Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 172 (23.4.1931)
- Date
- 1931-04-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 172 — 23. April 1931 DIE STIMME Seite S Nach der Budgetdebatte Reden der zionistischen Mandatare in einer öffentlichen Versammlung Wiener Chaluzim in Palästina Aus einem Gespräch mit Jakob Singer, unserem palästinensischen Berichterstatter. Unser palästinensischer Berichterstatter, Herr Jakob Singer aus Rischon lezion, der für kurze Zeit nach Wien gekommen ist, erzählt uns folgendes über das Leben der aus Wien stammenden Chaluzim in Palästina: «Der wichtigste Sammelpunkt der Wiener Chaluzim im Lande ist die Plugah des Kibbuz hameuchad in Rischon lezion. Wir haben diese Plugah gegründet, um für die österreichische Alijah einen Stützpunkt zu schaffen. Bekanntlich ist der Hechaluz erst in den letzten Jahren, obwohl die österreichische Chaluzbewegung so alt ist als es überhaupt den Hechaluz als Organisation gibt, auf die Wiener Jugendbewegung basiert, die aber bis zur Gründung der oben erwähnten Plugah in Rischon lezion keinen eigenen Kern in Palästina hatte. Jetzt ist das anders: die Plugah ist für die Ausbreitung der Chaluzbewegung in Oesterreich von größter Bedeutung; schon heute leben in ihr 30 österreichische Chaluzim. Außer in Rischon lezion leben Wiener Chaluzim noch in Haifa und im Mischmar Emek (je eine Gruppe des österreichischen Haschomer Hazair), weiters ist die Kwtizah des Zirenu in Raananah zu erwähnen.» - «. . ..Wir arbeiten als Taglöhner bei den jüdischen Kolonisten. Außerdem haben wir eine landwirtschaftliche Hilfswirtschaft. Wir besitzen 17 Dunam eigenen Bodens, auf dem wir Gemüse bauen; eine Baumschule (Pflanzen und Zypressen) und einen Hühnerstall mit 200 Hühnern, die täglich mehr als 100 Eier legen. Außerdem nennen wir unser eigen ein Paar Pferde, die wir aus eigenen Mitteln angeschafft haben, einen Wagen, drei Pflüge, ein Haus, eine moderne Wohnbaracke und ein großes Zeltlager. In unserer Plugah arbeitet auch eine Gruppe in Palästina geborener Jugend,.die ihre landwirtschaftliche Ausbildung in der Schule'. von Mikweh Israel genossen hat. Die Zusammenarbeit mit dieser Gruppe gereicht uns zu großem Nutzen, da wir von ihr vieles lernen können.» «. . . Für die nächste Zeit haben wir neue Pläne und große Hoffnungen. Wir möchten unseren Hühnerstall auf das Doppelte vergrößern, damit wir auch Eier verkaufen können, was sehr ertragreich wäre; vorderhand verbrauchen wir nämlich die Eier selbst. Ferner wollen wir uns einige Kühe anschaffen und eine Brotbäckerei bauen. Die Kosten dieser Brotbäckerei würden sich auf zirka 100 Pfund belaufen; diesen Betrag wollen wir als Anleihe aufnehmen. Wir könnten auch vier Dunam Bodens kaufen, die an. unsere. .17 Dunam anschließen, wenn: wir die-dafür notwendigen 70 Pfundhätten. Schließlich tragen wir uns mit dem Plan, eine moderne Bienenzucht in unserer Plugah einzurichten. Diese Ausdehnung der Hilfswirtschaft ist nicht so sehr für die augenblickliche materielle Fundierung unserer Plugah von Bedeutung, wie für die Möglichkeit der Aufnahme einer neuen großen Alijah aus Oesterreich. Bekanntlich besteht in Wien ein Kibbuz von zirka 50 Chaluzim, die demnächst nach Palästina in unsere Plugah übersiedeln wollen. Unsere erweiterte Hilfswirtschaft schafft uns neue Möglichkeiten der Aufnahme.» «. . . Wie wir leben, wie wir arbeiten? Wir arbeiten hauptsächlich in den Pardessim (Orangengärten). Die Arbeitsstunden sind von 7 bis %12 Uhr und von 1 bis 4 Uhr (Achtstundentag). Gegen 5 Uhr sind schon alle, auch diejenigen, die in weiterliegenden Gärten arbeiten, zu Hause. Man duscht, jaust, liest Zeitungen (die «Stimme», wird selbstverständlich bei uns sehr stark gelesen, da wir uns natürlich für das jüdische Leben in Wien interessieren) und nach 6 Uhr wird gemeinsam das Abendessen eingenommen. Dazu ist zu bernerken, daß wir eine ausgezeichnete Küche haben; sind doch unsere Mädchen hervorragende, in Wien ausgebildete Köchinnen. Nach dem Essen geht jeder seinen Geschäften nach; manche besuchen die Kolonisten — es gibt nämlich solche, die nur unsere Leute als Arbeiter haben wollen, da wir in dieser Hinsicht einen guten Ruf genießen. Andere gehen ins Arbeitsamt, wieder andere besuchen die Versammlungen; die Mitglieder unserer Plugah sind in das Leben der Kolonie eingedrungen, nehmen regen Anteil an ihren Angelegenheiten, arbeiten in verschiedenen Institutionen der Histadruth mit, etc. Zu bemerken wäre noch, daß bis zur Gründung unserer Plugah in Rischon lezion diese Kolonie zum größten Teil arabische Arbeiter beschäftigt hatte, so daß sie in Palästina eine Art trauriger Berühmtheit genoß. Man bespöttelte sie: „Rischon lezion ist Achron lezion” (die erste in Zion ist die letzte zionistische). Jetzt hat sich diesbezüglich vieles geändert; die Kolonisten überzeugen sich langsam, daß jüdische Arbeit wertvoller ist als die arabische.» «. . , Alles in allem: Wir arbeiten und häben die besten Hoffnungen für die Zukunft. In unserer Arbeit liegt Schwung und Freude am Schaffen. Unsere Stimmung ist durchwegs optimistisch. Für große Politik haben wir ziemlich wenig Interesse — das überlassen wir lieber anderen. Wir beschränken uns statt dessen auf konkrete Arbeit, deren Erfolge uns die größte Genugtuung bringen.» Mittwoch, den 15. April, fand im Festsaale des Hotel Bayrischer Hof ein Meeting statt, bei dem die Herren Dr. F r i e d m a n n, Dr. K1 a b e r und Doktor Löwenherz den Zuhörern aufschlußreiche Mitteilungen über Fragen und Probleme der Kultusgemeinde machten. Wir geben nachstehend Auszüge aus den Reden wieder. Als erster sprach Herr Doktor Friedmann, der ungefähr folgendes ausführte: Wir leben in einer Zeit der katastrophalen Wirtschaftskrise. Es gibt keine öffentliche Körperschaft, die unter dieser Krise nicht zu leiden hätte Die öffentlichen Körperschaften haben zweifach unter der Not der Zeit zu leiden: die Zahl der Hilfeheischenden vermehrt sich von Tag zu Tag und die Eingänge der Gemeinden werden von Tag zu Tag geringer. Das Budgetpräliminare von 1931 schließt, wenn man das Defizit der früheren Jahre hinzunimmt, bei einer Budgetsumme von S 6,500.000, mit einem Fehlbeträge von S 700.000 ab. Vielleicht wirkt sich die Krise bei der Kultusgemeinde stärker aus als bei anderen Körperschaften. Es ist allerdings erstaunlich, daß die Steuereingänge des heurigen Jahres im Vergleich zum Vorjahre nicht ungünstig sind, und es beweist diese Tatsache die große Anhänglichkeit der Mitglieder unserer Gemeinde. Dennoch ergibt sich die Notwendigkeit, uns Einschränkungen aufzuerlegen. Es wird ein Beschluß darüber zu fassen sein, ob eine Ersparungskommission eingesetzt werden solle oder nicht. Unser Finanzreferent glaubt, mit Hilfe dieser Kommission Ersparungen machen zu können. Selbst Angehörige seines eigenen Klubs sind skeptisch und halten die Einsetzung dieser Kommission für eine mehr dekorative Angelegenheit. Bei den Aufgaben der Kultusgemeinde lassen sich eben Ersparungen nicht leicht erzielen. Denn sparen hieße, einer Anzahl von Bedürftigen die Unterstützung entziehen oder einschränken und wichtige kulturelle Aufgaben zurückstellen. Neue Einnahmsquellen aufzufinden, ist außerordentlich schwierig, da die Kultusgemeinde auf die Eingänge aus den Steuern, Taxen, Gebühren und Spenden angewiesen ist. Damit sind die Eingänge begrenzt. Und diese Art von Einnahmen läßt eine stärkere Erhöhung kaum zulässig erscheinen. Der Großteil unserer Steuerzahler setzt sich aus dem im Handel und Gewerbe tätigen Mittelstand zusammen. Sie wissen alle, wie schwer der Mittelstand durch.den wirtschaftlichen Niedergang,'dürch.’-die Stag-' nation des Geschäftslebens betroffen ist. Von diesen Gemeindeangehörigen kann man höhere Steuern nicht verlangen. So bleibt uns nur eines: Die Hoffnung auf jenen Beitrag, den wir seit Jahren vom Bund verlangen und den wir bisher noch immer nicht erhalten haben, den Beitrag, der zur Erhaltung und Erweiterung unserer Institutionen bestimmt ist. Wir verlangen den Beitrag seit Jahren, gestützt auf ein uns zukommendes, nie bestrittenes Verfassungsrecht. Gewiß, auch der Bund muß daran denken, Ersparungen zu machen. Aber, wenn die Regierung glaubt, daß der Widerstand der Juden gegen die Verweigerung des Beitrages nicht hinreichend stark sein wird und daß man uns weiter wird von Jahr zu Jahr vertrösten können, so ist sie im Irrtum. Wenn Staat, Bund und Länder nur solche Einrichtungen schaffen, die sich nach den Erfordernissen der Mehrheit richten, so versteht es sich von selbst, daß die Institutionen der Minderheit nicht ohne Beihilfe bleiben können. Wir leisten Aufgaben, die sonst der Allgemeinheit zufielen, und deshalb muß uns ein bestimmter Teil aus dem Budget des Bundes, der Länder und Gemeinden rückvergütet werden. Die Zurücksetzung der jüdischen Minderheit ergibt sich aus den Vergleichsziffem mit den Zuschüssen an andere Konfessionen. Wir leben in Oesterreich in einem sozialpolitisch sehr fortgeschrittenen Staat, in dem es ein Gesetz für Arbeitslosenfürsorge gibt. Aber ein Gesetz für Erwerbslosenfürsorge haben wir nicht. Der kleine Geschäftsmann, der Handwerker, das sind selbständige Existenzen, die heute in Massen proletarisiert sind. Sie haben keinerlei rechtlichen Anspruch, wenn sie verarmen, außer etwa auf die kärgliche Armehunterstützung. Die Zahl derjenigen, die früher Geber für die Kultusgemeinde waren und heute zwangsweise Nehmer sind, wird von Tag zu Tag größer. Wir können das jüdische Elend nicht ausschöpfen, wir können es nur lindern. Ein Drittel der Budgetsumme, das sind mehr als zwei Millionen Schilling, verwenden wir für Fürsorgezwecke, und diese Summe wird von Tag zu Tag unzureichender. Wir werden sparen müssen. Wir müssen aber vor allem dafür Sorge tragen, daß nicht am unrichtigen Ort gespart wird, nicht auf Kosten der Fürsorge, nicht bei den notwendigen Institutionen für die Annen, nicht an! dem Gebiete des Er« ziehungs- und Unterrichtswesens. Denn das Palladium der jüdischen Lehre, der jüdischen Bildung und des Unterrichts muß weiter hochgehalten werden. Und wenn auch die Einnahmen nicht zu erhöhen sind, wenn auch die Verhältnisse stärker sind als wir, die Tore der Kultusgemeinde können wir dennoch vor den Notleidenden nicht sperren. Deshalb müssen wir vom Bund bekommen, was unser Recht ist. Das ist nicht die Frage einer Partei, sondern die Frage der Wiener Gesamtjudenschaft. Unser Rechtsanspruch kann aber nur dann mit Aussicht auf Erfolg vertreten werden, wenn wir von der allgemeinen Ueberzeugung unserer Gemeindemitglieder gestützt werden. Zum Schlüsse noch die Frage des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes. Es ist schwer, in einer Körperschaft, die so zusammengesetzt ist, wie der Kultusvorstand, diese Frage in so starkem und lebendigem Fluß zu erhalten, wie es sein müßte. Es ist schwer, Forderungen zu forcieren, die von den Gegnern als rein politische angesehen werden, wobei alle anderen Momente, so auch die finanzielle Rückwirkung, absichtlich übersehen werden. Auch um etwas Höheres handelt es sich dabei: um die Gerechtigkeit. Es ist ein unhaltbarer Zustand, große Kreise der jüdischen Bevölkerung interesselos beiseitestehen zu lassen, die Gemeindemitglieder zu scheiden in solche, die Rechte haben und in solche, die keine besitzen. Das allgemeine Wahlrecht ist in allen größeren Kultusgemeinden erkämpft worden. Es bringt vielleicht vorübergehend eine Schwächung jener demokratischen Gruppen mit sich, die sich dafür eingesetzt haben. Trotzdem muß diese Frage ernstlich und sachlich besprochen werden. Um noch etwas handelt es sich. Jeder muß sehen, was augenblicklich in Oesterreich und Deutschland und auch in anderen Staaten vorgeht, muß erkennen, daß wir stürmischen Zeiten entgegengehen. In solchen Zeiten können die Kultusgemeinden ein Bollwerk sein, aber nur dann, wenn hinter ihnen die gesamte Judenschaft steht, und die Gesamtheit wird nur hinter ihnen stehen, wenn sie in ihnen steht. Die Frage der Erweiterung der Kultusgemeinde ist ein Gebot der Zeit. Wir werden diese Frage mit allem Nachdruck zu fördern trachten. Aber auch hier muß die Bewegung von außen, kommen, von den breiten Massen, dann wird sie erfolgreich sein. Wir halten unseren bisherigen Weg für richtig. Vielleicht war es ein Fehler, daß wir mit der Wählerschaft nicht in dem lebendigen Kontakt stehen, der erwünscht wäre. Die Schuld liegt in den Verhältnissen der Organisation, weil seit einer Reihe von Jahren die ganze Arbeit in der Gemeinde, die uns vorwärtsbringt, auf den Schultern einzelner mit Arbeit überladener Menschen ruht. Ich hoffe aber, daß sich das ändern wird und daß wir in Hinkunft öfter zu Ihnen zu sprechen Gelegenheit haben werden. Wir legen Wert nicht nur auf Ihre Unterstützung, sondern auch auf Ihre Anregungen. Dr. Isidor K1 a b e r führte folgendes aus: Vor 24 Stunden habe ich im Saal der Kultusgemeinde über das abgelaufene Jahr berichtet. Nun will ich nur das wesentliche zur Arbeit der früheren Jahre hervorheben. Wir zionistischen Mandatare haben die Jahre hindurch zielbewußt gearbeitet und versucht, all das zu erreichen, was unter den gegebenen Verhältnissen zu erreichen war. Im Fürsorgewesen haben wir ein zentrales Amt geschaffen, das keineswegs einen Verein im Fürsorgewesen darstellen, sondern die Richtlinien für die Fürsorge abgeben soll. Wir haben den Kontakt mit den breiten Massen gewonnen. Vierhundert Personen haben wir zu Fürsorgeräten ernannt, Männer und Frauen, die mit uns gemeinsam die Probleme besprechen, die mit uns beraten, wie die Geldmittel auf- Ünterstützet den jischuw! Es ist die Pflicht jedes national denkenden Juden, den Jischuw durch Ankauf seiner Produkte zu unterstützen. Wir alle, die wir in der Diaspora leben müssen, sind uns darüber einig, daß wir wenigstens von hier aus am Aufbau Erez Israels helfend mitarbeiten wollen. Nun ist es gewiß, daß eine der besten Möglichkeiten, die wirtschaftliche Lage Palästinas zu heben, die Förderung des Absatzes von Produkten Erez Israels ist. Am raschesten hat sich bisher die Parole: Kaufet die Produkte Palästinas! bei der Palästina-Orange durchgesetzt, die infolge ihrer hervorragenden Qualität und Güte in kurzer Zeit den Weltmarkt erobert hat. Um es jedem Gesinnungsgenossen zu ermöglichen, die Orangen zu billigen Preisen direkt ins Haus zugestellt zu erhalten, hat das Zionistische Landeskomitee mit Herrn S. Halpern, 11., Förstergasse 6, Tel. A 46-4-12, ein diesbezügliches Uebereinkommen getroffen. Wir ersuchen alle Gesinnungsgenossen, Orange« direkt bei Herrn Halpern zu bestellen und sich selbst von der Güte dieser alle anderen Sorten weit übertreffenden Orange zu überzeugen. Die Orangenzeit ist übrigens bald vorbei und Herr Halpern hat nur noch wenige Kisten lagernd. Darum beeilen Sie sich mit Ihrer Bestellung * t