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Die Stimme · 1931-05-21 · Heft 176 (21.5.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 176 (21.5.1931)
Date
1931-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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PIE «IMME Nr. 178 — 21. M4l'193f'^ Das Buch Ruth Von Josua Horowit*. Dm Buch Ruth beinhaltet eine idyllische Familiengeschichte aus dem Leben der Ahnen Davids. Wir werden in -die Richterzeit zurückversetzt. Hier treffen wir das einfache und naive jüdische Leben, wie es sich in jener FrühzeM der jüdischen Kultur manifestiert hat. Der geräuschvollen Welt entrückt, befinden wir uns in ländlichen Kreisen. Die Schnitter und Garbenbinderinnen sind lebensfrohe, schlichte Menschen. Aber auch diese Erzählung mit ihren zarten poetischen Stimmungsbildern konnte ihrem Schicksal nicht entgehen — auch ihr mußte etwas Lehrhaftes und Pragmatisches zugeschrieben werden. Somit wurde diese Episode in eine starre Form gegossen und alles erhielt den Charakter des Notwendigen. Simon Bernfeld will in seiner «Einleitung zu den heiligen Schriften» im Buche Ruth einen Einfluß der Erzählung Judas und Tamar, wie sie Genesis cap. 38 mitteilt, erkennen. Und Wirklich lassen sich in beiden Füllen die gemeinsamen Merkmale nachwcisen. Die zwei Söhne Judas, Er und Onan, sterben allzu früh und hinterlassen keine Nachkommen; bei den Söhnen Elimelechs, Machion und Kiljon, ist es ebenso. Auch die Namensgebung ist in beiden Erzählungen keine willkürliche: hinsichtlich des Buches Ruth schreibt Abraham Geiger in der «Urschrift»: «Die Hauptpersonen tragen sämtlich Namen, die ihrem Geschicke und ihrem Wesen entsprechen. Naomi bedeutet die Anmutige, ihre jung dahinsterbenden Söhne heißen Machion und Kiljon, Krankheit und Hinschwinden.» Trotz dieser gemeinsamen Momente besteht doch dem inneren Gehalte nach ein Unterschied zwischen beiden Erzählungen. Das Bild, das Juda und Tamar zum Mittelpunkte hat, ist ein Gemälde mit ausgeprägter realistischer Darstellungsweise; die Rutherzählung dagegen bezaubert uns durch die natürliche und naive Erzählungsart und die Zartheit der gebotenen Stimmungsbilder. Der Verfasser dieses poetischen Kunstwerkes hat es verstanden, Natur und Kunst zu einer vollkommenen Einheit zu verschmelzen. Im Mittelpunkte des Bildes steht dieses liebliche Mädchen, ausgezeichnet durch ihre Natürlichkeit und Einfachheit, durch ihre ästhetische und ethische Vollkommenheit und durch ihre sittliche Größe. Die Erzählung berichtet uns, wie die Schwagerehe (Leviratsehe) in früher Zeit gehandhabt wurde. Der Zweck dieses Brauches war «zu erhalten den Namen des Verstorbenen auf seinem Erbe, daß der Name des Verstorbenen nicht ausgerottet werde.» Da der Blutsfreund (der «Goel») dieses Gebot nicht erfüllen will, «da er sein Erbe nicht gefährden will durch eine Heirat mit einer moabitischen Frau», so fällt diese Vorschrift jetzt dem Boas zu. Während die Begründung dieses Brauches im Buche Ruth IV. 5. 10 mit der in Deuteronomium 25, 7 angegebener Motivierung übereinstimmt, ist das Gesetz der Thora dahin erweitert worden, daß nicht nur der Bruder des Verstorbenen die Pflicht des «Jibum» erfüllen muß, sondern auch die nächsten Verwandten herangezogen werden können. Die Zeit der Abfassung des Buches kann nicht genau bestimmt werden. Es steht nur fest, daß die Erzählung nach der Richterzeit geschrieben wurde. Mit der Festsetzung der Abfassungszcit ist noch ein anderes Problem innigst verbunden, nämlich die Frage, ob das Buch Ruth ein tendenziöses oder rein literarisches Werk sei. Grätz ist der Meinung, daß man unbedingt an der nachexilischen Abfassungszeit festhalten müsse. Nach Grätz soll dieses Schriftwerk aus der Zeit Esras und Nechemias stammen. Esra, der Restaurator des jüdischen Staats, zog, von König Artaxerxes Longimanus begünstigt, 458 v. Chr. an der Spitze von etwa Von Würdigen und Unwürdigen Von David R o t h b i u m. 1. DerBlickin den Himmel Rabbi Salman Dembitzcr, der mein Talmudlehrer war, pflegte mir auf gemeinsamem Spaziergange an den Ufern der Weichsel, die meine Vaterstadt durchzieht, manch schöne Geschichte zu erzählen. Er war ein Fabuliere»’ von Gottes Gnaden und ich hörte ihm ergeben zu. «Wie ist das eigentlich mit der Eröffnung des Himmels in der Schewuothnacht?» fragte ich ihn schüchtern einige Tage vor dem Wochenfeste, als wir gerade auf einem Hügel hinter der Stadt standen und ich mich dem Himmel so unsagbar nahe fühlte. «Um einen Blick in den Himmel zu tun, braucht man nicht gerade auf die Schewuothnacht zu warten», sagte der Lehrer bedeutungsvoll. «Aber gerade in dieser Nacht sollen doch die Wünsche in Erfüllung gehen, die man hinaufschreit, wenn die Pforten sich für einen Augenblick auftun!» wendete ich ein. Der Lehrer dachte nach, dann erzählte er: «Einst begab sich ein Jude mit Vater und Sohn auf einen Berg, um der Offenbarung Gottes in jener geheimnisvollen Minute beizuwohnen. Als die erste Morgenröte den Berg erleuchtete, sagte der Greis zu seinem Sohn: «Wir waren nicht würdig.» Dieser sprach: «Und welcher sündige Mensch ist würdig?» Da fiel das Kind dem Vater ins Wort: «Vater, ich habe Gott auf dem Throne gesehen!» Und nach einer Weile fügte es hinzu: «Es ist alles so, wie es der Prophet Ezechiel beschrieben hat.» Sie' erzählten die Geschichte dem Zaddik von Sande/. Dieser fragte den Großvater: «Wie hast du dich für die liimmelserscheinung vorbereitet?» Der Alte antwortete: «Ich betete die Psalmen. Hät¬ 1800 Juden von Persien nsch Palästina, um dem Vertan des jüdischen Lebens ln Palästina ein Ende su bereiten und eins Reinigung des Volkes nach mosaischer Rechtsanschauung vorzunehmen. Im Zuge der Neuverordntmgen Esras wurden nun die Mischehen für ungültig erklärt und die fremden Frauen sollten vertrieben werden. Diese extreme Forderung fand aber auch ihre Gegner, und ein Nachhall der Stimmung und Beurteilung der Vorgänge von der milderen Seite soll eben aus dem Buche Ruth herausklingen. Die Lösung der aktuellsten Tagesprobleme durch dieses Buch lag auf der Hand. Gab es unter den Frauen, die vertrieben werden sollten, nicht auch solche, die ihrem ganzen Wesen nach voltkommen der Moabiterin Ruth glichen? Und gerade dieser Moabiterin war es vergönnt, die Urahnin des davidschen Königshauses zu sein! Abraham Geiger will dem Buche diesen tendenziösen Charakter beimessen. So schreibt er in der «Urschrift»: «Nur die bisher dargelegte Differenz in den Ansichten der Zeit, der das Buch seine Entstehung verdankt, erklärt uns dessen bestimmte Absicht. Es lehrt uns, daß auch unter moabitischen Frauen wohl zu unterscheiden sei: es gibt wohl solche, die, wie Orpha, bald das Band mit Israel wie* der lösen, aber es gibt auch andere, die wie Ruth mit aller Hingebung und Uneigennützigkeit sich Israel anschließen und daher würdig sind, die Besten in Juda zu erzeugen.» Im Talmud wird die Abfassung in die vorexiiische Zeit verlegt. Die älteren Erklärer dagegen haben fast einstimmig vorexiiische Abfassung angenommen, so Keil, Wright, Cassel, Bleek, Strack und Reuss. Auch Samuel Oettli spricht sich in seinem Kommentar zum Buche Ruth gegen die nachexilische Abfassungszeit aus. Karl Budde betrachtet das Buch in seiner «Geschichte der althebräischen Literatur» als ein Midrasch, eine «volkstümlich erbauliche Bereicherung der Geschichte vergangener Zeiten, die sich besonders gern der Liebhaber des Volkes bemächtigt.» Bemfeld will die Tendcnzlosigkeit des Buches betonen und es als ein in sich geschlossenes poetisches Gebilde aufgefaßt wissen. W. W. Das verläßliche, reinpflanzliche ABFÜHRMITTEL PASTAPA1M ist ln allen Apotheken erh&ltl. mmmammammmBmmmammm Baudissin, der auch jede dem Buche zugeschriebene Tendenz verwirft, schreibt in seiner «Einleitung in die Bücher des Alten Testaments»; «Die Darsteilungsgabe des Verfassers hat offenbar lediglich an der Poesie dieser Erzählung sich erfreut, an der Zartheit des Liebesbandes zwischen Schwiegermutter und -tochter, an der Freundlichkeit des Bildes vom Felde mit bescheidenen Aehrenleserin, den mitleidigen Schnittern und dem gütigen Herrn ...» Nähere Angaben über Boas und Ruth werden uns im Talmud gegeben. So finden wir in den Traktaten Nasir 23 b, Sotah 47 a, Sanhedrin 105 b und Horioth 10 b berichtet, daß Ruth die Tochter des Sohnes Eglons, Königs von Moab, gewesen sei. Tossafot bemerkt zur Stelle, daß Ruth nicht, wörtlich genommen, eine Enkelin Eglans war, sondern viele Geschlechter nach Eglon lebte. Tossafot bemerkt auch, daß zwischen der Lebenszeit Eglons und den Lebensjahren des Richters Ibzan, der mit Boas identifiziert wird, ein Zeitintervall von mehr als 200 Jahren liegt. Die Behauptung, daß der Richter Ibzan und Boas eine und dieselbe Person seien, wird durch Baba Bathra 91a bestätigt und von Ibn Esra in seinem Kommentar zu Ruth II. 1 angeführt. Andere ten meine Augen den offenen Himrnel erblickt, ich hätte gerufen: Leben! Langes Leben 1» «Und du?» fragte der Zaddik den Sohn. «Ich las die Thora», sagte dieser, «und hätte geschrien: Erwerb! Parnassah!» «Und du?» wendete sich der Sandezer an das Enkelkind. «Ich», sagte das Kind, «habe nicht gelesen und nicht gebetet . . .» «Was hast du sonst getan?» «Ich glaubte mich nicht würdig, in den Himmel zu sehen, und schloß die Augen. Und ich dachte, wenn der Schöpfer mich für würdig hält, wird er mir schon die Augen öffnen. Und so war’s auch.» «Was war dein Wunsch?» forschte der Zaddik. «Der Gnade später würdig zu werden, wenn ich es heute noch nicht bin.» Darauf der Zaddik: «Du hättest nicht gerade auf die heilige Nacht zu warten brauchen, denn dir hätte sich der Himmel auch in jeder anderen Nacht eröffnet.» «Das ist es», schloß R. Salman, «was ich dir gesagt habe.» II. Der Gang zur Hölle «Und weil wir gerade von den Würdigen sprechen», setzte Rabbi Salman fort, «erinnere ich mich an einen Ausspruch des alten Sandezer — sein Andenken sei gepriesen — den er an einem Sabbath bei der dritten Mahlzeit, wo es hoch herging, getan hat. Er sagte: «Es ist mitunter leichter, in den Hinunei zu steigen, als in die Hölle zu sinken.» Sehen alle Tischgenossen den Zaddik an, fragend und staunend. Im Zimmer war es schon dunkel. Das Gesicht des Rabbi leuchtete. «Da lag einmal ein Mann,» begann er seine Worte zu erklären, «acht Tage lang auf seinem Schmerzenslager im Todeskampf und konnte nicht sterben. Es war ein Betrüger, der viele Mitmenschen um ihr ganzes Hab und Gut gebracht hatte. Er war im Stillen auch ein oioioioioaoioioioioioaoiG| Direkte Eillinie ‘TrlestMa-Balfi mit den vorzflgl. Salonschiffen „Adria“, a. „Cainaro“ des Lloyd Triestlio Fahrtdauer bloß 4V9 Tage Pahrpreiss l. Kl. £ 22.—.—* II. KL £ 15.-.- f Ul. Kl. £ e.-.~ inkl. Bett ana Verpflegung losMnfle: Lloyd Triestino Wien, l, KMwing S ofloiiowoinininiioiowoflOBoiQ Forscher, wie z. B. Hengstenberg und Keil, behaupten auf Grund chronologischer Angaben und Berechnungen, daß die Ereignisse des Buches Ruth in die Zeit des Richters Gideon fallen. Im I. Buch Samuel 22, 3f wird erzählt, daß David den König von Moab ersuchte, er möge seine Eltern in seinem Lande wohnen lassen, bis er sein Wanderleben beendet haben würde. Nach der Ansicht vieler Forscher soll gerade diese Stelle einen Anhaltspunkt für die moabitisehe Abstammung Davids bedeuten. Im Traktat Sofcrim (Perek 14 Halacha 18) wird berichtet, daß man das Buch Ruth am Ausgange des ersten Schewuothtages zu lesen pflegt, doch ist dieser Brauch in neuerer Zeit auf den zweiten Tag verschoben worden. Die Vorlesung des Ruthbuches an diesem Tage findet darin seine Erklärung, daß der Kernpunkt dieser Erzählung in der Erntezeit spielt und das Wochenfest als das Fest der Offenbarung und der Ernte gefeiert wird. SPEZIALGESCHÄFT Neue Rackets u. Bälle in großer Auswahl besonders preiswert Alte werden b. Zuzählung ßegen neue umgetaustht. Wenig gtspitlte „Duniop“-Bäilft S 3"— und 6‘- pro Karton (6 Stück) WIEN, VII. KIRCHEN GASSE 28 Reparaturen rasch u. gewiss enhaftf ripp H Angeber. Durch acht Tage wartete man stündlich auf seine Erlösung, der Tod schien aber diesmal ein grausames Spiel zu treiben. Die Glieder des Sterbenden verkrampften sich ineinander, er krümmte sich wie eine Schlange, stieß Schreie aus, die aus Schmerzenstiefen kamen, war bei vollem Bewußtsein und konnte nicht sterben. Die fromme Bruderschaft verrichtete unaufhörlich die Sterbegebete — es nützte nichts. Der ganzen Stadt bemächtigte sich Angst und Schrecken, Frauen und Kinder trauten sich nicht auf die Straße. Da kamen die Aeltosten der Gemeinde zu mir und verlangten Abhilfe. Sie sprachen strenge und harte Worte' zu mir, was ihnen zustand, weil sie nichts für sich selbst verlangten.» Der Rabbi hob seine bleiche Rechte, die im dunklen Raum geisterhaft leuchtete, und sagte mit gedämpfter Stimme: «Da ließ ich den Tod zu mir kommen.» Die Tafelrunde erbebte, die bleiche Hand schwebte noch im Raume. War das vielleicht der Tod, der gerufen wurde? Der Rabbi schrie: «Todesengel, sagte ich, du bist ein Diener deines Herin, wie wir alle seine Diener sind. Ich befehle dir, dem grausamen Spiel in unserer Stadt ein Ende zu machen!» Da antwortete der Tod: «Es liegt nicht an mir — man läßt mich nicht. Die frommen Brüder, die an seinem Bette beten, sind alle von ihm betrogen worden. Ihre Gebete sind nicht rein. Ohne daß sie es wollten, wandeln sich die Worte zu Flüchen — in ihren Herzen liegt Pflicht, aber kein Erbarmen. Das erste Tor aber, durch das ich die Seele führen muß, heißt das Tor des Erbarmens.» Ich entließ den Tod und befahl die fromme Bruderschaft zu mir. Während sie bei mir weilte, tat der Tod seine Schuldigkeit. Rabbi Salman schloß: «Der Zaddik hat’s gesagt,"*, und wir haben es verstanden. Groß ist das Vorrecht,* den Himmel sehen zu dürfen, nicht gering jedoch das,*’ der letzten Stunden würdig zu sein.»

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