Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 165 (26.2.1931)
- Date
- 1931-02-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE SUMME I>r. IG5 — 26. Februar 1931 £>C1K i ‘Jedinik und Wirtsdhalt Nr. 3 Beilage der „Stimme" Februar 1931 Techniker voran! Von Ing. Berthold Mandl. Wir eröffnen mit diesem beachtenswerten Aufsätze eine Diskussion über ein Thema, das — nicht nur auf die Technik begrenzt — vielleicht schon auf dem nächsten Zionistenkongreß von Bedeutung werden kann. Es betrifft die Frage, ob «Nur-Politiker» oder «Spezialisten» die Exekutive bilden sollen. (Die Red.) I. Wir leben in einer Zeit, die in der Weltgeschichte flicht ihresgleichen hatte. Sie ist charakterisiert durch einen alles Bestehende überrennenden Entwicklungsgang, der jene Methoden, welche nicht die modernsten technischen Erkenntnisse und Errungenschaften ausnützen, unwirtschaftlich macht und aus der Konkurrenz ausschaltet. Es ist die Zeit einer gewaltigen Evolution, die, wie es ja natürlich ist, nur unter großen Reibungen vor sich gehen kann. Die auf ganz neue Prinzipien gestellte technische Arbeit hat die Menschheit ziemlich unvorbereitet getroffen; die technische Entwicklung hat nicht die entsprechende wirtschaftliche Anpassung vorgefunden, so daß schädliche Folgen eintreten mußten. Gewöhnlich ist primär die vorauseilende Entwicklung vorhanden und der Wunsch schafft die nachherige Anpassung, den sekundären Ausgleich. Wird z. B. eine kultivierte Gegend von Ueberschwemmungen heimgesucht, wobei Schäden entstehen, so wird man Vorsorge treffen, um diesen Schäden künftig vorzubeugen; um Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung solcher bereits aufgetretenen Erscheinungen zu treffen, braucht man keine Voraussicht. Sie verlangen von selbst Abhilfe. Auch die wie eine Ueberschwemmung aufgetretenen Auswirkungen der plötzlich ins Enorme gewachsenen Entwicklung der Technik haben ihre großen Wirkungen gehabt und nun drängen diese Wirkungen auf Beseitigung ihrer oft unerträglichen Folgen, anstatt daß rechtzeitig die Auswirkungen der technischen Entwicklung auf das Wirtschaftsleben erkannt^ yorausgesehen und wirksame Mittel gesucht wordefi: wären', um sie weniger schädigend zu gestalten. Verfolgt man die kulturelle Entwicklung, so findet man, daß sie viele Epochen durchschritt, die durch besondere Merkmale gekennzeichnet sind. Unstreitig gehört die Epoche, in der wir leben, der Technik an. Diese hat heute bestimmenden Einfluß auf die Menschheit. Sie ist in alle Gebiete eingedrungen und hat allen Lebenserscheinungen unverkennbar ihren Stempel aufgedrückt, was beispielsweise Amerika berücksichtigt, indem es seinen ausländischen Vertretern technische Attaches beigibt. Denken wir nur an die Eroberung der Luft, die gesteigerte Einstellung der verschiedensten Maschinen in Großindustrie und Gewerbe, die immer zahlreicher verwendeten landwirtschaftlichen Maschinen, die durch Verwendung neugeschaffener Maschinen veränderte Bauweise im Straßen-, Eisenbahn- und Hochbau, aber auch an Bureaus und Haushalten — nirgends ist die Technik mehr wegzudenken! Sie hat auch bestimmenden Einfluß auf die Arbeitsmethoden und Produktionsweisen genommen. Aus der Einzelanfertigung ist die Serien- und Massenproduktion geworden, die in gewissen Berufskategorien das Kleingewerbe immer mehr verdrängen und zu gewaltigen Umschichtungen zwingen mußte. « Die technische Entwicklung kennt keinen Stillstand; unaufhaltsam geht sie vorwärts. Die Kenntnis der Richtung, in der sie fortschreitet, ist vor allem für den Aufbau eines Landes von besonderer Wichtigkeit, denn hier muß Bleibendes geschaffen werden; Einrichtungen müssen getroffen werden, die auch nach Jahren Wert besitzen, soll nicht das ganze Werk in Gefahr gebracht werden. Es ist wohl nur der Techniker dazu berufen, die Richtung der künftigen Entwicklung vorauszusehen und sie in seinen Plänen zu berücksichtigen. Für uns, denei^ die jüdische Sache so sehr am Herzen liegt, bedeutet der Aufbau Palästinas das wichtigste Moment der Juderifrage. Das Problem, diese Frage einer restlosen und glücklichen Lösung zuzuführen, ist heute zu einem der schwierigsten geworden, das je einem Volke gestellt wurde. Ungeduldig warten Massen von Juden, teils aus ideellen Gründen, teils durch die wirtschaftliche Not gedrängt, auf den Moment, in ihre Heimat Einlaß zu finden, in das Land, das Jahrhunderte hindurch vernachlässigt wurde, von einem rückständigen Volke bewohnt wird und in dem uns die größten Schwierigkeiten durch die Mandatarmacht in den Weg gelegt werden, zu denen noch die Schwierigkeiten im eigenen Lager und momentan die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise hinzukommen. Außerdem muß der Aufbau vor den Augen und unter der Kontrolle der ganzen Welt durchgeführt werden, einer Welt, die uns zum großen Teil feindlich gesinnt ist, deren Einstellung uns gegenüber jedoch nicht gleichgültig ist. Gründe genug, um unsere Aufgaben zu einem der schwierigsten Probleme zu gestalten. Darum heißt es, mit größter Vorsicht zu Werke zu gehen. (Fortsetzung folgt.) Statistisches aus Palästina Von Samu Halpern. Wohl von der Tatsache ausgehend, daß zum Ver- | ständnis des Palästinaaufbauwerkes nicht Aufklärung I genug geleistet werden kann und daher jedes literari-! sehe Werk auf diesem Gebiete willkommen ist, und I sei es noch so unvollkommen, ist das kürzlich von der j Zentrale des Keren Hajessod herausgegebene «Sta-! listisclie Handbuch für Palästina 1929» zu betrachten, j Wir begrüßen es aus besagten Gründen, keinesfalls aber, weil uns sein Aufbau, Inhalt und Geist befrie- | digte. Von den 260 Seiten, die zum allergrößten Teil statistische Tabellen und sehr wenig Text beinhalten — ein an und für sich exklusives und nicht für die breite Masse bestimmtes Buch, das alles, was annähernd statistisch erfaßbar ist, erfaßt, — sind nur acht Seiten der jüdischen Arbeit gewidmet. Gerade doppelt so viel, wie den — meteorologischen Beobachtungen. Da aber die Hauptarbeit in Palästina von jüdischen Arbeitern geleistet wird, so wird unwillkürlich bei der Darstellung der Industrieverhältnisse ein Bild von der Lebensart und den Leistungen der jüdischen Arbeiterschaft im Lande gegeben. Wir lassen hier eine Darstellung aus dem an statistischem Material reichen Buche folgen. In Palästina sind im Laufe der Jahre verschiedene Zählungen vorgenommen worden. Eine der wichtigsten ist die von der Regierung im Jahre 1928 vorgenommene Industriezählung. Aus ihr entnehmen wir, daß es in diesem Jahre 17.955 in der palästinensischen Industrie beschäftigte Personen gab. Diese setzen sich aus folgenden Kategorien zusammen: -Arbeiter (Lohnarbeiter) -10.186 ’ Akkordarbeiter . , v -; : . .; . . .; . 1.441 Angestellte . . . . . . . . . . . . . 408 Techniker . . . . . . . . . ... . 373 Eigentümer (soll wohl heißen kleine Meister S. H.) ........... . 5.547 Insgesamt . . 17.955 Von den fast 18.000 Beschäftigten waren nicht weniger als 1086 unter 16 Jahren. Da diese Kinder wohl schwerlich zu den «Eigentümern» zu zählen sind, ebensowenig zu den Akkordarbeitern, Technikern und Angestellten, so können sie nur der Arbeitergruppe (Lohnarbeiter) zugerechnet werden, was bedeutet, daß sie nicht weniger als 10 Prozent der Lohnarbeiter bilden. Nach Geschlechtern getrennt, setzen sich die in der palästinensischen Industrie Beschäftigten aus 16.191 Männern und 1764 Frauen zusammen, die sich wieder auf folgende Industriekategorien verteilen: Anzahl d. Anzahl d. Industriekategorie Beschäftigten Betriebe Steinbruch und Salzge .:;ug 854 132 Metallverarbeitung 1.484 327 Schmuckerzeugung 136 60 Textilindustrie 1.494 357 Bekleidung 2.464 813 Nahrung, Getränke, Ta1 3.700 473 Chemische Industrie 3.536 581 Papier- und Druc’-' 992 103 Lederindustrie 236 67 Holzindustrie 1.355 397 Ziegeleien 1.349 148 Elektrizität 169 37 Diverse 186 10 Insgesamt 17.955 3.505 Von den 3505 Industriebetrieben beschäftigten 2723 Betriebe weniger als vier Arbeiter, und nur 782 Betriebe mehr als vier Arbeiter. Interessant ist, daß nicht weniger als 2269 Betriebe erst nach 1918 entstanden sind und nur 1236 Betriebe schon vor 1918 bestanden haben. Aus der Fülle des Materials wollen wir nur noch einige Daten festhalten. Da ist vor allem die Genugtuung, das Wachstum des zionistischen Schulwesens zu verfolgen. Während 1915 nur 3315 Schüler die zionistischen Schulen besuchten, waren es 1917 5002, Radio, Grammophone, Schallplatten Neueste Marken, auch Umtausch älterer Apparate. ZahlunQserletcbterung. Radiohaus “Elphora“ 1., Dominikanerbastei Nr. 22, Ecke Franz*Josefs*Kai Ttlepboo Nr. E.24-4.16 1919 10.172, 1921 12.830, 1923 11.962, 1925 13.246. 1927 18.633 und 1928 19.449 Schüler. Daß das Hebräische in Palästina vorherrschend ist, ist auch daraus zu ersehen, daß von den 417 Büchern und Broschüren, die im Laufe des Jahres 1928 erschienen sind, nicht weniger als 356 auf die hebräische Sprache entfallen. Von den 356 hebräischen Erscheinungen entfallen auf allgemeine Literatur 101, schöne Literatur 56, Pädagogik 53, religiöse Literatur 42, Schulbücher und Politik je 21 und auf sonstige 62. Zum Schluß noch ein paar Zahlen, die geeignet sind, «defaitistisch» aber zugleich aufrüttelnd zu wirken und die es uns deutlich vor Augen führen, daß wir von England leider nicht viel zu erwarten haben. Wieviel jüdische Beamte gibt es in. Palästina? Im Jahre 1921 gab es insgesamt 2490 Beamte, darunter 616 Juden oder 25 Prozent. Im Jahre 1929 war der Beamtenkörper um mehr als 900 auf 3398 angewachsen: die Zahl der jüdischen Beamten aber stieg um ganze 151; in Prozenten ausgedrückt, sank also die Zahl der jüdischen Beamten von 25 Prozent im Jahre 1921 auf 23 Prozent im Jahre 1929! So erfüllt England seine heilige Verpflichtung, den Juden in Palästina eine nationale Heimstätte schaffen zu helfen! Die Lehre auch aus diesem Buche ist: nicht verzagen und Weiterarbeiten. Ja, wenn wir nur lernen würden .... Die jüdischen Leistungen in Palästina Gerechte Kritik eines englischen Beamten. Von Dr. Cliaim Tartakower. Im Auftrag der englischen Regierung hat S. F. Strick- Jand, einer der Zivilbeamten in Indien, einen Bericht über die Möglichkeiten des Systems der landwirtschaftlichen Kooperation in Palästina veröffentlicht. Dieser Bericht wurde auf Grund tiefschürfender Studien dieser Materie im Lande selbst verfaßt. Die. Aufgabe des Beamten war es, die ökonomische Lage der Fehachen zu studieren und den Administratibrisbeämten sowie den Fellachen die Kenntnis des Wesens der kooperativen Kreditgenossenschaften beizubringen. .Strickland war an seine Aufgabe mit großer Liebe, .und tiefstem Verständnis herangetreten. Er schlägt z.B. vor, daß der. Regierungsbeamte, der diese Kooperativen zu überwachen haben wird, sich vor Antritt seines Amtes im Laufe von Monaten eine genaue Kenntnis dieser Materie anzueignen habe. Er müsse in Pentschab und in einigen europäischen Ländern die Verhältnisse studieren. Zu diesen europäischen Ländern zählt Strickland auch Polen, mit dem Hinweis, daß es des betreffenden Beamten Aufgabe wäre, die jüdische kooperative Bewegung Polens zu stud j eren. Strickland stellt fest, daß die Schulden der arabischen Fellachen 2 Millionen Pfund betragen. Die Fellachen müssen jährlich 30 bis 200% an Zinsen zahlen.. Dieser Zustand ist seiner Meinung nach durch die Rückschrittlichkeit ihrer Landwirtschaft, die allgemeine landwirtschaftliche Not und den zügellosen Wucher verursacht. Nicht mit einem Worte wagt er es, die Schuld an diesen Verhältnissen der jüdischen Siedlungsarbeit zuzuschreiben. Er ist nicht der Meinung, daß eine Agrarbank das Problem der Fellachen lösen könnte. Das einzige Mittel wäre es nach seiner Ansicht, den Fellachen ein Betriebskapital für kooperative Genossenschaften zur Verfügung zu stellen, damit dem Wucher ein Riegel vorgeschoben und im Fellachen die kooperative Disziplin entwickelt werde. Er schlägt also vor, statt einer Agrarbank eine zentrale kooperative Bank zu schaffen, die Anleihen von der Regierung und Aktien von den Aktionären entgegenehmen soll. Die Darlehen sollen nicht Einzelpersonen gegeben werden, sondern den der Bank angeschlossenen kooperativen Vereinigungen. Unwillkürlich wird man an die Gebarung der Arbeiterbank in Palästina gemahnt, die sich an diesen Grundsatz hält. Die kooperativen Vereine werden von den Gläubigern die Herabsetzung des Zinsensatzes verlangen müssen. Strickland ist sich jedoch darüber im klaren, daß durch die Kooperativen allein das Fellachenproblem nicht gelöst werden kann; er meint, daß der Fellache einen Teil sein er Böden werde verkaufen müssen, um sich zu rangieren und um den übriggebliebenen Teil des Bodens intensiv zu nützen. D i e I u d e n sollten Käufer dieser Böden sein. Hier begegnet sich Strickland mit den Ueberzeugungen der führenden Männer unserer Kolonisation im Lande. Strickland weiß genau, daß gegenwärtig ein tiefer Abgrund zwischen dem kulturellen Niveau der Juden und dem der Araber klafft. Er weist auch die Ansicht zurück, daß man | die Entwicklung der jüdischen kooperativen Bewegung drosseln müsse, bis die Araber den Stand der jüdischen Bewegung erlangt haben werden. Im Gegenteil, Strickland verlangt ausdrücklich eine wirkliche Hilfe für die jüdische kooperative Bewegung, der er ein hohes Maß von Autonomie gewähren lassen will. Er verlangt von dem leitenden Beamten nicht bloß, daß er nach Polen fahre, um dort die jüdische kooperative Bewegung zu studieren, er verlangt von ihm auch eine gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache, damit er direkte Beziehungen zu den jüdischen Kooperativen unterhalten könne. Bezüglich der Kompetenz dieses leitenden Beamten macht er einen genauen Unterschied zwischen den jüdischen Genossenschaften und den zu gründenden arabischen. Die Juden sind bereits an die Kooperation gewöhnt, sind gut organisiert und brauchen daher bloß eine konkretere Rechnungskontrolle und eine schärfere Ueberwachung derjenigen Kooperativen, die es noch nicht in Wirklichkeit sind. Bezüglich der arabischen aber werde der leitende Beamte die volle Kompetenz sich wahren müssen. Um die Meinungen der jüdischen kooperativen Vereine zu erfassen, schlägt Strickland die Schaffung eines kooperativen Rates vor, der einstweilen nur aus Juden bestehen soll. Wenn die kooperative arabische Bewegung zu dem Maß der Selbstverwaltung gelangt sein wird, aas die jüdischen Genossenschaften bereits haben, solle auch dann kein gemein- '1