Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 173 (30.4.1931)
- Date
- 1931-04-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 173 — 30. April 1931 01h STIMME S^;tn .■< Der jüdische Arbeiter in der Moschawah (Zur bevorstehenden 4. Landarbeiterkonferenz.) Von unserem palästinensischen Berichterstatter Jakob Singer. Rischon lezion, im April 1931. In Palästina steht augenblicklich die Diskussion über den jüdischen Arbeiter in der Moschawah (Kolonie) im Zusammenhang mit der bevorstehenden vierten Landarbeiterkonferenz im Mittelpunkt des Interesses. Bei dieser Gelegenheit sieht man, welche Stellung der Arbeiter in Palästina einnimmt. Der Landarbeiter ist in Erez Israel Träger einer neuen hebräischen Kultur, die führende Kraft der «Histadruth», die die Gesamtorganisation der Arbeiter in Stadt und Land ist. Es gibt eine ganze Reihe von Fachorganisationen: die Organisation der Beamten, der Bauarbeiter, der Post- und Eisenbahnbediensteten usw. Keine kommt aber an Bedeutung an die Landarbeiterorganisation heran, denn diese verkörpert den chaluzischen Flügel der Arbeiterschaft, ist die Fortsetzung des «Hechaluz» im Lande. ln dieser Organisation der jüdischen Landarbeiter Erez Israels sind nun im Laufe der letzten Jahre (die letzte Konferenz ist vor fünf Jahren zusammengetretenl) eine Reihe von Wandlungen vor sich gegangen, die gekennzeichnet sind durch die immer größere Bedeutung des Arbeiters in der Moschawah. War es noch vor fünf Jahren eine verhältnis- ' jn&ßig kleine Zahl von Arbeitern, die in dieser Landarbeiter- " . Organisation vertreten waren, so ist ihre Zahl jetzt fast versechsfacht worden, auf fast 8000 gestiegen. Vor fünf Jahren hätten noch die Meschakim den größten Einfluß ausgeübt, den aber jetzt unzweifelhaft die Arbeiter in der Moschawah gewinnen. Dies ist keineswegs eine innere Angelegenheit dieser Organisation oder der Histadruth. Die ganze zionistische ' Welt, soweit sie sich mit dem palästinensischen Leben be- - faßt, muß sich auch mit diesem neuen Problem beschäftigen, ..muß. Stellung nehmen zu den Fragen des Arbeiters in der Moschawah und darüber hinaus durch konkrete Handlungen . aktive Anteilnahme bekunden. Was .sind nun diese Probleme? Einerseits die Erwei- :. terung der Pflanzungszone in Jehuda und im Scharon, die - Intensivierung in der Bearbeitung der alten Pardessim, andererseits das Fehlen jeder neuen Kolonisation hat den Strom der Alijah in den letzten Jahren in die Moschawah geleitet. In dieser Alijah nahm die kibuzistisch organisierte - die beste Stellung ein. Ihr ist es zu verdanken, daß der junge Oleh die Schwierigkeiten der harten Arbeit im Taglohn erfolgreich überwinden konnte. Darüber hinaus hat der Kibuz dem neuen Oleh das ihm entsprechende Heim für die Zeit nach der Arbeit gegeben, und ist dieses Heim auch nicht die eigene Wirtschaft gewesen, so war es doch das eigene Lager mit gemeinsamem Eß- und Gesellschaftsraum. All das entsprang einer inneren Forderung. Der Kibuz hat nicht aufgehört, das ersehnte Ziel der chaluzisch erzogenen zionistischen Jugend zu sein. Das mögen sich alle offenen Gegner 1 und heimlichen Feinde der Kibuzbewegung vor Augen halten, ehe sie die irreale Phantastik der jungen Leute verdammen. Konnte sich der Arbeiter in der Moschawah anfänglich mit dem Gedanken des «Kibusch-Awodah» (der Eroberung der Arbeit), was notwendig mit der Herabsetzung seines Lebensstandards verbunden war, aber die Vorbedingung für sein Eindringen in die Moschawah dargestellt hat, abfinden, so lange er noch seinen Aufenthalt in der Moschawah als einen zeitweiligen betrachtete, so ist es heute, da die Aussichten auf eine neue Ansiedlung auf breiter Basis nicht sehr groß sind, nicht mehr so. Der Ai beiter in der Moschawah denkt zwar daran, einmal doch auch kolonisiert zu werden; es gibt aber heute schon große Teile der Arbeiterschaft, die das Lohnarbeitertum nicht mehr als Uebergangsstadium betrachten. Es ist klar, daß dieser Typus mit der Zeit zu einer anderen Lebensauffassung gelangen wird als das Mitglied einer eigenen Wirtschaft, oder der Arbeiter, der auf Ansiedlung wartet. Es ist auch klar, daß mit der Zeit sich auch andere Interessen entwickeln, die mit denen der auf eigenem Boden Arbeitenden in Widerspruch stehen. Darum ist die Forderung der «Linken» auf Spaltung der Landarbeiterorganisation aufs schärfste zu verurteilen und wird auch von der vereinigten Arbeiterpartei gewiß zurückgewiesen werden. Dessen ungeachtet werden die neben, anderen Interessen des Arbeiters in der Moschawah ihre Berücksichtigung finden müssen. Die Eroberung der Arbeitsmöglichkeit darf für ihn nicht mehr mit der Herabsetzung seines Lebensstandards verbunden sein, sondern muß auf dem Wege der Erstarkung der eigenen Organisation und des wachsenden Einflusses der nationalen Organe verwirklicht werden. Zusammenfassend kann also gesägt werden: der Aufbau der Landarbeiterorganisation hat unter Wahrung der besonderen Interessen der Arbeiter in den Moschawoth der gleiche zu bleiben wie bisher. Eine zweite Frage, die in der kommenden Konferenz von Wichtigkeit sein dürfte, ist die der «Lischkah»; das ist der Arbeitsnachweis der Histadruth, der an jedem Orte von dem örtlichen Arbeiterrat (der Ortsgruppe der Histadruth) eingesetzt wird und die Aufgabe hat, die vorhandene Arbeit an die vorgemerkten Arbeiter zu verteilen, entsprechend den Arbeitslosentagen, die jeder von ihnen aufweist. Die Diskussion geht nun um die Frage, ob die Lischkah auch weiterhin ausschließlich in den Händen der Histadruth bleiben oder einer anderen Form Platz machen solle. In Ihrer heutigen Form ist die Lischkah insbesondere den Revisionisten ein Dorn im Auge, die in ihr den Ausdruck der Herrschaft der «roten Histadruth» sehen und gerne an ihre Stelle eine neutrale Lischkah setzen, d. h. die Regelung des Arbeitsmarktes in die Hände einer Beamtengruppe legen würden, die nicht das Vertrauen der Arbeiter genießt. Dieser Vorschlag wird auch weiter nicht ernstlich erwogen, wohl aber ein anderer, u. zw. eine paritätisch von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammengesetzte Lischkah. Gegen diesen Vorschlag spräche nichts, wenn in diesem so geschlossenen Uebereinkommen gesichert wären: der Minimallohn von 'fchuh-tDom Wien, 2., %aborstraße 8a 3)ie Qrenze der Xeistungsfähigkeit für moderne Quatitätsschuhe Direkte Eillinie Triest-Jaffa-Haifa mit den vorzügl. Salonschilfen „Adria“, o. „Camaro“ des Lloyd Triestino Fahrtdauer bioü 41/, Tage Fahrpreis: I. Kl. s 22.-.-; II. KI. £ 15.-.- i III. Kl. £ 6.— mkl Ken um Verpflegen? : Lloyd Triestino Wien. .. ^nlneinm 6 200 Mile für die achtstündige Arbeitszeit, das Prinzip der organisierten Arbeit usw. Aber der zweite Teil stimmt diesem Uebereinkommen nicht zu, die Ikarim wollen weder von einer «Lischkah meschutefet» etwas wissen, noch von der bindenden Entscheidung in Streitfällen durch den Waad Haleumi. Eine solche Lischkah würde ja auch bedeuten, däß der Ikar die Sorge um die Arbeitsbeschaffung mittragen würde. Da er das nicht will, bleibt die Frage vorderhand bloßer Diskussionsgegenstand und Sache der Einstellung und Formulierung, ln Magdiel allerdings ist ein solches Uebereinkommen mit der Gruppe der nationalen Landwirte erzielt worden, und es wäre abzuwarten gewesen, wie sich die Dinge entwickelt hätten. Statt dessen hat sich das sonderbare zugetragen, daß im eigenen Lager der Arbeiter sich eine starke Gegnerschaft zu der gemeinsamen Lischkah herausbildet. Es wird auch in diesem Punkte Aufgabe der kommenden Landarbeiterkonferenz sein, einen klaren Weg festzulegen. Es geht ja hier nicht um einen Klassenkampf, sondern um die Frage der jüdischen Arbeit in der jüdischen Wirt- 9 Schaft, um die Ermöglichung einer neuen Alijah und die Sicherstellung und Verbesserung des Lebensstandards des jüdischen Arbeiters. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, erhält die Frage der gemeinsamen Organisation des jüdischen und arabischen Arbeiters eine ganz andere Beleuchtung. Worum handelt es sich bei dieser Frage? Wir fordern im jüdischen Pardess, ira jüdischen Kerem — jüdische Arbeit. Niemand wird die Berechtigung dieser Forderung bestreiten. Diese Forderung gäbe es aber gar nicht, wäre nicht im Lande eine große Zahl arabischer Arbeiter, die sich dem jüdischen Arbeitsgeber um die Hälfte, um ein Viertel des Taglohnes des jüdischen Arbeiters anbieten. Jede Diskussion und jeder moralische Druck muß deshalb an der harten Kante des Rechenstiftes zerschellen. Man suchte einen Ausweg und glaubte ihn darin zu finden, daß der jüdische Arbeiter auf das Lohnniveau des arabischen herabsteige. Ein solcher Weg kann auf die Dauer und kann heute nicht mehr gegangen werden. Also muß man den entgegengesetzten wählen: den arabi- Die Juden im vorislamischen Arabien Von Dr. Salomo Rappaport Es gibt wohl kaum eine Nation oder eine Kulfurgemeinschaft, mit der die Juden im Laufe ihrer jahrtausendelangen Wanderung nicht in irgendeine .mehr oder minder intensive Beziehung getreten sind. Mit keinem Volke war aber die kulturelle Berührung derart stark, die sprachliche Verschmelzung derart vereinheitlichend, wie gerade mit dem Volke der Araber, das sich durch eine unglückselige Fügung des Weltgeschehens heute der Renaissance der Juden auf ihrem Mutterboden als unnachgiebiger Feind ent» gegenstellt. Durch die geographische Nähe Arabiens und Palästinas bestanden schon in den ältesten Zeiten Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern und schon in biblischer Zeit kamen die Israeliten mit den benachbarten nordarabischen Ismaeliten in Berührung. Stammesgenossenschaft und Sprachverwandtschaft haben den Verkehr zwischen Arabern und Juden besonders erleichtert und es ist höchst wahrscheinlich, daß es schon in sehr früher Zeit jüdische Siedlungen in Arabien gegeben hat, die sich nach der Zerstörung des jüdischen Reiches, namentlich aber seit den Römerkriegen immer weiter vermehrt haben. Während wir aber aus der Zeit nach der Ausbreitung des Islams und der Araberherrschaft über einen großen Teil des von Juden bewohnten Landes zahlreiche Denkmäler arabisch-jüdischer Literatur besitzen, sind von der jüdischen Literatur im vorislamitischen Arabien, insbesondere von der jüdischen Poesie dieser Zeit, nur kleine unbedeutende Fragmente auf uns gekommen, die aber deswegen um so interessanter sind, weil sie auf eine wenig bekannte kulturhistorische Epoche der orientalischen Juden einiges Licht werfen. In Arabien lebten in vorislamitischer Zeit unter der Herrschaft von Häuptlingen freie jüdische Stämme, die gleich den arabischen Wüstensöhnen ein Leben voll von Kämpfen, Abenteuern und Zechgelagen führten. Ihre festen Burgen waren berühmt. Ein großer arabischer Dichter vergleicht seine starke und schön gebaute Kamelstute mit einem jüdischen Schloß. In einem bestimmten Landstrich besaßen die Juden nach zeitgenössischen Angaben sechzig feste Burgen, die Araber nur ein Fünftel davon. Diese jüdischen Stämme haben in Arabien eine kultivierte Bodenbearbeitung eingeführt; alle fruchtbaren Oasen Mittelarabiens waren in ihrem Besitz; sie haben die Dattelpalmenzucht durch Anlage von Bewässerungsvorrichtungen verbessert, wie sie auch nach arabischer Ueberlieferung die Araber den Weinbau ge» lehrt haben sollen. Die Beziehungen zwischen den jüdischen Stämmen und den vorislamischen Arabern waren durchwegs freundschaftlich. Die Juden übernahmen von den Arabern die arabische Sprache, die Kunstform der arabischen Dichtung und die Stammesorganisation, die Araber wiederum lernten die jüdische Gottesvorstellung und die Lehren und Erzählungen der Bibel kennen. Diese Wechselwirkung ergab eine Kunstart, die für das Leben der Juden im vorislamischen Arabien charakteristisch ist und deren hervorragendster Vertreter, Samuel ibn Adija, jüngst zum Gegenstand einer ausführlichen Monographie gemacht wurde. *) Samuel ibn Adija, der berühmteste Jude des vorislamischen Arabien, lebte um die Mitte des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts auf seinem festen Schloß in der hauptsächlich von Juden bewohnten Oase Taima, nach Mekka der größten Stadt des Hedschas. In diesem Schloß, das bei den Wüstensöhnen seiner Pracht wegen als von König Salomo erbaut galt, gewährte Samuel allen Verfolgten Schutz und Sicherheit, darunter auch dem flüchtigen Dichterfürsten der Araber,imrulk ais. Bei seiner Abreise ließ dieser in Samuels Haus kostbare Schätze und seine Tochter zurück. Die Feinde Imrulk ais' belagerten hierauf das Schloß und verlangten die *) Joachim W. Hlrschberg, Der Diwan des As-Samaual Ibu Adija. Veröffentlichung der polnischen Akademie der Wissenschaften, Krakau 193 U Herausgabe der Schätze. Sie drohten Samuel, seinen einzigen Sohn, der in ihre Hände gefallen war, umzubringen, falls er ihren Wunsch nicht erfülle. Samuel bewahrte aber seinem Gastfreund die Treue; sein Sohn wurde getötet, aber das anvertraute Gut des Imrulk ais blieb unversehrt. Seit damals hieß es unter den Arabern: «treuer als Samuel», wenn sie den höchsten Grad von Treue bezeichnen wollten. Samuel ibn Adijas Gedichte, deren auf uns gekommene Bruchstücke vom Verfasser obiger Monographie übersetzt und mit überaus gelehrtem Apparat eingehend literar-kritisch behandelt wurden, sind ein getreues Spiegelbild des Lebens der arabischen Juden. Die Juden erscheinen als tapfer und kriegsgewandt, stolz, immer bereit mit dem Schwert in der Hand ihre Ehre zu verteidigen, in häufiger Fehde mit ihren Nachbarn, dabei treu und freigiebig — als Träger aller Tugenden eines frei und naturhaft lebenden Volkes. Andererseits aber halten siegln dem angestammten Glauben unnachgiebig fest, leben gemäß der Ueberlieferung und erleiden lieber den Tod, als daß sie ihren Glauben verleugnen. Außer den heroischen Motiven ist auch religiöses Material in den Gedichten Samuels verarbeitet, Legenden um die Erschaffung des Menschen, über Personen und Geschehnisse der biblischen Geschichte, über das Jüngste Gericht. Aus diesen Poesien hat Mohammed, der Stifter des Islam, seine Kenntnisse der biblischen Geschichte und der monotheistischen Denkungsart geschöpft und sie dann zusammen mit den religiösen Begriffen des Judentums in den Koran übernommen. Die Feinschaft Mohammeds gegen die Juden und der Fanatismus der islamisierten Araber machte dem freien Leben der jüdischen Stämme ein Ende und unterdrückte auch alle literarischen Zeugnisse aus jener Zeit unabhängiger jüdischer Existenz in Arabien, die seit der Zerstörung des jüdischen Reiches kaum ihresgleichen aufzuweisen hat, aus welcher ein Hauch heroischer Romantik weht und uns, die wir in wirklichen und geistigen Ghetti aller Art stecken, mit wehmütigem Sehnen erfüllt