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Die Stimme · 1931-05-14 · Heft 175 (14.5.1931) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 175 (14.5.1931)
Date
1931-05-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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»f Seite 8 Es handelte sich um die Frage, ob die Immunität des sozialdemokratischen Abgeordneten Wilke aufgehoben werden sollte. Wilke hatte den jüdischen Kaufmann Hirschfeld in Stettin tätlich beleidigt. Der GeschäftsordnungsausschuB des Landtages hatte die Ablehnung des Antrages auf Aufhebung der Immunität empfohlen. Der Berichterstatter über diesen Fall, der kommunistische Abgeordnete Kasper, teilte in der Vollsitzung u. a. mit: Wilke hat den Kaufmann Hirschfeld in einem öffentlichen Lokal, ohne daß dieser auch nur den geringsten Anlaß dazu gegeben hätte, mit der Faust in das Gesicht und unter das Kinn geschlagen und ihn dabei mit Worten, wie «Judenlümmel*, «Lausejunge», «vollgefressener Judenjunge» beschimpft. Der Berichterstatter erklärte, er und seine politischen Freunde seien zwar grundsätzlich Gegner jeder Aufhebung der Immunität, aber von den Sozialdemokraten, die darüber anders dächten, hätte man erwarten können, daß sie aus Anstands- und politischem Reinlichkeitsgefühl ihren Fraktionskollegen zur Strafverfolgung freigeben. Während der Redner seine im ganzen Hause großes Aufsehen erregenden Ausführungen machte, hagelte es Zwischenrufe von der Rechten. Der deutschnafionale Abgeordnete Bork rief: «Der Sozialdemokrat Wilke soll sich bei Hitler als Nachfolger von Stennes melden*. Die übergroße Mehrheit der Abgeordneten teilte die Empfindungen des staatsparteilichen Abgeordneten Nuschke, der Wilkes Verhalten scharf tadelte und erklärte: «Prügelnde Abgeordnete sind ein Unding!» Er fuhr dann fort: «Im Aufträge meiner Freunde beantrage ich, die Immunität des Abgeordneten Wilke aufzuheben.» Ueber die Frage der Aufhebung der Immunität des Abgeordrteten Wilke wird am Mittwoch, den 13. Mai, abgestimmt werden. Gesellschaftlicher Antisemitismus in Südafrika Kapstadt, 3. Mai. (J. T. A.) Auf einem von der Maccabean-Guiid am 29. April in Kapstadt veranstalteten Bankett hielt der Abgeordnete Robinsohn, eines der fünf Mitglieder des südafrikanischen Parlaments, eine Ansprache, in der er gegen die unvernünftigen Vorurteile Stellung nahm, die gegenwärtig in Südafrika gegenüber den Juden bestehen. Er wies auf den gesellschaftlichen Antisemitismus hin, der u. a. darin zum Ausdruck komme, daß Juden bei der Aufnahme ln die gesellschaftlichen und Sportklubs in Durban große Schwierigkeiten gemacht werden. Wenn auch die Juden Südafrikas auf allen Gebieten die gleichen Rechte wie Ihre christlichen Mitbürger genießen, werde doch das Gesetz der Einschränkung der Einwanderung auf Grund eines Quotengesetzes stets eine Quelle der Unzufriedenheit für die Juden bilden. Kleine Nachrichten aus Palästina Arbeitskonflikt beim «Haam» In der Druckerei der revisionistischen Tageszeitung «Haam» ist ein Konflikt zwischen der Leitung und der Arbeiterschaft ausgebrochen. Die Leitung der Druckerei hat zur Bedienung einer neu aufgestellten Rotationsmaschine revisionistische Arbeiter aufgenommen, während die Histadruth die Einstellung von Arbeitslosen, die in ihrem Arbeitsvermittlungsbureau vorgemerkt sind, fordert. Infolge des Arbeitskonfliktes konnte «Haam» am 2. Mai nur im Umfang von einer halben Seite erscheinen. Wassermangel ln Jerusalem Infolge des ungenügenden Regens während der Winternronate ist im städtischen Wasserreservoir zu Jerusalem bedenkliche Wasserknappheit eingetreten. Es verlautet, daß von Juni an Wasser mittels Bahn aus der Umgebung «on Ludd zugeführt werden wird, wie dies bereits vor drei Jahren geschah. Die Bautätigkeit dürfte infolge der Wasserknappheit stark eingeschränkt werden, da die Behörden es wahrscheinlich für notwendig Finden werden, die für Bauzwecke bestimmten Wassermengen sehr zu verringern, um genügend Wasser für die dringendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu sichern. Zusammentreffen jüdischer und arabischer Führer bei einem Empfang im polnischen Konsulat Jerusalem, 5. Mai. (J. T. A.) Am Sonntag, den 3. Mai, fand im polnischen Konsulat in Jerusalem ein festlicher Empfang . anläßlich der Gedenkfeier der polnischen Verfassung von 1791 statt. An der Feier nahmen weltliche und geistliche Vertreter aller Bevölkerungsgruppen Palästinas teil. Es wurde viel beachtet, daß bei dem Empfang das Mitglied der Zionistischen Exekutive Colonel Kisch, Chief Rabbi Jacob Meir, der Großmufti und der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi, gleichzeitig anwesend waren. Israel Esra erhält die Erlaubnis zu dauernder Niederlassung Jerusalem, 5. Mai. (J. T. A.) Der High Commissioner Sir John Chancellor hat dem aus Kurdistan auf Grund eines Touristenvisums mit seiner Familie nach Palästina gekomm.*- nen Israel Esra die Bewilligung zur dauernden Niederlassung in Palästina erteilt. Wegen Ueberschreitung der ursprünglich bewilligten Aufenthaltsfrist waren Israel Esra und seine erwachsenen Familienmitglieder vor kurzem von dem jüdischen Polizeirichter Zuckermann zu Geldstrafen, der elfjährige Sohn Esras zu einer Prügelstrafe verurteilt worden, was unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas lebhafteste Empörung hervorrief. Colonel Kisch legte beim High Commissioner namens der Exekutive der Jewish Agency Protest gegen die Verhängung der Prügelstrafe ein. Die Frage der Rückkehr nach Hebron Jerusalem, 5. Mai. (J. T. A.) Anläßlich einer Besprechung des Präsidiums des Waad Leumi mit dem Chefsekre- Jär der Palästinaregierung, Young, der in Abwesenheit Sir John Chancellors die Geschäft« des High Commissionen 4 DTE STIMME Nf. 175 — 14. Mal 1931 führt, wurde zum erstenmal der Möglichkeit einer Rückkehr der Juden nach Hebron, von wo sie nach dem Massaker im August 1929 geflüchtet waren, offiziell Erwähnung getan. Die Entwicklung von Tel Aviv Aus Anlaß des 70. Geburtstages, des Bürgermeisters von Tel-Aviv, M. Dizengoff, veröffentlicht das «Palestine Bulletin» die nachstehenden interessanten Ziffern über die Entwicklung Tel-Avivs: Stadtbudget Jahr 1910 Einwohner?:. 300 Häuserz. Einnahmen Ansgaben 60 — — 1911 550 65 476 462 1912 « 0 790 94 530 557 1913 980 111 815 750 1914 1.491 139 2.365 1.726 1921 3.604 242 14.996 12.289 1922 12.892 1.007 53.197 42.709 1923 « 16.554 1.474 38.833 36.792 1924 « 21.610 1.936 75.623 61.001 1925 « 34.200 2.612 143.631 121.078 1££6 38.000 — 43.056 90.500 1927 37.729 3.281 77.928 96.735 1928 38.239 3.394 84.317 74.585 1929 40.000 3.600 91.817 87.480 1930 42.000 3.767 97.599 95.898 Das Areal der Stadt betrug lm Jahre 1910 120 Dunam, erreichte 1922 schon 1500, 1924 3580 Dunam und umfaßt jetzt 6880 Dunam. Im Jahre 1915 hatte Tel- Aviv 16 Schulen mit 2751 Schülern, während 1930 die Zahl der Schulen 92, die der Schüler 12.321 betrug. 60 fahre Anglo-jewish Association Am 3. Mai fand in London die Jahresversammlung der Anglo-Jewish Association unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Leonhard G. Montefiore statt. In seiner Eröffnungsansprache führte Leonhard G. Montefiore aus, der einleitende Satz des Jahresberichtes der Anglo-Jewish Association: «Die jüdische Lage in vielen europäischen Ländern gab im Verlauf des letzten Jahres Anlaß zu gesteigerter Besorgnis» spiegle sehr präzis die seelische Verfassung all derer, die an jüdischen Angelegenheiten interessiert sind, wider. Montefiore wies darauf hin daß die Vereinigung im Juli d. J. das sechzigste Jahr ihres Bestandes vollenden werde. Die Gründer der Association, die vor sechfln der von der Israelitischen Kultusgemeln« de in Graz eriultenen Israelitischen Prioat* schule mit Oeffentlldiheltsrecht In Graz (Steiermark) gelangt die Stelle eines Volksscbullehrers oder einer Volksschallehrerin ndt Beginn des Schuljahres 1931/1932 (1. September 1931) zur Besetzung. Bewerber und Bewerberinnen wollen Ihre mit Zeugnisabschriften und Schliderun Ihres Ixebenslaufes und Ihrer bisherigen Perwen« düng und mit Hngabe Ihres Alters und Fa* mlUenstandes versehenen Gesuche richten an die Reifung der israelitischen Volksschule in Graz. Grieskai Rr. 58 zig Jahren von der Bildung einer Vereinigung sprachen, deren Aufgabe es sein solle, «jedermann Wohltaten zu erweisen», seien wohl von dem Optimismus der viktorianischen Epoche beseelt gewesen. Heute, fuhr Präsident Montefiore fort, ist der Absolutismus verschwunden, aber der Zar wurde durch eine Regierung ersetzt, die von dem Ideal der Gründer unserer Vereinigung weit entfernt ist. In Deutschland ist an die Stelle der liberalen Partei im Reichstag, die seinerzeit eine Macht darstellte, mit der selbst Bismarck zu rechnen hatte, die Partei der Nationalsozialisten getreten, eine neue furchtbare Erscheinung. Der Hitlerismus stellt ein ernstes und völlig neues Problem dar, das meiner Meinung nach weitaus schwieriger ist als irgendeines der Probleme, denen unsere Vorgänger vor sechzig Jahren gegenüberstanden. 'Große Veränderungen hat der Zionismus im jüdischen Leben herbeigeführt. Er ist zur beherrschenden und bedeutendsten Frage für die überwiegende Mehrheit der Juden geworden, er hat in seinem Enthusiasmus einen größeren und leidenschaftlicheren Widerhall gefunden als irgendein anderes jüdisches Problem. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz führte aus: Um Ihnen ein Bild von der Atmosphäre zu geben, in der heute unsere Glaubensgenossen in Deutschland leben, will ich Ihnen in Erinnerung bringen, daß dort ein Kampf nicht nur gegen die Lebenden, sondern auch gegen die Toten geführt wird. 114 Friedhöfe wurden in Deutschland geschändet, trotz der eifrigsten Bemühung der Regierung, diese unmenschlichen, mehr als barbarischen Handlungen, die schlimmer sind als das Zerreißen von Thorarollen, wie dies in Rumänien vorkam, zu verhindern. in einem Ueberblick über die Ereignisse der letzten Jahre seit 1924 bezeichnete Chief Rabbi Hertz als freundliches Symptom das Erwachen der Marranen. Demgegenüber aber stehe die systematische Verfolgung des Judentums in Sowietrußland, wo es noch immer keine Freiheit der reiig ösen Unterweisung der Jugend gibt und die freie RePgionsübung im allgemeinen schwer behindert ist. Die Zukunft der russischen Juden sei, was die Religion betreffe, falls nicht eine Aenderung der Verhältnisse eintrete, sehr düster. Schwere Verstimmung müsse auch die völlige bürgerliche Entrechtung der türkischen Juden nach 400 Jahren gerechter Behandlung hervorrufan. ErbfUtlieb io »flen Apotheken, Drogerienn. etn^chlägigm Speai&lgescbaften.fiitetalnr kontenlo» durch,BONlCOT* VertriehstfBRelUchnfl, IS. Liecht ensteinsti .li .TV1.A 18410 Chachani Dr. Moses G a s t e r wies darauf hm, daß die Juden außerhalb Englands durch die Emanzipation, die dem Kriege folgte, gelernt haben, ihre Kämpfe selbst durclmtfechten und daß infolgedessen in der Funktion der Association eine Aenderung eingetreten sei. Sie sei nicht mehr die «Pflegemutter», die für die Rechte der Juden im Auslande einzutreten hat. Wir sollen uns, erklärte Dr. Gaster, nicht in die Politik der verschiedenen Länder einmengen. Die Juden Polens, Rumäniens und Ungarns erklären, daß sie ihre Kämpfe selbst austragen können. Aber es muß eine Vereinigung geben, die das, was den Juden im Auslande geschieht, moralisch verwirft oder billigt Wir als Vertreter der englischen Judenheit können gegen jede den Juden zugefügte Unbill vor der Welt Protest erheben. (J. T. A.) In aller Kürze Die Palästina-Regierung dementiert die Nachricht von einer unmittelbar bevorstehenden Veröffentlichung des Berichtes der Klagemauerkommission. Die Weltkonferenz des Misrachi wird am 21. Juni in Danzig beginnen. «• Der Rat am Obersten Gerichtshof ln Prag, Dr. Th. Nußbaum, wurde von der Regierung zum Mitglied des Staatsgerichtshofes für 1931 ernannt. Das Plenum des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Mähren hat beschlossen, einen erheblichen Betrag des Fondsvermögens des Verbandes in siebenprozentigen Obligationen der „Palestine Land Development Co. Ltd.“ anzulegen. Zwischen der Union rumänischer Juden und dem Jorga- Block wurde ein Wahlbündnis für die kommenden Parlamentswahlen geschlossen. Der Union wurden achf Parlamentssitze und fünf Sitze im Senat zugesichert. Der Braunschweigische Landtag hat einen von nationalsozialistischer Seite vorgebrachten Antrag auf Vorlegung eines Schächtverbotgesetzes angenommen. * Der hervorragende Gelehrte Dr. Ludwig Blau, Rektor der Landesrabbinerschule in Budapest, vollendete vor einigen Tagen sein 70. Lebensjahr. * Auf Anordnung des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Bethlen wird nunmehr Wladimir Jabotinsky ein Durchreisevisum durch Ungarn bewilligt * Die jüdisohen Aussteller auf der gegenwärtig in Jaffa und Tel Aviv abgehaltenen Tierschau ziehen sich von der Ausstellung zurück, weil der Tierschutzverein Zirkulare in englischer und arabischer, nicht aber in hebräischer Sprache verteilen ließ. Henrietta Szold, die kürzlich in das Präsidium des Waad Leumi gewählt wurde, befindet sich auf der Ueberfahrt nach Europa und will von hier aus ihre Weiterreise nach Palästina antreten. * Der in Berlin lebende bekannte Philosoph Salomon Friedländer-Mynona vollendete am 5. Mai sein 60. Lebensjahr. * Der berühmte Agronom und Schöpfer des Planes def Siedlung in Biro-Bidschan, Prof. Boris Bruck (Moskau), wurde vor einigen Tagen verhaftet und nach Kazakstan verbannt Auf der am 2. Mai ln Stockport (England) abgehaltenen Tagung des Verbandes der liberalen Klubs Englands wurda Sir Herbert Samuel zum Verbandspräsidenten gewählt Durch die Ueberschwemmung im Städtchen Kreslawska (Lettland) wurden 200 jüdische Familien obdachlos und vollkommen zugrundegerichtet Eine bemerkenswerte JOdische Neger« gemeinde lm Osten New Yorks, in der 129. Straße, gibt es eine jüdische Negergemeinde. Ihr Vorbeter heißt W. A. Matthews« Die Negerjuden beten in hebräischer Sprache, wobei sie den Tailith tragen. Sie behaupten, direkte Nachkommen Jakobs zu sein und glauben, daß Zion nicht aufgebaut werden könne, ehe sie von den anderen Juden als Brüder anerkannt werden. Jedes Mitglied zahlt als Maaser 10 Prozent seines Einkommens für die Erhaltung ihres Tempels und ihrer Schule. Ihr Geistlicher, W. A. Matthews, besuchte kürzlich Cincinnati und hielt in der dortigen Episkopalkirche einige Gottesdienste ab, wobei er den Tailith trug und sein Haupt bedeckt hatte. Ueber Einladung des Hebrew Union College in Cincinnati hielt er in dessen Tempel einen Gottesdienst. Hernach hielt er einen Vortrag über seine Sekte und verlangte, daß seine Glaubensbrüder als echte Juden anefl» könnt werdoa.

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