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Die Stimme · 1931-03-05 · Heft 166 (5.3.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 166 (5.3.1931)
Date
1931-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Das Purimereignis ist an eine furchtbare Erinnerung gebunden, an den Plan, ein ganzes Volk grundlos, lediglich ans Haß gegen einen einzelnen, auszurotten. Ein Veraichtungsanschlag gegen die Juden in Persien war nämlich zugleich ein solcher gegen das Gesamtjudentum, denn mit Ausnahme eines nur kleinen Teiles lebte damals das ganze jüdische Volk in den weitgedehnten persischen Gebieten. In wessen Händen lag nun das Geschick Israels? Auf der einen Seite in denen eines mächtigen Ministers, auf der anderen in denen eines in ewigen Gastmälern schwelgenden, in ewiger Weinlaune taumelnden Königs, der — jeder Einflüsterung zugänglich — selbst das Unglaublichste durch einen Federstrich Tatsache werden läßt. Kein Wunder also, daß jeder schlaue, kriecherische Schmeichler sich des Königs Herz erobert, kein Wunder auch, daß nicht die klare Einsicht, sondern die momentane Laune herrscht. Einer Laune zufolge muß die eine Königin verschwinden, und sccherlich auch nur einer Laune wegen dürfte ein hinterlistiger Staatsmann emporgekommen sein. Haman fühlt sich durch einen einzelnen Juden beleidigt. Rasch faßte er den Entschluß, die ganze Jndenheit auszurotten. Wie er dies anfangen soll? Nichts leichter als dies. Er benutzt eben einen durch die Weinlaune des Königs besonders günstigen Moment. Er bringt einige fadenscheinige Gründe vor, daß das Judenvolk «zerstreut und gesondert» in allen Ländern des Reiches lebe, daß es die Religion des Königs nicht teile, weil seine Gesetze so «absonderlich» seien von denen aller anderen Völker, ja daß es sogar den Befehlen des Königs den Gehorsam verweigere —: darum möge der König die Gnade erweisen, «das Vernichtungsedikt zu unterzeichnen»... Wären nun diese von Haman gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen wirkliche Verbrechen? Lebte denn nicht auch so manches andere Volk zerstreut in den «hundertsdebenundzwanzig Gebieten» des persischen Königsreiches, und war denn dieses den Juden zur Last gelegte Verbrechen etwas anderes, als ein durch Babylon vollzogenes Geschick? Hatte nicht der König selber es ausdrücklich gestattet, daß jedes Volk innerhalb seines Reiches sein eigenes religiöses und soziales Leben führe, seine althergebrachten Sitten und Gebräuche weiter behalte? Auch Haman wußte nur allzu gut, daß diese seine angeführten Gründe lächerlich wären. Aber Haman, dem «bösen und gehässigen Widersacher», waren die Juden in ihrer Gesamtheit schon längst ein Dorn im Auge. Er, der gewaltige und mächtige Minister des persischen Reiches, konnte es nicht verstehen, daß dieses halsstarrige Judenhäuflein trotz seiner Zerstreutheit seine eigene, gesonderte Lebensweise nicht aufgeben wollte. «Versprengt, überallhin zertreut — und doch gesondert 1» ... Und wäre es selbst der König, der von ihnen fordern sollte, ihren Gott oder seinen Gesetzen die Treue zu brechen, sie würden sich dennoch den Befehlen des Königs nicht fügen; unter drohendem Verlust ihrer Heimat und ihres Famiüenglückes, unter Hintansetzung ihres Lebens würden sie trotzig dem Fürstenwillen entgegentreten. Den besten Beweis dafür liefert der Jude Mordechai, d'* sich über den ausdrücklichen Befehl des Königs hinwegatrtzt. Ja noch mehrl Da die königlichen Beamten ihn zur Rede stellen; «Warum übertrittst du, Mördeebai, das Gebot des Köhigs und kniest nicht vor Haman?» hat er den Mut, den Grund anzuführen: «Weil ich Jude bin!» Kein anderer Ausweg war also vorhanden, als diese «Sonderlinge», «das Volk Mordechais», mit Stumpf und Stiel auszurotten. ... «Und dem König kann es ja nicht daran liegen, sie am Leben zu erhalten.» Was kann schon dem König an einem Juden liegen? Kann denn ein Jude überhaupt ein loyaler Bürger des Staates sein, ln dem er lebt?,. Daß ein Jude es gewesen, und zwar derselbe Jude, um dessentwillen er alle Juden vertilgt sehen will, daß gerade Mordecbai es war, der die patriotischeste Tat im ganzen Reiche vollbracht, indem er des Königs Leben gerettet, das wird natürlich verschwiegen... Sollte aber der König etwa deswegen Bedenken haben, den Ukas zu erlassen, weil er dadurch eine Verringerung seiner Einnahmsquellen befürchte, so «will ich», fährt der Bösewicht Haman fort, «dem König zehntausend Talente Silber zur Verfügung stellen»... Und wie verhält sich der König zu solchem Ansinnen? Rasch, ohne sich zu bedenken, spricht er; «Das Geld bleibe dir, mit dem Volke aber magst du verfahren, wie es dir beliebt.» Ist das nicht die Sprache eines von Weinlaune Beherrschten, der in seiner «gehobenen Stimmung» seinem geliebten Zechkumpan alles, alles, was er nur haben will, und noch mehr gewährt?... Finstere, unheilverkündende Wolken ballten sich mit einem Male auf dem bis dahin ungetrübten heiterlächelnden Himmel zusammen, und eine tiefe, traurig-finstere Nacht begann sich um das persische Judentum auszubreiten. Aber in jener schauervollcn Nacht, als das mörderische Vorhaben Hamans bald Wirklichkeit werden sollte, griff die göttliche Vorsehung ein, ward des Schlafes Schleier von des Königs Augen hinweggezogen, des Schlafes, in den ihn Hamans Haß gewiegt. Er erwacht und sieht, welch ungeheures Unrecht er zu tun im Begriffe gewesen, er blickt in vergangene Tage zurück und sieht, an welch treuem, loyalem Volke ei sich versündigen wollte — die Gefahr ist gebannt, die Rettung Israels besiegelt Was aber ist aus Haman geworden? — Ein Schandmal der Menschheit. < Und war es etwas anderes als Trunkenheit, Trunkenheit vom Taumelkelche des Fanatismus, des Wahnes, des zum blinden Hasse gesteigerten Neides, der zum Blutdurst gestiegenen Habsucht, was das graue Altertum und namentlich das finstere Mittelalter gefangenhielt, was die Völker die läcnerlichsten Fabeln gegen Israel und gegen sein Schrifttum glauben machte, was sie mit wilder Begier erfüllte, das jüdische Volk in dumpfe Ghetfigassen zu sperren oder sie nach Beraubung alles Eigentumes von Land zu Land zu jagen, gleich wilden und wutschnaubenden Tieren über sie herzufallen und sie zu zerfleischen, ganze Gemeinden vom Säugling bis zum Greise unbarmherzig, irri Namen der «Religion der Liebe» auszurotten?... Immer wieder jedoch erreichte endlich die nächtliche Finsternis einen Grad, der nicht mehr überschritten werden durfte, immer wieder geschah es wie in «jener Nacht», daß der Schlaf wich, daß die Besinnung kam. Und was ist aus Antiochus Epiphanes, was aus Hadrian, was aus den mittelalterlichen «zur Ehre Gottes» aufgezogenen Würgern, was aus Torquemada mit seinen^ Scheiterhaufen, was aus den vielen anderen Nachfolgern Hamans geworden? Verschwunden sind sie und hinweggefegt worden vom Schauplatze der Geschichte. Doch das jüdische Volk lebt noch heute. Es hat sie überdauert, die Hamans aller Zeiten. Denn gerade das Nichtaufgeben seiner nationalkulturellen Eigenart, seiner musterhaften Treue zur ererbten väterlichen Tradition, gerade diese «absonderlichen jüdischen Gesetze» sind es, die das jüdische Volk am Leben erhalten haben. Wie wäre es, wenn Haman heute auferstäride? Was würde er sagen, wenn er heute noch, nach mehr als zweitausend Jahren, diese Zerstreuten, erst recht «zerstreut», mit ihren «absonderlichen Gesetzen», und zugleich tnre Umwelt erblickte und sähe, was seitdem aus diesen «zerstreuten Sonderlingen» geworden? Er würde sehen, daß sein stolzes Perserreich schon längst verschwunden ist und ebenso der griechische Held, der es ln Trümer geworfen, und nicht minder der stolze Römer, der diesen mit seinem Schwerte besiegt, und er würde sich sicherlich verneigen vor der priesterlichen Hoheit dieser Zerstreuten. Leider stehen immer noch Hamans wieder auf, die getreulich in des ersten Haman Fußstapfen wandeln und die bald da, bald dort, bald direkt und bald indirekt, bald unverschämt offen und bald in heuchlerischer Verstecktheit es bezeugen, daß sie vom heißen Wunsche beseelt s?hd, zu «vertilgen und auszurotten all die Juden mit Weib und Kind, mit Stumpf und Stiel». Wieder macht sich ©in Geist ctes Taumels und der Betäubung bei den Völkern bemerkbar, und vielleicht in willkürlich-boshafterer Weise noch als im Mittelalter werden heute deren niedere Triebe gegen die Judenheit aufgestachelt. Im Miittelalter glaubte man an die Blutbeschuldigung und dergleichen; im Mittelalter glaubte Direkte Eillinie Triest-JafMaifa mit den vorzügl. Saionschiflen „ßdriä“, b. „Camaro“ des Lloyd Triestino Fahrtdauci bloß 41;, Tage Fahrpreis: I. Kl. £ 22.-.-$ II. Kl. £ 16.-5 III. Kl. £ mkl. teil iinii ftrirertrottliifeBtiilBitt MinjrJitiiJräKöJaiiM luMMti: Uojd Triestino Bien, I., Kärnliwiirg 6 man an viele Märchen; unsere heutigen Feinde jedoch glauben an keine Märchen mehr, es sei denn, daß es sich um willkürliche Beschuldigungen gegen Juden handelt. War es im Mittelalter hauptsächlich die jüdische Religion, die die Leidenschaften der Menge gegen ihre Bekenner aurgcpeirscnt hatte, so ist es heute die jüdische Rasse, gegen die die hamanische Wut sich richtet, gleich der Wut des Tieres gegen ein anderes, das nicht von seiner Art... Wieder scheint es also, daß der Himmel sich mit schwarzem, unheilverkündendem Gewölk bedecke; dustere und gespensterhafte Schatten wollen sich abermals zur dunklen Nacht verdichten — und deshalb soll uns diesmal um so tröstender die Erinnerung sein, die das Purimfest in uns wachruft, desto heller und bedeutsamer soll uns seine Kunde ins Ohr klingen: «...Und nicht sollen jemals schwinden diese Purimtage aus der Judenheit Mitte, sie werden vielmehr stets gefeiert in jedem Zeitalter, in jedem Geschlecht, in jedem Lande und in jeder Stadt.» Was Jahrtausende hindurch sich, bewahrheitet, wird sich auch fürderhin bewahrheiten, und gleichwie in «jener Nacht» wird auch in «dieser Nacht» — in der jetzigen, um uns ausgebreiteten Nacht des Hasses, dieses neueste Dunkel ‘ bald sein Ende finden. Auf die noch so dichte Finsternis der,Nacht folgt stets das helle Licht des Morgens, an dem der Schlaf weicht, der Wahn zerreißt, das Gewissen sich regt und der Verbrüderungsruf die Reihen der Völker durchtönt. «Wächterl wie spät ist es in der Nacht?» Und der Wächter antwortet: «Es tagt schon!» Die Estherrolle Von Josua Horowitz Mit dem Beginnen der schriftstellerischen Tätigkeit bei den Juden wurden in verschiedenen Zeiten Erzählungen und Darstellungen historischen, poetischen und agadischen Inhaltes geschaffen. Das Volk liebte solche Erzählungen, da sie den Charakter und Geist jeder Epoche getreu wiederspiegeln und das Volk sich selbst in ihnen verkörpert sah. Als das Kulturniveau stieg, erwachte auch bti den Juden der Drang, den dichten Schleier der Vergangenheit zu lüften; in dieser Zeit wurden die historischen Darstellungen mehr in den Vordergrund geschoben. Jede einzelne dieser Erzählungen war nun ein Abbild ihrer Zeit, gleichsam ein bleibendes Kulturdenkmal, das dann von einem Geschlecht zum andern überliefert wurde. Die literarischen Produkte der Zeit, als noch jeder Jude «unter seinem Weinstocke und Feigenbaum saß», zeigen ein ruhiges, harmonisches Bild; anders erscheinen uns die Schriften der nachexilischen Periode: hier finden wir das stürmische, bewegte Diasporaleben, und die Motive der Erzählungen jener Zeit sind dem Galuthleben entnommen. In diese Kategorie gehört nun auch die Estherrolle. Der Schauplatz der Handlung ist Susa, die Winterresidenz der persischen Könige; die Geschichte stellt das schicksalsvolle Leben der nach Persien verschlagenen Juden dar. Simon Bernfeid stellt in seiner «Einleitung zu den heiligen Schriften» die Behauptung auf, die auch andere Forscher vertreten, daß die Estherrolle jeder historischen Grundlage entbehre, da verschiedene erwähnte Tatsachen und Momente mit der bestehenden Rechtsordnung und allgemed- Nur solche Palästinaweine stammen aus den weltrenommierten Welnkellereien der im Jahre lfc'89 gegründeten Firma S. Friedmann & Söhne, Haifa —• Petach tlkwah, weiche mit der Maike ACHTUNG? KARMEL ORIGINAL auf Etikette, Korken, Kapsel und Plombe versehen sind. Zu bestellen bei den Alleinvertretern SPIND« Sc BARVEEIO Telephon-Nummer R-49-7-90 und R-49-6-13 Unter Aufsicht des ms m rto iwn (Israelitische Kultusgemeinde Wien) i

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