Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 176 (21.5.1931)
- Date
- 1931-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ijlr. m —21. Mai 1931 DIE STIMME / Beilage der „Stimme“ Mai 1931 Aufgaben der zionistischen Jugendbewegung Von Jakob Singer Die zionistische Bewegung wird sich beim kommenden . Kongreß Rechenschaft darüber abzulegen haben, welche Wege zu gehen sind, um aus Jem Stillstand, in dein sich der Aufbau Ere? Israels im Augenblick befindet, so rasch als möglich herauszukommen. Auch die zionistische Jugendbewegung muß sich heute fragen, was ihre Aufgaben in dieser Zeit sind, die man nur beiläufig charakterisiert, wenn man sie als Krise bezeichnet. Es ist heute glücklicherweise nicht mehr nötig, über palästinazentrische Erziehung in unseren Jugendbünden zu diskutieren. Die Diskussion, ob wir nur für Erez Israel oder auch für die Galuth erziehen sollen, hat aufgehört. Jede ernste und wahrhaft zionistische Jugendbewegung weiß, daß ihr einziges Ziel der Erziehung nur Erez Israel sein kann, also, um es mit einem prägnanteren Worte auszudrücken: C h a 1 u z i u t h. Nur ein solches Ziel gibt der zionistischen Jugendbewegung Sinn und Inhalt. Auch wird heute die Jugendbewegung nicht mehr um ihrer selbst willen «betrieben» und die Vorstellung vom Jugendreich und autonomer Jugendgemeinschaft gehört, so glaube ich, der Geschichte an. Die Grenzen zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen, zwischen den besonderen Zielen jener und den allgemeinen Bestrebungen dieser sind nicht so strenge zu ziehen; Es ist tatsächlich so, daß die Jugendbewegung nui* dann ihre besonderen Ziele verwirklichen kann, wenn sie es versteht, mit der Bewegung der Erwachsenen zusammenzuwirken, sich in sie einzuordnen. Das ist bei allen sozialen Bewegungen der Fall und muß auch bei der zionistischen Jugendbewegung der Fall sein, bei dieser vielleicht noch in einem besonderen Maß. Haben wir erkannt, daß Erez Israel und Chaluziuth unsere Erziehung zu bestimmen haben, dann wäre, sollte man meinen, damit auch schon alles gesagt. Dein ist aber nicht so. Wir begegnen vielfach der Frage: Wie sollen wir zur Chaluziuth erziehen, wenn es keine oder nur eine sehr geringe Alijah gibt? In einer solchen Frage ist unverkennbar ein Ueberrest jenes Bestrebens, auch zur Galuth zu erziehen, das sich in den Mantel einer übertriebenen Sorge um das Schicksal der Galuth hüllt, in Wahrheit aber ein Sichflüchten vor der anderen, viel größeren Sorge um das Schicksal Erez Israels ist. Die Frage soll nicht lauten: was wird hier ohne uns geschehen? sondern: was wird dort ohne uns geschehen? Ich glaube nicht, daß die Antwort sein kann: wir müssen hier bleiben . . . Ich möchte aber eine andere Frage stellen: Wie viele mußten da bleiben, weil zu wenig Zertifikatedawaren, wievielewarenes, die trotz starken, unbeugsam enWillens zurAlijah nicht nach Erez Israel ko mmen konnten? (Ich bin mir dessen bewußt, daß man die Frage in dieser Form im Osten nicht stellen kann.) Ich behaupte: Je größer die Zahl derer sein wird, die Alijah fordern werden, desto größer wird die Zahl der Zertifikate sein, die wir trotz englischer Weißbücher und arabischer Mißgunst bekommen werden. Das sind Binsenwahrheiten, die aber, wie wir wissen, verlacht werden. Und es sind nicht wenige, die sich ihnen widersetzen und die sich dennoch die einzig wahren Zionisten dünken. Was haben wir also zu tun? Unsere Organisation auszubaueu» zu erweitern, zu vergrößern. Noch mehr, noch ausdrücklicher unser Ziel — Erez Israel, Chaluziuth — in den Vordergrund zu rücken! Wir haben endlich mit einer ordentlichen Hebräischarbeit zu beginnen. Wenn wir weniger darüber apreohen und mehr dafür tun würden, so verstünde heute eine größere Anzahl von Jugendlichen Hebräisch. Ich fürchte, daß die Zahl derer, die eine hebräische Zeitung, ein hebräisches Buch lesen können und derer, die es auch tatsächlich tun, erschreckend klein ist, Dabei wird völlig außer acht gelassen, daß in Erez Israel täglich neue Bücher erscheinen, täglich große Zeitungen gedruckt werden, daß Zeitung, und Buch das neue palästinensische Leben widerspiegein, das immer reicher und vielgestaltiger wird — wie soll sich der jugendliche dann später in dieses Leben einfügen, wenn er nicht schon von hier aus die Verbindung mit ihm durch die Sprache sucht! Wir hören oft das Wort von der notwendigen Entpolisierung. Entpolisierung soll aber nicht heißen, daß die zionistische Jugendbewegung sich nicht eine klare Anschauung der den Zionismus bestimmenden objektiven, politischen, wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Faktoren zu gestalten hat. Es bedeutet nur, daß sich der Jugendliche freimachen und fernhalten solle von jeder Unsachlichkeit, jeder Beschimpfung des Gegners, von der Herabwürdigung des Ansehens einer anders gerichteten Bewegung, der Verfälschung der Argumentation des Andersgesinnten, die unser sogenanntes politisches Leben beherrschen. Sachlichkeit und Ehrlichkeit — das seien die einzigen Waffen der zionistischen Jugendbewegung und diese allein werden ihr den Sieg bringen. Wir sagen immer: Erez Israel und Chaluziuth, und wollen damit unserer Ueberzeugung Ausdruck geben, daß der Chaluz, wenn er sein unmittelbares Ziel — Palästina — erreicht, damit noch nicht seine Aufgabe erfüllt hat; er muß noch weiterhin Pionier bleiben, Pionier in der Eroberung der jüdischen Arbeit in der Kolonie, Pionier einer neuen Lebensordnung, einer neuen Lebensform, wie sie in der Kwuzah und im Kibbuz verwirklicht wircL Daraus müssen Wir den innereri Zusammenhang der Jugendbewegung mit der, die; in Erez jlSräeUzur Bildung der Kwuzoth Und Kibbuzim geführt hat, abieiten. Wer diesen inneren Zusammenhang nicht sieht, oder diese Auffassung bekämpft, der versteht nicht das Wesen der zionistischen Jugendbewegung. Dessenungeachtet müssen wir jener anderen Auffassung entgegentreten, die mit dem Willen zum Kibbuz auch die Vorstellung von einer ganz bestimmten organisch aufgebauten Gemeinschaft verbindet und ganz bestimmte Forderungen an diesen organischen Aufbau stellt, die weniger diesem, als einem dogmatischen Prinzip entsprechen. Wir müssen uns gegen jedes Dogma und gegen jede dogmatische Festlegung wenden. Aus diesem Grunde ist meiner Ansicht nach der Weg des Haschomer Hazair abzulehnen, der überdies noch ein bestimmtes politisches System ver tritt und dieses zu einem Bestandteil seiner Erziehungstätigkeit gemacht hat — dies zum großen. Nachteil seiner Zöglinge, die fertige Begriffe und politische Thesen vorgesetzt bekommen, ohne, sie wirklich voll erfassen zu können. Den einzigen Weg einer jedes Dogmatische ablehnenden, auf Chaluziuth eingestellten, zionistischen Jugendbewegung stellt für mich der Kibbuz Hameuchad dar, der große vereinigte Kibbuz mit seinen 19 Wirtschaften und Abteilungen im ganzen Lande. In seinem Rahmen mag jede besondere Bewegung ihren Wirkungsbereich suchen, ohne dabei die Grundlinien des Kibbuz zu verlassen. Wie alles Große in der Welt im Grunde sehr einfach ist, so sind es auch die Aufgaben der zionistischen Jugendbewegung. Man muß sie nur richtig sehen und gründlich erfüllen. Was bedentet das Bekenntnis zum Zionismus? Ich betrachte diese Zeilen nur. als Anregung zu einer Diskussion, die aus den Kreisen der Jugend kommen sollte als Beweis, daß die Probleme, die sie beschäftigen, nicht sterile Problematik sind. Ein bedeutender zionistischer Parteiführer hat jüngst, gelegentlich einer Aussprache über Fragen der Jugend, mir gegenüber die Ansicht geäußert, es gehöre heute zum guten Ton, Zionist zu sein, es sei dies das Selbstverständliche für die jüdische Jugend von heute, die inmitten einer nationalistischen Umgebung aufwächst. Entgegen dieser Annahme finde ich bei unserer Jugend im Westen — namentlich in Wien —, daß die Entscheidung des als Jude geborenen jungen Menschen für die positive oder negative Reaktion auf sein Erlebnis des Judeseins noch immer oder vielleicht wieder ein wichtiges Problem in der Unzahl der an die heranwachsende Generation herantretenden bildet. Bedenken wir nur, daß unsere jungen Menschen, sowie sie aus der Enge des Schulzinimers ins Leben, hinaustreten, schon bei der Berufswahl, ob dieselbe nun ein weiteres Studium oder den Eintritt in ein industrielles oder kaufmännisches Unternehmen bringt, durch ihr Judentum gehemmt* sind und sie besondere Kraftanstrengungen machen müssen, um neben dem gleichwertigen oder sogar minderwertigen Nichtjuden zu bestehen. Es wäre Selbsttäuschung, sich nicht einzugestehen, daß der Selbsterhaltungstrieb der am stärksten funktionierende im Individuum ist. Und angesichts des furchtbaren Wirtschaftskampfes ist es nicht das Selbstverständliche, sondern schon ein Beweis von Willen und von vorhandenen Kräften, wenn sich der Jugendliche mit seinem ganzen Sein, also auch mit Hintansetzung seiner materiellen Interessen, für sein jüdisches Volksbekenntnis einsetzt. Trotz der Wert- und Aktionsminderung, die dem jungen jüdischen Menschen in der heutigen Zeit dadurch entsteht, kann er nicht anders, als sich zum aktiven Judentum bekennen. Dieser einzige Weg wird ihm um so klarer, je mehr Erfahrungen er im Leben sammelt. Ueberall in Wirtschaft und Gesellschaft kann er beobachten, daß die nichtjüdische Umwelt zwar sowohl bewußte Juden als auch Assimilanten oder Judenstämmlinge ablehnt, jedoch den ersteren ein viel größeres Werturteil zubilligt. Trotzdem bleibt es ein Teilproblem im Komplex der Judenfragen und ist nicht das fraglos Selbstverständliche. M. P. Kulturarbeit des Hechaluz Auf der letzten Weidäh des Hechaluz, die am 18. und 19. April stattfand, wurde einmütig der Wunsch nach veft stärkter ■ Kulturarbeit innerhalb der Chaluz- und Jugendbewegung geäußert. Der neugewählte Merkas betrachtet es daher als eine seiner wesentlichsten Aufgaben, die Voraussetzungen für eine intensive Kulturtätigkeit zu schaffen und durch zu gründende Institutionen der Chaluzjugend das geistige Rüstzeug zur Bewältigung der zionistischen Probleme der Gegenwart zu geben. Diesem Zweck dient vor allem das zweimal wöchentlich stattfindende Chaluzseminar, das am 5. Mai eröffnet wurde. Am Seminar nehmen nahezu 40 Chawerim und Chaweroth aus den mit* dem Hechafuz "zusammenarbeitenden Jugendbünden teil. Das Sjeminar enthält vorläufig folgende Referatzyklen: 1. Kolonisationsprobleme Palästinas (Adolf Böhm); 2. Die jüdische Arbeiterbewegung in der ganzen Welt (Mendel Singer); 3. Die jüdische Arbeiterbewegung in Erez Israel (Chajim Hoffmann). Außerdem werden einige hier durchreisende palästinensische Chawerim im Rahmen des Seminars sprechen. Ferner wurde ein Chug iwri (Hebräischkreis) gegründet, zu dem einmal wöchentlich alle in dgr hebräischen Sprach* fortgeschrittenen Chawerim zu Zeitungslektüre und zu hebräischen Diskussionen Zusammenkommen. Die Leitung des Chug hat eine Chawerah aus Palästina inne. Selbstverständlich setzt der Hechaluz neben diesen zentralen Veranstaltungen die reguläre Kulturarbeit unter seinen Mitgliedern, insbesondere in den Hachscharah- Kwuzoth, fort. Desgleichen beteiligt er sich an der Kulturarbeit in den einzelnen Jugendorganisationen; der Kulturreferent des Hechaluz wird auch die verschiedenen Snmmep lager besuchen. Für die zweite Maihälfte ist eine allgemeine Chafunversammlung unter Teilnahme von Chawer Jizchak Tabenkitt (Ejn Charod), dem Leiter des Ghaluz-Weltseminars, vorgesehen. Ch. fft, Die Bundestagung des Mischmar haowdim Am 2$. April. begann die Tagung des zionfetiad^ sozialistischen Jugendbundes Mischmar haowdhn Im Bord» chow-Heim: II., Blumauergasse 1, und wurde am 3. Mal durch die Zentralwanderung beendigt. Am Samstag abends fand die Eröffnung statt. Anschließend hielt M. Singer sein Referat über die politische Lage im Zionismus, sodann wurde die Bundesausstelhmg über die «Soziologie der Juden» eröffnet, Über die bereits in der vorigen Nummer der «Stimme» ein Bericht erschienen ist. Am Sonntag vormittags wurde das erste Hauptreferat über die «Soziologischen Grundlagen unserer Bundeserziehung.» von A. Stander erstattet. Das jüdische Volk besitzt eine eigentümliche soziale Struktur, die in dej^ Landlosigkeit begründet ist. Die Folge davon ist das Vwsj' kümmern der Urproduktion, die Ueberfülhing in der Endi Produktion, d. h. eine Verzerrung der normalen sozialen Verhältnisse. Dadurch ist begründet, daß alle sozialen Erscheinungen bei den Juden, sei es die Bevöikerungsbewe^ gung, die Verstädterung, sei es die Zusanvmenhaltung der Juden in den Jüdischen Gemeinden, sei es die Beruft Struktur, sei es der Ökonomische Kampf der jüdischeyp Arbeiterbewegung, sei es die Wandemeveegung mit Mi