Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 174 (7.5.1931)
- Date
- 1931-05-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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■ - hwwiiimdi m— r, wtr tm MtmNMi Vladimir Jabotin! Ptg STIMME in Wien Jabotinsky spricht ,Wie ein Monomane wälzt er seit Jahren dieselben JlTetoheiten und besitzt doch die Magie des Führers, llrie jeder Rebell großen Formates, der mit wuchtiger pebärde gegen den Zwang der Realitäten losstürmt. Von Helsingfors über Akko bis zu den Kongressen ■Weht dieser aufbrausende Hauch des ewigen Wider- Standes, des ewigen Kampfes. Gegen die Duma, gegen ■die Türkei, gegen die Araber, gegen England, gegen die Jewish Agency und gegen die legitime Leitung. Autoritätsglaube? Legitimität? Oeffentliche Meinung? — — all diese Dinge scheinen bloß Imponderabilien zu sein, die cäsarenhaft ins Gegenteil gekehrt werden. Und wenn sich zum aufschäumenden Temperament noch die Heißglut einer prachtvollen Beredsamkeit gesellt, dann ersteht ein Volkstribun, der nach Gutdünken Leidenschaften aufzupeitschen und Logik durch Glauben zu ersetzen versteht. Und da der Glaube ln der Jugend vorzuherrschen pflegt, zittern dem Führer junge Herzen entgegen. Allerdings nur gläubige. Denn nur das Fluidum eines Glaubens vermag alle Bedenken zu unterdrücken, die die Flut der Beredsamkeit allzu sichtbar zu umgehen versucht. Gesetze und Soziologie werden mit erfrischender Leichtigkeit übersprungen, politische Realitäten durch willkürliche Kombinationen ersetzt und eherne wirtschaftliche Notwendigkeiten mit kämpferischem Pathos niedergerungen. England?, Legion? Wehrhaftigkeit? — Wie ein Lavastrom ergießt sich der Spott eines messerscharfen Kritikers über die Andersdenkenden. Weizmann? ein Pechvogel. Die Führer? — nur schlechte Advokatenl «Ich habe vorausgesagt, ich habe gewarnt und lch habe, gelitten.» Ist’s nicht ein Wahn, der leise dieses breitspurige Antlitz umschimmert? Diese blitzenden Augen,, die herausfordernde Partie des Mundes, die aus dem massigen Gesicht förmlich hinauszustürmen scheint, und die weit ausholenden Gebärden, die aus Wut, Spott und innerer Glut ruckartig hervorquellen, sind sie nur der Ausdruck einer Art Besessenheit? So blicken auch mit fiebernden Augen die Gläubigen zum Redner empor und mit einer starken Dosis von Skepsis die anderen. Lohende Begeisterung oder nagender Zweifel. Die einen ergötzen sich an der vernichtenden Dialektik, die anderen warten vergebens auf eine konstruktive, staatsmännische Weisheit Wenn gar die Diagnose richtig wäre, so fehlte vollends eine Heilmethode. Ünd die Krankheit fühlt jeder. Da kommt ein aufs Ganze losstürmender Maximalist, reißt rücksichtslos . schwärende Wunden, , auf, .und,, wenn die Realität des Lebens nach Heilung schreit, steigt bloß Begeisterung, Glaube, Spott, Wut und Temperament auf. Nur keine Beruhigung und keine Gewißheit eines neuen, besseren Weges. Der himmelstürmende Legionsgedanke, der ln einem Maulwurfskorps auf Galipoli zusammenschrumpfte, als noch England krampfhaft nach Schlachtopfern in aller Welt fahndete — das Verhalten des Rebellen, als Nordau in den entscheidenden Balfour-Tagen wie ein einsamer Löwe den Kampf gegen alle aufnahm — die Fertigung des Churchill-Weißbuches, in derselben Zeit, in der der unendlich bescheidenere Motzkin seine Unterschrift glatt verweigerte: über alle diese historischen Tatsachen hilft auch die schmetternde Beredsamkeit eines Jabotinsky nicht hinweg. Dämon Gold Irene Nemirowsky, eine junge russische Jüdin, die vorn Krieg und von der Revolution nach Paris verschlagen wurde, ist vor etwa einem Jahre über Nacht berühmt geworden: ihr in französischer Sprache verfaßtes Buch «David Golder», das bald in viele aridere Sprachen übersetzt wurde, stellte sie mit einem Maie in die Reihe der führenden Romanciers unserer Zeit. Die Vorgeschichte der Berühmtheit Irene Nernirowskys ist ein Roman für sich. Die Dichterin glaubte nicht daran,, daß ihr Buch je gedruckt werden würde. Und vielleicht nur einer momentanen Eingebung folgend schickte sie das Manuskript dem großen Verleger Grasset ein, ohne Adressenangabe und die Antwort unter poste restante erbittend. Der Verleger, der nach der Lektüre einiger Seiten des Romanes so gepackt war, daß er das Buch nicht beiseitelegen konnte, bis er es zu Ende gelesen hatte, zögerte nicht mit der Antwort: «Angenommen». Aber es vergingen Monate und der Autor meldete sich nicht. Erst als Grasset in allen großen Pariser Blättern ein Inserat einschalten ließ: Der anonyme Verfasser des Romans «David Golder» möge sich sofort melden, erschien in seinem Büro ein junge, zarte Frau: Irene Nemirowsky. Lächelnd erzählte sie, daß sie* als sie das Buch schrieb, ihr erstes Kind unter dem Herzen getragen und nach dessen Geburt an den Roman und die Einsendung vollständig vergessen hatte . . . «David Golder» ist ein grandioses Werk. Mit wahrhaft Balzacscher Wucht geschrieben, in bezug auf realistische Wiedergabe vielleicht nur mit Jean Richard Blociis «Simler & Cie.» vergleichbar, ist dieser jüdische Roman zweifellos eines der größten fipen der Gegenwart. Die Gestalt des jüdischen Wehrhaftigkeit und Staatlichkeit — dies ist der Anfang und das Ende eines allsetig machenden Credo. Und wenn diese Staatlichkeit sich nur auf jüdische oder englische Bajonette stützen kann, wenn England als kolonisatorische Macht versagen sollte, dann bleibt eben bloß das kritische Gerippe eines Revolutionärs ohne die staatsmännische Konstruktionsfähigkeit eines Führers. In Zeiten der Not, der Enttäuschung und der Erschütterung bäumt sich stets der Trotz auf, bei uns ebenso wie in der ganzen Welt. Doch wer Wunden aufzureißen versteht, der ist noch lange kein Heilkünstler. In Jabotinsky lebt seit Jahren nur ein mahnendes, schreiendes Gewissen, ohne daß der Führer auch produktiver Wegbereiter wäre. Eine Leitung vor aller Welt herabzuzerren, die man vor Jahren einfach verließ, als man eine schwere, bittere Mitverantwortung nicht weiter tragen wollte, ünd ein Kampf gegen alle Gewalten der Welt mag wohl heldenhaft dünken —- kann jedoch keinesfalls eines weisen Führertums letzter Schluß sein. Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft! Ein Schuß weniger Temperament und mehr Mitverantwortung, weniger tönende Worte und mehr erschütternde Pein eines Führers, der in die Ewigkeit hinstarrt und blutenden Herzens den Alltag meistern muß. Jabotinsky ist wohl der trefflichste Aufschrei unseres Grolles und unseres Leides. Daher das Fluidum, das ihn stets umzittert. Daher die Gefolgschaft der Unzufriedenen und der Jugend, die sich an eine starke, von Leidenschaft erfüllte Persönlichkeit klammert. Hinter dieser Leidenschaft lauert jedoch der Eigensinn eines Desperados und die Illusionsbereitschaft eines geborenen Rhetors. Das Wort vor der Tat! Wie Jabotinsky die Sprache meistert, so ward er allmählich zum Sklaven des Wortes. Das Judentum sehnt sich jedoch krampfhaft nach Taten. Wird Jabotinsky der Vollbringer sein? Hierzu ist er jedoch allzu stark von seinem eigenen Ich besessen und sein Ich bleibt bislang nur das große Versprechen einer überragenden Persönlichkeit, die allmählich vom Geist ewigen Verneinens zerfressen wird. Z. F. Finkeistein. Vladimir Jabotinskys zweiter Vortrag Sonntag, den 3. Mai, sprach Jabotinsky Jm Sopliiensaal über «Die gegenwärtige Lage im Zionismus». Hauptsächlich beschäftigte er sich mit der Frage des Klassenkampfes. Er geht von der Voraussetzung aus, daß die rasche Vermehrung der arabischen Bevölkerung eine bedeutende Erhöhung unserer Kolonisationstätigkeit verlange, wenn wir die£ Mehrheit im Lande erreichen wollen. Die zionistischen Fonds hält er trotz ihrer bedeutenden Leistungen nicht für fähig, hunderttausende Juden ins Land zu bringen. Eine langsamere Kolonisation hält er angesichts der raschen Vermehrung der Araber für zwecklos. Als geeignetes Mittel, die Kolonisation in schnelleren Gang zu bringen, erscheint ihm das jüdische Kapital, das er durch Ermöglichung größerer Rentabilität ins Land locken möchte. Die schwere Lage kann — der Meinung des Revisionistenführers nach —■ nur durch die Ausschaltung des Klassenkampfes in Palästina gelindert werden. Dieses Programm ist eine Nachahmung des italienischen Faschismus. Eine Erörterung über Wert oder Unwert der Menschen, der, aus armseligen Verhältnissen stammend, Reichtum und Ansehen erwirbt, nur für das Gold lebt, Gold zusammenrafft, vom Golde berauscht ist und dann kläglich zusammenbricht, ist mehr als Einzelschicksal, ist tragischer Typus. Golders Herkunft ist jüdische Armut, Goiders Aufstieg heißt Gold, Golders Tragödie Gold, Golders Ende: jüdische Armut. Ein Jude aus dem Osten, in die Weltstadt gekommen, in der Weltstadt groß ge* worden, geht ah Mängel von-Liebe zugrunde. Esis.t dies ein Motiv, das auch von-Stefan Zweig in einer seiner Novellen (im Buche «Verwirrung der Gefühle») großartig behandelt wurde. Der Unterschied von Zweig und Nemirowsky ist aber: bei dem deutschen Novellisten buntschillernde Pracht des Wortes, zarte Pointierung, impressionistischer Stil; bei der französisch-jüdischen Schriftstellerin: Kraft des Ausdrucks und des Aufbaues, epische Gestaltung und bezwingender Realismus. Durch seine Frau, eine Vampgestalt, rücksichtslos ausgenützt und bis .aufs Blut gepeinigt, um seine einzige große Liebe zur Tochter Joyce, die nicht seine Tochter ist, betrogen, von Menschen umschmeichelt, die ihn nicht lieben, bleibt er plötzlich an der Lebenswende stehen und spürt das Grausamste: eisige Einsamkeit. Eine Tragödie, die durch das Zurückfinden in das einstige Milieu, in die trauliche Wärme der jüdischen Armut, kaum gelindert wird. Niin ist dieses Buch verfilmt worden, lind denjenigen, die bisher keine Gelegenheit hatten, Nemirowskys Roman zu lesen, wird die Möglichkeit geboten, Golders Schicksal im Film mitzuerleben. Es sei yorweggenommen: dieser Film ist ein Kunstwerk, das himmelhoch über die durchschnittliche Produktion hinausragt. Er ist keine Verfilmung schlechthin, sondern eher eine filmisch-kongeniale Nachdichtung, Seite S Direkte Eillinie TriestJaffaHaifa mit den vorzügL Salonschiffen „Adria“, n. „Catnaro“ des Lloydr* " Fahrtdaucr bloß 41/, Tage Fahrpreis: I. Kl. £ 22.—.—; II. Kl, £ 15.-.-; III. Kl. £ 6.-.- inkl. Bett unu Verpflegung Feraer Exprefil iniED dich Stam üo i . fiegyaten. ladlen. Cbi na and Jii» Auskünfte: Lloyd Triestino Wien, I.JämMng 6 LSI faschistischen Theorien gehört nicht in diese Spalten. Aber eines muß festgestellt werden: zur Ausschaltung des Klassenkampfes durch ein Schiedsgericht, das zu dem Zwecke geschaffen wird, um die Anlage von Kapital rentabler zu gestalten, kann die Arbeiterschaft nur durch Gewalt genötigt werden — selbst wenn sie noch so opferwillig ist. Karabinieri hat das jüdische Volk aber nicht zur Verfügung. Unsere Arbeiter haben die Trockenlegung von Sümpfen mit ihrer Gesundheit und ihrem jungen Leben bezahlt. Wir können zu der Opferwilligkeit dieser Menschen unbedingt das Vertrauen haben, das ihnen gebührt. Sie werden weitere Opfer bringen. Ihnen jedoch Vorschriften zu machen, dazu ist niemand berufen. Ihre Institutionen zu bekämpfen, hieße aber den Klassenkampf verstärken, nicht ihn vermindern. Wenn wir uns vor Augen halten, daß jede. Panikstimmung ungerechtfertigt erscheint, werden wir erkennen, daß einzig Arbeit für die Fonds uns langsam, aber mit Sicherheit vorwärts bringt. Privates Kapital ist unserem Aufbau gewiß vonnöten. Wir haben aber leider nicht immer die Gewißheit, daß es für und nicht gegen uns arbeitet. Der jüdische Kolonist, der keine jüdischen Arbeiter beschäftigt, ist uns eine traurige Lehre. Wenn wir unsere nationalen Institutionen in Palästina so stärken, daß sie in der Lage sind, die jüdische Wirtschaft zu kontrollieren — und dies wäre zum größten Teile gewiß möglich — so wird uns die Wirtschaft das Land erobern und einer Masseneinwanderung erschließen. F. M. Kraus. SPEZIALGESCHÄFT Neue Rackets u. Bälle in großer Auswahl besonders preiswert Alte werden b. Zuzahlung gegen neue umgetauschf. Wenig gespielte „D un io p“-Bälle S 3"““ und 6'— pro Karton (6 Stäck) WIEN, VII. KIRCHENGASSE 28 Reparaturen ratch u. gewissenhaft wie wir sie sonst bei verfilmten Büchern nur selten finden. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Filmkunst von heute nicht immer den Namen Kunst verdient. Allzuviel Konzessionen macht sie dem ungeistigen «Geschmack» des Publikums, allzuoft berücksichtigt sie bloß das Ertragsmoment, allzuselten ist sie ein Ausdruck des Strebens nach echter Kunst. Der Film «David Golder» bildet eine Ausnahme. Er ist von der ersten bis zur letzten Szene wahrhaft künstlerisch. Die großzügige, auch die feinsten Nuancen betonende Regie des Julien D u v i v i e r ist eine Leistung, die wohl geeignet ist, diesem' französischen Regisseur Weltruhm zu verschaffen. Unter seiner Leitung schuf Harry B a u r eine Goldergestalt, die an ähnliche Filmtypen Emil Jannings' zumindest heranreicht: ein eiserner Mann, den Gold äußerlich kalt gemacht hat, der aber im Herzen sich unermeßlich nach Liebe und Zärtlichkeit sehnt und in der eisigen, ihn umgebenden, von ihm selbst geschaffenen Kälte Schiffbruch erleidet. Auch die anderen Rollen, Jackie Monier als die Tochter Joyce, Jean Br ad in als ihr gigolohafter Auserwählter und Jacques C a t e 1 a i n als der wenig zartbesaitete Liebhaber der Frau verdienen Erwähnung, weniger dank ihrer persönlichen Leistungen als dank dem, was Duvivier aus ihnen herausgeholt hat. Der Eindruck des Films kann nicht so rasch vergessen werden. Und wenn er -auch vom rein künstlerischen Standpunkt besondere Beachtung verdient, so ist das noch nicht alles. Das Jüdische-, das Tragisch-jüdische in diesem Film, den Zuschauern einprägsam vor die Augen geschleudert, wirkt erschütternd: die Zertrümmerung eines Menschen durch den Dämon GoI4 & 6823