Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-04-02 · Heft 170 (2.4.1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 170 (2.4.1931)
Date
1931-04-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053924--2273-3057689
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

I L)ifc Smvtivifc Nr. 171 16. April It/jl Zionisten und Freunde des KEREN KAJEMETH werden gebeten, von allen FAMILIENFEIERLICHKEITEN in Ihrem Bekanntenkreise (HOCHZEITEN usw.) unverzüglich den Keren Kajemeth zu verständigen Sc iisse in e ner Budapester Synagoge Budapest. (J, T. A,) Während des Gottesdienstes am zweiten F’essaclitage m der (lauptsynagoge in Budapest erschien durcli eine br<tenLir ein Mann, der zum Altar stürzte und Uo«t aus einem Revolver auf den Kantor und die Betenden mehrere Schlisse abgab, von denen der 17jähnge id»Ui durch einen Ohrscluüi lebensgefährlich, der 41jährige Taglicht und der Schuldirektor hinter schwer verletzt wurden. Der Betenden bemächtigte sich eine große Panik, viele von ihnen wollten sich auf den Attentäter stürzen, um Ihn zu lynchen. Er wurde jedoch von der bald herbeigeeilten Polizei ln Haft genommen und als der 53 Jahre alte Ingenieur Emil Satloga festgesteilt. Er gehörte früher dem römisch-katholischen Glauben an und ist jetzt konfessionslos. Das Attentat die lat eines Irrsinnigen Budapest. (J. 1. A.) Zu unserer Meldung über das Attentat des Ingenieurs Satloka im Haupttempel der Fester Israelitischen Religionsgemeinde in Budapest werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Während des Freitagabendgottesdienstes, unmittelbar nachdem der Kantor Vinecki das Amidah beendet hatte, fielen einige Schüsse, durch die zwei Personen schwer und zwei leicht verletzt wurden. Durch die Geistesgegenwart des Rabbiners Hevesi gelang es, weiteres Unheil zu verhüten. Mit Hille einiger Synagogenbesucher entwallnete ür. Hevesi den Attentäter, der von der herbeigeeilten Polizei nur mit Mühe vor der ihm drohenden Lynchjustiz gebettet werden konnte. Der Zustand des schwerverletzten 17jährigen Lehrlings Eugen Roth und des 44jährigen Agenten Nathan Taglicht ist lebensgefährlich. Der 72jährige pensionierte Bürgerschuldirektor Ignatz Pinter und der 44jährige Kaufmann Leo Stern sind mit leichten Verletzungen davongekommen. Der 12jährige Schüler Georg Glück und eine Frau, deren Name nicht bekannt ist, wurden bei der Panik niedergerannt und erlitten schmerzhafte Kontusionen. Der Attentäter gab beim Verhör, dem auch Innenminister von Scitovszky beiwohnte, an, er habe sich an den Juden rächen wollen, weil diese und die Freimaurer alles Unheil über Ungarn gebracht hätten. Aus den verworrenen Aussagen konnte man bald ersehen, daß es sich um einen Geistesgestörten handelt und, wie von der Polizei auch festgestellt werden konnte, war der Attentäter, der 53jährige Maschineningenieur Emil Satloga, bereits vor 20 Jahren in einer Irrenanstalt untergebracht. Der ungarische Minister für Kultus und Unterricht, Graf Kiebelsberg, hat dem Vorstand der Synagoge ein Telegramm geschickt, in dem er sein Bedauern und seine Empörung über den Vorfall und sein Beileid für die Angehörigen der Opfer zum Ausdruck bringt. Auch das römisch-katholische Episkopat und der protestantische Bischof von Budapest haben dem Synagogenvorstand und den Familien der Opfer Sympathiekundgebungen gesandt. Das Budapester Rabbinat hat für den 27. April einen Fasttag angeordnet. Ein Todesopfer Budapest, 10. April. (J. T.*A.) Das Attentat, das der für geisteskrank befundene Ingenieur Satloga in der Budapester Synagoge am Abend des zweiten Pessachtages verübt hatte und bei dem mehrere Betende schwer verletzt wurden, hat nun ein Todesopfer gefordert. Der 17jährige Lehrling Eugen Roth ist am 10. April seinen Verletzungen erlegen. Zionistischer Wahlsieg in Bfelsko Warschau, 29. Marz (J. T. A.). Den Reigen der jüdischen Gemeindewahlen in Polen eröffnete die Gemeinde Bielsko (Bielitz, Poln.-Sclilesien). Von 1301 Wahlberechtigten haben 1141 (88 Prozent) ihre Stimme abgegeben. Von den 30 Mandaten gewann der zionistische Block 15, die Union demokratischer Juden (liberale Richtung), die zuletzt 17 Mandate innehatte, konnte nur 9 Mandate wiedergewinnen, die Agudas Jisroel erlangte 2 Mandate, die Orthodoxe Wirtschaftspartei 4 Mandate. Die Listen der Liberalen und der Agudas Jisroel waren gekoppelt. Palästina-Einwanderung Im Jänner und Februar Jerusalem, 30. März (J. T. A.). Im Monat Jänner sind 104, im Monat Februar 196 Juden nach Palästina eingewandert. Außerdem erhielten in diesen Monaten 43 früher Ins Land gekommene Touristen die Erlaubnis zur dauernden Niederlassung. Von den Einwanderern kamen 174 auf Grund von Zertifikaten der Jewish Agency, 89 auf Orund von Anforderungen ihrer palästinensischen Verwandten, 37 als Besitzer eigener Mittel. 106 stammen aus Polen, 59 aus Rußland, 35 aus dem Yemen, 9 aus den Vereinigten Staten, die übrigen aus verschiedenen Ländern. Die judenfreundliche Politik der polnischen Kegieiung «Die polnische Regierung frischt bloß eine alte Tradition wieder auf, wenn sie ein herzliches Einvernehmen zwischen dem polnischen Volke und der jüdischen Geme'nschnft zu erzielen sucht» — erklärte Herr Oberst Josef Beck, Unterstaatsselo etär für auswärtige Angelegenheiten, in einer längeren Unterredung mit Herrn Jacob Landau. Chef der Jüdischen Tekgraphen-Agentur. «In den verschiedenen schwierigen Problemen, die unser Staat zu lösen — fuhr Oberst Beck fort — «suchen wir nicht Richtlinien in der Geschichte unseres Volkes. In keiner Nation Europas war die freundliche Gesinnung gegenüber den Juden so markant wie in unserer, die ja die Juden in Polen bereits im Mittelalter willkommen hieß- Antisemitismus ist unserem- Vpikscharakter im cigent ichen fremd und hat nje starke Wurzeln in unserem Lande geschlagen. Die Regierung ist ernstlich bestrebt, diese traditionellen Beziehungen ln aller Stärke zu erneuern. Natürlich ist dies nicht über Nacht möglich. Aber die Grundlage ist geschaffen. Der poetische und auch der psycho’ogische Antisemitismus sind überwunden. Die zaristischen Begrenzungen wurden vor kurzem abgeschafft, Neue Maßregeln zur Besserung der jüdischen ökonomischen Lage, die in der Tat schwierig ist, werden folgen. Ich hoffe, Sie werden den Eindruck mit sich nehmen, daß die jüdische Lage sich der ernsten Aufmerksamkeit der Regierung erfreut.» Hebräisch — benachteiligt London. (J- T. A.) Im Unterhaus«, stellte der Labour-Abgeordnete J. E. Mills an den Unterstaatssekretär für die Ko’onien Dr. Drummond Shiels die Anfrage, wie groß die Oer Minsker Prozeß gegen den Mohel Radunski Moskau. (J. T. A.) Der Minsker Prozeß gegen den Mohel Radunski gestaltet sich immer mehr zu einem Generalangriff nicht nur gegen die Beschneidung, sondern gegen alle aus dem Mittelalter stammenden jüdischen Gebräuche. Der Fall des Knaben Tschertok und die Person des Angeklagten Radunski treten demgegenüber immer mehr in den Hintergrund. Die Anklagebehörde schickt eine ganze Phalanx medizinischer Spezialisten Ins Treffen, die bezeugen sollen, daß die Beschneidung die junge Generation schädigt und häufig wenige Wochen nach durchgeführter Operation zum Tode des Kindes führt. Alle medizinischen Fachleute treten nachdrücklichst der Behauptung entgegen, daß die Beschneidung eine hygienische Maßnahme darstellt. Das Gericht hat den Mohel und Schochet Jonah Radunski der fahrlässigen Tötung befunden und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Volksanwalt Rosenhaus hielt eine Rede, in der er offen zugab, daß der Prozeß nicht gegen Radunski, sondern gegen die jüdische Religion und den «jüdischen Klerikalismus» geführt werde. Die jüdische Religion, erklärte Rosenhaus, sei nicht weniger gefährlich als andere Religionen. Es sei kein Zufall, daß der Papst gemeinsam mit ausländischen Rabbis das Sowjetregime denunziere. Es sei kein Zufall, daß die amerikanischen Rabbiner und die Rabbiner anderer bürgerlicher Länder zu den Führern der gegen die Sowjets gerichteten Kampagne gehören. Der Staatsanwalt erhob in seinem Plädoyer gegen Radunski den Vorwurf, während des Prozesses konterrevolutionäres Verhalten an den Tag gelegt zu haben. Daß er sich als deklassierten Juden bezeichnet habe, sei darauf berechnet gewesen, den Eindruck zu erwecken, daß ihm seitens der Sowjetregierung schweres Unjecht geschehen sei. Der Staatsanwalt erging sich sodann ln einer weitschweifigen Philippika gegen die Beschneidung. Der Talmud lehre zwar, daß die Beschneidung ein dem jüdischen Volke eigentümlicher Ritus sei, in Wirklichkeit sei sie aber nichts als ein «primitiver und barbarischer Brauch», den die Juden von den Aegyptern übernommen hätten. Antisemitismus ln Sowjetrußland Moskau, 10. April (J. T. A.). In der Pflugfabrik zu Cheliabinsk haben zwei erst Jüngst ln den Betrieb eingestellte Arbeiter, die aus abgelegenen Tellen des Landes auf Grund des Fünfjahrplancs ln die Fabrik beordert worden waren, einige ihrer jüdischen Arbeitsgenossen tätlich angegriffen. Auf Verlangen der gesamten Arbeiterschaft des Betriebes wurde ein gerichtliches Verfahren gegen die antisemitischen Exzedenten eingeleitet. Der eine wurde zu zwei Jahren und der andere zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Jüdisch-antireligiöser Kongreß in Moskau Moskau. (J. T. A.) In Moskau wurde unter Beteiligung von 70 Delegierten aus allen Schichten der Jüdischen Bevölkerung Sowjetrußlands der jüdisch-antireligiöse Kongreß eröffnet. Hetzrede Cuzas Bukarest, (J. T. A.) Anläßlich der Jahresfeier der Wiedervereinigung Bessarabiens mit Rumänien ergriff Zahl der englischen Beamten in Palästina sei, die Prüfungen in arah:scher oder hebräischer oder in be'den Sprachen abge* legt haben, und ob es dem Unterstatssekretäf bekannt sei, daß die für Araber bestimmten Zuschriften de: Palästina* regierung in arabischer, die an jüdische Gemeinden gerichteten jedoch nicht in hebräischer, sondern In englischer Sprache abgefaßt seien, und ob er eine Untersuchung üb®f die Gründe dieser Unterscheidung einleiten wo!!«. Dr. Sh eis erklärte, das Koionialar.it sei über di® Ifff zweiten Teil der Anfrage mitgeteilte Praxis der palästlnensl* sehen Behörden beziig ich jjirer offiziellen Korrespondenz nicht informiert, werde aber Erkundigungen über diesen Gegenstand einhoien. „Haolarn1 erscheint weiter Die hebräische Wochenschrift «Haolam», die als offl* zielles Organ der Zionistischen Organisation ln London her* ausgegeben wird und auf Grund eines Beschlusses der letzten Aktionskomitee-Sitzung in dieser Woche zum letztenmal ejschemen sollte, wird, wie die J. T. A, erfährt, nicht ein* gestellt werden. Es wurden Vereinbarungen getroffen, die das ungestörte Weitererseheinen der Wochenschrift sicherstellen. Aus Sibirien nach Palästina Jerusalem, i, April (J, T. A.). Die Jewi»h Agency er* hielt von der Paläetinaregierung nach erfolgter telegraphi* scher Zustimmung der Londonei Zentral/egierung eine besondere Einwanderungaerlaubnis für 12 Juden, die aus der sibirischen Verbannung geflohen sind und sich in Persien befinden. im Parlament Prof. Cuza das Wort, um auch bei dieser Gelegenheit in üblicher Weise mit verhetzenden Schimpfreden gegen die Juden loszuziehen, Codreanu Im Revisionsverfahren freigesprochen Bukarest, 1. April (J. T. A.), Wie erinnerlich, hat der Freispruch des rumänischen Antisemitenlülners Codreanu und sechs weiterer Führer der Terroristenbünde «Eiserne Garde» und «Erzengel Michael», die beschuldigt waren, antisemitlsch-tciTorlstische Anschläge vorbereitet und breitere Volksmassen gegen die Juden und die Regierung aufgewiegelt zu haben, großes Aufsehen und Mißstimmung in der rumänischen Ueffentlichkeit erregt, Die Staatsanwaltschaft hatte gegen den Freispruch der Terroristenführer Revision eingelegt. Das Berufungsgericht hat heute im Revisionsverfahren Codreanu und seine Genossen endgültig freigesprochen. Pogrom-Agitation in den ehemals deutschen Gebieten Polens Warschau, 10. April (J. T. A.). Die ehemals deutschen Gebiete Polens werden gegenwärtig von einer heftigen Welle antisemitischer Propaganda überflutet, ln den Städten der ehemaligen Provinz Posen und der von Deutschland abgetretenen Teile von Pommern werden Flugschriften verteilt, in denen offen zu Judenpogromen aufgefordert wird. Antisemitismus ln Mexiko Mexiko City (J. T. A.). Das Direktorium der antijüdischen und antichineaischen Vereinigung, deren Zentrale sich in Mexiko City befindet, hat an die Subkomitees aller Provinzen die Weisung ausgegeben, gegen «Juden, Chinesen, Syrer und andere Ausländer, die ins Land gekommen sind, um einen heftigen Konkurrenzkampf gegen die mexikanischen Kleinkaufleute zu eröffnen», eine intensive Kampagne elnzuleiien. In den Weisungen wird für den Fall, daß die Regierung der Aufforderung, «der das Elend tausender mexikanischer Kaufleute verursachenden Tätigkeit dieser Elemente Si tranken zu setzen», nicht entsprechen sollte, die Einleitung einer «direkten Aktion» empfohlen, worunter man in Mexiko sowohl Boykott wie auch Sabotageakte versteht, Die 101. Friedhofsschändung Worms. (J. T. A.) In einer der letzten Nächte wurden auf dem jüdischen Friedhof in Herrnsheim etwa zehn Grabsteine umgeworfen und beschädigt. Hakenkreuzler besudeln Jüdische Läden Nordhausen, (J, T. A.) In Nordhausen, sind zu nächtlicher Stunde in die Schaufenster aller jüdischen Geschäfte mit Diamantenglasschneidern große Hakenkreuze eingeritzt worden. Die Läden wurden in gemeinster Welse besudelt. Die Täter sind noch unbekannt. Ein jüdischer Arzt von Nationalsozialisten überfallen Frankfurt a. M., 2. April (J. T. A.). Am Dienstag, den 31. März, abends, wurde ein jüdischer Arzt, der sich auf dem Heimwege von einer Operation befand, in der Oausstraße angepöbelt, mit einem Schlagring zu Boden geschlagen und fürchterlich mißhandelt. Nach dem Uebcrfalle ergriffen die Täter die Flucht. Die Ermittlungen sind eingeleitet. Antisemitismus in aller Welt 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.