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Die Stimme · 1931-04-23 · Heft 172 (23.4.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 172 (23.4.1931)
Date
1931-04-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Seite 3 Nr. 172 — 23. April 1931 Sonntagt 37. Mai 1937, Gang der Wiener Zionisten zum Grabe Theodor Herzls. — Treffpunkt halb 10 Uhr vorm. Hochschule für Bodenkultur Das jüdische Problem an den Universitäten Die zweite Tagung ues mternauonal Student Service (Von unserem Sonderberichterstatter.) Nyon bei Genf, 16. April 1931. Die zweite Tagung des 1. S. S. über die jüdische Frage an den Universitäten, die am 13. d. in Nyon eröffnet worden ist, ist gewiß als ein Fortschritt zu bezeichnen gegenüber der ersten Konferenz, die im Dezember 192b in Bierville bei Paris stattgefunden hat. Denn damals hat es sich nur um einen Gedankenaustausch von Personen gehandelt, die an dieser Frage interessiert waren. Diesmal aber hat man es mit Delegationen zu tun, die sowohl arischerals auch jüdischerseits beschickt worden sind. Die Leitung der Konferenz wurde 6 Herren anvertraut, u. zw. vier Ariern und zwei Juden. Es waren dies der englische Pfarrer James Parkes, der Oesterreicher Dr. Kotschnig, der Führer der reichsdeutschen Hakenkreuzstudenten Schmadel, der Pole WroczynsKi und von Juden Doktor Badt aus Berlin und Herr Teich aus Wien. Jüdischerseits sind Delegationen gekommen aus Frankreich, Holland, Deutschland, Ungarn, der Tschechoslowakei, Rumänien, Polen, Kanada, U. S. A., die sich aus Assimilanten und Zionisten rekrutierten. Ungarn und die Tschechoslowakei waren nur durch Assimilanten vertreten, während Deutschland Assimilanten und Zionisten gestellt hat, wobei die Assimilanten den Ausschlag gaben. Arisclierseits waren Polen, die Tschechoslowakei, Rumänien, Oesterreich und Deutschland vertreten. Außerdem gab es zahlreiche Beobachter, darunter Herrn Dr. Victor Jacobsohn von der Jewish Agency. Einen richtigen Einblick in die Studentenverhältnisse haben nur die deutschen Delegationen gegeben, da sie am zahlreichsten und nach allen universitätspolitischen Richtungen vertreten waren. Während man z. B. über die ungarischen Verhältnisse überhaupt nichts erfuhr, da die beiden ungarischen Assimilanten nichts als ein Loblied auf die ungarische Nation zu singen wußten, ist die Frage des Antisemitismus an deutschen und österreichischen Hochschulen ausführlich erörtert worden. Allerdings hat sich dabei, wie nicht anders zu erwarten war, nur gezeigt, daß dev, Gegensatz zwischen- Juden und Hakenkreuzlern in ab-- Bei Magen- und Darmbesenwerden, Eßunlust, Stuhlträgheit, Aufblähung, Sodbrennen, Aufstoßen, Benommenheit, Schmerz in der Stirn, Brechreiz bewirken 1—2 Glas natürliches «Franz-Josef»-Bitterwasser gründliche Reinigung des Verdauungsweges. sehbarer Zeit weder aufgehoben noch wesentlich gemildert werden kann. Ob man praktische Resultate erzielen kann, werden die nächsten Sitzungen zeigen. Sicherlich aber geht aus den Diskussionen hervor, daß die hakenkreuzlerisch gesinnte deutsche Studentenschaft nicht nur zur jüdischen Studentenschaft, sondern auch zur europäischen öffentlichen Meinung in Gegensatz steht. Auf die rassentheoretischen Ausführungen dieser Herren hier einzugehen, ist nicht nötig, da sie nur zu bekannt und undiskutabel sind. Bemerkenswert aber war die Mühe, die sie sich gaben, ohne die Kraftworte auszukommen, die sonst in diesen Kreisen üblich sind. Das ist zweifellos auf die Nähe Genfs zurückzuführen, dessen erzieherischer Einfluß diesbezüglich nicht zu unterschätzen ist. Gewiß haben diese Herren nicht den nötigen Ernst mitgebracht. Aber schon der Umstand, daß man zusammenkommt, um die Fragen gemeinsam zu erörtern, ist ein erfreuliches Zeichen, wenn auch von seiten der Hakenkreuzler nur erheucheltes Interesse an einer Besserung der Universitätsverhältnisse im Spiele war. Die Heuchelei ist die Verbeugung des Lasters vor der Tugend, sagte ein französischer Moralist. Und daß Vertreter der Radaustudenten in die Nähe Genfs fahren, um über das i 'fthuh-Sfrotn B Wien, 2., aborstraße SVr. 8a W 3)ie Qrenze der Xeistungsfähigkeit für ■ moderne Qualitätsschuhe Treiben an den Universitäten zu beraten, ist nur so zu werten. Aber auch mit den jüdischen Delegierten konnte man nicht zufrieden sein. Abgesehen davon, daß sie nicht das wirkliche Bild der jüdischen Studentenschaft boten, litten sie unter dem Auftreten der Assimilanten, die sich ungarischer, bezw. deutscher gaben als Ungarn und Deutsche. Die Sitzungen brachten einige hervorragende Referate. Abgesehen von dem-Vortrag des Genfer Universitätsprofessors B o v e t über die Rolle der Universität im Leben der Nationen, lenkte das Referat von Parkes über den jüdischen Studenten besondere Aufmerksamkeit auf sich. Parkes, der der Verfasser eines ausgezeichneten Buches «The Jew and his Neighbour», einer Abhandlung über die Gründe des Antisemitismus, (seinerzeit in der «Stimme» besprochen. — Anm. d. Red.), ist, hat auch das größte Verdienst um das Zustandekommen dieser Tagung. Deshalb seien seine Ausführungen hier genauer wiedergegeben. Schon im Mittelalter, führte Parkes aus, wurden Juden, allerdings in sehr beschränkter Zahl, an Universitäten zugelassen. Sie studierten Medizin und galten als die besten Aerzte, so daß Päpste und Kaiser sich von ihnen behandeln ließen. Von einem regelmäßigen Studium der Juden an europäischen Universitäten aber kann erst seit der durch die französische Revolution vollzogenen Emanzipation der Juden im Anfang des 19. Jahrhunderts die Rede sein. Die erste Universität, die den Juden sämtliche Freiheiten einräumte, war die Universität Paris. Dann folgte die Londoner Universität, Deutschland und das übrige Europa. Heute weisen die jüdischen Studenten im Verhältnis zur christlichen Bevölkerung den doppelten Prozentsatz auf. Das ist aber vor allem darauf zurückzuführen, daß die Juden in Städten wohnen. Im Verhältnis zu den Städtern aber ist der Prozentsatz der Juden an den Universitäten normal. Nur in Rumänien ist dieses Verhältnis anders- Dort ist die städtische Bevölkerung arm, und es sind die reichen Bauernsöhne, die an den Universitäten studieren. Die antisemitische Bewegung an den Universitäten setzt, besonders um 1848 herum, in Oesterreich-Ungarn und Deutschland ein. Damals sind viele Juden reich geworden und schickten ihre Söhne an die Universitäten, und es bildete sich ein Märchen von dem Reichtum der jüdischen Studenten. In Wahrheit sind die jüdischen Studenten in Polen und Rumänien ärmer als die andersgläubigen; die Preise in den jüdischen Mensen sind immer niedriger, als die in den entsprechenden nichtjüdischen Studentenmensen. Zudem wurde das tausendjährige Judenproblem in Oesterreich und in Deutschland durch unwissenschaftliche Rassenhypothesen noch schwieriger gemacht. Es tauchte das Märchen von der jüdischen Einheit auf, von der die Juden weit entfernt sind, da sie ebenso in Parteien gespalten sind wie andere. Parkes findet die jüdische Lage deshalb so schwierig, weil die Juden geographisch zerstreut, aber beruflich sehr konzentriert sind. In Polen z. B. widmen sich 41 Prozent der jüdischen Bevölkerung dem Hände! Auch Qualitätsschuhe sind billiger geworden. Schuh- Dom bringrt jetzt reizende Frühjahrsmodelle für Damen in feinster Ausführung und Qualität aus echt Eidechse, Krokodil, Ia Chevreaux usw. zu bedeutend niedrigeren Preisen als früher. Eine fabelhafte Auswahl findet auch der Herr von rahmengenähten Schuhen auf neuen Leistenformen von S 28.50 aufwärts. Es liegt in Ihrem Interesse, sich von dem günstigen Anbot zu überzeugen. Schuh-Dorn, 11., Taborstraße 8a. Belgrader Tage Von Dr. Oskar Grünbaum. Als ich vor zwanzig Jahren Belgrad zum ersten Male sah, war es eine tote Kleinstadt mit krummen, engen und schmutzigen Gassen. Heuer zu Pessach, als ich wieder dort weilte, bot sich mir das Bild einer modernen, sauberen Großstadt mit regem Verkehr, breiten, asphaltierten Straßen, prächtigen Gebäuden und großen Parkanlagen. In jeder Straße wird gebaut, gehämmert und geklopft und in wenigen Jahren wird in Belgrad, abgesehen von historischen Gebäuden, deren Erhaltung der Regierungsplan vorsieht, nichts mehr an die Vorkriegszeit erinnern. Gegenüber dem Hotel Royal in der König-Peter- Gasse, in dem ich wohnte, erblickte ich einen vielstöckigen Prachtbau mit schöngegliederter Fassade; ich meinte zuerst es wäre eines der vielen neuen Ministerien, es war aber — das «Jüdische Haus» der sephardischen Gemeinde. Ich muß gestehen, nach den ersten Augenblicken der Bewunderung schämte ich mich, weil mehr als 200.000 Juden in Wien nicht das besitzen, was ca. 6000 Belgrader Juden ihr Eigen nennen. Dieses Haus der sephardischen Gemeinde enthält die jüdische Schule, das Rabbinat, die zionistischen Bureaus, die Bene Brith-Loge, einen Lesesaal und einen großen Vortragssaal; ein Trakt ist an Wohnparteien vermietet und die ^inseingänge gewährleisten die Erhaltung des großen Hauses. Es gibt aber in Belgrad noch ein zweites Jüdisches Haus, das der aschkenasischen Gemeinde; in diesem befindet sich auch der schöne aschkenasische Tempel, das Rabbinat und die Mensa Academica Judaica. Die sephardische Gemeinde besitzt zwei schöne Tempel und ein Altersheim. Die Friedhöfe beider Gemeinden sind schön angelegt, die kostbaren Grabdenkmäler sind Zeugen von Reichtum und Kultur. Auf dem sephardischen Friedhof erhebt sich ein mächtiges Kriegerdenkmal von großer architektonischer Schönheit. Im sephardischen und im aschkenasischen Tempel hörte ich würdige Gottesdienste und Vorbeter mit schönen Tenorstimmen. Im Kantor des aschkenasischen Tempels, Grußmann, traf ich einen Gesinnungsgenossen wieder, der früher in Wien gelebt hat. Einen schönen Brauch sah ich im sephardischen Tempel. Nach dem Gottesdienste am Freitag Abend erhebt sich die ganze Gemeinde und geht in guter Ordnung beim Almemor vorbei zum Rabbiner. Jeder reicht dem Rabbiner die Hand und wünscht ihm: «Schabbat Schalom Uwrachah!» Und die jüdischen Menschen in Belgrad? Nicht nur die jüdischen Häuser, auch die Menschen erweckten meinen Neid. Aschkenasim und Sephardim arbeiten friedlich zusammen in der zionistischen Organisation; Angehörige der verschiedenen zionistischen Gruppierungen arbeiten friedlich in einer Organisation und sie arbeiten gut. In Belgrad zahlten heuer 1000 Juden den Schekel, und damit sind meine Belgrader Freunde noch immer nicht zufrieden. Dieser lobenswerte Eifer ist auch bei der Arbeit für die Fonds und in der Belgrader Wizo zu sehen. Zur Ehre des jugoslawischen Staates muß es, gesagt werden, daß dort die Juden volle Gleichberechtigung besitzen und daß Jugoslawien das Hakenkreuzlerwesen, den numerus clausus und dergleichen ruhig anderen «Kulturvölkern» überläßt. Ich sah auch noch nirgends in der Welt ein so gutes Zusammenleben von Christen und Juden wie in Belgrad. Vor den jüdischen Feiertagen kommen Christen zu ihren jüdischen Freunden und wünschen ihnen «Gute Feiertage», und das gleiche wünschen die Juden den Christen zu ihren Festen; es erscheint selbstverständlich, daß der Serbe seinen jüdischen Freund am «Slava»-Tage bei sich zu Gast sieht. Das serbische Volk hat lange um seine Freiheit gerungen und hat eben deswegen tiefes Verständnis für das zionistische Ideal und für die unveräußerlichen Rechte der Juden auf das Land seiner Väter. So' ist es nicht zu verwundern, daß es Serben gibt, die für den Keren Hajessod zeichnen; gerade als ich in Belgrad war, berichtete mir der Sekretär des Keren Hajessod, Herr Friedmann, von einer neuen Zeichnungserklärung eines serbischen Großkaufmannes; es ist auch noch nicht lange her, daß König Alexander persönlich Bäume im König-Peter- Walde stiftete, den die zionistische Landesorganisation Jugoslawiens in Palästina gepflanzt hatte. Das gute Verhältnis Jugoslawiens zum Zionismus ist traditionell. Die serbische Regierung war die erste Regierung, die im Jahre 1917 durch ihren Minister Vestic sofort nach Veröffentlichung der Balfour-Deklaration eine offizielle Sympathieerklärung für den Zionismus abgab, und das rühmlichst bekannte Eintreten des derzeitigen Außenministers Marinkovics für unsere Rechte gelegentlich der letzten Sitzung der Mandatskommission ist ein weiterer Beweis dafür, daß wir in Jugoslawien aufrichtige und uneigennützige Freunde besitzen. Der Generaldirektor der Postsparkassa,, Dr. Milorad Nedelkovics, besuchte im Vorjahre Palästina und berichtete begeistert in zionistischen Versammlungen vom jüdischen Aufbauwerk. Im Dezember des Vorjahres sprach er in einer zionistischen Versammlung in Novi Sad (Neusatz) und nach ihm hielt in hebräischer Sprache der serbische Erzbischof eine Rede. Ich sprach in Belgrad mit vielen Juden. Noch sind nicht alle zionistisch organisiert, aber ich fand keinen Antizionisten und keinen Juden, der zu Palästina nicht positiv eingestellt wäre. Der Präsident der Landesorganisation lebt in Belgrad; es ist dies unser geschätzter Gesinnungsgenosse, der Advokat David Alkalay, ein Weggenosse Herzls seit dem ersten Kongresse. In seinem Namensvetter, dem Großrabbiner Dr. Alkalay, der Mitglied der Jewish Agency ist, lernte ich einen würdigen Vertreter seines Standes kennen, der bei Juden und Christen große Verehrung genießt. Auch sonst lernte ich viele Gesinnungsgenossen kennen, erfüllt von glühendem Arbeitseifer für unsere Sache, angefangen von den Führern bis zur Jugend. Die herzliche Gastfreundschaft, die ich in Belgrad genoß, das Bild dieser disziplinierten, vom besten Geiste beseelten Organisation bedeutete für mich ein tiefes Erleben. Mögen sich die internen Verhältnisse im Wiener Zionismus bald so gestalten, wie sie es in Belgrad heute sind und wie sie auch in Wien einmal als selbstverständlich galten. Es gibt im Englischen ein Sprichwort, das heißt «Right or wrong — my country» (Recht oder Unrecht — mein Land vor allem). Im österreichischen Zionismus aber heißt es leider oft; «Recht oder Unrecht — meine Partei vor allem». Revidieren wir unsere Politik! So wie in Belgrad und überall, wo noch der Geist Herzls nicht nur in Propagandareden, sondern in Taten lebt, muß es heißem «Erez Israel vor allem und trotz allem!»

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