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Die Stimme · 1931-04-02 · Heft 170 (2.4.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 170 (2.4.1931)
Date
1931-04-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 171 — 16. April 1931 DIR STIMME Seite 7 Sonntag, den 29. März, begann die Reihe der öffentlichen Plenarversammlungen des Kultusvorstandes, die die Budgetdebatte zum Gegenstände hatten. Präs. Prof. Pick eröffnete die Sitzung, worauf Vizepräsident Dr. 0 r n s t e i n ihn zu seiner Wiederherstellung nach dem Unfall, den er erlitten hatte, beglückwünschte. Ebenso herzlich begrüßte er Herrn Börserat Glück, der wieder genesen ist. Anschließend hielt Dr. Ornstein einen tiefempfundenen Nachruf für Frau Laura Krenberger, den die Kullusvorsteher stehend anhörten. Anitsleiter Regierungsrat Fuchsgelb erstattete sodann einen Bericht über die eingelaufenen Spenden, u. a. über die Spende von S 20.000.— des Barons Louis Rothschild, und die Verteilung der Lebensmittel, sowie die Beteüung armer Kinder. Er berichtete auch über ein Schreiben der Landesregierung vom 20 Februar a. c., in dem mitgeteilt wird, daß die« Herren Dr. Löwy, Dr. Eisler und Dr. Uhrmann gegen Rabbiner Babad Stei ung genommen haben. Auf Grund dieser Anzeige wurden bereits alle Maschgichim (Aufseher), die keine österreichischen Staatsbürger sind, amoviert. Regierungsrat Dr. Oppenheim erstattete sodann sein Budgetreferat: das Ergebnis 1930 war recht betrüblich, im Jahre 1929 haben wir gegenüber dem Präliminare!t?29 um nicht weniger als S 380000.— besser abgeschlossen. Die Gesamteinnahmen des Jahres 1929 waren S 6,302.000—, die Gesamtausgaben S 6,102.000.—. Der Ueberschuß beträgt also S 200.000.—. Dagegen haben wir im Jahre 1930 S 6,211.000.— ausgegeben. Die Gebarung 1930 schließt daher mit einem Defizit von S 137.000— ab. Wenn man die Entwicklung der Ku’tussteuer seit dem Jahre 1924 verfo gt, so hat man ein genaues Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie sich m den Vorschreibungen und Einnahmen der Kultussteuer ausdrücken. Wir sind Jetzt im Jahre 1930 erst auf dem Standpunkt der Vor6chreibungen angelangt, die wir schon 1924 hatten. Wir hatten im Jahre 1924 nur zirka 50.000 Zensiten. Heute haben wir zirka 60.000 und die S 2,480.000.— verteilen sich auf 10.000 Zensiten mehr als im Jahre 1924. Wir präliminieren inklusive der durchlaufenden Posten für das Jahr 1931 Einnahmen von S 5,904.933.— gegen effektive Einnahmen des Jahres 1930 von S 0,211.000.— und des Jahres 1929 von S 6,302 000.—. Dagegen präliminieren wir Gesamtausgaben von S 6,383.000—, gegen 1930 von S 6,348.479.—, also um zirka 40,000.— mehr, als wir im Jahre 1930 effektiv ausgegeben haben, wobei ein Defizit von S 180.000.— neu hinzugekommen ist. Schätzen wir ein Defizit von zirka S 530.000.— nur für die Gebarung 1931, so sind es zusammen S 740.000.— bis S 750.000.—. Unsere einzige Freude ist die Gebarung cies Versorgungshauses. Die Einnahmen des Versorgungshauses belaufen sich aus Verpflegungsgeldern auf S 325.000.— gegen $ 322.000.— im Jahre 1929, Die Ausgaben dagegen sind von S 493.000.— oder S 494.000.— auf S 160.000 im Jahre 1930 zurückgegangen, wobei es sich ergibt, daß trotzdem mehr Insassen verpflegt wurden als im Jahre 1929. Zum Schlüsse schlug der Referent die Einführung einer Ersparungskommission vor, deren Vormächten weiter galten sollen, als die Vormächten einer gewöhnlichen Kommission. ln der Debatte sprach dann als Generalredner Dr. Deslder Friedmann, Obmann des Klubs der zionistischen Mandatare. Seine Rede haben wir in der letzten Nummer der «Stimme» zum Abdruck gebracht. — Nach ihm sprach Kultusrat Wolf Pappenheim über die Schiffscluilinstitutionen, worauf Herr Mendel Singer ungefähr folgendes ausführte; Die Budgetdebatte darf sich nicht darauf beschränken, festzustellen, was wir einnehmen und was wir ausgeben dürfen; sie muß vielmehr die Notwendigkeit einer Steigerung der Leistungen aufzeigen und nach Mitteln und Wegen suchen, um diese Steigerung durchführen zu können. Als Mittel hierzu betrachten wir zum Beispiel eine Besteuerungserhöhung der Höchstbesteuerten. Zu dieser Maßnahme ist die Zustimmung der Regierung notwendig, und diese müssen wir zu erlangen suchen, Die jüdische Bevölkerung Wiens ist an Zahl und Bedeutung stark genug, um die Regierung zu überzeugen, daß sie ihren berechtigten Forderungen Rechnung tragen muß. Die Frage des allgemeinen Wahlrechtes hängt nicht mit den gleichen finanziellen Leistungen zusammen. Nicht alle Bürger des Staates und der Gemeinde leisten Steuern in 1»rselben Höhe. Die Demokratie aller Völker begründet auch die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht nicht bloß mit den gleichen finanziellen Leistungen aller Bürger, sie geht vielmehr von der Erkenntnis aus, daß alle Menschen das Recht besitzen müssen, auf die Verwaltung ihrer Gemeinschaft den gleichen Einfluß zu nehmen. Die Mehrheit des Kultusvorstandes huldigt der Demokratie außerhalb des Judentums, im jüdischen Leben selbst jedoch verleugnet sie die Grundsätze dieser Erkenntnis. Das ist auf die Scheu vor dem unmittelbaren Kontakt mit den Jüdischen Massen zurückzuführen. Die Ersparungskommission, die uns vorgeschlagen wurde, bewirkt eine Ausschaltung des Plenums bei der Gewährung innerer entscheidender Funktionen, die uns obliegen. Die Beziehungen des Kultusvorstandes zum Palöstinaaufbau können zu einem Zeitpunkt, da dieser Aufbau längst schon auch außerhalb der zionistischen Partei Interesse gefunden hat, als unparteiisch bezeichnet werden. Palästina darf für uns nicht eine Angelegenheit sein, für die wir uns gewisse Beträge abknöpfen lassen, sie muß vielmehr als eine allgemein jüdische Angelegenheit auch eine 'yesentliche Frage unserer Gemeinde sein. IHerr Morjz weist hierauf auf die Ausbreitung der Hitlerbevvegung in Deutschland hin und meint, daß auch in Oesterreich ähnliche Zustände Platz greifen könnten. Die Abwehrbewegung dagegen könne nur von der Kyltusgemeinde ausgehen und die Juden würden ihr nur dann Gefolgscha t leisten, wenn sie daran Interesse hätten. Diekönne man nur durch die Einführung des allgemeinen Wahl rechtes erzielen. — Am Sch’ussc seiner Ausführungen legi Herr Moriz ein jtidisch-nationa'es Bckennbrs ab. Nach den Ausführungen des Herrn Moriz spricht der Referent Herr Pappenheini das Schlußwort und bittet den Kultusvorstand um die Zustimmung für die Ersparungskommission, In der Budgetdebatte der Wiener Kultusgemeinde hielt Kullusvorsteher Prof. Moses Rath eine allgemein beachtete Rede übei die Probleme der jüdischen Erziehung in Wien. Die Rede, die - wir nachstehend iii wesentlichen Auszügen wiedergeben, nahm zwei Stunden in Anspruch. Sehr geehrtes Kollegium! Ich begrüße es, daß der Obmann der Schulkommission, Herr Dr. Ticho, heute erstmalig und ausnahmsweise die Debatte zum Kapitel Schul- und Unterricbtsangelegenbeiten mit einem kurzen Referate einleitete. In den vorange^angenen Jahren war dies nicht der Fall, und so kam es, daß ich als Sprecher der Minorität in der Sdiulkommission jedesmal die Debatte mit einem Referat eröffnen mußte, das naturgemäß nicht einen Bericht über die Leistungen der Schulkommission und der Unterrichtsverwaltung zum Inhalte hatte, sondern vielmehr Worte der Kritik, Anregungen und Vorschläge, die uns der Lösung dieser schwierigen Aufgabe nä’-erbringen könnten. Bei der letzten Budgetdebatte setzte sich der Obmann der Sdiulkommission über die von mir an Hand von Tatsachen und Daten aufgezeigten Mängel des jüdischen Bei rbeurattldien Stfunerjen, tuet), Scfjmerjen >n beit (idealen unö (SJliebeut wirten ional-Tcibletten gauft ijeruovragcnö. 516 oliu un|ct)äMid). (Sin 5$entd) ii&eru’ugtl — $it allen Slpothden. — 6 2.40 crzicuuugswesens m Wien in allen seinen Erscheinungen glatt hinweg und verschanzte sich hinter Schlagworten, mit denen ich mich heute noch gründlich auseinandersetzen werde. Wir müssen die zwischen uns und den Vertretern der «Union» gerade in diesem Punkte der Tätigkeit der Gemeinde herrschenden Gegensätze klar und deutlich herausstreichen und untersuchen, ob diese Gegensätze überbrückbar sind. Sind sie es nicht, so muß wenigstens ein goldener Mittelweg gesucht werden, auf dem wir uns in gemeinsamer und einvernehmlicher Arbeit treffen könnten. Wir sind in diesem Hause die zweitstärkste Partei mit 12 Mandaten; ideell hundertprozentig, programmatisch zu 90 Prozent, gehören uns auch noch vier andere Vorsteher an. Nach dem gestern hier von Herrn Vorsteher Moriz abgelegten Bekenntnis zur jüdischen Nationalität stellt uns auch diese kleine Gruppe nahe. Wir sind uns darüber im klaren, daß wir als zweitstärkste Partei uns nicht in den Schmollwinkel einer untätigen Opposition setzen können, und so teilen wir mit Ihnen die Verantwortung für die Verwaltung und die Geschicke dieser Gemeinde, ln den anderen Kommissionen, so insbesondere in der Fürsorgekommission, im Versorgungshaus, in der Kommission für Kultus und rituelle Angelegenheiten, wird von allen Gruppen gemeinsam und einvernehmlich gute Arbeit geleistet, Nur in einer Kommission prallen die Gegensätze wuchtig aufeinander, nur in der Schulkommission geht es nicht vorwärts, weil uns hier grundsätzliche Differenzen trennen. Aber gerade dieses Gebiet, die Jugenderziehung, betrifft den wichtigsten Punkt unseres Gemeindeprogrammes. Als ich vor zwei Jahren anläßlich der Budgetdebatte ein ausführliches Referat über die Probleme der jüdischen Erziehung in Wien erstattete, ward mir die Genugtuung zuteil, daß nicht nur meine Gesinnungsgenossen, sondern auch alle anderen Gruppen dieses Hauses und namentlich die Herren von der «Union» ,hier wie auch außerhalb dieses Saales in Wort und Schrift die Sachlichkeit und Objektivität meines Referates anerkannten. Ja, noch mehr, der Herr Budgetreferent Dr. Oppenheim, der in der Generaldebatte einen scharf assimilatorischen Standpunkt vertreten und als Gegner der jüdischen Vollschule sich deklariert hatte, sprach nach mir in der Spezialdebatte und bekannte sich offen, mutig und eindeutig zu der von mir geforderten fakultativen jüdischen Volks- und Mittelschule. Und schließlich stellte sich auch der Obmann der Schulkommission, Herr Dr. Ticho, wenn auch nicht mit dieser Eindeutigkeit, auf ineine Seite. Seitdem sind zwei Jahre verstrichen: die Situation ist praktisch im wesentlichen dieselbe geblieben und Herr Dr. Ticho hat in der Frage der fakultativen jüdischen Vollschule wieder den Rückzug angetreten, indem er erklärte, er sei im allgemeinen gegen eigene jüdische Schulen; sollte es aber doch welche geben, so doch mr die religiöse und night die nationale Schule, wie etwa das Chajcs-Realgymnasiuir*. Hierauf wird die Generaldebatte geschlossen. —■ In def Spezinldebatte nimmt als erster Herr Viktor Baumingef das Wort. Er spricht über die Drohungen der Schiffschul und meint, daß diese immer wieder mit denselben Argu* menten kämpfe. Er wendet sich gegen die Angriffe auf dl« Berufung des Rabbiners Babad, die im Schreiben der Lat?«» desreg'erung enthalten waren. Dann bittet er, doch endlich einmal die Stelle des Oberrabbiners zu besetzen. — Nach ihm sprechen no<h Herr P a p p e n h e I m, Herr Doktor La n d a u und Herr Moriz. (Die Fortsetzung der Debatte bringen wir in unserer fläch« sten Nummer.) Ich will zunächst feststellen, daß auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes an den öffcntlicnen Schulen, dessen Unzu änglichkeit ich und auch andere Redner hier augenscheinlich dargetan haben, nichts ge« schelten ist, Alles blieb beim alten, d, h., daß das Resultat des Aufwandei von S 40U.U00.— jährlich seitens des Bundes, der Gemeinde und der Kultusgemeinde die von 70 durchwegs gut qualifizierten Volks- und Mittelschujlehrern erteilten 1500 Unterrichtsstunden in der Woche, aus den von mir in den früheren Referaten angeführten Gründen außerordentlich gering ist. Nach wie vor verlassen 80 bis 90 Prozent der Zöglinge die Schule, ohne geläufig hebräisch lesen zu können, ohne aueh nur einen le:chten Bihejtext oder ein Gebet mit Verständnis lesen oder übersetzen zu können, ohne Kenntnis der Liturgik und der Bräuche. Die Propheten, Hagiographen, Apokryphen, Mischna, Uemarah, Midrasch, mittelalterliche Poesie, Homi* Jetilc, neuhebräische Literatur, all dies ist für unsere Jugend terra incognita. Aber auch das Resultat des Geschichtsunterrichtes ist nicht befriedigend, kaum einige bedeutende Namen und Tatsachen bleiben im Gedächtnis, und von einer zusammenhängenden Kenntnis auch nur einiger Epochen unserer fast viertausendjährigen Geschichte kann keine Rede sein. Herr Dr. Ticho ist mit dem Religionsunterricht zufrieden. Ich aber wiederhole laut und vernehmlich, was ich hier bereits gesagt habe: In Wien, ln der drittgrößten Judengemeinde der Welt, in der so viele Gelehrte gewirkt haben, in der so viele gesetzestreue und nationale Juden leben, wächst eine Jugend heran ohne Kenntnis des Judentums, seiner Geschichte, Sprache und Literatur, seines Religionsgesetzes und Ideengehaltes, ohne Beziehung zur Vergangenheit und ohne Kontakt mit der Gegenwart des eigenen Volkes, und nur etwa 15 Prozent der die öffentlichen Schulen besuchenden Kinder genießen an der ralmud-Thoraschulc In der Malzgasse, ani Chajes.Realgymnasium sowie an den Chadarlm und v Bibel- und hebräischen Sprachschulen einen mehr oder weniger IntenRivpn RHis^hen Ergänzungsunterricht, Herr Inspektor Dr. Redisch hat zwei Studienreisen nach Bt.lin unternommen. F.r hat dort den Religionsunterricht den öffentlichen Schulen und auch an den Bibel- 'hüten der Gemeinde inspiziert und in der Schulkommission über seine Eindrücke und die in rwiin «0«»)«-vielten Erfahrungen ausführlich berichtet, wobei er den dort erzielter ’-'",-->n höchste Anerkennung gezollt hat. Daß ef aber daraus auch für Wien Schlüsse gefolgert und irgend etwas zur Verbesserung und Vertiefung des Unterrichtswesens bei uns unternommen hätte, davon haben wir nichts gehört. Ich habe wiederholt gefordert, häufig Lehrerkonferenzen, bei denen die methodischen und didaktischen Fragen diskutiert, Lehrpläne entworfen und verbessert und gesammelte Erfahrungen auvgetauech. werden könnten, abzuhalten. Eine solche Konferenz hat im März v, J. stattgefunden, Inspektor Dr. Redisch hielt ein in Form und Inhalt ausgezeichnetes Referat, es sollten dann weitere Konferenzen stattfinden, aber bis heute wurde keine weitere Mittelsehullehrerkonferenz abgehalten. Die Volks- und Hauptschullehrer wurden seit drei Jahren zu keiner Konferenz einberufen. So kommt es, daß die Gemeinde auf die vom Bund bestellten und besoldeten Mittelschullehrer gar keinen Einfluß, und auch mit den Gemeindelehrern an den Volks¬ und Hauptschulen nicht den nötigen Kontakt hat. Auf einem Gebiete hat die Schulverwaltung Ersprießliches geleistet; Der Jugendgottesdienst am Samstag nachmittags ist für die am Sabbath die öffentlichen Schulen besuchenden Kinder von großer Bedeutung, Die Frequenz ist erheblich gewachsen. Am meisten wirkt sich der Jugendgottesdienst im 20. Bezirkstempel aus, wo die Kinder ebenso wie an der von mir gegründeten Sprach« und Bibelschule beim polnischen Tempel den ganzen Gottesdienst selbst mit Hilfe der Lehrer abhalten, was das Interesse der Jugend ganz besonders belebt. Es ist nur zu bedauern, daß es noch nicht gelungen ist, auch die Mittelschüler, wenigstens die der Unterstufe, für den lugendgottesdienst zu gewinnen. Aber auch für die der Schule entwachsenen, bereits am Beginne der Berufstätigkeit stehenden Jungen Menschen muß ein Zentrum geschaffen werden mit der Zielsetzung, ihnen eine lebendige Beziehung zu echten Probleme der jüdischen Erziehung in Wien Rede des Prof. Moses Rath.

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