Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 168 (19.3.1931)
- Date
- 1931-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053922--2244-3057658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16G — 19. März 1931 DIfc STIMME Seite 3 3n Vielen Fällen werben gewiffe Änaeidjett ntdjt Beamtet. JBorjetHge (Srmübuttg, flimmern bor bcn Sugen, Seuommenljeit, ©djlaflofigfcü, Sdjtomöelanfänc, Äojjfjdjmeräen, Oljrenfaufcn, gtjdjtifdje unb rljeumaiifdje SBefdjtoerben finö SUteröerfc^einungen, bic je friibrr je bcijcc burefj bic iiraflicfj eitibfaljlenen, frei öerfäuflidjen fRaöioffIerin»S:a6letten gelinberl Werben, fllabhtmljaltigcs Ölabiofflertn Bemirft bic Belfere S5urdjBIutung bc§ ganzen $ör&er§, nerljinbert ftalfa&Iagctungeit, gibt bcn Slbcrn bic uotwenbige (Slaftiaitäi, beugt Sllterserfcljetnungen uor. fÄabtumgefyalt a m t li dj geprüft, ©eneralbebot unb $u§funft Hjwtljefe 23 a 1) c r, SBien, 1. 23ea., SBottaetle 13. gjrofpeftc gratis unb franlo. ■% V Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Juden in Rumänien Von Dr. Manfred Reifer (Cernauti) Die Juden Rumäniens, etwa eine Million an der Zahl, machen jetzt eine wirtschaftliche Krise durch, die den vollkommenen Zusammenbruch des jüdischen Wirtschaftskörpers notgedrungen hervorrufen muß, wenn nicht in letzter Stunde Hilfe von außen und innen kommt. Die Krise läßt sich auf drei Momente zurückführen: Weltkrise, innere Krise Rumäniens und spezielle Krise unter den Juden Rumäniens. Ueber-dte WeRkme-*u-Fe€feiv4sMHefHttehh^ in gege n SQlLxlie-EPatsache-uffterstrichen werden.-daß Rumänienrzu denjenigen Ländern gehört, die am meisten unter den Auswirkungen der Krise leiden. Als Agrarstaat, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent von der Landwirtschaft lebt, leidet Rumänien an Mangel von Absatzmärkten, überdies an Mangel entsprechendei Verkehrsmittel, einer ordentlichen Verwaltung, so daß die bäuerliche Bevölkerung bei den gegenwärtig außerordentlich billigen Getreidepreisen nicht das nötigste Auskommen hat und stark verschuldet ist, was zu den bekannten antijüdischen Ausschreitungen auf dem flachen Lande geführt hat. Dies erscheint um so eher plausibel, als doch der rumänische Bauer durch die durchgeführte Agrarreform neuen Boden erhielt, keine Mittel zur Bearbeitung desselben besaß, Schulden bei rumänischen Banken kontrahierte, hohe Zinsen zahlte und für sein Getreide keine entsprechenden Preise erzielte, was zu seiner katastrophalen Verschuldung führte Bedenkt man noch, daß die Landwirtschaft im allgemeinen 4 bis 5 Prozent an Erträgnissen abwirft, der Bauer aber 25 bis 30 Prozent an Zinsen zahlte, so wird man verstehen, daß diese Methode zum Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft führen mußte. Es ist nun klar, daß, wenn 80 Prozent der Bevölkerung wirtschaftlich zusammengebrochen sind, auch die übrigen 20 Prozent in Mitleidenschaft gezogen wurden und sich ebenfalls in einer katastrophalen Lage befinden. Bei den Juden kommt noch eine ganze Reihe von spezifisch jüdischen Momenten hinzu, die den vollkommenen Zusammenbruch der Juden Rumäniens bewirken. Vor allem sei hier festgestellt, daß auch in Rumänien sich der sogenannte Massierungsprozeß der jüdischen Bevölkerung in den Städten vollzieht. Die Immigration nach den überseeischen Ländern ist vollkommen eingestellt, wodurch auch die Stärkung des jüdischen Wirtschaftskörpers durch Zufluß amerikanischer Dollars unterbunden wurde. Ueberdies erfolgte in den letzten Jahren einerseits wegen der unsicheren Lage auf dem flachen Lande, andererseits aber wegen der Zunahme der Genossenschafts- und Kooperativbewegung in den Dörfern die starke Abwanderung der Juden in kleinere und größere Städte. In der Stadt selbst förderte die Staatsnation einen eigenen Gewerbe- und Mittelstand durch Errichtung von Handels- und Gewerbeschulen, von Internaten und Lehrlingsheimen, was zur Folge hat, daß die Rumänen sukzessive auch in diese Zweige des Wirtschaftslebens eingreifen und die Juden mit allen Mitteln aus dem Wirtschaftsleben hinauszudrängen suchen. Hierzu kommt noch die sich allmählich entwickelnde Industrialisierung und Mechanisierung, die das jüdische Klein- und Mittelgewerbe hart trifft. Der Staat scheut gar keine Mittel, um den Weg zwischen den Produzenten und Konsumenten abzukürzen, was sich besonders gegen den jüdischen Mittelstand richtet und ihn an den Rand des Abgrundes stellt. Die Zahl der jüdischen Luftexistenzen nimmt in Rumänien von Tag zu Tag zu. Es gibt tausende und zehntausende von Juden, die wirtschaftlich vollkommen entwurzelt sind und heute nicht wissen, wovon sie morgen leben werden. Berücksichtigt man noch die Tatsache, daß die Juden aus allen öffentlichen Aemtern, beim Staatsdienst und bei den Munizipien allmählich und systematisch hinausgedrängt wurden, bedenkt man, daß eine ganze Reihe von Aemtern heute bereits judenrein ist, daß den jüdischen Studenten große Schwierigkeiten beim Studium in den Weg gelegt werden, daß jüdische Aerzte fast nur auf jüdische Patienten angewiesen sind, daß die Advokatur zu einem Maklergeschäft herabgesunken ist, so wird man begreifen, daß alle Schichten der jüdischen Bevölkerung von einer fürchterlichen Krise erfaßt wurden. Dazu kommt, daß auf den Juden der größte Teil der Steuerlast ruht und daß im allgemeinen ein Steuersystem vorherrscht, das die Landwirtschaft pFotegfeft, die städtische Bevölkerung hingegen unter der Steuerschraube zermalmt. Welche Konsequenzen sich aus dieser Steuerpolitik für die jüdische Industrie, für Handel und Gewerbe ergeben, kann man nur daraus schließen, daß vielfach Betriebe eingestellt werden, um dem öffentlichen Steuerraub zu entgehen. Stellen also die Juden das größte Kontingent an Steuerzahlern dar, so entfällt auf sie die kleinste Quote von Geldern, die der Staat ihnen in Form von Gehältern zurückzahlt, da die Zahl der Juden in den Staatsämtern äußerst klein und im Verhältnis zur öster- Direkte Eillinie 1 Triest-Jaffa-Haifa mit den vorzügl. Salonschiffen „Adria“, a. „Cainaro“ des Llojrdr ‘ * Fahrtdauer bloß 4V, Tage Fahrpreisa L Kl. £ 23.—.—) II. KU £ 15.—. - $ llt. Kl. £ ö.-.~ tnkl. Heu unn VerpfleirunK foer ExHreniiBlen lach StOHimi Atg; Htm. inHitn. ChiBaaid Jim luskfinfte: Lloyd Triestino Wien. I., Rärntnerrimi fi reichischen resp. ungarischen Aera in der Bukowina und in Transsylvanien um 80 Prozent gesunken ist. Selbstverständlich suchte man durch allgemeine gesetzliche Bestimmungen Juden aus den einzelnen Positionen hinauszudrängen, ohne daß der betreffende Paragraph oder das betreffende Gesetz nach außen hin einen speziell antijüdischen Charakter trägt. Ein. krasses Beispiel für diese Methode bildet das Spiritusgesetz. Ferner beeilte sich die rumänische Regierung, dem Parlamente ein neues Gesetz vorzulegen, welches die Syndikalisierung des Getreides, der Mühlen und der Bäckereien vorsieht, was wiederum den Ruin tausender und zehntausender jüdischer Kaufleute, und Gewerbetreibender nach sich ziehen wird. Dieses Gesetzesprojekt bedeutet die größte Einschränkung des freien Wirtschaftsverkehres und umfaßt das gesamte Regime des Mehlhandels, der Mühlen und der Bäckereien im ln- und Ausland. Das Gesetz sieht die Errichtung einer nationalen Gesellschaft für den Handel mit Getreide und einer zweiten für den Export vor. Der freie Handel wird unterbunden, die Mühlen syndikalisiert, Großbäckereien errichtet und auf diese Weise alles nationalisiert. Nur gesetzlich autorisierte Mühlen werden künftighin Weizen- und Roggenmehl erzeugen dürfen. Das Zirkulieren des Mehles im freien Verkehr wird nur bis zu einem Ausmaß von 100 Kilogramm gestattet sein. Neu« Mühlen sollen womöglich nicht mehr errichtet werden, die bestehenden hingegen dürfen unter gär keinen Umständen umgebaut oder vergrößert werden, Von allen diesen Bestimmungen sind die Bauern befreit. Bedenkt man, daß der Getreideexport in Rumänien tausende und zehntausende jüdische Familien in Bessarabien, im Altreiche und in der Bukowina ernährt, daß die Mühlenindustrie hauptsächlich in jüdischen Händen liegt und daß das Bäckerei- Purim in Palästina Von palästinensischen Berichterstatter Jakob Singer. Rischon Lezion, im März. im vorigen Jahre ist bekanntlich der traditionelle Purim-Karneval in Tel-Aviv abgesagt worden — zu stark waren noch die Eindrücke des blutigen Augusts im Jahre 1929. Der heurige Purim-Karneval erneuerte die alte Tradition, gestaltete wieder die Purimtage zu frohen Festtagen und verwandelte das geschäftige, stille Tel-Aviv in die große, lärmende, volkreiche Stadt am Mittelländischen Meer. «Noch ist die Kette nicht gerissen . . .» Es war in der Tat alles da, was zum richtigen Purim-Rummel gehört, aber der Purim in Tel-Aviv ist ja nicht ein einfacher Rummel, er ist d a s gesellschaftliche Ereignis Erez Israels, das große Treffen, das Rendezvous von Nord und Süd, Stadt und Moschawah, reich und arm, das große Volksfest. Viele Menschen, viele Masken — das war der erste Eindruck, den man am Purimtage bekam, wenn man in einer der Hauptstraßen von Tel-Aviv spazieren ging. Die Masken waren einfach; von der bescheidenen Verkleidung bis zur «mondänen» Maske gab es die verschiedensten Abstufungen. Die einzelnen Masken fielen nicht besonders auf, weil überhaupt alles so selbstverständlich erschien. Ist denn nicht heute Purim? Ja, heute ist Purim, und da muß man fröhlich sein. Das ist das erste Gebot, auf das im «Führer durch den Karneval» mit besonderem Nachdruck hingewiesen wird. Der Himmel erweist sich aber als Spielverderber; es will nicht schön werden, hie und da prasselt sogar ein unverschämter Regenschauer nieder und jagt für einige Minuten die vielen Menschen unter die Dächer und in die Hauseingänge. Aber es dauert nicht lange und der Zug der Menschen beginnt von Neuem, unaufhörlich. Wohin? Nirgends. Straßauf, straßab, von der Hcrzlstraße durch die Achad Haamstraße in die Nachlath- Benjamin zur Allbenystreet. Hier, an der Kreuzung, dem Hauptverkehrspunkt Tel-Avivs, ist das Gedränge besonders arg. Ein breiter Bogen ist über die Allenby- »traße gespannt. Er trägt die Inschrift: «Und den Juden war Jubel und Freude zuteil» (ein Satz aus Meguiatn Esther). Zu den Seiten des Bogens sind je drei tanzende Figuren angebracht. Die farbigen Bänder an ihnen flattern im Winde. Unterhalb verkündet mit großen Lettern eine andere Inschrift: «Und die Stadt Tel-Aviv war froh und fröhlich.» Auf einem Balkon ist ein Bläserorchester postiert, bunte Kostüme und hohe Zylinder verleihen ihm ein buntfröhliches Aussehen. Ein Trompeter durchbricht den Lärm, ein Ansager tritt auf den Balkon, um eine Programmänderung mitzuteilen, der Platz rings um die Kreuzung erstrahlt in tausendfältigem Licht, es ist ein wahres Lichtmeer, das sich über die tausendköpfige Menge ergießt: aus zahlreichen Lichtern, die an mächtigen Drahtgewinden angebracht sind, erstrahlt es und hüllt alles in leuchtende Helle. Die Kapelle stimmt das «Schoschanat-Jaakow»- Liecl an, spielt dann eine bekannte Horamelodie, eine zweite, eine dritte, einfach, ungekünstelt, so wie sie der Arbeiter singt, der richtige «Kibbuznik», und schnell ist ein Kreis gebildet, ein zweiter, ein dritter und eine zügellose Hora beginnt, pflanzt sich fort, setzt da und dort ein, die Kapelle spielt, paßt sich dem Rhythmus der Tänzer an, wird immer schneller und schneller, Kreise bilden sich im Kreise — du siehst nur mehr unzählige Menschenköpfe, dazwischen steigen und fallen tanzende Körper, die sich für Augenblicke im Sprunge aus der Masse hervorheben, Arme greifen in die Luft, Tücher werden geschwenkt, die Kapelle spielt Melodie auf Melodie, wie sie die Hora erfordert, zwischendurch ertönt immer von neuem das «Schochanat Jaakow» . . Und die Stadt Tel-Aviv ist fröhlich und freudig . . . Man sieht viele Araber in der Menge und da und dort tanzen einige sogar mit — man sieht nichts Außergewöhnliches darin, es mutet sogar fast natürlich an. Lange, lange, bis spät in die Nacht hinein hält das Gedränge der Menschen und der Masken an, als dürfte es an diesem Tage kein Müdesein geben, als gäbe es nicht noch eine Veranstaltung des «Ohel» im «Mugrebi» . . . Doch jetzt zum Karneval selbst, der am Schuschan- Purim abgehalten wurde. Am Morgen dieses Tages verkündeten die Zeitungen, der Karneval würde auf jeden Fall, bei jeder Witterung abgehalten werden, und es seinen aucu, ais sollte es diesmal wimich einen verregneten Umzug geben. Das trübe Grau wollte nicht weichen. Unbekümmert darum sammelte sich die Menschenmenge in den Hauptstraßen, die der Zug zu passieren hatte. Es waren ungeheure Menschenmassen aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt, in dichten Schwärmen standen sie an beiden Seiten fast bis zut Straßenmitte Spalier. Alle Fenster und Baikone und vielfach auch die Dächer waren von Menschen besetzt* ein großartiges, prächtiges Schauspiel gab diese ungeheure Menschenmasse ab. Und später, als mit einem Male die Sonne das Wolkendickicht durchbrach, da konnte man seine rechte Freude an diesem Anblick haben, eine reine Freude, neben der die am Zuge selber fast nur wie ein blasser Abklatsch wirkte. Der Zug. Geschmückte Autos, Motorräder und etwa ein halbes Hundert Reiter eröffneten ihn. Dann folgte der eigentliche Aufzug. Reklame, Satire, Karikatur, Witz und sinnvolle Symbolik wetteiferten miteinander und verliehen dem Zuge ein farbenreiches Gepräge. Namentlich drei Gruppen zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich: Die «Goldene Kette» des Keren Kajemeth, die geschmackvoll ausgestatteten Wagen der landwirtschaftlichen Schule in Mikweh Jisrael und das «Erneuerte Erez Isiael». Die «Goldene Kette»: Boden, Erde, Acker . . . und in der schmalen Furche eine Reihe junger Menschen, von denen jeder ein Glied der goldenen Kette in der Hand hält. Ein Glied an der Kette, ein Teil von dem Werke der Erneuerung des Volkes, «Adam w’adamah» — Erde und Mensch, diese beiden, zueinandergehörend — die goldene Kette verbindet sie, bringt sie einander nahe. — «Das erneuerte Erez Israel»: eine feste Burg, die unerschüttert allen Stürmen, die Über sie hinweggehen, trotzt. Feinde von rechts und links bemühen sich vergebens, sie niederzureißen. Der Chaluz, der Arbeiter, steht Wache. Seine Waifen sind Geräte der Arbeit, einfache Geräte: der Spaten, die Sense, Rechen und Gabel. Eine Kanone ragt aus dieser Festung, «drohend»: der Emek. — Die jungen Leute von Mikweh Jisrael, Söhne des neuen Erez Israel, haben alles auf ihren Wagen geladen: eine Kult, 6823