Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 173 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 173 — 30. April 193t DIE STIMME Seite S Die Stimme der jüdischen Frau Jahrgang 3, Nummer 10 VBSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSSäSSSSm Rachel Aus Palästina kommt die traurige Botschaft, daß die Dichterin Rachel gestorben ist. Rachel (Blawstein) wurde am 20. September 1890 in Nordrußland geboren; sie besuchte das russische Gymnasium in Poltawa und beendete im Jahre 1907 ihre Studien. Dann trat sie in die Malschule von Kiew ein. Zwei Jahre später, 1909, übersiedelte sie zugleich mit ihrer Schwester nach Palästina. Als die Lehrfarm für Mädchen in Kinereth gegründet wurde, trat auch Rachel, nachdem sie etwa ein Jahr in Rechoboth ihre Hachscharah gemacht und Hebräisch gelernt hatte, in die Farm ein. In dieser Zeit prägten sich ihre tiefen Beziehungen zum Lande und zur Arbeit aus. Im Jahre 1913 ging sie ins Ausland, um sich in der Landwirtschaft zu vervollkommnen; sie absolvierte die Hochschule in Toulouse. Inzwischen brach der Weltkrieg aus, und Rachel konnte nicht nach Erez Israel zurückkehren. Sie war gezwungen, nach Rußland zu reisen, wo sie als Lehrerin in den Schulen für jüdische Flüchtlingskinder wirkte. Mit dem ersten Schiff, das vom Odessaer Hafen hach Erez Israel abging, kehrte Ende 1919 auch Rachel zurück, doch ließen die Anzeichen der Tuberkulose, die sie sich im Auslande zugezogen hatte, es nicht zu, daß sie die Feldarbeit fortsetzte, und sie mußte sich in die Stadt zurückziehen. Das waren die schwersten Jahre ihres Lebens, und sie fanden den Ausdruck in ihren weichen, wehmütigen Liedern. Zu schreiben begann sie schon während des Weltkrieges, als sie ln Rußland weilte. Sie übersetzte Gedichte von Schneur und Fichmann ins Russische. Die meisten ihrer späteren Gedichte sind zuerst im «Dawar» zum Abdruck gekommen und ebenfalls im Verlage des «Dawar» erschienen auch die beiden Gedichtsammlungen «Safiach» (1927) und «Mineged» (1930). Ihre Gedichte wurden auch in der «Hatekufah», Band 25 (1929) und im Sammelbuch «Worte von Arbeiterinnen» abgedruckt. In ihrem Nachlasse finden sich noch Lieder und Prosa, weiters Uebersetzungen aus dem Russischen, Französischen, Englischen und Italienischen. Ihrem letzten Willen gemäß, der in einem Gedichte zum Ausdrucke kommt: «Wenn das Schicksal befiehlt, daß Ich fern von dir sein solle, Kinereth, So werde ich dennoch kommen, um in deinem Schoße zu ruhen» wurde sie auf dem Friedhof zu Kinereth bestattet. Am Grabe, am Kineiethsee (Zum Tode der Dichterin Rachel) Dies ist der Hafen . . Dort das blasse Segel, Das mit den Wellen spielt Und mit den Winden Wird letzten Endes Doch zum Hafen finden . . . Wird seine letzte Fahrt Zum Strande lenken Und seinen Anker ln den Boden senken . . . Dies ist der Hafen ... Hier wird unbelastet Das Sein zerbröckeln Wie die warmen Schollen . . . Her hat das große Sehnen Sich getastet: Nach diesen Schollen . , Und Morgen wirds und Nacht Und wieder Tag und Morgenzeit Und Sonnenbrand und Tau Und sturmgepeitschte Wellen, Dann wieder stilles, tiefes Blau . . . Das Einerlei der Ewigkeit Und warme, warme, ewige Schollen. Das heißt verankert sein . . . Irma Singer Daganla, am 17. April 1931 Beilage der „Stimme“ Gespräch mit Dr. Lotte Hanemann Von Dr. Martha H o f m a n n. Einen ernsten, sachlichen Menschen, eine wirtschaftlich und pädagogisch geschulte, geistige Arbeiterin, die zugleich eine genaue Kennerin nicht nur ihres engeren Arbeitsgebietes, sondern der gesamten Arbeitslage Palästinas ist, lernt man in dieser zarten, schmalen Frau mit den geistvollen Zügen von adeliger jüdischer Prägung und dem schlichtgescheitelten, kurzen, braunen Haar kennen. Dr. Lotte Hanemann stammt aus Memel in Litauen, aus russisch-jüdischer Familie, und hat den Mutterboden jüdischer Kultur niemals verlassen, auch wenn sie späterhin in Berlin und Heidelberg als Studentin der Nationalökonomie sowie als praktische Arbeiterin auf wirtschaftlichem und journalistischem Gebiete deutsche Bildung in sich aufgenommen hat. Es ist noch nicht allzu lange her — etwa 3 Jahre erst —, erzählt die Jerusalemer Delegierte in ihrer sicheren, ruhigen Art, daß sie sich entschloß, alle Halbheit der Galuth zu verlassen und nach Erez Israel zu gehen. Sie ist nicht aus der W. I. Z. O. hervorgegangen, war ursprünglich nicht durchaus auf die Frauenarbeit eingestellt, wie es heute im Wesen ihres Wirkungskreises liegt. Allerdings hat sie sich schon damals mit dem Problem der weiblichen Berufsschulen beschäftigt, ein Interesse, das noch heute im Mittelpunkt für Dr. Hanemann steht. In Palästina ergab es sich von selbst, daß sie, eine arbeitende Frau, in Kontakt mit den anderen Trägerinnen der Frauenarbeit kam, u. zw. hat sie längere Zeit der hebräischen Frauenorganisation für soziale Arbeit, Histadruth Naschim Iwrioth, nahegestanden. In richtiger Erkenntnis der organisatorischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten, vielleicht auch mit Rücksicht auf ihr Interesse für gewerbliche Frauenschuiung, wurde sie während der nahezu einjährigen Abwesenheit der Leiterin der Jerusalemer Frauenwerkstätte für Heimindustrie «Shani», die weiten Kreisen orientalischer Jüdinnen Erwerbsmöglichkeiten gibt und zugleich die Rudimente alter und wertvoller Kunsttradition unter diesen Schichten der jüdischen Bevölkerung erhalten hilft, zu deren Vertreterin eingesetzt. Nun wurde auch die Wizo, die immer mehr aktive Elemente in ihren sicfLnetzartig, ausdehnenden Arbeitsdienst zu stellen bemüht'ist, auf diese wertvolle Kraft aufmerksam. Der Schreiberin dieser Zeilen ist das Datum sehr gut erinnerlich, das den Eintritt von Dr. Hanemann als Jerusalemer Mitarbeiterin der Wizo kennzeichnet, denn von diesem Augenblicke an wurden die bis dahin nur spärlich und unvollkommen einlangenden Berichte über die Wizo- Institutionen in Palästina : mit einem Mal reichhaltig, übersichtlich, statistisch genau und zugleich voll journalistischer Wirkung. Die Leiterin des Palästina- Werkes der Wizo in Jerusalem, das bewährte Mitglied der Exekutive, Fräulein Hedwig Gellner, verfügte keineswegs über die Zeit zu ausführlichen Informationen und so war die Organisationszentrale vor der Mitarbeit Dr. Lotte Hanemanns in dieser Hinsicht sehr spärlich versorgt. Dr. Lotte Hanemann ist freilich nicht der Meinung, daß dieser Zweig ihrer Tätigkeit von besonders großem Werte sei, und sieht mit Erwartung dem Augenblicke entgegen, da sie — womöglich — im Rahmen der Wizo an der Organisierung der weiblichen Berufsschulung, der systematischen Ausbildung für Gewerbe, Hauswirtschaft, Kleiderindustrie etc. aktiv mitwirken können wird. Dr. Hanemann gehört zu jener Richtung innerhalb der Wizo, die der Meinung ist, daß über der landwirtschaftlichen Ausbildung die Schulung der Frauen und Mädchen für städtische Berufe keineswegs vernachlässigt werden dürfe und zweifellos gewinnt diese Anschauung, die. ja durchaus in das Erziehungsprogramm der Wizo eingeprdnet werden kann, mehr und mehr an Boden. Dr. Hanemann bekennt sich auch zu dem sogenannten Szoldschen Programm, worin Henrietta Szold die jüdischen Frauen der ganzen Welt dazu aufruft, das Budget für das jüdische Erziehungswesen in Palästina zu garantieren. Nicht nur die reichen Gedanken und feinsinnigen Ausführungen dieser geistvollen und hochkultivierten arbeitenden Frau aus Erez Israel, sondern auch ihr überaus klangvolles, reines baltisches Deutsch und die ausdrucksvollen Züge einer interessanten Jüdin bewlr- Bel Magen« und Darnibeschwerden, Eßunlust, Stuhl« trägheit, Aufblähung, Sodbrennen, Aufstoßen, Benommenheit, Schmerz in der Stirn, Brechreiz bewirken 1—2 Glas natürliches «Franz-Josef»«Bitterwasser gründliche Reinigung des Verdauungsweges. April 1931 ken den nachhaltigen Eindruck, den die aus reicher Kenntnis schöpfende Jerusalemer Delegierte auf alle Freunde und Außenseiter des Palästina-Werkes hinterließ. Die rumänische Wizo Von Nadja Stein Etwas über zehn Jahre ist es nun her, daß ich als Fremde, dem Erlösungswerk unseres Volkes Neugewonnene nach Bukarest kam und dort Anschluß an Gesinnungsgenossinnen suchte, die so wie ich mangelndes Wissen um Jüdisches nachhoien und dem Aufbau der palästinensischen Heimstätte praktisch dienen wollten. Spöttisch und skeptisch sah man uns zu, als wir 1920 die Jüdinnen Bukarests zu jüdischen Kulturnachmittagen zusammenzurufen begannen und unsere ersten schüchternen Geldsammelversuche wagten. Aber als ich 1924 das Land zu mehrmonatlichem Aufenthalt in Palästina verließ, da zählte unsere Vereinigung — die Asociatia Culturala a Femeilor Evree, die ACFE — schon 1000 Mitglieder, konnte auf mehrere Provinzgruppen hinweisen, bildete bereits einen Teil des Weltverbandes der WIZO, verfügte über ein klares Programm ihrer Mitarbeit am Palästina-Aufbau und vermochte mir als Beitrag für die Geflügelfarm von Nahalal 500 Pfund mitzugeben. Und heute umfaßt sie nicht weniger als 32 Ortsgruppen mit 5000 Mitgliedern und leistet so beispielgebende Arbeit, daß sie zu den vorbildlichsten W1ZO- Gruppen gerechnet werden darf. Die prickelnde Arbeitsatmosphäre, die in der Bukarester Zentrale der ACFE herrscht, ist allein schon ein Unikum, das ich in dieser Intensität sonst nur in Hadassahzirkeln kenne. Ständig ist hier das vielköpfige Komitee mit Unternehmungen und Veranstaltungen verschiedenster Art beschäftigt, die dem weitgesteckten Ziele der ACFE dienlich sein können. Immerwährend sind die Frauen darauf aus, neue Möglichkeiten und Vervollkommnungen ihrer Methoden zu ersinnen und die rasche Umsetzung in die Tat, die den sich jagenden Einfällen folgt, dies dauernde Kreisen aller Gedanken um Palästina und die Verwirklichung der übernommenen Teilaufgabe — die Errichtung der Lehrfarm von Neß Zionoah —, dieses ganze vom zionistischen Fieber beherrschte Milieu, ist unvergleichlich in seiner Art und wirkt anfeuernd auf jeden, .der in seinen Bannkreis gerät. Kein Wunder, daß sich ein Strom von Energien und Impulsen von Bukarest aus in die Provinzgruppen ergießt und auch diese zu Höchstleistungen anspornt. Nach langen Eisenbahnfahrten durch das weite und so armselig besiedelte Land begegnet man immer wieder versprengten, mühsam sich aufrecht haltenden jüdischen Gemeinden, immer wieder einer Gruppe tapferer, ergebener und rühriger ACFE- Frauen, die über die Sorgen des Alltags hinweg das Gesamtschicksal ihres Volkes im Auge behalten und unverdrossen am Palästina-Aufbau mitarbeiten. Diese ACFE- Gruppen sind es, die ein neues Geschlecht erziehen, das geistig mit dem Judentum und seiner hebräischen Kultur wieder stärker verwachsen ist; sie sorgen für die Errichtung und Unterhaltung hebräischer Kindergärten, wenden sich an die Jugendorganisationen zur Subventionierung ihrer hebräischen Kurse, beteiligen sich an der Erhaltung und nationalen Beeinflussung des jüdischen Schulwerks. Voll bewundernder Anerkennung für die tüchtige, zähe und idealistische Arbeit, die die ACFE-Frauen allerorten leisten, und dafür, wie sie diese trotz aller Zermürbung durch die schweren Zeiten mutig weiterführen, bin ich von meiner Rundreise durch vierzehn ihrer Ortsgruppen zurückgekehrt, glücklich darüber, ihnen, wie sie es mir immer wieder in warmer Dankbarkeit versicherten, neue Impulse gegeben zu haben, selbst aber von neuem Schwung für die Weiterarbeit beseelt und dadurch reich für alle Strapazen der winterlichen Parforcetournee entschädigt. Für den Schutz der Frauen und Mädchen Referat S. Cohens auf der Tagung des Völkerbundkomlteei zur Bekämpfung des Frauen« und Kinderhandels. Genf, 23. April. (J. T. A.) Am Dienstag, den 21. April, wurde in Genf die zehnte Tagung des «Komitees zur Bekämpfung des Frauen- und Kinderhandels» eröffnet. An den Arbeiten des Komitees beteiligt sich auch der Generalsekretär der Londoner jüdischen Vereinigung für den Schutz der Frauen und Mädchen, S. Cohen. ln der ersten Sitzung erstattete Generalsekretär Cohen ein Referat, das den vom Völkerbund herausgegebenen und den Mitgl edern des Komitees zugesteKten gedruc!:t?n Jahresbericht der Jüdischen Vereinigung für den Schutz der Mädchen und Frauen ergänzte. Generalsekretär Cohen hat im Jahre 1930 eine Reise nach Südamerika unternommen und sich bei einem Besuch der Städte Rio de Janeiro, Sao Am Pluff erfüll spendet jeder Jude Bäume im Chajes-Walde oder trägt seine Mutter ins Silberne Buch des Keren Kafemefh ein. Auskünfte beim Keren Kajemeth, Wien, I., Kärntnerstraße 28, Telephon R-27-3-20