Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 175 (14.5.1931)
- Date
- 1931-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053929--2343-3057764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. IW — 14. Mal 1031 Dlt STIMME Zur Frage der Kaletiderreform Von Märet» Siibinehatz Der Verfasser hät in einer kürzlich erschienenen Flugschrift die Jüdische üefientllehkeit Auf m Ql* fahren dei einen der offiziellen Jüdisehsfl Kaien der* reformprojekie aufmerksam gemacht. Die Gefahr bestündet der Ansicht dis Verfasser! nach, darin, dal dieses Projekt als wirtschaftlich unzulänglich von dem Völkefbundhalenderkomitee unberücksien* tigt bleiben müßte und dann hätten wir den Blänkötag und den «wandernden sabbath», Wir sind überzeugt, daß trotz gewisser Schwierigkeit der Materie der vorliegende Aufsatz großes Interesse unserer Leser erwecken wird, um so mehrt als der Vorschlag des Verfassers bis ins kleinste Detail aus* gearbeitet ist uhd als Diskussionbasis für die Re* form bestimmt dienen kann. Bei dieser Gelegenheit bemerken Wir noch, daß Herr Marcus Sllberschatz, der seinerzeit zum griechisch-türkischen Bevölkerutlgsausiausch die Anregung gegeben hatte, eine interessante Broschüre über die Lösung des Arbeitslosenproblems veröffentlichte. Die Redaktion. Ueber die bekannte Struktur des von der Internationalen Liga für festen Kalender propagierten netten Kalenders braucht hier nicht viel gesagt zu werden, Es geht um die Fixierung des Osterfestes, da» jetzt Zwischen den 22. MäfZ und 25. April fällt; Bildung des Jahres aus 13 Monaten zu 28 tagen; Verwandlung des 368, Tages in einen Blahkotag; ebenso des Schalttages (29. Februar). Da dadurch der Sabbath alljährlich auf einen anderen Tag fallen müßte, was für die Judeh unter anderem von wirtschaftlichen Nachteilen wäre, wird jüdiseherselts die Aufsparung und Vereinigung der jeweiligen 365. und der Schalttage zu ganzen Wochen in entsprechenden Jahresintervallen angestrebt, um die Stabilität des Sabbaths zu ermöglichen. Von jüdischer Seite wurde ursprünglich das Problem der Katenderreform unterschätzt, obwohl es sich doch auf der Linie der allgemeinen Rationalisierungsströmung bewegte. Die vor einigen Jahren erfolgte Feststellung deS Speziaistudienkomitees des Völkerbundes, die Oeffentlichkeit sei noch nicht genügend für eine Reform vorbereitet, trug noch mehr zur Verkennung der Situation von Jüdischer Seite bei, was um so weniger angebracht war, als eine Vorbereitung der Oeffentlichkeit unter gewissen Bedingungen doch nur eine Frage der Propagandatechnik darstellt. Die unangenehmen Enttäuschungen sollten dazu beitragen, an die Ablehung der Reform durch einzelne NätiönalkömiteCS, wie es z. B. Vor einiger Zeit in Holland der Fall war, keine übertriebenen Hoffnungen zu knüpfen. Nun ist aber die Kalenderreform sin sehr heikles Problem; ihre Auewirkung wäre nicht nur in den einzelnen Ländern, sondern auch in manchen Provinzen ein und desselben Landes verschieden, da Sie vöm Klima des betreffenden Himmelsstriches wie auch vom Fremdenverkehr des betreffenden Staates abhängt. Durch die Reformierung des Kalenders geriete der Monat Mai in eine kältere Periode, da der 1. des Monats dem heutigen 22. oder 23. April entspräche; der 19. Mai wäre astronomisch mit dem heutigen 6. oder 7. Mai identisch und der 23. Mai entspräche dem 14. oder 15. Mäi des gegenwärtigen Kalenders. Der Mai würde also in einer Anzahl von Ländern seines berühmten Zaubers zum Teil entkleidet und die psychische Einstellung zu diesem Monat müßte sich demgemäß ändern. Der Sommerverkehr zum Beispiel, der in vielen Ländern am 15. Mai des heutigen Kalenders einsetzt, dürfte wohl am 18. des neuen Kalenders, da man noch recht unter dem Eindruck des Aprilwetters stünde, nicht beginnen; am 23. des neuen Kalenders, der immer auf einen Montag fiele, auch nicht, konnte aber sogar am vorangehenden Sonntag, am 22. Mai, gleichfalls nicht eröffnet werden, da es so nahe zum 1. Juni wäre, daß dis Urlaubsreisen von selbst sich auf den 1. Juni (dem heutigen 20, Oder 21. Mai entsprechend) verschieben würden, was aber eine Kürzung mancher Sommersaison bedeuten müßte. Nicht unerwähnt soll es bleiben, daß der 22. auch kein markanter Tag wäre, wie es der 1. und 15. eines Monats sind. Aufgabe der Juden wäre es nun, in die verschiedenen Natlonalkomltees, die in sämtlichen Staaten zur Bildung gelangen oder gelangt sind, Personen zu delegieren, die ln den mit der Kalenderreform in Zusammenhang stehenden Fragen gut bewandert sind, um zu den Vor- und Nachteilen der Reform überhaupt und der Schaltwoche vom Standpunkt der betreffenden Nationalwirtschaft Stellung nehmen sowie gründliche Vergleiche zwischen Blankotag und BlanköWOOhi ziehen zu können. Sie sollen auch trachten, die Interessen der betreffenden Wirtschaft und der von Ihnen vertretenen Juden in Einklang zu bringen. In Sachen der Kalenderreform habe ich bereits im Interesse der wirtschaftlich bedrohten Kreise und zur Vermeidung von Konflikten eine Reihe von Anregungen und ^««Schlägen gemacht, darunter einen scheinbar etwas gewagten: die Einführung eines «Provisoriums». Dieser Vorschlag lautet: Der geplante Reformkalender mit Blankotag Auch Qualitätsschuhe sind billiger geworden. Schuh- Dom bringt Jetzt reizende Frühjahrsmodelle für Damen in feinster Ausführung und Qualität In echt Eldeohs, Krokodil, Ia Chevreaux usw. zu bedeutend niedrigeren Preisen als früher, Eine fabelhafte Auswahl findet auch der Herr In rahmengenähten Schuhen auf neuen Lelstenformen von S 28.80 aufwärts. Es liegt ln Ihrem Interesse, sich von dem günstigen Angebot zu überzeugen. Sdiuh'Dorn UU W«nis>tfaw<ar®s»*«a 0 m Ist quasi ein Futurismus, zu dem sich nicht alle bekennen Wollen und können; dagegen ist der gregorianische Kalender ein Anachronismus. Die Reform müßte ein Heer von wirtschaftlich Geschädigten und Unzufriedenen (sabbäth* treuen Elemente und die mit ihnen aus Toleranz oder anderen Gründen Sympathisierenden; Konservative anderer Konfessionen; sonstige Gegner) schaffen und würde möglicherweise sogar sehr ernste Folgen rtaeh sich ziehen, da eft hicht einfach anzunehmen ist, daß die mohammedanischen Massen, mit Ausnahme der Türken, einen beweglichen Freitag akzeptieren würden. Ferner: die bisherigen sprunghaften Neuerungen auf technischem Gebiete lassen es nicht ausgeschlossen erscheinen, daß Probleme, deren Lösung eine Völlige Revolution in der KraftgewinnuHg Und der Wirtschaft bedeutete, wirklich in nächster Zeit gelöst werden und daß Sogar Umwälzendes aut dem Gebiete der technischen Uffi- WÄlzUrigfen eintfötlrl Wird. ln diesem Fälle müßte die InstitUtibH der Ruheühd Arbeitstage einer gründlichen Revision Unterzogen werden, d. h. der Kalender, den matl vielfach als ewigen bezeichnet, geriete Wieder, wenn auch nicht in der Häliptatruktur, SO doch ih mancher Beziehung ins Wankeh. Es ist also einerseits eine Frage, bb tnan in aller Eile für das Jahr 1933 den Beginn einer radikalen Reform festsetzett Söll; anderseits aber braucht der in Kälehderfragert radikale Teil der gegenwärtigen Generation aus Rücksicht auf die Mitmenschen und auf Grund zu erwartender technischer Umstürze, die auch Ausbleiben können, durchaus nicht auf Gegenwartaerfordefnisse ganz zu verzichten. Es wäre daher vielleicht vorteilhaft, einen Mittelweg zu suchen: Die allerwichtigste Forderung im Programm zur Rationalisierung des Kalenders, das Dreizehn-Monate-Jahr, gegen das allein doch kein starker Widerstand erhoben werden dürfte, durehauführen und die Frage dar Blankotage und der Fixierung des Osterfestes vorläufig auszuscHälteh, somit also eine Blankowoche ein2üführen» Für den Pall, daß die radikalen Forderungen alles zum Scheitern bringen sollten, wäre der Schaden Immehs und die Atmosphäre durchaus nicht friedlich. Die Ausschaltung dieser Forderungen, welche die konfessionellen Widerstände beseitigte, ermöglichte es wohl, im Jahre 1033 die neue Kalenderära einzuleiten. Eventuell ließe sieh später, bei allgemeiner Zustimmung, Ohne Schwierigkeiten das Osterfest fixieren. Die Fixierung könnte auch auf der betreffenden Konferenz als Eventualforderung aufgestellt werden. Man sollte nicht vor einem «vorläufigen Kalender» zurückschrecken. Das Dfeizehn-Mörtate-Jahr würde ln vieler Hinsicht derart mit der Vergangenheit brechen, daß ein neuerlich geänderter Kalender, dessen Hauptstruktur dieselbe bliebe und der nur kleine Veränderungen erfahren würde, unschwer zu ertragen sein dürfte, Einige Staaten, Rumänien und andere! haben erst vor kürzer Zeit den Julianischen Kalender aufgegeben, wobei 13 Tage übersprungen und die Feiertage verlegt wurden. Und das sind nicht die ausschließlichen Veränderungen. Ein «Provisorium» könnte daher erwogen werden, Es wäre dies eine von vielen Seiten zu akzeptierende Formel. Den Verfechtern des Blankotages (zu denen auch die großen Wirtschaftskapitäne zählen), die nicht gerne vor döh Vertretern der Konfessionen kapitulieren möchten, böte Sich die Möglichkeit, Sieh Vorläufig zurückzuziehen, wenn der Ausdruck hier angewendet Werden darf, «unbesiegt», Während die Vertreter der Konfessionen derzeit keine Ursache hätten, gegen die Reform anzukämpfen. Von tiefem Schmerze gebeugt, geben wir Nachricht von dem Ableben unseres iflnigstgeliebten Sohnes, Gatten, Vaters, Bruders, Schwagers und Önkeis, des Herrn Adolf Bralnln SenioreHef der Firma Gebrüder öfainin, welcher Montag, den 11. Mai 1Ö31, im Alter von 40 Jahren, nacn schwerem, qualvollem, geduldig ertragenem Leiden aus dem Leben geschieden ist. Die Beerdigung des teuren Dähingeschiedenen fand Mittwoch, den 13. Mai, 12 Uhr vormittags, vom Zentfalfriedhof, IV. Tor (Neuer Friedhof) aus, statt. Anna Brairtiti als Miltter. Norbert, Hugo und Kettle Söffe ßralnld als Kinder. als Gattin. Sälamon BraiHlH, Max Braifün, Leo Bralnln, Dora Uebermann, geh, Bralnin, als Geschwister. Sophie Bralnin, geb. Hecker, als Schwägerin, Sämtliche Tanten, Onkel, Nichten und Neffen. Wien, den 12. Mai 1931. Beginn der Genfer Kalenderrefofttl* tagung am 8. |unt Am 8. Juni beginnen, in Genf die Beratungen einer Vorbereitungskommission, die zum Zwecke des Studiums der Kaienderreform eingesetzt wurde. Die Kalenderreform bildet bekanntlich einen Punkt der Tagesordnung der Vierten allgemeinen Konferenz für Verkehr und Transit, die am 26. Oktober in Genf eröffnet wird. Die Hauptaufgabe der Kommission besteht darin, auf Grund der Memoranden, die die auf Beschluß des Völkerbundes von den Regierungen der einzelnen Länder eingesetzten Studienkomitees abgefaßt haben, einen Bericht an die Konferenz auszuarbeiten, in dem di# Stellungnahme der einzelnen Landeskomitees zu dem Problem dargelegt werden soll. In Völkerbundskreisen ist tiiärt der Ansicht, daß die Kommission Vertretern vön Gruppen, die am Kaleiiderreformpfoblem interessiert sind, auf dlrln Verlangen Gelegenheit geben wird, ihren Standpunkt mündlich darzulegen, so daß auch die Vertreter der jüdischen religiösen Interessen Gelegenheit haben werden, ihren Standpunkt bezüglich der Einführung eines Blahkötages zu präzisieren. «Manchester Guardian» veröffentlicht einen Brief dis Sekretärs des amerikanischen Landösköfrtitees für die Vereinfachung des Kalenders, Ö. N. ßölbert, in dem Zu den Vön jüdischer Seite gegen die Kalenderreform erhobenen EiriWättden Stellung genommen wird. Nach dem neuen Kaiinder« heißt es in dem Brief, würde der jüdische Sabbath in jedem Jahre auf einen anderen Wochentag fallen. ES wäre für die Sabbathhaltenden orthodoxen Juden natürlich viel schwerer, den Sabbath etwa an einem Donnerstag oder einem Freitag zu feiern. Wenn die orthodox-rabbinische Einstellung als notwendig für den Bestand der jüdischen Religion aufrechterhälteft werden sollte, wäre die große nlchtjüdisehe Bevölkerung genötigt, dies entweder unberücksichtigt zu lassen oder jede Hoffung aufzugeben, jemals die Segnungen eine» international feststehenden Kalenders zu genießen. Antisemitismus in aller Welt Weiter« Friedhofaschfindiiiigefl Berlin, 7, Mai. (j. T. A.) Auf dem über 15Ö Jahre alten Israelitischen Friedhof in Dransfeld (Hannover) wurden, vermutlich ln den Östertagen, 12 Grabsteine umgeworfen. Der Friedhof ist bereits 1924 einmal geschändet worden, ohne daß es damals gelang, der Täter habhaft zu werden. Wie dem Central-Verein weiter mitgeteilt wird, lat die Tannenhecke, die den israelitischen Friedhof in Freietett (Baden) umzäunt, von zwei 16jährigen Burschen in Brand gesteckt worden. Der Haupttäter ist ein eifriger Anhänger der Nationalsozialisten. Wirth für strengste Bestrafung: von Friedhofsschändem Berlin, ö. Mai. (J. T. A.) Der Reichsinnenminister hat ln der Frage der Verhütung der Schändung von Friedhöfen folgendes Schreiben an die Landesregierungen gerichtet: «Nach tuverlässiger Mitteilung sind im Deutschen Reich ln den letzten Jahren nicht weniger als 100 Fälle von Schändungen jüdischer Friedhöfe vorgekommen. Unter Hinweis hierauf darf ich den Landesregierungen erneut nahelegen, die Landesbehörden anzuweisen, um die Aufklärung und Verfolgung von Störungen des Gräberfriedens nachdrückiichst bemüht zu sein. Ich halte schärfstes Einschreiten gegen solche verabscheuungswürdige Straftaten für nötig und bin nach den Erfahrungen der letzten Jahre der Auffassung, daß es nicht möglich lat, ihnen ohne empfindliche Strafen mit Erfolg zu begegnen.» Die antisemitische Bewegung ln Mexiko Mexiko City, 7. Mai. (J. T. A.) Die antisemitische Bewegung In Mexiko greift immer weiter um sich. Die in den jüdschen Kreisen Infolge der Vertreibung der jüdischen Händler von den Märkten in Mexiko City herrschende Erregung wurde durch ein neues Ereignis gesteigert. In einer Schule der Stadt Mexiko City wurde der aus Rußland stammende 12jttbrige jüdische Waisenknabe Boris Rabinowitz von einem mexikanischen Mitschüler niedergeschossen. Von mexikanischer Seite wird behauptet, daß es sich um einen unglücklichen Zufall handle. Die Lage der von den Märkten vertriebenen jüdischen Händler hat eine neue Verschärfung erfahren. Es wird ihnen nicht nur der Zutritt zu den öffentlichen Märkten, sondern auch die Errichtung von Ständen in gemieteten Hallen verweigert. Auch in anderen mexikanischen Städten wurden dlt jüdischen Händler von den Märkten ausgeschlossen. Der Präsident von Mexiko beteiligt sich an einer antisemitischen Kundgebung New York, 6. Mal. (J. T. A.) Nach der Vertreibung der jüdischen Händler von den Marktplätzen in Mexiko City, haben die mexikanischen Markthändler eine Versammlung abgehalten, an der etwa 5000 Personen teilnahmen. Es wurden heftige antisemitische Reden gehalten, in denen die Deportierung der Juden aus Mexiko gefordert wurde. Der Präsident der mexikanischen Republik, Rubio, der ebenfalls b«f dieser Versammlung anwesend war, zollte den Ausführungen der antisemitischen Redner Beifall. Einer der Redner richtete an den Präsidenten den Appell, «die Jüdischen Herzen mit der mexikanischen Flagge zu durchbohren». Nazlmanleren eines sozialdemokratischen Abgeordneten Berlin, 10. Mai. (J. T. A.) Ein ganz ungewöhnlich« Vorfall kam am 0. Mai im Preußischen Landtag zur Sprache« Das Judenbuclk von Jkiltm JKaftanc Berlin, 1931. Tiergarten-Verlag Ü. m. b. H , KurfUrstenstraße 124. Preis 2.85, erhältlich in jeder Buchhandlung oder direkt vom Verlag. mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmrnmm