Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 170 (2.4.1931)
- Date
- 1931-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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nm stimme 3 Nf. 171 — 10. April 1931 Ideologische Erneuerung? Von Dr. Fritz Loewenstein (Jerusalem). Es ist auffallend, in welch geringem Umfange sich zionistische Kongresse und andere offizielle Tagungen der Bewegung mit Fragen der zionistischen Ideologie beschäftigt haben. Nachdem auf dem I. Kongreß das Baseler Programm angenommen wurde, das in seiner knappen Formulierung keinen Vergleich mit dien bis Ins Letzte durchgearbeiteten Programmen anderer politischer Parteien aushält, nachdem auf dem V. Kongreß die Kulturdebatte zur Klärung mancher ideologischer Fragen beigetragen hatte, ist eigentlich nie wieder über diese Dinge gesprochen worden. Auch in der zionistischen Literatur besteht kein Reichtum an Schriften dieser Art. Ferner: während etwa in der sozialistischen Bewegung die Schriften von Marx und Engels, bei den Kommunisten auch die von Lenin gewissermaßen parteioffiziellen Charakter tragen und etwa die große Diskussion über die Bedeutung bestimmter Formulierungen Lenins geführt wird, haben bei uns zwar Männer wie Herzl und Achad Haam einen tiefgreifenden Einfluß auf das zionistische Denken ausgeübt, ohne aber jemals verbindlichen Charakter erhalten zu haben. Sich mit Marx in Widerspruch zu I setzen, ist ein kühnes Unternehmen; bei uns hat man I auch Herzl niemals eine ähnliche Autorität eingeräumt. Unzweifelhaft hat diese Entwicklung große Vorteile gehabt. Die zionistische Bewegung steht nicht unter d£m Druck einer verbindlichen Tradition, ist nicht gezwungen, die durch neue Entwicklungen hervorgerufenen neuen Oedanken veralteten Formulierungen künstlich anzupassen. Das zionistische Programm hat sich im Laufe der Jahrzehnte, die seit der Formulierung verflossen sind, als elastisch genug erwiesen, um ohne künstliche Veränderungen auch für die heutige Zeit noch als passend angesehen zu werden. Aber auf der anderen Seite macht die Wortkargheit des Baseler Programnies und die Unverbindlichkeit der theoretischen Schriften Uber den Zionismus in kritischen Zeiten - die Bewegung unsicher. Wer die Aeußerungen führen- 4 der Zionisten und maßgebender zionistischer Zeitungen über die Begründung des Zionismus und über das Endziel der Bewegung aus der letzten Zeit zusammenstellt, wird kaum noch den Eindruck haben, daß hier innerhalb eines elastischen, aber doch festen Rahmens eine Reihe von Strömungen vorhanden ist, sondern daß diese Strömungen längst den Rahmen gesprengt haben und daß es schwer ist, heute herauszufinden, was das allen diesen Strömungen Gemeinsame ist. Es ist notwendig, zunächst klar festzustellen, was vor der mit den Augustunruhen einsetzenden inneren zionistischen Diskussion in gleicher Weise von allen Zionisten als gemeinsames Programm empfunden wurde. Dann ist zu fragen, ob die in letzter Zeit aufgetretenen* neuen Strömungen eine ideologische Neuorientierung notwendig machen oder ob nicht vielleicht unter Ablehnung dieser neuen Strömungen das alte Programm des Zionismus wieder klar hernusgearbeitet und. zum gemeinsamen BesitzallerZionisten gemacht werden soll. Die Auseinandersetzung über politischen und praktischen Zionismus in der Vorkriegszeit endete bekanntlich mit der allgemeinen Akzeptierung des «synthetischen» Zionismus, der freilich in der Hauptsache keine Antwort über das zionistische Endziel enthielt und auch über die Frage der Begründung des Zionismus nichts aussagte, jedoch durch die Antwort, die hier auf die Frage nach den Methoden der Verwirklichung des Zionismus gegeben wurde, zu einem Gefühl der Einigkeit über Weg und Ziel beitrug. Man empfand eben damajs das Ziel des Zionismus als ziemlich klar und hielt eine authentische Interpretation über das Endziel nicht für notwendig. In der Tat gab es damals und gab es noch in den ersten Jahren nach der Balfour-Deklaration eine zionistische communis opinio, die etwa besagte: Die Lage des jüdischen Volkes ist in allen Ländern anormal, ebensowohl in politischer wie in wirtschaftlicher, wie in kultureller Beziehung. Das deutlichste Charakteristikum dieser Anormalität liegt in dem Minderheitscharakter, den die jüdische Gemeinschaft in allen Ländern hat. Das Ziel des Zionismus ist die Normalisierung auf sämtlichen Gebieten durch Konzentrierung eines möglichst großen Teiles der Juden in Palästina. Eine Formulierung dieser Art wäre ohne Zweifel noch vor wenigen Jahren ohne Diskussion von jedem Zionisten akzeptiert worden, wobei der einzelne je nach seiner Einstellung etwa der beruflichen Umschichtung, der kulturellen Erneuerung oder einem anderen Gebiet besondere Wichtigkeit zuerkannt hätte. Diese Einheitlichkeit der zionistischen Auffassung ist von zwei Seiten aus erschüttert worden. Die eine Gruppe ist klar und deutlich mit der Erklärung vor der Oeffentlichkeit erschienen, daß die zionistische Ideologie den Verhältnissen nicht mehr entspricht, und sie hat in zahlreichen Fällen, nicht immer ganz einheitlich, versucht, eine neue Ideologie der Bewegung aufzustellen. Wir werden diese Gruppe der Kürze halber «B r i t h S c h ä 1 om» nennen, obwohl es auch außerhalb dieser Vereinigung Anhänger einer ideologischen Erneuerung in dieser Richtung gibt und andererseits, z. B. im palästinensischen Brith Schalom, einzelne Mitglieder einer solchen Erneuerung widerstreben. Auf der anderen Seite haben die Revisionisten — trotz ihres Namens — niemals erklärt, daß sie eine Revision der theoretischen Grundlagen des Zionismus anstreben, im Gegenteil sind sie davon überzeugt, daß sie gegenüber Abschwächungen und Verdunkelungen den wahren Charakter der Bewegung in seiner Klarheit wieder hervortreten lassen. Daß die Forderung einer Verständigung mit den Arabern und die Betonung ihrer Notwendigkeit für ein Gelingen des Zionismus nicht im Widerspruch zu zionistischen Grundauffassungen steht, braucht nicht bewiesen zu werden. Im Brith Schalom jedoch hat man vielfach die Ueberzeugung vertreten, daß eine solche Verständigung eine Revision zionistischer Grundauffassungen zur Voraussetzung hat. Man Direkte Eillinie Triest-Ma-Haifa v mit den vorzügl. Salonschilfen „Adria“, o. „Camaro“ des Lloyd Triesttno Fahrtdauer bioli 41/, läge Pahrpre s: 1. Kl. £23.-.-; 11. Kl. £ 15—.-; Ul. Kl. £ 6.— nk’l Heti ttn> VerpHe'-'iinir fomer EurHllDitn nth Sfüiioi leg iiuMiMiiJtfln Auskünfte; lloyd Triestino Wien. •* Karnlneiring 6 hat den unglücklichlichen Ausdruck «binationaler Staat» gewählt, der wörtlich genommen nichts als die Selbstverständlichkeit zum Ausdruck bringt, daß auch bei maximalem Gelingen unseres Aufbauwerkes die Araber Palästinas eine eigene Nationalität im Lande ausmachen werden, deren Rechte geschützt werden müssen. Schon in Herzls «Altneuland» genießen die Araber alle Rechte einer freien Nationalität. Die Gefahr der Formulierung liegt darin, daß vielfach der Verzicht auf die Erreichung einer jüdischen Majorität in Palästina als in dem Ausdruck binationaler Staat mitenthalten angesehen wird. Man wird dazu kurz sagen können, daß der Begriff der jüdischen Majorität niemals ein offiziell anerkannter zionistischer Begriff war und daß er, wie vor kurzem Bin Gurion ausführte, viel zu klein ist, um unser Ziel richtig zu umreißen. Ein ausdrücklicher Verzicht auf die Erreichung der Majorität steht dagegen unzweifelhaft nicht im Einklang mit den allgemein zionistischen Grundauffassungen, für die ein palästinensisches Judentum von einer halben Million oder weniger Einwohner unzweifelhaft nicht das Ziel darstellen kann... Man kann sehr viele Gründe dafür anführen, die das viele Reden über die Majorität aus taktischen Gründen als untunlich erscheinen lassen, aber nicht davon soll in diesem Zusammenhang die Rede sein. Grundsätzliche Erwägungen dagegen existieren nicht, die einen Verzicht auf den Gedanken der Majoritätsbildung involvieren würden. Die zionistische Bewegung ist auf ihrem Wege auf Schwierigkeiten gestoßen, auf den arabischen Widerstand, auf die Schwierigkeit der Finanzierung des Aufbauwerkes; alles Momente, die die Erreichung der Majorität verzögern können, uns aber in keiner Weise verpflichten, anzuerkennen, daß Lebendiges Judentum (Polnische Reiseimpressionen) Von Sem Wolf Es ist eine alte Geschichte: das Wiener Judentum führt ein kümmerliches Dasein. Von jüdischem Leben und jüdischer Kultur bekommt man in der schönen Donaustadt ziemlich wenig zu spüren. Hier herrscht schon der Westen, und Westen bedeutet in bezug aut das Judentum: Assimilation. Deshalb wirkt eine Reise nach Polen erfrischend. Ist doch das polnische Judentum heute, nachdem das russische zugrunde gerichtet ist und seine Reste von der Welt hermetisch abgeschlossen wurden, das wichtigste Reservoir nationaler und kultureller Kräfte des Weltjudentums. Mit Erstaunen und Freude stellt man fest: dieses Judentum ist trotz so mancher Schicksalsschläge bisher unbesiegt geblieben. Schwierige politische Lage und wirtschaftliche Depression können ihm nicht viel antun. Wie ein Phönix ersteht es immer wieder. Es will leben und lebt. Um das wirtschaftliche Leben in Polen ist es sehr schlecht bestellt. Offiziell gibt es heute keinen Antisemitismus, wenigstens wirkt er sich nicht politisch aus; das Hakenkreuzunwesen ist dort unbekannt. Aber die ökonomische Lage der gesamten Bevölkerung ist katastrophal, und dies trifft ani meisten die Juden. Der Kaufmannsstand ist ruiniert, die freien Berufe sind proletarisiert, der Steuerdruck ist unerträglich, in staatlichen’ Institutionen, Behörden, Aemtern, werden Juden prinzipiell nicht angestellt. Wovon sollen sie leben? Die Berufsumschichtung — eine eiserne Notwendigkeit — ist lange noch keine Tatsache, das Ventil der Emigration ungenügend. Die Not hat ihren Höhepunkt erreicht. Einen Lichtstrahl gibt es heute im wirtschaftlichen Leben Polens: die unerhörte Billigkeit der landwirtschaftlichen Produkte. Aber gerade diese Billigkeit ist einer der gewichtigsten Gründe des wirtschaftlichen Niederganges, denn die Kaufkraft der Bauernschaft ist infolge der Schleuderpreise für die Agrarprodukte stark gefallen, und die jüdischen Kautleute haben keinen Absatz für ihre Ware. Die Folge ist eine allgemeine Senkung des Lebensstandards, Verarmung, Insolvenzen, Selbstmorde . .. * Und trotzdem pocht und pulsiert das jüdischkulturelle Leben heute vielleicht stärker noch als je zuvor. Ein im jüdischen Theater in Lemberg verbrachter Abend war ein Erlebnis und wird ein Erlebnis bleiben. Dr. Paul B a r a t o w spielte, er und sein Ensemble, in dem die Frau Holzer sich ganz besonders als ein überdurchschnittliches Talent auszeichnet. Man gab den «Preis des Lebens» des Russen Nemirowitsch-Dantschenko, eine etwas veraltet aijmutende Angelegenheit, eine Ibseniade mit happy end. Aber wie Baratow die Sache herausbrachtel Das war wirklich gutes europäisches Theater in jiddischer Sprache, wobei, wenn wir «europäisches Theater» schreiben, wir nicht das Wiener Theater meinen, denn das durchschnittliche Niveau der Wiener Theaterabende reicht lange nicht an jenes in Lemberg heran. Hohe Kultur des Spieles, wunderbare Talente, ausgezeichnete Regie . . . Aber interessanter noch als die Bühne ist das Publikum. Ein großer, fast zweitausend Personen fassender Zuschauerraum ist buchstäblich bis ans letzte Plätzchen gefüllt. Ja, noch mehr: Extrasessel müssen zwischen den Reihen für Einlaßheischende aufgestellt werden. Und wie dieses Publikum mitgehtl Wie diszipliniert es ist! Wie intelligent es der Handlung folgtl Die Zeiten des «Jüdischen König Lear», über den Z. F. Finkeistein so wahrheitsgetreu und so humorvoll in der Pessachnummer der «Stimme» schrieb, gehören schon fast vollständig der Vergangenheit an. In jüdischen Schmieren, wo noch immer operettenhafte Tragödien «mit Tanz, Klang und Gesang» gespielt werden, mag auch heute die beschämende Groteske sowohl auf der Bühne wie im Zuschauerraum zu Hause sein; im jüdischen Theater aber finden wir das beste, künstlerisch empfindsame und kunstverständige Publikum. Und dieser Eindruck war damals beim Baratow-Abend vorherrschend. Der Sturm des Applauses nach jedem Schlußakt, aber auch bei offener Bühne, rührte nicht von einer Claque her, sondern war ein Ausdruck wahrer Dankbarkeit für wahre Kunst; das Fluidum des gegenseitigen Verständnisses zwischen Bühne und Zuschauerraum war bestrickend. Einem in Wien ansässigen Juden drängt sich die Frage auf: warum haben wir in Wien kein anständiges jüdisches Theater? Warum müssen wir uns hier mit traurigen Ueberresten ehemaliger Herrlichkeit zugrunde gegangener Truppen begnügen? Die Frage könnte auch anders lauten: warum kommt nicht Dr. Baratow — den Wienern doch nicht unbekannt — warum kommt nicht mal das Warschauer jüdische Repräsentationstheater nach Wien? Gibt es denn hier wirklich kein gutes, jüdisches Publikum? * Was einem Fremden, der früher in Polen einheimisch war, besonders in die Augen fällt, das ist die Macht der jüdischen Presse. Diese Presse ist eine wahre Großmacht im jüdischen Leben und von nicht zu unterschätzender Bedeutung nach außenhin. Sie ist sowohl numerisch stark als auch qualitativ hochstehend. Zu einer ausgezeichnet redigierten Tagespresse in jiddischer Sprache gesellt sich eine polnische; in letzter Zeit wurde sogar ein hebräisches Tagblatt, die «Hazefirah» in Warschau, reaktiviert. Dank dieser Presse verfügt die jüdische öffentliche Meinung über ein ausgezeichnetes Sprachrohr, die offiziösen polnn. sehen Stellen beachten die Aeußerungen der jüdischen Presse, die polnische Gesellschaft ist über die Juden informiert, kurz: die jüdische Tagespublizistik in Polen erfüllt ihre Pflicht und ist eine der wichtigsten Stützen in dem Verzweiflungskampfe, den das polnische Judentum heute führt. Auch die nationalen und kulturellen Organisationen sind stark, in Vereinen und Verbindungen herrscht reges Treiben. Die Hebräisierung der Jugend — durch das Netz der «Tarbuth»-Schulen mächtig unterstützt — macht ständig Fortschritte; der Palästinagedanke ist lebendig. Haupteindruck: die jüdische Gasse in Galizien ist zionistisch, die Assimilation tot. Mag sein, daß dieses Bild allzu optimistisch gezeichnet ist, mag sein, daß nur einem im assimilierten Milieu lebenden Menschen die unverwüstliche Kraft des polnischen Judentums derart imponiert, und daß die Dinge nur relativ, nur bei Vergleichen so gut abschneiden und die Wirklichkeit minder rosig ist — eine Tatsache bleibt jedoch für jeden Fall bestehen; In Polen fließt breit und mächtig der ewige Strom des jüdischen Lebens, das Judentum ist dort lebendig.