor dem Stürmern der Rampe abhielten, haben es die Hakenkreuzier zu verdanken, daß sie einer wohlverdienten Verprügelung entgangen sind. Die Polizei war zu schwach und zeigte sich im Großen und Ganzen ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Als die Situation bedrohlich wurde, entschloß sich erst der PoIi-:ei!:omnrandant. die randalierenden Hakenkreuzbuben von der Rampe abzuführen. Nach dem Räumen der Rampe trat wieder Ruhe ein. Einer der Radaumacher, ein Herr Richard Töpflinger, wurde verhaftet. Gesinnungsgenosse Dr. Plaschkes wurde, als er intervenieren wollte, von einem Wachmann mit einem Gummiknüppel verletzt. Wie wir erfahren, hat das zionistische Landeskomitee für Oesterreich gegen diese Handlungsweise der Wache in einem Brief an die Polizeidirektion einen scharfen Protest erhoben. Die Makkabim aus Palästina Großes Aufsehen erregten die 13 Makkabisportler aus Palästina. Um ihr Auto, das die hebräische und englische Inschrift Tel-Aviv-London trägt, drängten sich viele Neugierige. Die Gäste, sonngebräunte Prachtkerle in blauen Uniformen, waren gerade vor dem Grabgang in Wien angekommen. Ihr Führer Jekutieli gab uns bereitwilligst Auskunft Aber das ZM der Reise und über den bisherigen Verlauf: «Wir haben am 10. Mai mit unserem Auto ut»d imeerta sechs Motorrädern Jerusalem verlassen. Rasch war der Wag bis zur Südgrenze Palästinas, Berscheba, zuriickgelegt Dana ging es durch die Wüste Sinai, die seit Mosis Zeiten von keinem Juden überquert worden ist. Ueber Kadesch Bamea kamen wir nach Suez, von dort nach Alexandrien, wo wir uns auf einen Dampfer einschifften, der uns nach Piräus brachte. Nach diesem kurzen Seereise-Intermezzo kamen wir über Athen und Saloniki nach Sofia, von dort nach Nisch, Belgrad und Zagreb. Heute sind wir in Wien und freuen uns, an dem Herzl-Grabgang teilnehmen zu können. Von hier aus wird uns unser Weg über Nürnberg, Frankfurt und Paris nach London führen. Auf dem Rückwege machen wir eine andere Tour. Vor allem wollen wir nach Basel, um dem Kongreß einen Besuch abzustatten, von dort nach Berlin und über Polen in di« baltischen Staaten, dann wieder südwärts, nach der Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien, asiatische Türkei und über Syrien habajtah (nach Hause), nach Palästina. Der Zweck unserer Reise? Wir wollen Propaganda machen für unsere Makakbiah, das jüdische Weltsportfest, das 1932 in Palästina stattfinden wird. Zu bemerken ist noch, daß wir auf unsere eigenen Kosten reisen .. Josef Sprinzak über die Aufgaben des XVII. Zionistenkongresses In der Sitzung des Ausschusses der palästinensischen Arbeiterparteien hielt der Hitachduth-Führer Josef Sprinzak, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, eine großangelegte Rede über die Aufgaben des XVII. Zionistenkongresses. Die Rede hat über Palästina hinaus ein starkes Echo gefunden. Er polemisierte gegen «Endziel-Formulierungen», mit denen sich eine lebendige Bewegung nicht mehr als notwendig zu beschäftigen hätte, da solchen Definitionen in der Regel der lebendige politische Inhalt fehlt. Sie verführen zu politischer Romantik und zu Phantasmagorien, an denen das Leben vortibergeht. Die «Endziel»-Frage müsse aus der Tagesordnung des Kongresses und des Zionismus verschwinden. Sprinzak erinnerte an den warmen Empfang, der Weizmann während seines letzten Besuches in . Palästina in den Arbeiterzentren zuteil geworden ist, und läßt durchaus die Möglichkeit offen, daß Weizmänn auch weiter an der Spitze der zionistischen Bewegung stehen wird. Sollte es aber geschehen, daß Weizmann zwei Jahre nicht Präsident der Organisation sein wird, so ist das für den Arbeiterflügel kein Grund zur Ver- Zionisien! eure Kinder in die fiftdisifte J'cÄufeT Chajesrealgymnasium - Öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse - Hebräisch - Englisch - Latein - Aufnahme in alle Klassen II. Casiellezgasse Nr. 35 T«lephon-Nummer R-48-2-85 zweiflung. Die Hauptfrage ist und bleibt: kontinuierliche zionistische Tätigkeit. Die Leitung müsse aus einer Koalition der konstruktiven Kräfte im Zionismus bestehen. Zweifellos gehören die Revisionisten nicht ln eine solche Koalition. Die Revisionisten werden das Mittelstandsproblem in die Debatte werfen und dabei der sozialen Reaktion und der Arbeiterfeindschaft Vorschub zu leisten versuchen. Die reaktionäre Seele des Revisionismus ist verbrämt durch die Romantik einer Gruppe von Dichtern und politischen Kabbalisten, aber all das ist Deckmantel für soziale Reaktion. Der Redner umriß den Plan einer nationalen Arbeiterkolonisation als Grundlage der kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina. Doch erkannte er die Notwendigkeit an, daß ernstlich versucht werden müsse, die Reste des jüdischen Mittelstandes in clen Galuthländern vor dem Untergang zu retten, indem man sie für Alijah und produktive Kolonisation reif macht. Sprinzak ist dagegen, daß der Kongreß verpflichtende Beschlüsse in der Frage des Legislative Council faßt, da hierin Aenderungen des Inhaltes und der Bedingungen zu erwarten seien. Sprinzak kam im weiteren Verlauf seiner Rede auf seinen bekannten Vorschlag zurück, eine Million Juden als Mitglieder der erweiterten Jewish Agency zu gewinnen. Wir müssen, sagte er, eine mächtige Volksbewegung schaffen. Um die Erweiterung der Agency ln die Tat umzusetzen und. ihr den Charakter einer Volksbewegung zu geben, wollen wir Ihr eine Million Mitglieder verschaffen. Das ist innerhalb der Zionistischen Organisation unmöglich, da sie zerspalten ist und Fragen der LandespolHik sie auseinanderreißen. In Zürich gelobten wir, der Agency eine volkstümliche demokratische Basis zu geben, so daß ihre Vertreter vor dem ganzen Volke verantwortlich sein sollen. Die politischen Unruhen hinderten die Ausführung. Aber jetzt müssen wir Ussischkins Worte von dem «Volkszionismus» wahr machen. Die Demokratisierung der Agency wird auch konstitutionelle Aenderungen zur Folge haben, die Entscheidung wird in die Hände der Massen gelegt und der Gedanke eines jüdischen Volkskongresses für den Aufbau Erez Israels wird in die Tat umgesetzt werden. Eine Million Mitglieder der Agency wird die zionistische Bewegung aktivieren, die Zionistische Organisation wird diesem Werke die Richtung geben, und wenn die Agency auf Volksbasis erbaut sein wird, so wird es auch kein Unglück sein, wenn sie sich später einmal mit der Zionistischen Organisation vereinigt und deren Arbeit auf breiterer Basis fortsetzt. Ich habe einen jährlichen Mitgüedsbeitrag von eineff^61*'*5 Pfund vorgeschlagen. Es mag sein, daß die Summe fürm; manche Länder zu hoch ist und hier und da der Leistungsfähigkeit der Volksmassen angepaßt werden muß, aber im allgemeinen sollte sie als Grundlage dienen. Die Werbung muß unter der Züricher Parole einer neuen Siedlungstätigkeit geschehen, das Geld soll dem Keren Hajessod für die landwirtschaftliche Siedlung zur Verfügung stehen. Die Werbung soll durch den Apparat der Zionistischen Organisation und der Agency mit Hilfe der Jugend- und Frauenorganisationen sowie aller Zionisten und Nichtzionisten vor sich gehen. Es gibt zwei Wege: von unten — durch Werbung von Mann zu Mann, von Haus zu Haus — und von oben — durch Verhandlungen mit den jüdischen Organisationen. Es ist klar, daß dieser Plan keine sofortige Rettung in Aussicht stellt; für den Augenblick müssen wir unsere Anstrengungen auf den bisherigen Geleisen fortsetzen. Mein Plan ist der Sorge für die Zukunft entsprungen, er muß aber gleich nach dem Kongreß in Angriff genommen werden. Nach 34 Jahren des Bestehens der Zionistischen Organisation stehen wir vor der Notwendigkeit, ein neues Kapitel zu beginnen. Jüdische Beteiligung1 an dem Kongreß der Völkerbundligen Budapest, 27. Mai. (J. T .A.) Im Parlamentsgebäude zu Budapest tagt gegenwärtig der 15. Kongreß des Inter, nationalen Verbandes der Völkerbundligen. An den Arbeiten des Kongresses beteiligen sich auch die palästinensische Völkerbundliga, die durch Privatdozent Dr. N. Feinberg-Gent vertreten wird, und die jüdische Völkerbundliga Oesterreiche, die Herrn Hofrat Dr. S. Frankfurter zum Kongreß delegiert hat. Der diesjährige Vorsitzende des Internationalen Ver. bandes der Völkerbundligen, der auch dem Kongreß präst. diert, ist der hervorragende holländische Journalist Professor Limburg, ein Jude. Wie erinnerlich, hat der in Genf stattgefundene vorjährige Kongreß der Völkerbundligen sich auch mit der jüdischen Lage in verschiedenen Ländern beschäftigt und u. a. eine dem Zionismus freundliche Entschließung angenommen. «Doar Hayom» — Organ der Bnei Benjamin Wie der Jüdischen Telegraphen-Agentur vom Herausgeber des „Doar Hayom“, Ben Avi, mitgeteilt wird, hat sich eine Gruppe von Mitgliedern der Bnei Benjamin, einer Organisation von in Palästina geborenen Söhnen jüdischer Kolonisten, maßgebenden Einfluß auf den „Doar Hayom“ gesichert. Das Blatt wird infolgedessen von nun an für die Politik der Bnei Benjamin, das heißt für Wahrung der Rechte der in Palästina geborenen Juden, die Einführung einer Kantonalverfassung für Palästina und Uebertragung d?r Verwaltung des Palästina-Mandats von England an den Völkerbund selbst eintreten. i