Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 171 (9.4.1931)
- Date
- 1931-04-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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O . ... IIU n Chaimke beobachtete den Vater mit lebhaftem Interesse. Er liebte diese Pessachabende außerordentlich. Er erinnerte sich noch, wie es im vorigen Jahre und vor zwei Jahren gewesen war . . . Aber damals war es irgendwie anders, feierlicher. Auch die Eltern waren fröhlicher gewesen . . . «Warum bloß die Fenster so verhängt sind?» fragte er sich. «. . . wer hungrig ist, komme und esse mit uns . . .» hörte er wieder die Stimme des Vaters, der die Schüssel mit den Mazzoth vom Tische aufhob und den entsprechenden Ritus ausführte. Der kleine Chaim, der wußte, daß der Augenblick herannahte, an dem er zum ersten Male in seinem Leben in weihevoller Umgebung das Mah-nischtaneh hersagen sollte, war ganz aufgeregt. Die Becher wurden mit Wein gefüllt. Der Vater setzte sich bequemer zurecht, lehnte sich behaglich auf die linke Seite und wandte sich zu dem Jüngsten: «Nun, Chaimke!» «Mah — nischtaneh-warum ist ausgezeichnet diese Nacht», begann Chaim, aber seine Blicke richteten sich unwillkürlich auf die Portieren. «Was hast du denn?» «Papa, ich muß dich etwas fragen!» «Gewiß, mein Kind. Die vier Kasches.» «Nein, noch was anderes. Sag’, Papa: Warum durften wir in allen Pessachnächten der früheren Mirjam Koralova j .Jahre Mazzoth essen und in dieser Pessachnacht nur Brot, und Mazzoth sind verboten?» «So, so, mein Sohn!» Die Eltern wechselten vielsagende Blicke. Die Mutter führte ihr Taschentuch an die Augen. «Liebes Kind, laß das jetzt. Sag’ lieber die vier ...» «Gut, aber nachher sollst du mir r.'ies erklären, und-auch das: Warum durften wir in allen Pessachnächten der früheren Jahre den Seder offenkundig •verrichten und auch bittere Kräuter essen, und in dieser Pessachnacht nicht?» «Warum, weshalb», brummte der.Vater und sah durch die Brillengläser den Erstgeborenen, den elfjährigen Dodik, an. - «Frage deinen Bruder, warum!» mengte sich die 'Mütter mit bebender Stimme ein. «Frag’ ihn! Er weiß alles . . . Warum sprichst du nicht, Dodik? Erkläre deinem Bruder, warum es nicht mehr so ist, wie -früher.» Erregt ging die Mutter zum Ecktisch. «Mach dir keine Sorgen, Chaimke,» fiel der Väter ein, «und sag’ endlich das Mah — nisohtaneh!» «Da hast du dir auch dumme Fragen ausge- 'dacht: Sag’ lieber, dein Mah-nischtaneh herunter — und fertig», meinte Dodik. ' - «Du bist dumm!» schalt die Mutter. «Chaimke hat vernünftige Fragen gestellt.» «Dann antwortet ihm!» rief Dodik unwillig, ^sprang auf und eilte zur Türe. «Ich habe keine Lust, die Amme zu spielen!» «Dodik! Du hast mir versprochen, du hast mir das Wort gegeben!» «Ja, Vater, aber ich habe keine Zeit. Auch dort bin ich durch mein Wort verpflichtet. Deshalb muß ich weg.» «Fortgehen willst du? . . . Heute abend? . . . Warum schweigst du, Aron? Bist du nicht sein Vater? Befiehl ihm, sich an den Tisch zu setzen und den Feiertag nicht zu stören.» «Ja, Zipporah, du hast recht! Man soll den Feiertag nicht stören.» Der Vater in seinem langen weißen Kittel stand vom Tische auf, trat auf Dodik zu, legte ihm die Hand auf die Schultern und begann in eigentümlichem Sing-Sang, aber mit strengem Untertone: «Ze ulrnad . . . Untersuche einmal, was wollte Laban der Aramite gegen unseren Vater Jakob unternehmen . . . Dodik, Dodik, mein Sohn, mach keine Dummheiten. Tu nichts gegen deinen Vater und dein Volk. Setz’ dich an den Tisch, damit wieder alles ruhig und feierlich ist. Und auch du, setze dich, Zipporah!» Alle setzen sich wieder an den Tisch. Stille herrschte . . . Man glaubte das Herzklopfen des Nebensitzenden zu hören. Alle stierten vor sich hin, nur Chaimke blickte scheu bald auf den Vater, bald auf die Mutter und musterte erstaunt auch seinen Bruder — Dodik. Lange unterbrach niemand das beklemmende Schweigen. Auf einmal begann Chaimke mit singender, aber ein wenig zitternder Stimme: «Mah nischtaneh — warum ist ausgezeichnet diese Nacht vor allen Nächten . . .?» Die drei Stirnfalten des Vaters glätteten sich. Aufmerksam und leicht sich hin und her wiegend, j hörte er die tausendjährigen Fragen seines Kindes I 11. April 1931 Die brennendste Frage...!? Wo verbringe ich heuer meine Sederabende? Im bestbekannten orth. ira Restaurant A. Barschak Wien, II, Große Schlffgasse 3, 1 eleption R 40-1-39, wo wie alljährlich, Sederabende ln traditioneller und feierlcher Weise aogehtilten werden. Einen wahren Pessach.enuß für den verwöhnten Feinschmecker bedeuten A. BARSCHAK.s WElN- SPEZ ALl IA1EN. Eine wirkliche Auslese: Paifls»fiiH, Ka mel, Muskat, Malaga Met. >a Sl bowitz und Kognak. Das Restaurant steht unter Aufsicht des ehrwurd. R«bblnats der h'uituseemeinde k*»w iKaKa adv n xi am dieses Fenster eingeschlagen hat!» «Untersteh dich nicht! Ich weiß auch so, wer es zerschlagen hat. Chaimke bleibt da!» ereiferte sich die Mutter. «Dann geh’ ich selbst! Ist ohnedies höchste Zeit.» «Was heißt, höchste Zeit? ... Du gehst nicht! Hörst du? Du gehst nicht!» rief der Vater und setzte dann ruhiger hinzu: «Du hast mir dein Wort gegeben und mußt es halten!» «Freilich muß man sein Wort halten. Das gab ich meinen Genossen und verpflichtete mich, um neun Uhr mit ihnen zu sein. Es ist bald neun und Ich kann nicht mehr warten. Bald beginnt der Fackelzug, ich darf mich nicht verspäten.» an. Und die Mutter! Sie lächelte selig. Mit welcher Liebe und Hingebung hing sie an den Lippen des Kleinen! «. . . denn in allen anderen Nächten können wir . . .» Plötzlich war Chaim verzweifelt aufgesprungen und zur Mutter gelaufen. Eine Fensterscheibe wurde eingeschlagen. Der Vater lief ans Fenster. Er verschloß die Läden noch sorgfältiger und zupfte die Portiere zurecht Dodik stand gesenkten Blickes an der Türe, biß sich die Nägel und schien einen innerlichen Kampf durchzumachen. Inzwischen zog die Mutter nervös, gemeinsam mit Chaimke, das Tafelbrett unter dem Tische hervor, auf dem die Scheiben geschnittenes Schwarzbrot und Kaftoffelpirogen Waren. Mit Hilfe des Mannes ließ sic die Mazzoth und die gefüllten Becher unter dem Tische verschwinden. Jetzt sah die Tischplatte ganz anders aus. «Zielt’ rasch den Kittel aus, Aaron!» «Sag’ mir, Papa: warum mußten wir nicht ln allen Pessachnächten der früheren Jahre den Seder- Tisch verstecken, aber in dieser Pessachnacht — zwei Mal? Das erste — mit Brot und Pirogen, das zweite — mit Mazzoth, Petersilien und Salzwasser?» «Was setzt du heute dem Vater mit Fragen zu?» fuhr ihn Dodik an. «Komme lieber nachschauen, wer | Konzerthaus «Dodik! . . . Do—dik!» «Dodik,..!» Die Tür flog ins Schloß. Eine bleierne Ruhe trat ein, nur bisweilen vom leisen Schluchzen der Mutter unterbrochen . . . Der Vater öffnete die Fensterläden, sah auf die Straße hinaus, und schloß sie dann wieder. Er zog die Portiere zu, blickte sich um, seufzte schwer. «Zipporah! . . . Trag die Kissen fort. Es geht heute auch ohne sie. Ich brauche sie nicht mehr!» .Unter Tränen trat Zipporah an den Tisch und zerstörte den mit so viel Liebe und Sorgfalt für das Familienhaupt hergerichteten Sitz. «Sag’, Papa!» begann wieder Chaimke ganz verdutzt. «Warum konnten wir in allen Pessachnächten der früheren Jahre ruhig und angelehnt dasitzen, und in dieser Pessachnacht . . . hast du . . „ und Mama irgendwelche Angst?» «Die vierte! . . . Die vierte Kasche!» schluchzte die Mutter. «Hörst du, Aaron? Die vierte Frage war es. Beantworte sie doch deinem Sohne!» Der jüdische König Lear (Aus dem Zyklus: «Ghetto-Impressionen».) Von Z. F. F i n k e 1 s t e 1 n. Zur Abwechslung einmal das jüdische «Theater». Wenn auch die Wandertruppe, die in einer galizischen Provinzstadt ihre buntfarbenen Zelte aufschlägt, einen verwöhnten Globetrotter nicht allzu stark lockt, geht man einfach hin, um einen öden Samstagabend totzuschlagen. Was sollte man hier sonst tun? Den ganzen Tag. wandelt man zwischen kleinlichen Menschen herum, lauscht ihrem eintönigen Gefasel und hört voll gähnender Langeweile von ihren Sorgen und Schmerzen, ihren Freuden und ihrem kleinkrämerischen Streben. Man möchte sich am liebsten vor Ekel und Leere in ein Loch verkriechen, aber wenn der Abend herannaht und ein Schneegestöber die podolische Stadt wie in ein Leirlientuch einhüllt, überkommt einen plötzlich ein rasenuu, ocunen nach Licht, Lärm und betäubendem Spiel. Wie ein Gespenst schleicht man durch die krummen, schmierigen Gäßchen, starrt in der Finsternis geschäftigen Menschen in die Augen, als wollte man irgendwie ein Fünkchen Seele erhaschen, und so oft hinter irgendeinem Fenster die Silhouetten tanzender Pärchen vorüberhuschen oder irgendwo die Weise eines Liedes erklingt, wünscht man, als namenloses Geschöpf ln der Menge, in ihrem Lachen und Jauchzen untertauchen zu können. Man benützt also die Gelegenheit und geht ins jüdische Theater. Lachstoff soll’s ja heute hier genügend geben. Eine Tragödie wird aufgeführt. «Eine komische Tragödie mit Tanz und Gesang», — wie es in den knallroten Ankündigungen heißt. Und obendrein ist’s Samstag. Das hat im jüdischen Theater ebenso wie im jüdischen Leben seinen besonderen Reiz. Da verschwindet die graue Alltagsstimmung und auch die Leute, die die ganze Woche hindurch im hastigen Getriebe des Lebenskampfes ersticken, reißen sich am Samstag instinktiv aus dem Moraste der Eintönigkeit in die Höhen der Lv:t ::r.r1 Lebensgier, Auch die primitivste Bretterbude eines jüdischen Theaters erstrahlt an diesem Tage in besonderem Glanze und erzittert von heißer Erwartung der Sklaven des Lebens. An Samstagen gibt man daher die besten Stücke und präsentiert der Menge die beliebtesten Schauspieler. Man schleudert die wirksamsten Witze ins Auditorum und singt die neuesten Schlager. Und bald ist der Kontakt zwischen dem Publikum und der Bühne hergestellt. Die Darsteller wollen eine Tragödie spielen, aber das Publikum wittert einen Ulk. Wenn der Held auch über Befehl des Verfassers getötet werden muß, so reißt der spielende Schalk derart urkomisch sein Maul auf, bcäugelt so schelmisch das erschreckt tuende Publikum und durchbohrt derart phlegmatisch mit einem hölzernen Dolch den Aermel seines Opfers, daß selbst die noch so tragisch gestimmten Zuschauer vor Lachen beinahe bersten. Und wenn noch dem totgeglaubten Helden sein Gegner die pathetischen Worte zuruft: «Lebst dy noch, dy Ausgeburt vun dem Oihenim (Hölle)?» — und zur Bekräftigung seiner Wut ihm einen nicht gerade gelinden Fußtritt versetzt, da kann sich sogar der aus dem Jenseits so unsanft zurückgerufene Kumpan nicht zurückhalten, und mit einem unterdrückten Stammeln ruft er vom Fußboden herauf: «Awek Motie, wie kriechst dy? . . . Im geräumigen Hofe des Theaters geht es bereits eine Stunde vor dem «Anfang präzis» sehr lebhaft zu. Ein Getümmel von Alt und Jung. Man drängt sich zur Kasse, belächelt die einen und beneidet die anderen, führt erregte Diskussionen, streitet und feilscht und strebt gemeinsam dem Musentempel zu. Gleich beim Eingang überwachen Argusaugen alle Eintretenden. «Der Direktor», flüstert jemand mit Ehrfurcht, und man empfindet unwillkürlich Respekt vor diesem vielseitigen Kunstgewaltigen. Er hat Jedoch nicht nur spähende KUnstleraugen, sondern auch starke Fäuste. Er entdeckt flink die Theaterschwärmer, die sich gratis hereinschleichen wollen, und wäJarcod et mit der einen Hand die Eintrittskarte abnimmt, bedenkt er die sich Vordrängenden mit der anderen in recht liebloser Art, so daß sie so rasch als möglich vom Musenhofe die Welt der Wirklichkeit zu erreichen suchen. Im Saale dämmert’s noch. Hie und da tauchen Schatten von leeren Bänken und Stühlen auf, während aus einer Ecke die ersten Laute vernehmbar werden. Es ist das Stehparterre. Einige Bretter und ein armseliges Gitter sondern es vom Saale ab. Hier füllen sich am ehesten die Plätze und hier gibt’s richtiges Theaterpublikum. Junge Handelsangestellte, die heute glanzvoll adjustiert sind, gebeugte Lastträger, die heute aufrechtstehen müssen, einige Hausierer, die ihre gramverzerrten Lippen in freudiger Erwartung kommender Herrlichkeiten offen halten und hie und da blasse Chassldimjünglinge, die sich verstohlen in die Ecke drücken, als wollten sie den Blicken der Anwesenden entgehen. Im Saale wird es allmählich heller und regsamer. Mit einem Freudenruf «Aaah!» wird der elektrische Lichtstrahl begrüßt und bald ertönen auch im Orchester in wirrem Durcheinander einzelne Instrumente, üie hastig gestimmt werden. Der Saal füllt sich und Besucher drängen sich in den Durchgängen. Ein Geflüster und Gemurmel schwebt wie Gesumme wilder Bienen über der Menge. Durchwegs Kleinstadttypen: protzende Parvenüs, die selbstbewußt und mit sicherem Schritt nach vorne schreiten, um die ersten Plätze einzunehmen; abgehärmte Spießbürger, die behutsam zu den hinteren Reihen schlendern; Kaufleute, die mit geschäftigem, prüfendem Blick die Ankommenden mustern; Vermittler; allerlei Gewerbevolk; einige Orthodoxe mit zierlichen Kappen; hie und da ein verirrter Soldat; und allen voran die örtlichen Honoratioren. In den ersten Reihen spreizen sich breit und behäbig neben ihren Gatten aufgeputzte Damen mit funkelnden Ohrgehän« gen und Halsketten. Das Gemurmel und Geflüster steigert sich unterdessen fortwährend. Kinder tummeln sich zwischen den Bankretiiea und drängen sich zur Bühne voran,