Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 171 (9.4.1931)
- Date
- 1931-04-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053925--2289-3057706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 170 — 2. April 1931 DIB STIMME Seite d Aaron zog seinen Kittel aus. Set2te sich an den Tisch und betrachtete mit einem tiefen Seufzer das Brot und Pirogen ... Er öffnete die Hagada, wiegte sich hin und her und sagte: «Die Antwort ist einfach: Einst waren wir Knechte des Pharao in Mi2rajim . . .» «Papal . . . Papachen! Hörst du? . . . Musik! Musik spielt auf der Straße! . . .» Seder am Mittelmeer Von Sem Wolf. Auf die Baracke waren wir sehr stolz; sie war zwar unvollendet, das Dach konnte infolge Geldmangels nicht fertiggestellt werden — wenn man ln ihr während der Regenzeit speiste, wurde die ohnehin dünne Suppe durch den hercintröpfelnden Regen noch mehr verdünnt — und obendrein war sie leer, kahl und ohne Fußboden. Aber trotzdem waren wir auf sie sehr stolz: denn sie war im Oktogon gebaut. Auf einem sanften rtügel, einige hundert Meter vom Meeresstrand entfernt, stand unsere Baracke. Sie war in der weißen Stadt berühmt. Ausgerechnet ein Achteck! Uns gefiel sie. Und noch mehr gefielen uns die Abende, die wir in dem kahlen, leeren Raum verbrachten. Mehr noch: sie sind uns eine Erinnerung fürs ganze Leben geblieben. Insbesondere jener eine unvergeßliche Abend, der erste Seder in Palästina . . . Keine Wolken, kein Regen, keine Gefahr, naß zu werden, keine Gefahr, daß die dünne Suppe noch dünner werden würde. Durch das unvollendete Dach blinken Sterne — schimmernd, grüßend ... Im großen, dunklen Raum schwimmen einzelne glimmende Punkte, wie Glühwürmchen sehen sie aus. Das sind Zigaretten, die im Finstern glühen, — Der junge Jehoschua, blond, mit kindlichem Gesicht, kommandiert: «Auf eins, zwei, drei nehmen alle einen Zug! Eins, zwei, drei . . .» Johanneskäfer schwirren. Die Mahlzeit ist längst vorbei. Sie war nicht fett, sie war nicht reichlich, nur Unmengen von Wein .wurden getrunken. Und hätte man das Licht ausgelöscht, so könnte man die Augen aller Jungen und Mädchen glänzen sehen. Man hört nichts; wir sind ganz still. Nur der ferne Wellenschlag vereint sich mit dem lauten Pochen der Herzen. Warum klopfen die Herzen so {stark? Ist nur der Wein daran schuld? Auf harten Bänken sitzen wir und träumen und -erwidern'den Gruß der Sterne. Es gibt kein «Nächstes Jahr in Jerusalem!», denn wir sind schon dieses Jahr in Palästina Nach vielen Sederabenden in Osteuropa, in Wien und Gott weiß wo noch — ein Seder am Mittelmeer. Umgeben von einer berauschenden Stille, liebkost vom hereinströmenden Orangenblütenduft, beseligt vom Glück der Erfüllung. «Eins, zwei, drei — alle nehmen einen Zug!» jehoschua ist unermüdlich, aber sein Kommando wird diesmal nicht befolgt. Denn die Zigaretten sind zu Ende und es gibt keine mehr. Dafür beginnt Judka, der Schwärmer, aus seiner Ecke leise eine Weise zu singen. Er hat sie selbst kompor*’ 'rt, zu einem Kapitel von Jesaia. (Er ist mit Recht stolz darauf: Worte von Jesaia, Musik von Judka, dem Schwärmer.) Die Melodie klingt schön, sie ist schwermütig, zart und jüdisch. Judkas Melodie hat die Glühwürmchen abgelöst. Es ist noch immer finster. Die Kerzen sind längst schon ausgebrannt, neue werden nicht angezündet und werden heute auch nicht mehr angezündet werden. Wir brauchen kein Licht. Wir haben die grüßenden Sterne dort, wo das Dach sein sollte, und die große Helligkeit im Herzen. Das genügt. Judka singt noch immer. Aber er ist gnädig: läßt auch Lieder gelten, die nicht von ihm komponiert worden sind. Was er singt, ist eigentlich eine Horrah-Weise, ein Tanzlied, das aber irt Judkas Interpretation psalmodisch wirkt. Da sind aber andere, die dagegen rebellieren, die mitsingen und stufenweise zum richtigen Tempo übergehen. Und dann beginnt es in den Beinen zu zucken und dem Rausche des Weines, der Sterne und des stillen Glücks folgt ein Rausch des Tanzes. Und die Horrah bleibt Siegerin. Bis in den frühen Morgen wird getanzt. Die Sterne werden langsam blaß, die Sinne müde, die Augen matt. Wir gehen hinaus und mustern noch einmal die im Oktogon gebaute Baracke, auf die wir so stolz sind. Dann gehen wir in unsere Zelte schlafen. Ein Sederabend am Mittelmeer . . . Mazzoth Eine kulturhistorische Skizze. Von Binjamin Segel. Diese letzte Arbeit des hervorragenden Schriftstellers wurde uns von ihm einige Tage vor seinem Ableben zur Verfügung gestellt. (Anm. der Red.) Das Pessachfest, das älteste der Feste Israels, beginnt am fünfzehnten des Frühlingsmonates Nissan, wirft aber seine fröhlichen Strahlen voraus, amtlich, wenn man so sagen darf, bis zum ersten dieses Monats, in dem man fortab keinen Fasttag halten und kein Thachanun (Bußgebet) sagen darf. Außeramtlich schon einige Monate früher: die großen Mazzothbäckereien kündigen oft schon kurz nach Chanukkah den Beginn ihrer Tätigkeit an. In früherer Zeit, bevor es Maschinen gab, die Mazzoth buken, wurde das ungesäuerte Brot durch Menschenhände hergestellt. Da man damals mehr Zeit hatte, konnte man es sich leisten, später anzufangen, gewöhnlich kurz nach Purim, ln kleinen Ortschaften war das Backen der Mazzoth damals eine der Hauptfunktionen des Haushaltes, und keine .wohlhabende Hausfrau*;die etwas auf ihre Würde! hielt, ließ es sich nehmen, die Osterbrote im eigenen Hause zu bereitem Gewöhnlich vereinten sich mehrere Hausfrauen bei der, die über die geeignetsten und bequemsten Räumlichkeiten verfügte, und diese nahm gerne alle Mühen und Strapazen auf sich, um der Ehre teilhaftig zu werden, daß das «Brot der Armut,. welches unsere Väter aßen, als sie aus der ägyptischen Knechtschaft zogen», unter ihrem Dache hergestellt werde. Aermeren Hausfrauen, die nicht abkommen konnten, wurde die Aufgabe, dabei mitzuwirken, von glücklicheren Genossinnen abgenommen. Alle Mitwirkenden mußten peinlich sauber gewaschen und womöglich in weiße Obergewänder gehüllt sein. Am Abend zuvor konnte man die Rabbiner und die kannte begrüßen einander mit lauten Ausrufen, die Damen der vorderen Reihen wetzen ungeduldig auf ihren Plätzen und klatschen miteinander. Die Geigen und Trompeten vom Orchester stoßen unkoordinierte Laute aus und mittendrein rennen geschäftige Schankburschen und bieten Spezialitäten, wie Orangen und Limonade, an. Das Publikum beginnt endlich ungeduldig zu werden. Das Orchester besinnt sich noch rechtzeitig und fällt mit einem feurigen «Csardas» ein. Für ein Stück wie «König Lear» ein gar eigentümliches Vorspiel! Nach einer Weile hebt sich der Bühnenvorhang. Aus dem ganzen Saale ertönt ein lauter, langgezogener Ruf: «Ooo!» Viele erheben sich plötzlich, worauf aus hundert Kehlen warnende und drohende Rufe erschallen: «Sitzen bleiben, sitzen bleiben!» Im allgemeinen Getümmel will auch ich mich vom Platze erheben, als zwei Hände mich gar unsanft am Arm packen und mich gewaltsam auf meinen Platz zurückdrängen. «Sitzen bleiben, sitzen bleiben!» schallt es von allen Ecken und Enden des Saales. . Inzw'"v^en beginnt das Spiel. Man führt den «König Lear» aut. Den «jüdischen König Lear» muß man zugeben. Und das bedeutet einen wesentlichen Unterschied, für den Gordin, der Verfasser dieses Stückes, gesorgt hat. Mein Gott! Durfte der Engländer den Lear schaffen, weshalb sollte es seinem jüdischen Doppelgänger verwehrt sein, eine jüdische Reproduktion des unglückseligen Greises zusammenzukleistern? Bekanntlich war Gordin ein Meister auf dem Gebiete des jüdischen Dramas. Man möchte beinahe sagen — ein produktiver Meister en masse. Unter den wuchernden Betriebsleuten des jüdischen Theaters jedenfalls einer, der von der europäischen Kultur so manches annahm, und unbestritten der geschickteste Bühnentechniker war unter der Menge karikierender Graphomanen, wie Schumer, Lateiner und ihre ebenbürtigen Jünger. Gordin hatte dramatischen Schmiß und hinterließ neben einer Unmenge echt amerikanischen Machwerks doch eine kleine Anzahl erlesener Dichtwerke. Er verstand es trefflich, die Geistesblitze eines Shakespeare, veraltete Bühnentricks eines Moltere, die Pikanterie eines d’Annunzio und den starrhalsigen Pessimismus eines Strindberg auf geschickte Weise aufzulesen und umzumodeln und hie und da solchen Schöpfungen einen tiefsinnigen Anstrich zu geben. Und da die handelnden Personen zumeist in jüdische Kleider gesteckt wurden, und da mit jüdischen Namen auch jüdische Gefühle zum Ausdruck kommen sollten, entstanden Dutzendwerke, denen die amerikanische Schminke den Schein der Originalität verlieh. Mit «König Lear» hatte Gordin überhaupt ein leichtes Spiel. Die königliche Majestät eines Lear wurde zur Gestalt eines trivialen Greises verzerrt, die reizende Anmut der Kordelia verwandelte sich in die Anhänglichkeit der fortschrittlichen «Madame Doktoriüs», der König erhielt den Namen eines Duwid Moischele, sein Hofnarr ward zum Hanswurst Schmaje und die erschütternde Tragödie des ewigen Undankes ward im jüdischen Stücke auf einem Konflikt zwischen konservativem und fortschrittlichem Spießbürger aufgebaut. Weshalb dieses Stück just so betitelt wurde? Ebenso gut könnte es heißen: «Michke mit Moschke» oder «Kunie Lemel ni be ni me ni kukeriku», oder gar «Geszammt, geharget yn gehongen» — a höchst ynteressante Piesse myt a Prolog yn a Epilog.» Der Inhalt unseres Stückes ist mit einigen Worten erschöpft. Ein alter Kauz verschenkt bei Lebzeiten seine Habe an die Kinder und soll in Palästina sein Leben beschließen. Als er jedoch von dort verarmt zurückkehrt, wollen die Kinder von ihm nichts mehr wissen, ln seinem Eiend wendet sich der bettelnde Greis an die Tochter, die er einst als Fortschrittsdame enterbt hatte und just bei der «Madame Doktoriüs» findet er Mitleid und Hilfe. Ende gut, alles gut! Alles kehrt sich zum Vater, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Moral? Sinn? Motive? — wer fragt danach. Aus der herrlichen Königstragödie ist eine Tragifarce geworden, in der ein Ko- / u I j a n Tn iv / m Das JudLein Es singt im Hoje, geJleckt und geflickt ein kleines Jiidlein, arm und gebückt. Von' Menschen vertrieben, verlassen, verwirrt, Jahrhunderte wandert der Jude und irrt. Er kratzt sich und tänzelt und jammert und red’t, daß arm und verloren er betteln geht. Der Herr am Fenster zum Bettler blickt, der arme Bruder zum Traurigen nickt. Wohin noch verschlägt's uns? Wann gönnt man un» Rast? Der Welt sind wir fremd nur und allen verhaßt. Der Herr am Fenster, dein Bruder im Glanz mit glühendem Kopfe durchs Weltenall tanzt. Der Herr am Fenster im Dichterruhm wickelt sein Herz mit Zeitung um und wirft es zum Fester hinab, daß es bricht und jener zerstampft es und sicht es nicht. Verschiedener Richtung treten wir dann die wahnsinnig traurige Wanderschaft an. Und nirgends finden wir Hafen und Rast, singende Juden, verrückt und verhaßt. Nachdichtung von Marek Scherlag. Unter den neueren Dichtern Polens nimmt Tuwim, geboren 1894 in Lodz, eine Hervorragende Stellung ein. Er ist Jer tonangebende Führer der jungen Dichtergeneration in Polen und wird als solcher, obwohl er Jude ist, auch allgemein anerkannt. Wenn man seine Gedichtbücher «Lauern auf Gott», «Der tanzende Sokrates», «Der siebente Lenz», «Worte in Blut» liest, findet man, daß er bei aller Natürlichkeit und Frische ein bewußter Künstler ist, der nur in dem Betreben, or.ginell zu sein und modern zu wirsen, manchmal zu weit geht. Wenn auch der Einfluß rusatsener und deutscher Expressionisten, namentlich Franz Werfels, auf Tuwim unverkennbar ist, so muß man ihm doch zubilligen, daß er über ureigene Töne verfügt, Humor und Tragik wunderbar nebeneinander stellt und immer wieder aus nationalen und sozialen Regionen zu sich selbst, zu seinem Ureigensten, zur Echtheit zurückfindet, womit er sich den .Weg zu unserem Herzen bahnt. . m. s. Honoralionen der Gemeinde in langem Zuge mit Kannen und Krügen in den Händen zum Brunnen schreiten sehen, um vor Anbruch der Nacht; das Wasser zu holen, welches Übernachten sollte — «majjinv schellanu» — um am folgenden Tage zum Einrühren des Teiges verwendet zu werden. Es herrschte nämlith die Vorstellung, daß das Wasser über Nacht von der unter der Erde gehenden Sonne erwärmt wird und daher des Morgens verdächtig ist, den Teig zum Gären zu bringen, ln den improvisierten Bäckereien wachten die erfahrensten und tüchtigsten Hausfrauen darüber, daß die Mazzah beim «Einmerren» — ein althochdeutsches Wort, das nur noch im Munde der Juden fortlebte und soviel wie Einrühren des Mehles bedeutete — beim Walken («Walgern») und Backen vor der geringsten Gärung zu bewahren. Was war das für ein munteres, seliges und weihevolles Treiben; während der ganzen Zeit herrschte völlige soziale Gleichheit; Hausfrau und Magd, Herr und Diener, ntiker die Hauptrolle spielt. Er wird zum Träger der Handlung und drückt dem ganzen seinen Stempel auf. Bei jeder Gelegenheit bringt er zwerchfellerschütternde Kuplets zum Vortrag, tanzt und hüpft unermüdlich, schleudert Witzworte in die Menge, und wo Worte versagen, hilft er mit nicht mißzuverstehenden Gebärden nach. Ein grünlich geschminktes Clowngesicht, ein Ziegenbärtchen mit zwei herabhängenden Stirnlöckchen, ein langer Mantel, aus dem traurig-gelbe Hosen hervorlugen — ein solch singendes, hüpfendes und ununterbrochen in einigen Sprachen radebrechendes Geschöpf ruft Beifallsstürme in dem lauschenden Auditorium hervor. Allen voran jedoch erweist er sich als trefflicher Causeur. Bei jeder Gelegenheit hat er ein Sprüchlein zur Hand: «Fun a chasers (Ferkel) Schwenzl kon mer kan Sztraml nit mach yn», oder «MeinKiszke (Magen) ist ausgedart, wieasoldackiepodeszwe (Schuhsohle)», oder «asoj wie der Misznaj es sugt: ni kazij hop, pakij ne pereskop». Das sind nur einige Blüten aus diesem Strauß. Der Clown philosophiert ln englischer Manier, spielt einen Gentleman ln deutschen Sprachbrocken und flucht hinterdrein in urwüchsig jiddischen Lauten. Ein Polyglott und Aphorist, wie es der Verfasser des Stücks kaum geträumt haben mochte. Und wo die Sprache nicht mehr ihre Wirkung erreicht, beginnt Schamay zu singen: «Ein Sztykale fynm Elefant» in erbärmlichen Kirchenweisen oder ein ergreifendes Lied: «Az Humen yz gywejn a Zojre Jehude», das hier in lustigen, hüpfenden Weisen herausgestoßen wird, wobei der vielseitige Künstler sein Lied mit Händen und Füßen begleitet und fortwährend den Refrain wiederholt: «AzHumen yz gewejn a Zojre Jehude, hot er bakymen a schwarze Hagude, oj wajl oj wajl o j . . .» Das Publikum amüsiert sich prächtig. Man ruft und pfeift ganz ungeniert, greift bekannte Weisen auf und wiederholt sie halblaut bis in die hintersten Reihe*