Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 171 (9.4.1931)
- Date
- 1931-04-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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M. >70 — 2. April 1931 DIE STIMME Seite 11 Aus dem Tagebuch eines Getauften Von Louis G i 111 e m a n. 25. August ... Als ich heute durch die Straßen meiner Kindheit ging, da packten mich tragische Erinnerungen an meine traurigen Ghettotage. Sie kamen zu mir, schmähten mich. Arme Narren! Sie taten es in ihrer Unwissenheit. Sie spuckten mich an, mich, Chaim Borowitz, so wie sie andere begeiferten, die sie verstießen, wie ihn, den Nazarener. Sie taten es in ihrer Blindheit, allgfitiger Vater! Verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. 26. August. Gestern abends war ich wieder in der Kirche. Kirche, das Wort erscheint mir fremder als jemals. Die Tradition lastet schwer auf mir. Die Menschen blickten mich so fremd an, als wäre Ich ein Abtrünniger. Nur ihr Geistlicher versteht mich. Er blickt mich von seiner Kanzel mit einem verständnisvollen Lächeln an. Ich glaube manchmal, er kann in mein Herz sehen, und, mein Gott, es ist so hungrig, so hungrig. 30. August. Nun, es quält mich nicht mehr. Meine Bedürfnisse sind gering und es gibt gute Menschen in der Kirche, sie sind freundlich zu mir, sie sorgen für mich, für Speise und Trank, für ein Dach über meinem Haupte und ein Bett. Ah! was macht das aus, ob ich diesen oder einen anderen Glauben habe. Ich glaube jenen, die mich kleiden und ernähren. 11. September. Es ist kalt in meinem kleinen Zimmer bei dem sterbenden Feuer. Vor einigen Tagen besuchten sie mich, die von der Kirche. Sie brachten mir wenig Trost, nur ihre ewigen Reden vom ewigen Leben und vom Blut des Erlösers. Besser wäre es gewesen, sie hätten mir etwas zu essen gebracht und etwas Holz und Kohle. Ach ja! Ich muß wieder als Missionär auftreten, vielleicht finde ich einige verirrte Schäfchen. Wer kennt unsere heutigen Juden, wer weiß, was in ihrer Seele vorgeht? 13. September. Sabbath! Der Tag der Ruhe! Kann ich jemals meine alten Bekannten abschütteln? Ich begegnete ihnen allen heute, als sie von der Synagoge kamen; einige machten einen Bogen um mich, als wäre ich ein Aussätziger. Aber da war eine Gestalt, die allein ging, schweigend, gebrechlich, gebeugt. sie hob ein freundliches Gesicht mir entgegen, sagte friedfertig «Gut Schabbes» und murmelte «Scholem Alcjchem». Gott in deiner grenzenlosen Gnade und Liebei Schenk ihr noch viele Tage — denn diese Gestalt war — meine alte Mutter! 14. September ... Ich sagte ihr «Guten Tag», nach vielen, vielen Monaten. Aber stolz — sie war immer so — ging sie an mir vorbei und führte Kalrnele an der Hand, unseren kleinen Sohn. Gott verzeih’ ihr, daß sie unser Kind von mir fernhält. Was muß sie aber gelitten haben, was habe ich getan, o Gott! Ich bin ein Meschummed, bin bei der «Mission»! . . 19. September. Gott, du bist wahrhaft gut zu mir. Heute stahl sich mein Kalmele von seiner Mutter fort. Er kam zu mir, um mich zu besuchen, trotz des Verbotes. Wie ist er gewachsen! Was für ein kluges Kind er ist und wie stolz. Und sein Herz so unschuldig . . . «Wie lange bist du schon krank?», fragte er mich. «Mama sagte, dein Kopf ist krank, mein armer Papa». Und er nahm meinen Kopf in seine zarten, feinen Hände und küßte meine brennenden Schläfen, meinen zuckenden Mund, küßte mich so zärtlich, so erfrischend, und es schwand der Brand meiner Seele. Er blickte lange auf mich aus traurigen Augen, mein Einziger, mein kleiner . . . Kaddisch, und seine süße Stimme ertönte wieder, zitternd vor Aufregung: «Väterchen, Mama sagte, du warst ein guter Schüler, bist du auch in den Cheder gegangen? Mama sagt, ich werde einmal auch so gescheit sein wie du. Schau, Väterchen, was ich schon auswendig kann, Mama hat es mir gelernt: «Schema Jisrael Adonai Elohenu Adonai Echad». O Gott, das ist meine Strafe . . . Mein Kaddisch darf nicht meine Tränen sehen; er blickt erstaunt auf das Kreuz, das über meinem Bette hängt. Was soll ich ihm sagen? Ich fühle mich versinken; mein Glaube versinkt und ich gehe wie ein verzweifelter Schwimmer in einem Maelstrom unter. «Schema Jisrael . . . Adonai Elohenu». «Du sollst nicht andere Götter haben neben mir» . . . Oh, mein Kaddisch! 25. September. Letzte Nacht hatte ich einen schrecklichen Traum. Ich sah meinen Vater und er blickte mich schnierzerfilllt an . . . Ich war in der Gehenna und tausende Flammen sengten meine reuelose Seele; es war ein fürchterliches Inferno, so wie bei Dante. Ich schrie im Paroxysmus des Entsetzens auf, erwachte und fiel aus dem Bette. Der Mond schien auf das Kruzifix, das auf dem Tische lag. Da kniete ich nieder und schrie: «0 Gott, ich bin es müde, nimm meine Seele von mir. Antworte mir, du, Jesus, zeige mir deine Macht.» Meine Stimme klang hohl, fremd, warf ein Echo, das mich zu verspotten ichien. Ich wollte mich erheben, stützte mich an den yxjooaGOoaoooasyoGooooco soocoooooczcz : ~ 'oooocxxjooocoocxjcooooocxxxxxxxxxxxxxxx» Samstag, den 11. April 1931, 8 Uhr abends. Großer Konzerthaussaal, HI., Lothringerstr. 20 Jüdischer Abend unter Mitwirkung hervorragender Künstler Wiens Karten erhältlich: Zion. Büro, Kärntnerstraße 28. Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20a, und bei allen zionistischen Sektionen nnd Vereinen <XXXXXXXX50COOCOOCkXX)OODCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX»OOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXX> Tisch, der stürzte um und dann wußte ich nichts mehr von mir. Ich erwachte, der Tisch lag umgestürzt, das Kreuz lag zerbrochen am Boden. Und ich bin so allein und mein Herz ist so schwer. Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! So schrie Jesus, als er . . . Was sage ich da? GenugI 26. September. Mein Fieber geht zurück und heute kamen sie, ihren Konvertiten zu besuchen, in ihren langen schwarzen Kutten. «Erhalte dir deinen Glauben», sagten sie mir, gaben mir ein Kruzifix und ein Neues Testament. «Verbreite das Evangelium in Wort und Schrift», sagten sie und gingen. 27. September. Wundere ich mich? Sie kamen zu mir, meine alte, gebrechliche Mutter und mein kleiner Kaddisch. Gotte erhalte sie mir beide. Und meine gute Mutter gab mir zu essen. Ha! ha! hal Ich lachte und lachte und drückte mein Gesicht in ihren Schoß, wie ich es als Kind tat und sie streichelte mich. Und sie, meine alte Mutter, begann zu beten, sie dankte und pries Gott. «Mein Kind,» sagte sie, «Schule . . . Erew Rosch Haschanah . . . Jom Kippur . . .» Und mein Sohn hielt mich umschlungen, liebkosend, fordernd: «Mein gutes, gescheites Väterchen, Mama sagte, wir werden zusammen in die Schul’ gehen und um ein neues glückliches Jahr beten.» Kann es wahr sein? Mein Weib sorgt sich noch um mich, sie glaubt noch an mich? 0 Gott Denkefan die Krawalle an der Handelshochschule! Daher Ständige unentgeltliche Stellenvermittlung der Hakoah Wer ausgebildetes, ’Ochtiges und diszipliniertes Persona! aller Art und aller'Branchen braucht, wende sich an die HAKOAH, l„ Wieslngerstr. 11 f Tel. R-25-0-10 Israels, bricht nicht dieses schwer geprüfte Herz? Zeige mir, Vater im Himmel, den rechten Weg . . . Mein Wahnsinn schwindet . . . führe michl 28. September. Ich bin in guter Hut. Sie kamen heute zu mir, meine alten Freunde, der Schämmes aus der Schul und Jossel, der Buchbinder, sie waren so liebevoll. Ich werde mitten unter der Gemeinde sitzen ... So, als ob nichts geschehen wäre. der alte Jossel war als erster gekommen, gebeugt, mit seinem langen Bart und seinen klugen Augen. Rasch räumte ich Kreuz und Testament weg — und er tat so, als ob er nichts sehe und schneuzte sich umständlich, bis ich alles weggeräumt hatte. Gottes Segen über dich, Jossel! Ich bin glücklich, als ob ich morgen Bar Mizwah hätte. Morgen werde ich wieder aufgerichtet, morgen ist mein Tag des Gerichtes. 29. September. Ich muß eilen, sie warten auf mich, ich muß schließen- Wie blicken sie mich an, wie ist der Friede eingekehrt in meine Seele, da ich wieder im Hause Gottes weile! «Wie schön sind deine Hütten, Jakob, deine Zelte, o Israel.»-Und alle kommen zu mir, so-als wäre nichts geschehen. Dank, Dank! Und der alte Jossel kommt und bietet mir eine Prise an-als wäre nichts geschehen. Und als ich die Augen von meinem Machsor erhob und umherblickte, alte und junge Gesichter, freundlich und ermunternd blicken sie mich an. Ha! das ist ja Reb Itzig, mein Schwager, er lächelt mir zu-- — und meine liebe Schwester Reisele wird mir abends die Schale Tee füllen aus dem großen Samowar-Heiliger Gott, ist es wahr, bin ich aus dem schrecklichen Traume erwacht? Ja, mein Gott, dein Sohn ist wieder zu dir gekommen, demütig, zu dir in deiner übergroßen Güte. Wer ist das dort oben, dort auf der Frauengalerie? Meine teure Mutter! Und du, Hannah, mein geliebtes Weib! O Gott, du bist in Wahrheit ein Gott der Liebe, nicht der Rache! Ich will singen dein Lob alle Tage-Boruch Adonai Hamworach ... Oh, meine Brust! Es würgt mich, es schnürt mir die Kehle zusammen, meine Augen füllen sich mit Tränen. «Steh’ auf, Chaim», flüsterte sie-0 Gott- Tränen der Freude-tiefste Glückseligkeit . . . «Der du öffnest die Augen der Blinden!»;(Uebertragen von J. ben Abraham.J Das erste Lachen Von Franziska Bloch-Mahler. Als sich hinter Adam und Eva die Pforten des Paradieses schlossen, da schmiegten sie sich wie Kinder im Dunkeln aneinander, eins beim anderen Trost suchend, und in ihren Augen spiegelte sich noch mehr als sonst ihre große Liebe zueinander. Wie Kinder faßten sie sich bei den Händen und schritten in die unbekannte Ferne. «Wie schön,» sprachen sie, «welch ein süßer Trost, daß wir vereint die Strafe tragen dürfen», und Eva flüsterte: «Ich ahne es, bald kommt noch ein Wesen zu uns, das uns der süßeste Trost sein wird», denn sie fühlte ein neues Leben unter ihrem Herzen wachsen. Unsichtbar legte der Hebe Gott seine Hände auf beide Herzen. Da hüpfte und jauchzte es in ihnen. Und der Hebe Gott küßte sie unsichtbar auf Mund und Augen. Und siehe, auf ihre Lippen, in ihre Augen trat das erste Lächeln. Dies war das gnädige Geschenk Gottes an die ersten Menschen, als sie das Paradies verließen. Das Lachen ließ sie ihre Mühsal, ihre Not und Sorgen leichter ertragen, ja, es vergoldete ihr Leben bis zu ihrem Tode, bis ihre Augen sich schlossen und sich die Pforten des Paradieses von neuem weit und voll Glanzes ihnen für die Ewigkeit öffneten. Gibt es eine jüdische Musik? Bemerkungen zu den Artikeln des Oberkantors Armin W i 1k o w i t s c h in der jüdischen Wochenschrift «Die Wahrheit». Von Oberkantor Gerson Margolies. Herr Oberkantor Armin Wilkowitsch in Eger, den ich als älteren Kollegen und langjährigen publizistischen Vorkämpfer für unser Fach hoch schätze, hat sich in seinen Ausführungen in der Nr. 11 der Zeitschrift «Die Wahrheit» vom 13. d. M.f die Widerlegung der von mir vorgebrachten Beweise für das Vorhandensein einer spezifisch jüdischen Musik, außerordentlich leicht gemacht. Er führt einerseits Ciebetmelodien als nichtjüdisch an, von denen auch ich niemals behauptete, sie wären jüdischen Ursprungs, und geht andrerseits auf alle von mir vorgebrachten Beweise überhaupt nicht ein, bringt vielmehr nur eine Reihe von historischen Reminiszenzen vor, die mit der Entscheidung der vorliegenden Frage überhaupt nichts zu tun haben. Auf diesem ziellosen Diskussionsweg kann und will ich dem geehrten Herrn Kollegen nicht folgen; doch möchte ich wohi dagegen fragen: Was ist denn aber mit unseren übrigen traditionellen Weisen — es sei dabei von den Wochentagsgebeten und Selichoth abgesehen —, die an den Sabbathen und insbesondere an den hohen Feiertagen überall in der ganzen Welt, wo aschkenasische Juden wohnen (von den Sephardim wollen wir ein andermal sprechen) in der gleichen Weise vorgetragen werden? Zum Beispiel zunächst für den Freitag Abend: Das Lechu nerannenoh, El chai wekajom, Weschomru, Wajechulu, Birchos meyn, Rezeh wimnuchosenu, Mögen owaus, kurz, fast das ganze Abendgebet mit Ausnahme vielleicht von Psalm 93, Adonai moloch, der zwar in Rußland in der Moll- Tonart und in Ungarn in der Dur-Tonart gesungen wird, dessen eigentlicher Nussach aber gewiß uriüdisch ist; was ist ferner mit den Schacharith-, Mussaf- und Mincha-Gebeten am Sabbath, die überall in fast der gleichen Weise vorgetragen werden? Wenn Herr Wilkowitsch sich einmal bemühen würde, die großen kantoralen Werke von Sulzer, Lewandowsky, Naumburg usw. zu vergleichen, er würde staunen, welch große Aehnlichkeit die meisten der dort gebrachten Rezitativen haben. Gewiß gibt es in unseren Gebeten fremdnationale, wie slawische, ungarische, rumänische und auch noch andere Einschläge — deshalb aber das Vorhandensein einer jüdischen Musik ganz zu leugnen, wäre nicht nur unverständlich und eine Sünde gegen das nationale Judentum, sondern auch ein klar aufliegender, schwerer wissenschaftlicher Irrtum, was leicht nachzuweisen ist. Denn wäre die Meinung des Herrn Wilkowitsch richtig, daß das Nationaljüdische durch die Vermengung mit fremdnationalen Weisen im Laufe der Jahrhunderte gänzlich verloren gegangen sei — wie wäre es dann möglich, daß auch heute noch überall, wo Juden wohnen und ihren Gottes- Verwöhnter Geschmack bevorzugt 72. 76 23.- 30.- SACHSEL M. TABOHSTKASSE 39