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Die Stimme · 1931-05-14 · Heft 175 (14.5.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 175 (14.5.1931)
Date
1931-05-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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OIE STIMME Seite 3 Nf. 175 — 14. Mai 1931 3« ftoat! beginnen (Sie, elje e§ au fjDät toirb, burdj 9t a b i o f II c r t rt, bie [eit $a§ren ax.$t* Xtd) empfohlenen, frei berläuftidjen Tabletten, ©enommenfjeü:, $opf[äjmeraen, <2d)lutnbel* gefüljl, Cljrenfaufen, gtdjtifdje unb rljeumatifdje ©efdjtrerben linbern. ®a§ robium# haltige 9tabioffIerin erhält bie Slbern elaftijdf), e§ betoirft eine ©etbünnung te§ 93Iute§, berhinbert ßalfablagerungett in ben SBIutgefäfeen, öeförbert bie ©lutgirfulation unb er* hält baher bie unberminberte 9lrbeit§!raft £>i§ ini fiolje üllter. Dtabiumgeljalt luirb amtlich überprüft, ©eneralbepot unb füuSfunft: Hpot^ete 95 a tj e r, SBien, 1. SSegirl, SBoHgeile 13. Sßcofpefte grätig unb franlo. Der Jude Sigmund Freud Von Nervenarzt Dr. E. G u t h e i 1. Professor Freud ist 75 Jahre alt geworden. Sein Lebenswerk, die Psychoanalyse, einst bekämpft und verlacht, hat inzwischen kraft der tiefen Wahrheit, die ihr als Naturwissenschaft innewohnt, obgesiegt und sich auf der ganzen Erde durchgesetzt. Freud ist ein Markstein in der Geschichte der Medizin und in der Psychologie geworden; es gibt heute eine Psychologie bis Freud und eine seit Freud. Er begann seine medizinische Laufbahn als Psychologe, befaßte sich später mit der Hirnanatomie und kam um die Achtzigerjahre nach Paris zu dem berühmten Nervenarzt C h a r c o t, der sich damals mit den Untersuchungen der Hysteriefrage und des Hypnotismus beschäftigte. Charcot forschte den seelischen Zusammenhängen bei der Hysterie nach und bereitete so jenen Umschwung in der damals rein organisch eingestellten Medizin vor, der sich später unter dem Einfluß der Lehren Freuds vollzog. Entscheidende Bedeutung gewann für Freud seine Beziehung zu dem Wiener Arzt Josef Breuer, der die Hypnose zur Behandlung der Hysterie in einem eigenen Sinne gebrauchte. So heilte er ein gelähmtes hysterisches Mädchen, indem er es veranlaßte, in hypnotischem Zustande Erinnerungen an gewisse Erlebnisse wiederzugeben («abzureagieren»), die zu ihrer Erkrankung geführt hatten. Dieses Verfahren eignete sich Freud ursprünglich an, gab es aber später auf und ersetzte (angeregt durch die Versuche des Parisers B e r n h e i m) die Hypnose durch den Kunstgriff der freien Einfälle; einer Art erweiterter Beichte, die der Wiedererweckung vergessener («verdrängter») Erlebnisse dienen sollte. Im Laufe der späteren Jahre schuf er mit seinen grundlegenden Erkenntnissen über die Traumsymbolik, die «Ueb ertragen g» Und den «Widerstand», das Gerüst der heutigen Psychoanalyse. * Mit der Psychoanalyse beginnt ein neuer Abschnitt der Medizin und der Geisteswissenschaften. Indem Freud der damaligen oberflächlichen Seelenkunde eine Wissenschaft der Seelentiefe hinzufügte, gab er den Aerzten die Möglichkeit, bisher unheilbare, weil unverstandene, nervöse Erkrankungen zu heilen. Er zeigte darüber hinaus gewisse Aehnlichkeiten SPEZIALGESCHÄFT Neue Rackets u. Bälle in großer Auswahl besonders preiswert A:fa warden b. Zunahtuvg gefion neue um^efausenf. Wanig gespielte ,,Dunlop“-8älle S 3*— und 6 - pro Kanon (6 Stück) M WIEN, VII. I KIRCHENGASSE 28 Reparaturen raich u. gewissenhaft Der Mensch ist gut Von Sem Wolf. Vor zehn Jahren, am 1. Mai 1921, zur Zeit der ersten großen antijüdischen Unruhen in Palästina, wurde er von einer wilden Horde verhetzter Araber hingeschlachtet. Als man seine Leiche fand, war sein rechter Arm ausgestreckt und seine Faust zusammen* geballt, als wollte sie noch in der Todesstarre die blutrünstigen, bis an die Zähne bewaffneten Mörder bedrohen. Vor zehn Jahren starb Josef Chaim Brenner einen gräßlichen Tod, der seinem trüben und schweren Leben ein jähes Ende bereitete. Trübe und schwer war sein Leben. Doch groß. Groß und unvergeßlich-bleibend wie seine Werke, seine mit Herzblut geschriebenen Bücher, wie sein eherner Wille und unbeugsamer Glaube an die Güte des Menschen und an die Zukunft der Menschheit. Bienner war eine Gestalt, zu der die Pionierschaft Palästinas wie zu einem höheren Wesen aufblickte Sie sah in ihm mit Recht trotz oder gerade wegen seiner Bescheidenheit den wahren geistigen Führer einer mit Gott, mit Schicksal und mit sich selbst ringenden Gemeinschaft, den Wegweiser zu einem höheren Menschentum. J. H. Brenners Leben war eine grau-traurige Sinfonie von Elend, geistiger Not, inneren Kämpfen und Paradoxen. Er war ein Mensch und liebte den Menschen. Nahm ihn so wie er ist, mit all seinen Schwächen, Fehlern und Irrtümern — fühlte er doch In sich selbst den Schmerz der Widersprüche. Sein Herz war zerrissen, nie kam es zur Ruhe, nie konnte es sich in der Behaglichkeit eines Kompromisses sonnen. Blutend, verwundet barg es aber in sich den Willen zur Güte, die Verachtung der Feigheit und den mutigen Glauben au das Kommende. Brenner schrieb keine Romane im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Er war kein LHerat mit überreicher Phantasie und Freude am Schaffen. Seine Werke sind nichtretouchiwt* Momentaufnahmen von in dem Getriebe des kranken und des gesunden Seelenlebens auf und wies so die Wege zu einer neuen Menschenkunde. Sein Forscherdrang, sein Bedürfnis, das Geheime im Menschen bedingungslos zu enthüllen, hat ihm auch heftige Angriffe von seiten der Mucker aller Schattierungen eingetragen. Gleichsam, um zu beweisen, daß der Mensch die sittliche Kraft aufzubringen imstande ist, das Wissen über sein Unbewußtes zu ertragen, hat Freud in seinem Werke über die Traumdeutung die eigenen Träume mit einer beispiellosen Offenheit analysiert. Er tat dies auf die Gefahr hin, sich «als einzigen Lumpen in einen Kreis von lauter fehlerlosen Mustermenschen» gestellt zu sehen. Seine in dem obgenannten Werke niedergelegte Symbollehre wurde zur Grundlage für das Verständnis des Traumes, des Unbewußten, des Wahns, sowie einer Unzahl von Aeußerungen des Kultur- und Sittenlebens der Menschheit. Das Lehrgebäude Freuds ist noch nicht in allen Punkten gefestigt und in mancher Hinsicht anfechtbar, kann aber auf die Dauer auch von jenen nicht übergangen werden, die Freud nicht in allen Fragen Gefolgschaft geleistet haben. Von den Schülern, die sich infolge geringer oder größerer Meinungsverschiedenheiten vom Meister Freud getrennt und eigene Schulen gegründet haben (Adler, Jung, Stekel), betreibt nur Freuds ältester Schüler, Stekel, mit aller Hingabe das Verfahren der Psychoanalyse, wenngleich unter Anwendung einer geänderten Technik. * Freud ist Jude. In ihm feiert die gesamte Judenheit einen ihrer Größten. Für ihn, der, ähnlich wie Einstein, in einer teils judenfeindlichen, christlichen, teils dem Judentum entfremdeten deutschjüdischen Umgebung lebte, war der «Weg als Deutscher und Jude» niemals problematisch. Vielleicht hatte ein Vorfall, der sich in Freuds Kinderjahren ereignete, auf seine Beziehung zum Judentum entscheidenden Einfluß. Er ging einst mit seinem Vater spazieren, als ein Christ auf den Vater zutrat und ihm den Hut vom Kopfe schlug. Der Knabe, der bis dahin in dem strengen Vater die Verkörperung aller Machtwürde sah, war bis ins Tiefste getroffen, als er merkte, daß der Vater, statt die Frechheit gebührend zu beantworten, sich bückte und den Hut wortlos aufsetzte... Freud hat vor dem Antisemitismus seither niemals die Waffen gestreckt, auch nicht vor jenem Antisemitismus, der sich der Larve des westlichen Europäertums bediente. Sich seiner Sendung bewußt, ging er trotzig erhobenen Hauptes seinen Weg; den Hut ließ er sich von Niemandem vom Kopfe schlagen. seinem eigenen Leben oder vom inneren Leben der Außenwelt. Das Wort war für ihn nie Selbstzweck, immer nur Weg — das Buch kein J’art pour l’art- Produkt, sondern notgedrungener Ausdruck unwiderstehlichen inneren Zwanges. Er schrieb, um zu zeigen, er schuf, um die Wunden zu entblößen und dadurch den Pfad zu einer höheren Art des jüdischen Menschen zu weisen. «Aus trübem Tal» kam er und in «Trostlosigkeit und Sturz» endete er. Das sind die Titel seines ersten und seines letzten Buches («Meemek Achör» und «Schechol we’Kischalon»). Und was dazwischen in seinem Leben und in seinem Schaffen lag, das hieß: «Winter», «Von da und dort», «Rings um den Punkt», «Jenseits der Grenze». Zeugen nicht schon die Titel dieser Bücher von der inneren Verfassung des Autors, von der bleiernen Schwere, die ihm den Horizont verdunkelte? Und doch lebte in ihm und fand Ausdruck in seinen Werken, wie Phönix immer aus der Asche erstehend, der optimistische Glaube an das Gute und Schöne, das «af al pi chejn» — jüdisches Pendant des lateinischen «contra spem spero» —, das glückselige kindliche Lächeln hinter der Träne. Ein Mensch, dessen Leben das eines Hiob war, der von Schicksalsschlägen wahrhaftig nicht verschont blieb, der in wilder Verzweiflung schwer um jede Erkenntnis ringen mußte, spendete Glauben und tieferes inniges Glücksgefühl. Grau, schwer war sein Leben und doch mannigfaltig. Mit 14 Jahren schon schrieb er gute hebräische Gedichte. Und dann war er in wildem Durch- und Nacheinander Jeschiwaschüler, Thorarollen. Schreiber, Revolutionär, heimatloser Emigrant und Wanderer ... Im jüdisch politischen Leben begann ei als Bundist und endete als Zionist in Palästina, ln Rußland geboren, trieb er sich jahrelang in ganz Europa herum. 1905 tauchte er in London auf, wo er seine hebräische Zeitschrift «Hameorer» herausgab. Wie Brenner arbeiten konnte, wenn er von einer Idee besessen war, beweist dia Tatsache, daß er damals In seiner Selbstdarstellung (Verl. Meiner, Leipzig, 1925) sagt er: «Die Universität, die ich 1873 bezog, brachte mir zunächst einige fühlbare Enttäuschungen. Vor allem traf mich die Zumutung, daß ich mich als minderwertig und nicht volkszugehörig fühlen sollte, weil ich Jude war. Das erstere lehnte ich mit aller Entschiedenheit ab. Ich habe nie begriffen, warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man zu sagen begann: Rasse, schämen sollte. Auf die mir verweigerte Volksgemeinschaft verzichtete ich ohne viel Bedauern.» * Der jüdische Wesenszug der Freudschen Psychoanalyse ist so unverkennbar, daß ein witziger Kritiker einmal über dieses Verfahren die Bemerkung machen konnte: «Das Judentum hat sich der Beichte bemächtigt». Und in der TatI An Freud ist alles in bestem Sinne jüdisch. Der Geist und der Sinn seiner Lehre; der Freimut und der sittliche Ernst, mit dem er die Fragen des Geschlechtslebens erörtert, der vielleicht nur im Talmud seinesgleichen hat; jüdisch ist seine Art Träume zu deuten, jüdisch seine Sendung. Neben den ‘Lehren des Juden Marx, der den Weg zum Glück der Menschheit in der Gleichstellung der Menschenschichten sah; neben der Bemühung des Juden Z a m e n h o f, mit Hilfe einer gleichen Sprache die leidenschaftlichsten Gegensätze in der Menschheit auszugleichen und das gegenseitige Verständnis der Völker anzubahnen; neben dem Juden Hertz, dessen umwälzende Versuche den völkerverbindenden Funkspruch ermöglichten, leuchtet die Leistung Freuds, der uns gelehrt hat, uns in unserem tiefsten Wesen zu verstehen, um durch solcherart Selbsterkenntnis auch zu Mittwoch, den 20. Mal 1931, y28 Uhr abends, spricht im Festsaale des Hotel Continental, II., Taborstraße 8, Ing. S. Kaplanshy Mitglied der Zion. Exekutive, über das Thema: «Die landwirtschaftlichen und politischen Grundlagen des Palästinaaufbaues». Kartenvorverkauf zum Preise von S 1.—, 1.50, 2.—: Poale Zion, II., Blumauergasse 1, Ziori. Büros, 1., Kärntnerstraße 28, Bücherstube M. Rath, II., Taborstraße 20. in einer~Person Chefredakteur, Verwalter, Setzer und Kolporteur seines Blattes war. Als Publizist und Literarkritiker hatte Brenner eine intransigente Art, gegen Kompromisse, gegen Spießbürgertum, gegen moralische Feigheit und Gefühlsduselei zu kämpfen? wenn es galt, konnte er anderen gegenüber genau so hart und rücksichtslos sein, wie er es sich selbst gegenüber war. — Die Krone seines Schaffens ist sein in Palästina verfaßter Roman «Trostlosigkeit und Sturz», dessen Held Jecheskiel Chejfec — als Schlüsselperson ist unschwer Brenner selbst zu erraten — eine nachhaltige Wirkung auf das junge palästinensische Schrifttum und die Generation der Piom'ere ausübte. Knapp vor seinem Tode veröffentlichte Brenner eine kurze Skizze, in der er über eine Begegnung mit einem arabischen Kind erzählt und die in der Grundidee kulminiert: Brüder sind wir alle und der Mensch Ist gut. In seinem Buche «Mikan umikan» ist unter anderem auch sein lange vor dem Tod geschriebenes literarisches Testament enthalten, dem ebenfalls der Glaube an die Güte des Menschen zugrunde liegt» Der grausame Tod, dem er zum Opfer fiel, belehrte Brenner, daß der Bruder Mensch auch eine wilde Bestie sein kann. Paradox war das Leben Brenners, paradox auch sein Tod. Brenner starb mit geballter Faust unten in Judäa. Oben in Galiläa war einige Jahre zuvor Josef Trumpeldor gefallen mit dem Gewehr in der Hand, Aber nicht nur geographisch ist Trumpeldor der Gegenpol Brenners. Diese Beiden extrem verschieden das Leben auffassenden Juden, die doch in ihrem Wesen so nahe verwandt sind, erscheinen als polare Personifizierungen des palästinensischen Menschentums. Zwischen ihnen liegt die Realität der schwer ringenden, aber hoffnungsvollen Gemeinschaft, die mit der Waffe in der Hand bereit ist, ihr Werk zu verteidigen, die aber nie den Glauben verlieren wird an den Leitspruch: Der Mensch ist gut.

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