Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 177 (28.5.1931)
- Date
- 1931-05-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 177 — 28. Mai 1931 lom trennt, Ist nicht der Friedenswille, sondern der Friedenspreis, den wir zu zahlen bereit sind. Es gibt gewisse Gruppen, die auf dem Kongreß eine Lanze für privatwirtschaftliche Initiative in Palästina brechen wollen. Sonderbarerweise entdecken wir auch bei Simpson ein Herz für einen privatwirtschaftlichen Zionismus. Sarkastisch und feindselig behandelt er unsere nationale Kolonisation; der Keren Kajemeth und die Kwuzoth sind ihm höchst unsympathisch. Dagegen leistet er sich die Geschmacklosigkeit, die PICA zu loben. Simpson könnte sich nur mit einem Zionismus versöhnen, der jüdisches Kapital ins Land bringt, um Arabern Arbeit zu geben. Er möchte in Palästina eine typische Kolonie sehen, mit einer dünnen Schichte der Herrenklasse über Natives. Aber gegen diese Auffassung Simpsons hat sich die gesamte zionistische Bewegung wie ein Mann erhoben. Eine Auslieferung des Palästina-Aufbaues an das Privatkapital müßte außerdem auch den arabisch-jüdischen Gegensatz durch soziale Momente verschärfen. Davon, daß sie zu einer neuen jüdischen Gemeinschaft führen würde, könnte schon überhaupt keine Rede sein. Wir sind trotzdem keine Gegner des Privatkapitals in Palästina, wir sind nicht Utopisten genug, um zu glauben, daß es dem nationalen Kapital gelingen könnte, Palästina gänzlich aufzubauen. Wir haben uns auch niemals gegen eine Mittelstandskoionisation gewendet. Aber die Losung: Privatkapital über nationales Kapital! birgt in sich Gefahren. Der nächste Kongreß wird wichtige Entscheidungen treffen müssen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird es sein, den Flügel im Zionismus zu stärken, der sich nicht großer Worte bedient, sondern, auf realem Boden stehend, entschlossen ist, das jüdische Volk zu einem wirklichen Erfolg zu führen. Eine heroische Geste oder leere Pose ist schädlich — Taten tun uns not, und eine richtige Einschätzung der eigenen Kräfte und der Kräfte des Gegners. Der Kongreß wird zwischen einer Politik der Illusion und der der nationalen Erneuerung zu entscheiden haben. Zwischen den Zeilen Die Hagadah der „Neuen Welt“ Die revisionistische Stricker-Revue bringt in ihrer letzten Nummer auf der ersten Seite ein Entrefilet, in dem sich die Wendung «... und die Exekutive hat es geleugnet» achtmal wiederholt. Es ist nicht die Geschichte vom «Chad-Gadjah», es ist die «Dajenu*- Litanei. Wir haben Euch gewarnt, schreibt «Die Neue Welt*, daß das und jenes eintreten wird, und die Exekutive hat es geleugnet... Sie, «Die Neue Welt*, hat mit ihrem prophetischen Blick die Zukunft zu entschleiern verstanden. Sie hat bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit die Arbeit der Exekutive in ein falsches Licht gerückt, und wir haben ihr nicht geglaubt; sie hat jahrelang behauptet, daß die alleinseligmachende Richtung im Zionismus die der demokratischen Zionisten sei, und wir haben ihr nicht geglaubt; sie ist in der letzten Zeit ins revisionistische Fahrwasser geraten und hat seit dieser Zeit schon einige Male geschworen, nur der Revisionismus könne den Zionismus retten, und wir haben ihr nicht geglaubt; . sie hat die zionistische Beamtenschaft vor aller Welt herabzusetzen versucht und ihr die Jagd nach Sinekuren vorgeworfen, und wir haben ihr nicht geglaubt; sie hat die Ansicht vertreten, daß die palästinensische Arbeiterschaft ihre nationalen Pflichten mißachte, und wir haben ihr nicht geglaubt; und wir werden ihr nie glauben, denn wir wissen, daß die Exekutive alles getan hat, was ln ihren Kräften lag, die demokratischen Zionisten die österreichische Organisation zerstört haben, wie sie letztens ihren eigenen Verband entzweit haben, der Revisionismus an der Zerrüttung unserer Weltorganisation Schuld trägt, die zionistische Beamtenschaft redlich ihre Pflichten erfüllt, wir den jüdischen Arbeitern in Palästina fast alles, was wir im Lande bisher erreicht haben, verdanken. Liebe «Neue Welt*! — Dajenu! S. GroOfleischhauerel SIEGM. KORNMEHL Zentrale IX, Berggasse IV, fei. A P-a-99 u, A 16-9-34 Lieterant tlir Heilanstalten Abteilungen <0r "U^o-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der israelitischen Kuituigemeinde Wien IX, Berggeige P_XVW, Wfthrlngerstraße 79 Schon wieder! Antisemitische Exzesse an der Universität Wien Donnerstag, den 21. Mai, wurden auf der Aula und den Gängen der Universität jüdische Studenten, die aus den Vorlesungen und aus der Bibliothek kamen, von antisemitischen Studenten überfallen. Es machte den Eindruck, als wären es organisierte, kleinere Banden von 30 bis 50 Nazistudenten, die über einen jüdischen Hörer herfielen. Die Roheit und Gemeinheit, die diesmal an den Tag gelegt wurde, übertraf alles, was bisher bei früheren Schlägereien an der Universität dagewesen ist. Manchem jüdischen Studenten wurden gewaltsam die Hosen heruntergerissen, und das alles in der Aula der Universität. Freitag, den 22., erschien eine Abordnung des jüdischen Hochschulausschusses beim Rektor der Universität, Prof. Dr. Uebersberger, und erhob Protest und Beschwerde über die Vorfälle. Sie verwiesen darauf, daß in der vom Rektor erlassenen Kundmachung behauptet wurde, es wären hochschulfremde Elemente, die die Ueberfälle auf die jüdischen Studenten inszeniert hätten. Nun wiesen die Vertreter des jüdischen Hochschulausschusses darauf hin, daß einer Reihe von nationalsozialistischen Studenten bei diesen Ueberfällen sowohl vom Rektor als auch von den Pedellen die Legitimation abgenommen worden war, so daß es feststeht, daß nicht hochschulfremde Elemente, sondern Universitätshörer die Schuldigen waren. Der Rektor gab diesen Sachverhalt zu und versprach, gegen die Schuldigen eine Disziplinaruntersuchung einzuleiten. Für den Fall, daß die Unruhen andauern sollten, drohte der Rektor mit der Sperre der Universität. Eine größere Anzahl von Studenten wurde auch von der Polizei verhaftet. Es ist abzuwarten, wie Polizei, Gerichts- und Universitätsbehörden gegen jene Herren, die sich wie Mordgesellen benahmen, Vorgehen werden. Der Rektor erklärt, nur durch das besonnene Verhalten des Führers der (antisemitischen) Deutschen Studentenschaft seien Ausschreitungen größeren Umfangs vermieden worden. Der Anschlag des Rektors hat in freiheitlichen Studentenkreisen, die Zeugen der zügellosen antisemitischen Exzesse gewesen sind, Empörung hervorgerufen. * Englischer Zionismus Aus einem Gespräch mit Paul Goodman. Der Ehrenschatzmeister der zionistischen Föderation für England und Obmann der politischen Kommission dieser Föderation, Herr Paul Goodman, der einige Tage in Wien weilte, hatte die Freundlichkeit,, uns folgende interessante Einzelheiten über die zionistische Bewegung in England mitzuteilen: «In den letzten Jahren ist in der zionistischen- Organisation in England ein ständiger Aufstieg zu bemerken. Sie wächst und breitet sich aus, und es ist ihr gelungen, einen qualitativ und quantitativ wichtigen Teil des großbritanischen Judentums zu erfassen. Man darf wohl behaupten, daß sie heute zu den bestorganisierten zionistischen Landesorganisationen der ganzen Welt gehört, was insbesondere in den Leistungen der englischen Zionisten für den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth seinen Ausdruck findet. Nach den Vereinigten Staaten und Südafrika steht England an dritter Stelle in bezug auf die Leistungen für den Keren Hajessod. Für den Palästina-Hilfsfonds (Emergency-Fonds), für den nach den August-Unruhen in der ganzen Welt gesammelt worden ist, hat England allein 100.000 Pfd. Strlg., das ist ein Fünftel der gesamten Summe, aufgebracht. Auch gehört England zu jenen wenigen Ländern, wo die Arbeit mit dem nichtzionistischen Teil der Jewish Agency fruchtbringend und einträchtig vor sich geht. Der Board of Deputies, in dem noch im Jahre 1917 die Herrschaft der Zionistengegner gebrochen worden ist, hilft in jeder Beziehung unserer Arbeit. An der Spitze des Board of Deputies steht bekanntlich d'Avigdor Goldsmid, der zwar kein Zionist, aber unserer Sache treu ergeben ist und stets den Standpunkt Weizmanns vertritt. Wie stark die zionistische Bewegung in England ist, beweist auch die Tatsache, daß bei einem Judentum von 300.000 Seelen 10 Mandate zum nächsten Kongreß erreicht worden sind. (In Oesterreich bei ungefähr derselben zahlenmäßigen jüdischen Bevölkerung bloß vier Mandate. Anm. d. Red.) Sechs Mandate entfallen auf London und vier auf Provinzstädte. Was die Verteilung unter den zionistischen Gruppierungen betrifft, so werden wahrscheinlich die Misrachisten ein, höchstens zwei Mandate, die Revisionisten, die sonst nicht arbeiten und nur rührig sind, wenn es gilt, Weizmann zu bekämpfen, ebenfalls ein bis zwei Mandate erreichen, und der Rest, sechs bis acht Mandate, fällt auf die allgemeinen Zionisten. «Es gibt eine Anzahl bedeutender Zionisten in England», schließt Mister Goodman, «die auf dem Kongreß dafür eintreten werden, daß Prof. Weizmann an der Spitze der Organisation verbleibe. Es gibt wohl gewichtige persönliche Gründe für Weizmann, die ihn dazu veranlassen, an seiner Demission festzuhalten. Sollte es aber möglich sein, ihn zu bewegen, daß er seinen Entschluß ändere, so glauben wir, daß dies von großem Vorteil für die Bewegung wäre.» Dreizehn Makkabim fahren nach London (Von unserem J. A.-Berlchterstatter). Jerusalem, den 10. Mai. Unter Begleitung eines Automobils fuhren heute sieben Motorräder über die Wüste Gaza und Aegypten nach Europa — Griechenland, Frankreich und England. Zweck der Reise ist Werbung für die Makkabiah, die 1932 in Palästina stattfinden wird. Die Gruppe wird im Laufe der letzten Maiwoche auch Wien berühren und auf dem Rückweg den Zionistenkongreß besuchen. Bei dem sehr herzlichen Abschied von der Motorfahrergruppe war den Zurückbleibenden äußerst bange. Ist doch die Reise nicht gefahrlos; erst der 100 Kilometer lange Weg durch die beduinenreiche Wüste Gaza, dann der Weg durch Balkangegenden, durch Hakenkreuznester Oesterreichs und Deutschlands; die Gegner in Polen, die dem „bürgerlichen Zionisten" so manches Schimpfwort einzubringen pflegen. Und doch hätte jeder, der die Motorfahrer sah und sich den Sinn ihrer Reise vergegenwärtigte, gerne daran teilgenommen. Die Wartenden in Jerusalem wurden auf eine harte Probe gestellt. Der Abschied in Tel Aviv dauerte so lange, daß die Gruppe mit eineinhalbstündiger Verspätung nach Jerusalem kam. Dann ging es noch zu den Honoratioren, zu der zionistischen Exekutive, zum Keren Kajemeth und zum Stadtkommandanten, um Abschied zu nehmen. Der Stadtkommandant war trotz des Sonntags gerne zu einer Eintragung ins Tagebuch der Reisenden bereit; ebenso die Herren des Keren Kajemeth. Befremdend wirkte da die Haltung der zionistischen Exekutive, bei der es besonderer Interventionen bedurfte, um auch nur eine Unterschrift des Colonel Kisch zu erlangen. Der Vizebürgermeister von Tel Aviv drückte den jungen Leuten seine Glückwünsche aus und sprach bewegt von der Mission, die sie in den Ländern der Galuth zu erfüllen haben würden. Und als in Jerusalem der Sprecher des Makkabi- Landespräsidiums sich von den Reisenden verabschiedete, da war es wieder derselbe Gedanke, in dem seine Ansprache gipfelte: „Traget die blau-weiße Fahne in die Länder der Galuth und saget den Brüdern, daß wir sie unbefleckt erhalten wollen, und daß wir hier bereit sind, noch breite Massen aufzunehmen.“ Wie in allen Zeitungen festgestellt wurde, war der Zweck der Reise die Propagierung der Makkabiah. Wie sehr dieser Zweck dem Jischuw am Herzen liegt, wird durch die Interessenahme der gesamten jüdischen Bevölkerung bewiesen. Manches Auto und wohl auch manches Motorrad mag schon diese oder ähnliche Wege gefahren sein, selbst Expeditionen durch Wüstengebiet wurden oft schon durchgeführt. Hier aber handelt es sich um junge Menschen, die lange für diese Reise gespart haben, die große Gefahren auf sich nehmen, um für die blau-weiße Fahne und für die Erstarkung der jüdischen Massen zu werben. In der Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, ist die Motorfahrergruppe bereits unterwegs. Es besteht kein Zweifel, daß sie imstande sein wird, allerorten zionistische Funken zu entfachen. Dieses Bewußtsein war es, das alle Teilnehmer an den Abschiedsfeiern erfüllt hat und das alle persönlichen und parteilichen Gegensätze zum Schweigen bringt. Kein Einheitsministerium für den mittleren Osten London, 22. Mai. (J. T. A.) Am Mittwoch, den 20. Mal, fand im englischen Oberhaus eine Debatte über die Schaffung eines eigenen Ministeriums für den Mittleren Osten statt« Lord Trenchards stellte einen diesbezüglichen Antrag. Lord Passfield wies auf die Schwierigkeiten hin, die der Unterstellung des gesamten Mittleren Ostens unter ein einziges Ministerium wegen der vollkommen verschiedenen Verhältnisse in den einzelnen Teilen dieses Gebietes entgegenstehen. Während z. B. Pal äst i n a mit gewissen Einschränkungen wie eine Kronkolonie verwaltet werde, seien Zentralarabien unter ibn Saud und eine Reihe von Staaten am Persischen Golf faktisch unabhängige Reiche. Nach dieser Erklärung Lord Passfields zog Lord Trenchards seinen Vorschlag zurück. Auch in Belgien Antwerpen, 20. Mai. (J. T. A.) In den letzten Tagen wurden auf einzelnen Vorstadtmärkten Antwerpens die jüdischen Händler von den Marktbehörden fortgewiesen, nachdem es in letzter Zeit wiederholt zu Schlägereien zwischen nichtjüdischen und jüdischen Markthändlern gekommen ist. In jüdischen Kreisen Antwerpens herrscht über das Vorgehen der Marktbehörden große Empörung. Denket an dla Krawalle an I der Handelshochschule! I unentgeltliche** Stellenvermittlung I der Hakoah I Wer eingebildetes, tüchtiges und diszipliniertes Per- I sonal aller Art und aller Branchen brauoht, wende ■ sich an die I HAKOAH, l„ Wleslngerstr. 11 / Tel, R-25-0-10 I