Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 167 (12.3.1931)
- Date
- 1931-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 167 — 12. März 1931' DIE STIMME Seite 5 TV Ci* uit otim me der jüdische n trau Jahrgang 3, Nummer 8 Beilage der „Stimme“ März 1931 Emma Lazarus Eine berühmte jüdische Frau. Von Dr. Amalie K a u t o r. v/ie so viele Berühmtheiten der jüdischen Literatur hat auch Emma Lazarus erst nach verschledentlichslen Wandlungen den Weg zum Judentum gefunden. Ihrer Bildung und Erziehung nach dem Judentum fast ganz entfremdet, mag ihr aber trotzdem seit jeher ein jüdisch fühlendes Herz innegewohnt haben. Bedurfte es doch eines äußeren Impulses, eines auf sie unauslöschlichen Eindruck hinterlassenden Ereignisses, um sie für das jüdische Volkstum zu gewinnen. Als Kind des reichen portugiesischen Juden Moses Lazarus im Jahre 1849 in New York geboren, genoß Emma Lazarus eine sorgfältige Jugenderziehung. Um ihre Ausbildung bemühten sich die prominentesten Lehrer ihrer Zeit. Es ist kein Wunder, wenn die kleine Emma im Hause ihrer Eltern, die sich bereits vollkommen assimiliert hatten, vom Judentum und seinen Ideen so gut wie nichts erfuhr. Es war daher nur selbstverständlich, wenn sich ihr frühentwickeltes literarisches Talent zunächst im angloamerikanischen Schrifttum Geltung zu verschaffen suchte. Bereits im Alter von 14 Jahren schrieb Emma Lazarus ihre ersten Gedichte, die sie in amerikanischen Zeitschriften veröffentlichte. So kam es, daß ihr Name in der literarischen Welt der Vereinigten Staaten bald bekannt zu werden begann. Der Kampf zwischen den Nord- und Südstaaten Amerikas, die Bürgerkriege der Sechziger Jahre und namentlich die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei, dies alles übte auf die junge Dichterin einen nachhaltigen Einfluß aus. Von den Ideen der Befreiung der Neger aus der Sklaverei begeistert, schrieb sie zahlreiche Freiheitslieder, die sie im Jahre 1867 gesammelt hcrausgab. Sie machte sich damit nicht nur zur Wortführerin ihrer eigenen Ideen, sondern auch jener der fortgeschritteneren Teile der amerikanischen Bevölkerung. Mit der Zeit nahmen ihre Freiheitsideen schärfere Formen an. Sie neigte immer mehr der revolutionären sozialistischen Richtung zu. Fast hätte man sie — für die Begriffe der damaligen 4,Zjpit •— als Anarchistin bezeichnen können. Nicht zuletzt kam diese Tendenz auch in ihrem dichterischen Schaffen zum Ausdruck. Neben reiner Lyrik fing sie . freilich gerade damals an, sich mehr dem Studium fremder Sprachen und philosophischer Probleme zu widmen. In jene Zeit fallen auch ihre ersten Prosaarbeiten. Im Jahre 1870 erschienen neue Dichtungen und ein Gedicht «Admetus», das sie in die Reihe der ersten amerikanischen Dichter stellte. 1874 erschien ihr erstes Werk in Prosa: «Alida», eine Episode aus Goethes Leben. Hierauf folgten Balladen und Poeme von Heinrich Heine. Ihre Uebersetzungen von Heines Liedern wurden als die besten in englischer Sprache betrachtet. Sie verfaßte auch Biographien von Goethe und Heine. Ein kurzes Gedicht widmete sie dem amerikanischen Philosophen und Dichter Emerson (To my friend Ralph Waldo Emerson), dessen Werke und Persönlichkeit einen großen Einfluß auf die Entwicklung ihres poetischen Talents hatten. Im Jahre 1882 schrieb sie in «The Country» einen Artikel «War der Graf von Beaconsfield ein vorbildlicher Jude?», ein Thema, in welchem der Scharfsinn ihres Geistes so recht zum Ausdruck kam. Trotz all dieser hervorragenden schriftstellerischen Leistungen der jungen Dichterin mochte man vielleicht das Empfinden haben, daß es noch eines mächtigen Anstoßes bedürfe, um ihr dichterisches Können auf die volle •Höhe zu bringen. War Emma Lazarus in ihrem bisherigen literarischen Schaffen, so vielseitig dies auch gewesen sein mochte, dem Judentum fremd gegenüber gestanden, so traten gerade damals Ereignisse ein, die die ganze zivilisierte Welt mit Empörung erfüllten und auf die Leiden des jüdischen Volkes aufmerksam machten. Es waren dies die Judenpogrome des Jahres *1881 in Rußland, die tausende unschuldiger Opfer erforderten und auch einen erhöhten Zustrom jüdischer Flüchtlinge nach Amerika mit sich brachten. Diese grau,-nvollen Begebenheiten waren es, die auch einen völligen Umschwung in den Anschauungen der jungen Dichterin bewirkten. Die Schrecken der Pogrome, die furchtbaren Erlebnisse der russischen Juden waren es, die in Emma Lazarus ihr jüdisches Herz und ihre jüdische Seele erweckten. Diese Ereignisse brachten sie zum erstenmal dazu, sich auf ihre jüdische Abkunft zu besinnen und sich intensiver mit jüdischen Problemen zu beschäftigen. Jetzt erst widmete sie sich dem Studium der Bibel, der jüdischen Geschichte und Kultur und verfolgte voll Eifer die jüdischen Tagesfragen. Ebenso erlernte sie in kurzer Zeit die hebräische Sprache. Nebenher leitete sie tat-! kräftig Hilfsaktionen für die jüdischen Immigranten ein und wirkte für diese, wo sie nur konnte. Es ist weiter nicht verwunderlich, wenn Emma Lazarus nunmehr ihre so gewandte Feder in den Dienst der jüdischen Sache stellte. Man kann sagen, daß sie von diesem Zeitpunkt an fast alle ihre Werke jüdischen Fragen widmete oder zumindest jüdische Themen zu deren Vorwurf machte. Sie hinterließ uns eine Reihe von Poemen und Prosawerken aus jener Zeit, von denen wir hier als ihr erstes im jüdischen Geiste geschriebenes Werk «Das Krähen des roten Hahnes» (The Croving of the Red Cock) nennen. Besonders charakteristisch für ihre national jüdische Einstellung war die Artikelreihe «Ein Brief an die Juden». Hier besprach sie jüdische Tagesfragen, forderte eine Erziehung der Juden im nationalen Sinne und wurde damit zur Vorkämpferin für die Anerkennung der jüdischen Nationalität und für die Idee der Wiedergewinnung einer jüdischen Heimstätte in Palästina. So sehen wir in ihr eine deutliche Wandlung in der Richtung zum nationalbewußten Judentum. Mit dei ganzen Kraft ihres noch unverbrauchten Talents und voller Schaffensfreude trat sie dann für diese damals noch ganz junge Bestrebungen ein und wurde damit eine glühende Anhängerin der Idee des Judenstaates Ihr Wirken war denn auch beispielgebend und befruchtend für die ganze Chibbath-Zion-Bewegung, die nicht zuletzt Emma Lazarus ihren Aufschwung verdankt. Ihr hohes literarisches Können hätte sie gewiß befähigt, der jüdischen Sache noch weitere Dienste zu leisten. Kann man doch mit vollem Recht in ihr bis auf die Zeiten Heines und Gordons eine der bedeutendsten jüdischen literarischen Größen sehen. Um so tragischer müssen wir es empfinden, daß ein plötzlicher Tod die Dichterin mitten aus der Arbeit gerissen hat. Ihre vielseitige und aufreibende literarische Tätigkeit hatte ihre Gesundheit untergraben und ihrem so fruchtfaren Schaffen ein allzu frühes Ende gesetzt. Emma Lazarus starb im Jahre 1888 im Alter von kaum 39 Jahren. Ihr Hinscheiden bedeutete einen schweren Verlust für die jüdische Welt. Berechtigte doch das hohe dichterische Talent Emma Lazarus zu den kühnsten Hoffnungen für ihr weiteres Wirken. Als letztes Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung für die verstorbene Dichterin durch die amerikanische Oeffentlichkeit verzeichnen wir die Enthüllung einer Gedenktafel für Emma Lazarus im Mai 1903, die auf der inneren Seite der Freiheitsstatue im Hafen von New York angebracht wurde. Propaganda- und Organisationsreise der Frau Pr. Martha Hofmann in Budapest Mitte Februar hielt sich Frau Dr. Martha Hofmann aus Wien in Vertretung der Londoner Wizo-Zentrale einige Tage hindurch in der ungarischen Hauptstadt auf, um die dort noch in ihren Anfängen befindliche Frauenarbeit für Palästina auf breitere Basis zu stellen und neue Mitarbeiterinnen heranzuziehen. Die beiden Vorträge der geschätzten zionistischen Organisatorin, Schriftstellerin und Rednerin erweckten in der jüdischen Bevölkerung von Budapest außergewöhnliches Interesse und fanden stärksten Widerhall. An ihrem Vortrage über die jüdische Frauenarbeit in Palästina, der in Verbindung mit einem Palästinafilm in einem der größten Lichtspieltheater in Budapest stattfand, nahmen gegen 700 Personen teil. Ebenso versammelte das interessante Referat «Die jüdische Schicksalsfrage und die Frauen», das die Rednerin im Rahmen eines Empfanges der Wizo im weißen Saal des Hotel Royal abhielt, mehrere hundert Frauen der besten und intellektuellsten jüdischen Kreise von Budapest sowie Repräsentanten der jüdiischen Oeffentlichkeit und der jüdischen Presse der ungarischen Landeshauptstadt. Der Besuch dieser führenden Mitarbeiterin der Weltorganisation zionistischer Frauen, die neue, bisher der Palästinaarbeit fernestehende, jüdische Kreise für dieses große Werk und insbesondere für den Anteil der Frauen daran zu gewinnen wußte, wird voraussichtlich auf Einladung der jüdischen Frauenorganisation in naher Zukunft wiederholt werden. Die jüdische Presse wiidmet diesem Besuche ausführliche Berichte. Frau Doktor Martha Hofmann äußerte sich bei ihrer Abreise optimistisch über die Aussichten der zionistischen und der Pro-Palästinaarbeit in Ungarn. Budapest, 22. Februar 1931, 50 jähriges Jubiläum des israelitischen Frauenvereines Graz Auf fünf Jahrzehnte jüdisch-sozialer Tätigkeit und segensreicher Wirksamkeit im Dienste der jüdischen Gemeinschaft kann der israelitische Frauenverein Graz zurückbliicken. Aus diesem Anlaß fand Sonntag, den 15. F'ebruar, im festlich geschmückten Sitzungssaal der Kultusgemeinde eine würdige Gedenkfeier statt. Die Präsidentin des jubilierenden Vereines, Frau Lina Adler, begrüßte aufs herzlichste die vielen Festgäste und sprach in ihrer Festrede von der Tätigkeit des Frauenvereines. Aus der Erkenntnis heraus, daß durch planmäßige Jugendfürsorge, durch richtige Berufsberatung und Berufsvorbereitung viele sittliche und wirtscMflfche Not verhindert werden kann, hat sich der Verein seimiger Zeit auch diesem wichtigen Zweige sozialer Betätigung zugewandt. Die behördliche Anerkennung dieser Tätigkeit des Vereines war die Ernennung des verdienstvollen Vorstandsmitgliedes Frau Herma Feuerstein zur Jugendfürsorgerin für jüdische Mädchen durch das städtische unter Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Matfersburg wird das Speisefett Kunerol hergestellt UV I Kunerol ist reines KokosnuMett und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. mM 100% REINES KOKOSNUSSFETT Kunerol ist nur echt In Original-Packung 1 Vor tSuKhenden Net ahmungen wird gewarnt! Jugendamt. Ein Werk allerdings konnte der Verein leider durch die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse noch nicht zur Verwirklichung bringen, das ist die Schaffung eine» Altersheims, doch — so führte die Rednerin aus — hoffen wir, daß es vielleicht unserer Kultusgemeinde im Verein mit den karitativen Organisationen unserer Gemeinde möglich sein wiru, dieses Y. en: zu schaffen. Herr Landeshauptmann Dr. Rintelen übermittelte durch Herrn Oberregierungsrat Dr. Wolf dem Vereine seine Glückwünsche. Üuuann sprach Herr Dr. Robert Sonnenwald als Präsident der Kultusgemeinde. Er gedachte in warmen Worten der ürunüer des »creme» und seiner Präsidentinnen, Frau Dr. Marianne Mühsam, Frau Ehrenpräsidentin Charlotte Stern und namentlich der jetzigen verdienstvollen Präsidentin Frau Lina Adler, die nun auch schon ein Jahrzehnt lähgf * mit höchstem Eifer und größter Aufopferung den Vereinpführt. Besonderer Dank gebühre auch der Vizepräsidentin des Vereines, Frau Fiora Neumaim, die seit 33 Jahren in unermüdlicher Arbeit für den Verein wirkt. Herr Kommerzialrat Simon Rendi übermittelte die Grüße der «Bnaii Brith Loge», und Frau Bruder, Linz, beglückwünschte den Verein namens des Linzer israelitischen Frauenvereines. Der Ehrenpräsidentin Frau Charlotte Stern wurde für ihr verdienstvolles Wirken eine Ehrenurkunde überreicht. Nach Verlesung einiger Glückwunschschreiben schloß che Präsidentin die erhebende Feier. H. H. Die jüdische Frau im Mittelalter Die religiöse Erziehung der jüdischen Frauen wurde im Mittelalter häufig mit großer Sorgfalt betrieben; es wird von verschiedenen Frauen erzählt, deren Entscheidung in zweifelhaften Fällen von berühmten Gesetzeslehrern angerufen wurde. Alvina, eine Enkelin Raschis, belehrte den Isak ben Samuel, wie sie für gewisse religiöse Fragen den Brauch ihres großväterlichen Hauses festhalte. Die Töchter des Rabbi Abraham und Orleans vereinigten sich wie die Männer zu gemeinsamem Tischgebet. Mirjam, die Tochter Salomon Spiras, Gattin des Jochanan Luria, trug mehrere Jahre hindurch, hinter einem Gitter sitzend, der studierenden Jugend den Talmud vor. ln der Nationalbiliothek in Paris befindet sich eine hebräische Handschrift, die Frummet aus Ahrweiler für ihren Mann Samuel ben Moses beendet hat. Der Erziehung der Mädchen wurde großes Augenmerk zugewenüet. So empfiehlt ein jüdischer Vater aus dem 14. Jahrhundert in seinem Testamente, «daß die Töchter stets im Hause ihre wahre Welt finden mögen, daß sie nicht auslaufen, oder an der Türe des Hauses stehen, jeden Vorübergehenden neugierig mit den Blicken verfolgen... Meine Bitte, ja mein Befehl, daß die Frauen nicht müßig sitzen ohne Beschäftigung; denn der Müßiggang führt zu Lastern; sie mögen spinnen, nähen oder kochen.» Ein altes Sittenbuch, der Brandspiegel betitelt, empfiehlt den jüdischen Frauen, Nähnadeln und Zwirn immer im Hause vorrätig zu halten, damit, wenn vor Eintritt aes Sabbats am Gewand noch etwas auszubessern sei, es zeitig und ohne Säumnis geschehen könne. Charakteristisch ist es, wte au» dem Vorderblatte eines alten Buches oei den verzeichneten Geburtstagen der Knaben der Wunsch folgt: «Gott geK-, daß ich ihn erziehe zur Lehre, zur Verehelichung und zu guten Taten», bei den Geburtstagen der Mädchen aber der Wunsch ausgedrückt ist: «Gott gebe, daß ich sie erziehe, zu nähen, zu spinnen und zu stricken — und zu guten Taten.» Otto Abeies ,Zehn Jüdinnen“ Im Verlage R. Löwit ist dieser Tage das schön ausgestattete, lesenswerte Buch «Zehn Jüdinnen» von Otto Abeies, in Leinen gebunden, zum Preise von S 5.—, erschienen. Wr werden in der nächsten «Stimme der jüdisenen Frau» eine ausführliche Besprechung bringen.