Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 167 (12.3.1931)
- Date
- 1931-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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V, . 167—12. März 1931 DIE STIMME Seite 3 Paradoxa Von Dr. Chaim T artakower. Dieselben arabischen Führer in Palästina, die ein Bodenkaufsverbot verlangen, bieten den Juden durch Mittelspersonen Boden an. Wie kommt das? Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten zwingen sie dazu. Der Boden ist heute das einzige, oder zumindest das hauptsächlichste Kapital des Landes. Aber er wurde dies einzig und allein durch das jüdisc,.e Volk und durch dessen Streben nach Schaffung seines nationalen Heims in diesem Lande. Der arabische Fellache sowohl als auch der Effendi müssen aus wirtschaftlichen Gründen Teile ihres Bodens abstoße.n. Der Fellache ist dazu gezwungen, will er die Möglichkeit haben, sich zu entschulden und sich dann mit Hilfe der Intensivierung seines restlichen Bodens zu einem freien, ja wohlhabenden Pflanzer oder Bauern zu entwickeln; der Effendi, um den Boden in den Vermögenswert umzuwandeln, zu dem er eben dank der jüdischen Kolonisation geworden ist. Daß dieser Zustand wirtschaftlich naturgegeben ist, bestätigte in der letzten Zeit klipp und klar ein von der englischen Regierung über Vorschlag Simpsons zur Untersuchung der landwirtschaftlichen Fragen des Landes entsandter Fachmann — freilich ein gerecht denkender: Strickland. Also auf der einen Seite Bodenangebot in Menge. Und auf der anderen Seite? Bei uns Zionisten? Rückgang der Keren Kajemeth-Spendeneingänge! Bei uns und überall in der Welt. Muß es aber so sein? Wir sagen deutlich: Nein. Der Keren Kajemeth kann sich bei allen Gelegenheiten des Lebens mit Erfolg an die Judenheit wenden. Das Geld liegt auch heute noch förmlich auf der Straße — es fehlen die Zionisten, die es aufheben. Wir Zionisten versagen leider in dieser Hinsicht sehr oft. Wir sind feinfühlig geworden. Ein Beispiel für viele: Von jeher war es für uns selbstverständlich, daß bei Hochzeiten u. dgl. Familienfeierlichkeiten für den Keren Kajemeth gesammelt wurde. Wir Zionisten waren es, die die jüdischen Veranstalter dazu erzogen, bei solchen Gelegenheiten Zions zu gedenken. Heute haben sich die Verhältnisse zum Teil sehr verschlechtert: Wir Zionisten sind plötzlich sehr zartbesaitet geworden, wir «nehmen Rücksicht auf unsere Gäste». In der letzten Zeit ereigneten sich in Wien zwei Vorfälle: Ein alter Zionist verbot die Sammlung bei einer Hochzeit, ein in der Stadt wohlbekannter Antizionist gestattete sie. Ein zweite Merkwürdigkeit: Es war von jeher natürlich, daß der Inhaber von Keren Kajemeth- Büchsen selbst für die Füllung derselben zu sorgen hatte, seine Gäste kamen entweder überhaupt hierfür nicht in Betracht, oder erst in zweiter Linie. Jetzt stoßen wir sehr oft auf die Meinung: «Ich kann leider die Büchse nicht brauchen, weil in meinem Haus kein gesellschaftlicher Verkehr gepflogen wird». Ich glaube, an diesen Zuständen ist zum Teile unsere, der Zionisten, Laxheit schuld. Es sei mir gestettet, gegen ein Argument anzukämpfen, das bestechend scheint, ohne es zu sein. Erez Israel wird nicht durch Spenden aufgebaut werden — wird argumentiert. Es ist richtig und nicht richtig. Die Judenverfolgung zu Gaunersdorf in Niederösterreich Eine Kriminalgeschichte aus dem Jahre 1573. Von Leopold Bender. Im Frühjahr 1573 zogen zwei Juden, Adam Leser «der Jüdl» und David Jtidl, «der Jud», beide in Nikolsburg ansässig, zusammen mit dem Mattersdorfer Juden Adam Jüdl gegen Wien. Auf ihrem Fuhrwerk hatten sie Tuch verladen. In Gaunersdorf in Niederösterreich fielen der dortige Pfarrer Johann Oberdörfer und der Ortsrichter Mathes Kriegle über sie her, bedrohten sie am Leben und nahmen ihnen die Ware weg; die Bauern raubten den Wagen und die Pferde. Die drei Juden kehrten nun betrübt nach Nikolsburg zurück und bestätigten sich gegenseitig schriftlich den Vorfall. Die Urkunde trägt das Datum: «Nikolsburg, den 20. August gebürt 1573 Jahr». Mit dieser «Kundschaft» versehen, kamen die Beraubten nach Wien zum gestrengen Officiale des Bischofs von Passau, dem edlen Herrn von Palderstein. Der erklärte sich für unzuständig, weil die Pfarre Gaunercdorf dem Schottenstifte untertan war. Der Schottenprälat Johann Schretel war ein gar gewaltiger Mann, der neben seiner Infula und dem Stabe, auch das Szepter und den Klosterrat führte, der wiederum rnlt den Konsistorien Wien und Passau auf schlechtem Fuße lebte. Schretel ließ“ die Juden in «Hitz und Wetter» lange warten. Die Schottenweiber, «die Leitgebin» (Wirtin), die Schulmeisterin und die «Hofmeisterin» Kein Gemeinwesen verzichtet auf Einnahmsquellen karitativer Art neben den Steuern. Es soll nicht vergessen werden, daß der Keren Kajemeth mit seinen Groschen rund 300.000 Dunam erlöst hat, während die vom Baron Rothschild begründete Pica 374.000 Dunam besitzt, Privatpersonen und Gesellschaften zirka 561.000 Dunam. 25 Prozent des jüdischen Bodens ist Keren Kajemeth - Besitz, d. h., dem jüdischen Volk für alle Zeiten zugeh ö r i g. So oft auf dem Prinzip des Privateigentums aufgebaute Boden-Gesellschaften in Schwierigkeiten gerieten, war es stets der Keren Kajemeth, der sie durch Erwerb ihrer Böden aus ihren Nöten befreite und den jüdischen Bodenbesitz sicherte. Es ist höchste Zeit, sich des Keren Kajemeth anzunehmen, um ihm die Möglichkeit zu geben, das große Bodenangebot zur Vergrößerung und Verewigung des jüdischen Bodenbesitzes zu benützen. Purim in Palästina Jerusalem, 2. März. (J. T. A.) Die Festlichkeiten, die anläßlich des Purimfestes in ganz Palästina eine Woche hindurch veranstaltet werden sollen, wurden Samstag, den 28. Februar, abends, in Jerusalem durch einen Ball im «Hotel König David» eingeleitet. In Tel-Aviv fand am gleichen Abend eine Festbeleuchtung mit Feuerwerk statt. Am Montag, den 2. März, abends, zeigten die Sirenen der Feuerwehrbrigaden durch zweiminutenlanges Pfeifen den offiziellen Beginn der allgemeinen Purim-Fröhlichkeit an. In Tel- Siebe auf (ßefehl Ein pikantes Spiel von Liebe und Diplomatie nach Rudolf Lothars und Fritz Gottwalds »Die Republik befiehlt« In den Hauptrollen: Arnold Korff, Olga Tschechowa Johannes Ricmann, Tala Birell Hans Junkermann Ur- und Alleinaufführung fcfiweden - Jttno 1 II., Taborstraße i-j, Telephon A-47-0-60, A-49-o»6o An Wochentagen 5, 7, 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr o» *9999999999999999999999999999999999999 Aviv sind mindestens 15 große Veranstaltungen, darunter ein grandioser Karnevalszug durch die Straßen, in Aussicht genommen. Tel-Aviv, 5. März. (J. T. A.) An den Purimfestlichkeiten in Tel-Aviv nahmen Tausende von Juden aus allen Teilen des Landes und hunderte ausländische Touristen, die Vorhut der jährlich zu Ostern nach Palästina reisenden großen Touristengesellschaften, teil. Tausende von Arabern hatten die von der palästinensischen Eisenbahnverwaltung anläßlich des Purimneckten die Juden, zogen sie an Bart und Kleidung und «trieben allerlei spöttlichen Muthwillen». Endlich erschien der mächtige Prälat Schretel, «las die Kundschaft, ließ die Juden mit Schlägen tractiren, was gar unleidlich gewesen» und ließ sie hinauswerfen. Draußen empfing sie der Janhagel, der sie verhöhnte und «publice schimpfirte». Unsere drei Juden beratschlagten nun, was zu tun sei und marschierten nach Königstetteil, wo gerade Bischof Urban von Passau weilte. Dieser ließ die Bittsteller in seinen «Gaden» (Zimmer) treten und übernahm die «Kundschaft», verwies sie aber an seinen Offizial. Um sie vor dem Pöbel zu schützen, mußte der «Scherge» die drei Juden bis außerhalb des Burgfriedens geleiten. Also auch diesmal hatte die Intervention keinen Erfolg gehabt. Die Juden marschierten wieder nach Wien zurück und wandten sich an den päpstlichen Nuntius, der dem Offizial Palderstein den Auftrag gab, den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Palderstein aber fand, daß die Sache den Nuntius nichts angehe, denn die drei Juden waren wohl Juden, aber auch kaiserliche Kammerknechte. Er schickte den Befehl des Nuntius an die niederösterreichische Regierung. Nun kam die Sache in Fluß. Die Bitte der Juden an den Nuntius wurde als Appellation an eine auswärtige Macht angesehen und mit einer geharnischten Beaihwerde an den Nuntius beantwortet; aber der Cicedom von Siockerau kam «mit bewehrter Hand» nach Gaunersdorf, d. li. er führte bewaffnete Knechte mit sich; er selbst hatte ein Faustrohr in der Hand, «ein Püchsle unter der Kleidung und im Hosengesäß (Hosentasche)» und blanke Wehre an der Seite, nahm Ware, Roß und Direkte Eillinie ' Triest-Jaffa Haifa mit den vorzügl. Salonschiffen „Adria“, d. „Cainaro* fies Lloyd Triestino Fahrtdaucr bloß 41/, Tage : Llojd Triestino Wien, I., Karnfneiring 6 Fahrpreis: 1. Kl. £ 22.-.-; II. Kl. £ 15.-.- 5 III. Kl. £ 6.—.— inkl. Eetl nnn \erpflesrnnpr fmEmf IiMUiii itg: Mit lüiiiilJafaD festes gebotene Gelegenheit zu einer verbilligten Reise nach Tel-Aviv ausgenutzt. Lebhaftes Maskentreiben herrschte in den Straßen. Das größte Kontingent stellten die traditionellen Maskenfiguren Königin Esther, Mordechai, Haman und Ahasverus, es gab aber auch eine Fülle von Phantasiekostümen aller Art. Die in einer großen Reihe von Sälen veranstalteten Purimfestspiele und Tanzvergnügungen wiesen einen Massenbesuch auf. Die Oesterreichisclie Tabakregie auf der Wiener Frühjahrsmesse Die Tabakregie beteiligt sich auch heuer an der Wiener Frühjahrsmesse. Auf dem Rotundengelände (Pavillon) und im Haupthofe des Messepalastes (Propaganda-Auto) werden sämtliche Fabrikate ausgestellt und verkauft. Die gangbarsten Sorten sind auch entnikotinisiert durch die Entnikotinisierungsanstalt August Falk erhältlich. Anläßlich des Jubiläums der Wiener Messe werden die Britanica-Zigarren in einer Sonderaufmachung gebracht, mit «Ringen»,, die — ebenso wie die Kartonverschlußmarken — die Aufschrift «W ienerjubfläumsmess eJ931» tragen. Im Fabrikationsraume werden auf einer Rapid-Zigarettenmaschine Egyptische III. Sorte und Memphis - Zigaretten mit dem Aufdruck «Wiener Messe» erzeugt und teils mit der Hand in Kappenschachteln zu 25 Stück, deren Visten und Verschlußsignetten den Aufdruck «Wiener Jubiläums-Messe 1931» tragen, teils maschinell zu 10 Stück in Kartons verpackt, die mit dem gleichen Aufdruck versehen sind. Auch diese Zigaretten sind auf der Messe erhältlich. Im Ausstellungsräume wird in Diapositiven unter anderem die Beteiligung der Tabakregie an den vergangenen Messen gezeigt, ln einem Film wird der Betrieb der Virginierfabrik in Gauting bei München vorgeführt. E. gggg^e^ggggBHgg*"MI"^g;^""l",l^!Bg*!glffl,g!!!gsgBgBgaaa Wagen, den Pfarrer, den Richter und des Richters Buben, der die Juden mit einer Hacke bedroht hatte, nach Wien. Der Pfarrer kam «in custodiam», d. h. ins Schergenstübchen des Offizials, der Richter und sein Bub in den Stadtgraben. Der Prozeß begann. Am 10. September 1574 erfloß die Sentenz, nachdem die Gefangenen schon vorher aus der Haft entlassen worden waren. Weil der Pfarrer sich an kaiserlichen Kammerknechten vergriffen, kaiserliches Gut gestohlen, wurde sein Lehensherr, der Schottenprälat, zu einer «Pön» von 1000 Goldgulden verurteilt und die Gemeinde Gaunersdorf verhalten, an den Festungswerken zu Korneuburg zu roboten. Die Juden kamen nach Wien, um Tuch, Roß und Wagen zu erhalten und verlangten einen Anteil an der Pön. Da bedeutete ihnen der gestrenge Statthalter, sie hätten nach auswärts apelliert und daher Strafe verdient; deshalb seien Tuch, Roß, und Wagen und die 1000 Goldgulden «zur Artollerie an die hungarische Granitz geschickt worden». Verdrießlich war der Schottenprälat wegen der 1000 Goldgulden, die er als Pön zahlen mußte; verdrießlich war der Pfarrer Oberdörfer, denn er wurae davongejagt; verdrießlich war Mathes Kriegler und die Gemeinde Gaunersdorf, denn sie mußten schanzen; verdrießlich waren Adam Leser und David Jüdl, die Juden von Nikolsburg, denn das Tuch war bei den Landsknechten; verdrießlich war der Adam Jüdl, der Jud zu Mattersdorf, denn Pferd und Wagen» sein Eigentum, waren bei der Artillerie an der ungarischen Grenze. Vergnügt war nur Lazarus Schwendi» der Kriegsoberst, denn er hatte 1000 Goldgulden» und Offizial Palderstein, denn er hatte dem Nuntius ein Schnippchen geschlagen.