Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 178 (3.6.1931)
- Date
- 1931-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nt. m — 3. Juni 1931 DTE STIMME Seite 3 Ein sonderbares Programm und eine sonderbare Methode Eine Entgegnung. Von Dr. Oskar Grtinbaum. Die letzte Nummer der «Neuen Welt» setzt sich unter dieser Ueberschrift mit dem Programm der Allgemeinen Zionisten in Oesterreich auseinander, oder weicht vielmehr im Grunde jeder Auseinandersetzung aus. Das gehört zur oppositionellen Taktik, die da meint, durch die unaufhörliche Wiederholung von Schlagworten über Inhaltsleere und Unmöglichkeit der Verwirklichung hinwegzuhelfen. «Kongreßwahl — Speisenkarte kunterbunt ausgesuchter zionistischer Spezialitäten, Lösung der Judenfrage» usw., damit glaubt die «Neue Welt» das Programm der Allgemeinen Zionisten ironisch abtun zu können, dieses Programm, das diktiert ist von der richtigen Erkenntnis der politischen Machtverhältnisse, ohne von unseren Endzielen auch nur ein Jota aufzugeben, dieses Programm, für das die Allgemeinen Zionisten in Oesterreich unbeirrt um das Geschrei der Wiener Opposition arbeiten. Es muß hier festgestellt werden, daß die Wiener Opposition in den letzten Jahren unter zionistischer Pflichterfüllung folgendes zu verstehen scheint: Sabotage der Landesorganisation und unfruchtbare Kritik. Wenn die «Neue Welt» glauben machen will, daß unser «einziger Programmpunkt» ist: «Achtung! Revisionisten über Dir», so ist das unrichtig. Richtig ist nur, daß wir im Revisionismus eine Gefahr für die Weltgeltung des Zionismus sehen. Wenn nun die «Neue Welt» den bekannten Zuruf Dalilas an Simson variiert und sagt: «Revisionisten über Dir», dann ist das offenbar unfreiwillige Selbstironie; denn dann wären die Revisionisten die Philister und die Allgemeinen Zionisten Simson, der jüdische Riese. Wenn die «Neue Welt» von mir meint, ich hätte die letzten Ereignisse seit den Augustunruhen des Jahres 1929 verschlafen, dann überlasse ich es jedem vernünftigen Leser, sich mit derartigen wenig geschmackvollen Behauptungen auseinanderzusetzen. In dieses Kapitel gehört auch die erstaunliche Feststellung der «Neuen Welt», ich sei ein Brith-Schalom-Mann. Nun zum sonderbaren Programm. Ich meine jenes Programm, das in der «Neuen Welt» unter dem Titel «Die sieben Hauptprobleme des XVII. Kongresses» erschien und Meir Großmann zum Verfasser hat. Ich habe mir erlaubt, dieses Programm in Wählerversammlungen in Graz und Linz zu zergliedern; davon schreibt die «Neue Welt» nichts. Sie regt sich nur darüber auf, daß ich feststellte, daß die Aeußerung Weizmanns bei der Berliner Tagung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erfolgt ist. Sie schreibt auch nicht, daß ein revisionistischer Redner in Graz bei einer Disraeli Von Dr. Henriette Rappaport-Lichtens te i n Eine der interessantesten Erscheinungen des XIX. Jahrhunderts ist Benjamin Disraeli, der später zum Earl of Beaconsfield erhoben wurde. Interessant ist sein Schicksal, sein Aufstieg, interessant auch sein mächtiger Charakter, der sich bewußt seinen Weg bahnt und scheinbare Gegensätze in sich zu vereinigen sucht. Disraeli ist Politiker und Dichter zugleich, er ist Engländer und Jude. Die Politik wird ihm zum Gedicht, das Kunstwerk zum politischen Glaubensbekenntnis. Er fühlt sich als Vollengländer und pocht zugleich mit Stolz auf seine jüdische Abstammung. Schon als Kind wird er von seinem Vater der herrschenden Kirche zugeführt, um auf diese Weise den Weg für seine Laufbahn zu ebnen. Dennoch muß Disraeli schon als Knabe das Leid des Andersseins, des Fremdseins verspüren. Die Abwehr, die er ergreift, ist charakteristisch für sein Wesen: er bejaht, wo er verneinen sollte, er verteidigt offen, was andere an seiner Stelle verbergen würden. Als Staatsmann tritt er für die Gleichberechtigung der Juden ein, als Dichter für die Poesie ihrer Vergangenheit. Das Hauptmotiv seines Lebens ist der Ehrgeiz; nicht so sehr der Wunsch nach Macht, als-vielmehr die leidenschaftliche Sehnsucht nach Namen und Bedeutung. In diesem Streben nach höherer Geltung spiegelt sich irgendwie der Einfluß Napoleons, der ohne alle Voraussetzungen der Geburt und des Ranes die höchsten Gipfel des Ruhmes erklommen atte. Sein Schatten lagerte über Disraelis Jugendzeit. Aber Disraeli war kein Napoleon, seine Zeit schloß jeden gewaltsamen Aufstieg aus, sein Land \yar die Verkörperung der Legitimität und Ordnung, 4er Weg des Aufstieges war vorgezeichnet und nur 4fnt zugänglich, der durch seine Geburt ein Recht ^Uf die nöhere Stellung im Staate erworben hatte; allen anderen war er verrammelt. Und so mußte sich Disraeli einen Weg erst bahnen, den nur er allein gehen konnte, einen Weg, der neben der großen Hiperstraße des parlamentarischen Lebens einherttff, um schließlich doch in sie zu münden. Mit ungederartigen Wählerversammlung unter dem Hohngelächter der Versammlung den MacDonald-Brief falsch zitierte und daß ein anderer revisionistischer Redner bei meiner Versammlung in Linz eine Lanze für den Faschismus Mussolinis brach. Aber sie beschert uns das Programm Großmanns und wir sind ihr dafür dankbar; denn ein revisionistischer Redner sagte bei einem Diskussionsabend, der Artikel Großmanns stelle das offizielle Programm der Revisionisten dar, und so nehmen wir gerne zur Kenntnis, daß der Revisionismus darin sein Heil sieht, daß England so wie ein Schuljunge, der in der Konferenz getadelt wurde, eine Frist erhalten wird, innerhalb welcher es sich bessern muß, widrigenfalls die Kooperation mit England aufgegeben werden würde; und dieses Programm verspricht: «Hokuspokus, eins, zwei, drei» den Judenstaat; und dieses Programm verlangt die Schaffung einer jüdischen Polizei, einer jüdischen Gendarmerie, jüdische militärische Formationen als Teil der palästinensischen Garnison und die Organisation eigener jüdischer Schutzreserven in der ganzen Welt, auf daß das jüdische Palästina im Moment der Gefahr nicht vogelfrei dastehe; und das Programm Großmanns verspricht die Agrarfrage zu lösen, gebraucht aber nur Gemeinplätze, es verheißt die Auflösung des Keren Kajemeth unddesKeren Hajessod und ihre Ersetzung durch eine Unzahl von Bankinstituten (Herr Großmann ist kein Oesterreicher, sonst würde er sich über das Bankwesen einige Gedanken machen), es verspricht weiter, die Jewish Agency solle durch einen jüdischen Weltkongreß ersetzt werden und das Wahlrecht zum Zionistenkongreß solle erweitert werden, als ob die beschämende Tatsache, daß man durch Zahlung eines Schekels als Nichtzionist mitstimmen kann, nicht nach Beschränkung des Wahlrechts auf organisierte Zionisten gebieterisch hinweisen würde; und Großmann verlangt ferner, daß Welzmann und alle Mitglieder der Exekutive abgesägt werden, und er versichert uns, die Revisionisten seien bereit, die Macht zu übernehmen, denn sie hätten auch das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal des Zionismus. .Es fehlt also nur noch die Majorität, die den Revisionisten die Macht übergibt und daran glaubt, daß die revisionistischen Methoden von Verantwortungsgefühl getragen sind. Ist es Verantwortungsgefühl, wenn die Opposition in Oesterreich keinen Groschen Parteisteuer gezahlt hat, weil sie offenbar noch immer den frommen Wunsch hegt, daß das Landeskomitee zusammenbrechen wird? Ist es Verantwortungsgefühl für das Schicksal des Zionismus, wenn der Vizepräsident der heurer Konsequenz und Zähigkeit, unter Schwierigkeiten, wie kein junger Parlamentarier sie zu überwinden hatte, arbeitete er sich empor; trotz der Wahlordnung, die nur einem bestimmten Kreis von Privilegierten einen Sitz im Parlament einräumte, trotz der Gegnerschaft, die sich gegen ihn erhob, zog er in das Parlament ein, das der Schauplatz seines Lebens werden sollte. Und auch hier kämpfte er wieder gegen die persönliche Aversion, die er durch seine Eigenart erweckte, gegen Vorurteil und Verdächtigung, gegen Zurücksetzung und Demütigung bei Parteigegnern und Parteifreunden, kämpfte auch gegen sein eigenes, ungeduldiges Temperament, gegen seine Neigungen in Rede und Kleidung, gegen seine Sucht, aufzufallen, zu brillieren. Und erreichte schließlich, wonach er gestrebt hatte, und noch viel mehr: nicht nur Kanzler des Reiches war er geworden, sondern Mehrer des Reiches; nicht nur Berater der Königin, sondern ihr Vertrauter; nicht nur Politiker Englands, sondern Politiker Europas von welthistorischer Bedeutung. Der Triumph des Ehrgeizes also? Nein, seine Tragödie. Denn da er das Ziel seines Lebens erreichte, da er auf dem Gipfel der Macht stand, war er ein alter und gebrochener Mann, ein Mann, der die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ernten konnte, weil ihm die Kraft des Genusses, weil ihm der Ehrgeiz selbst fehlte, ein Mann, der seinen Sieg keinem mitteilen konnte, weil keiner mehr lebte, der mit ihm fühlte. Der das Ziel erreichte, war ein Kranker, einsamer Mensch. * In seiner Jugend hatte er geglaubt, mit einem Wort, mit einer Tat die Welt für sich zu erobern, durch die Macht seiner Persönlichkeit und seines Willens. Aber er mußte erfahren, daß nicht das Individuum allein entscheidet, sondern die Masse und die Gesetze, die aus ihr fließen. Er mußte lernen, sich zu gedulden, sich mit kleinen Erfolgen zu begnügen, ruhig zuschauen, wenn andere das Ziel erreichten, denen er sich überlegen wußte; er mußte lernen, zu verzichten und dennoch den Glauben an sich selbst und die eigene Kraft nicht zu verlieren. Die zweite Komponente seines Lebens ist seine Liebe zu England. England ist seine Heimat, sein Vaterland. Er liebt englische Erde und englische Sitte aufrichtig und sehnsüchtig mit einer tragischen, Das verläßliche, reinpflanzliche ABFÜHRMITTEL PASTAPALM Ist in allen Apotheken erhaitl» österreichischen revisionistischen Organisation, «aui prinzipiellen Gründen» sich weigert, für den Keren Hajessod zu zeichnen, und wenn andere Oppositionelle erklären, sie würden erst dann wieder für den Keren Hajessod etwas zahlen, wenn Weizmann gestürzt wäre? Das sind so einige Früchte des revisionistischen Programms. Stricker hat recht, aber anders als er es meint: Ein sonderbares Programm und sonderbare Methoden. Es ist darin nichts zu spüren von dem realen Kampf der Allgemeinen Zionisten in Oesterreich, der getragen ist von Verantwortungsgefühl, von der richtigen Erkenntnis der tatsächlichen weltpolitischen Verhältnisse und der von seinen Anhängern Mitarbeit und Opfer und nicht das Herableiern von Schlagworten verlangt. Das sind die «Nichtzionisten», von denen der offizielle revisionistische Redner am letzten Delegierten* tage sprach. Nun kommt der zweite Teil, die sonderbare Methode. Die «Neue Welt» schreibt, Prof. Brodetsky hätte nach dem Gang zum Grabe Herzls «in einem Gasthaue nebenan» eine Wahlrede halten sollen und über energischen Protest des Verbandes der demokratischen Zionisten und der Union der Revisionisten-Zionisten sei wahrscheinlich die Absage der Rede Brodetskys erfolgt. Ich nehme vorweg, daß diese Briefe unbeantwortet blieben und daß ich es nicht für notwendig hielt, eine Sitzung des Landeskomitees einzuberufen. Zunächst ein Wort über den Verband demokratf-y scher Zionisten. Diese Vereinigung war früher eine vom zionistischen Landeskomitee anerkannte Fraktion, die zur Weltorganisation der radikalen Zionisten gehörte. Vor kurzem hat sich dieser Verband der demokratischen Zionisten der Union der Zionisten-Revisionisten angeschlossen, nachdem er schon vorher aus dec radikalen Organisation ausgetreten war. Er hat daher als politische Fraktion zu existieren aufgehört. Im alten Oesterreich war der Kaiser von Oesterreich zugleich apostolischer König von Ungarn und man weiß, daß er hierbei zwei Interessensphären zu vertreten hatte, die oft nicht miteinander harmonierten. So erscheint Herr Stricker heute auch in zweifacher Gestalt und wir stellen es ihm anheim, uns zu sagen, ob er siel» den Revisionisten mit 100 Prozent angeschlossen hat^ wie wir annehmen, da er doch Spitzenkandidat der Revisionisten ist, oder was sonst dieser Verband der demokratischen Zionisten noch zu bedeuten hat. Nun zurück zu Brodetsky. Das zionistische Landeskomitee hatte bereits vor vielen Monaten eine Zusage Prof. Brodetskys, der bekanntlich Mitglied der Exekutive ist, nach Wien süu weil bewußten Liebe, mit der irgendwie unglücklichen Liebe des Außenstehenden, des Fremdlings, Denn er war ein Fremdling, er war der Mann mit der dunklen Hautfarbe, den schwarzen Augen, den lebhaften, so unenglischen Manieren. Und trotz« dem es das Ziel seines Wirkens war, England groß und mächtig zu machen, fühlte auch er selbst, daß in ihm noch eine andere Kraft wirkte, die den anderen fremd war und fremd sein mußte, daß in ihm ein Sehnen war, ein instinktives Drängen nach der | Ferne; nach dem Orient. Aber seine Liebe zu England ist wahr. Und daß er gerade in diesem einen Punkte immer wieder verdächtigt, immer wieder mißverstanden wird, dies ist die zweite Tragödie seines Lebens. Er liebt England, aber man glaubt es ihm nicht, man glaubt nicht an seinen reinen Patriotismus, man meint, alle seine Handlungen nur aus persönlichem Ehrgeiz erklären zu müssen, man hält ihn für einen verantwortungslosen, politischen Scharlatan, der stets nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Dieses Mißtrauen lastet schwer auf ihm. Er hat ein starkes Geltungsbedürfnis, geboren aus dem Bewußtsein eigener Schwäche und hilfloser Ohnmacht* er hat den Wunsch, voll und ernst genommen zu werden, Vertrauen zu erwecken, den anderen gleich zu sein an Kraft und Gefühl. Und deshalb schmerzt es ihn, daß man das, was bei allen selbstverständlich’ ist: die Liebe zu England, bei ihm und nur bei ihm als Lüge, als heuchlerische Finte betrachtet. Trotz aller Kämpfe, die so deutlich die sozialen und psychischen Verhältnisse des XIX. Jahrhunderts wiederspiegeln, mutet Disraelis Leben seltsam romantisch und märchenhaft an. Der Sohn eines kleinen, jüdischen Schriftstellers, der zum Lenker Englands wird, ohne Anhänger und Heer, ohne Krieg und Blutvergießen, was könnte wunderbarer sein? Und dennoch ist dieses Leben herausgehoben aus der Sphäre des Romantisch-Passiven durch den starken Einschlag des Willensmäßigen, Stelbstbestimmenden, Seiner-selbst-Bewußten. Disraeli lebte das Leben seiner Romane, ifls nichts sind als die Ergänzung seines Lebens. Br mußte arbeiten. Trat eine Pause in seiner politischest Lautbahn ein, so schuf er als Schriftsteller: ft schrieb seine Romane, die irgendwie mit seiner See-’ lenverfassung, mit seiner Gesamtefnstellung c|gi|} .1