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Die Stimme · 1931-02-19 · Heft 164 (19.2.1931) · page 8

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 164 (19.2.1931)
Date
1931-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DTE STIMME Nr. 164 — 19. Februar 1981 Llterafur/Kuiisf/Theater Ludwig Reznik Gelegentlich seiner Atelierausstellung Als Achtzehnjähriger ging Ludwig Reznik nach Palästina, trug in die Gemeinschaft junger Menschen alle seine Ideale, den heißen Lebenswillen, ein sandiges Land urbar zu machen; zu säen und zu ernten. Und die heiße Sonne Palästinas brannte auf sehnige Rücken, Finger krümmten sich, den Spaten zu fassen; Fäuste ballten sich um schwere Hammer, Steine zu klopfen, zu Pflasterquadern zu formen: so wurde Weg und Straße, Zett und Siedlung. Aus Regenzeiten und Hitzeperioden wurden zehn Jahre. Der heiße Lebenswille des Achtzehnjährigen brach sich in der Sonnenglut zur langgezogenen Melodie Arabiens. Der Wille und die Berufung des einzelnen schien darin aufgegangen zu sein. An einem grauen Regentage erwachte Reznik aus seiner Verschüttung. Es erwachte der Protest gegen die Knebelung seines Schaffenswillens. Er erlebte die Vision menschgewordener Pflastersteine, und wieder wurden seine Hände Werkzeug harter Arbeit: er begann aus Ton Figuren zu formen, und plötzlich reifte in ihm der Entschluß, nach Europa zurückzukehren, um an einer Wiener Kunstanstalt das Handwerkliche zu erlernen. Eigenartig, wie sein Weg sind die Skulpturen Rezniks. Es sind steingewordene, dumpfsehnsüchtige Lieder. Terrakotten, feinnervige Lichtfänger, ungekünstelt und frei von jeder Manier. Die «Familie» in schwarzgrauem Granit, die letzte Arbeit Rezniks an der Kunstgewerbeschule Prof. Steinhofs, zeigt meisterhafte Komposition und originelle Auffassung des Sujets. In episch breiten Flächen sind die Formen angelegt — zwingend und unwiderruflich in ihren Zusammenhängen. Sie atmen die schwere Eigenart seines persönlichen Schicksals; den Rhythmus uralter arabischer Melodien, den Rhythmus stark durchpulsten, aber gebrochenen Lebens. Nun ist Rezniks Studienzeit in Europa beendet und er muß in Kürze nach Palästina zurückkehren. Wird sein Mut an der Kälte des heutigen Kunstpublikums nicht brechen? Wird die erbarmungslose Sonne Palästinas, wird der nüchterne Alltag ihn nicht zwingen, zumr Pflasterstein zurückzukehren? Es wäre ihm, dessen Anfang in Europa so überzeugend gewirkt hatte, sein Weg in der Kunst und das Interesse eines kunstverständigen Publikums zu wünschen. J. Hönig. Verein zur Förderung jüdischer Musik k Dank der unermüdlichen Tätigkeit des ruhmreichen Komponisten und Klaviervirtuosen Prof. Juliusz Wolfsohn und Prof. Dimitrovsky ist es gelungen, die r lange erörterte und bloß nur in Debatten geförderte Idee der Popularisierung jüdischer Musikkunstwerke endlich zu realisieren. Dieser edlen und hohen Mission zu dienen, ist die Parole des neugegründeten Vereines, der seine Tätigkeit unter sehr günstigen Auspizien am Sonntag, den 15. d. M., im «Bnei-Brith»-Saa!e inaugurierte. Das reichhaltige und geistvoll zusammengestellte Programm dieses ersten Kammermusikabends umfaßte mehrere Kompositionen junger jüdischer Tondichter, die auch teilweise selbst ihre Werke zum Vortrag brachten. Israel ßrandmann, begleitet vom talentvollen Pianisten Rob e r t Spitz, spielte gefühlvoll und mit feurigem Temperament seine tief empfundene, mit großem Können und instrumentalem Klangsinn geschriebene Sonate für Violine und Klavier. Joachim Stutschevsky brachte im Streichquartett einige seiner neuesten Tonschöpfungen zum Vortrag, wonach Rita Kurzmann vier Klavierstücke von Stutschewsky mit bravouröser Technik spielte, Als bedeutendstes Werk dieses Kammerabends erwies sich Jedoch die Suite für Streichquintett und Klarinette aus dem Nachlasse des unvergeßlichen, in Palästina verstorbenen Komponisten Engel. Die ureigensten Elemente jüdischer Melodik, der echt chassidische Tanzrhythmus, prächtige Klangfarben in der Instrumentierung, gaben dem Ganzen den Reiz des unmittelbar Empfundenen. Fünf Kinderlledcr Engels für eine Singstimme und Klavier machten ebenfalls den stärksten Eindruck. Maria B er nay, vom Pianisten E. Eisenstädter geschickt und verständnisvoll begleitet, hat diese echten Perlen jüdischer Tonlyrik in tadelloser Diktion und mit kultiviertem Musiksinn vorgetragen. Ihre frische Stimme strahlte in der Mittellage und besonders in der Höhe. Frau B e r n a y interpretierte würdig Engels künstlerische Intentionen. Sämtliche Solisten, wie auch Mitglieder des eingeübten Quintetts, wurden vom zahlreichen Publikum gefeiert. Die Poesie, der Reichtum der jüdischen Melodie, die Sentimentalität echter chassidischer Motive wirkten berauschend. Wir hoffen, daß unter diesem Banner, nach dieser so glücklich überstandenen Peuerprobe der Aufschwung des jungen, arbeitsfrohen Vereines, im raschen Tempo vor sich gehen wird. Dr. K. R. Kunstgemeinschaft der Wizo Die günstige Entwicklung der von der Wizo-Organisation zlon. Frauen gegründeten, unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Lampel stehenden Kinderchöre ermutigen uns, an den Ausbau dieses Werkes zu schreiten. Im Anschluß an die bereits bestehenden Kinderchöre beabsichtigen wir, aus Kindern und Jugendlichen höherer Altersstufen Gruppen zu bilden, die je nach Neigung, Begabung oder eventuellen Vorkenntnissen zulimmengestellt werden sotten. Der Unterricht soll bezirki» weise in entsprechenden Lokalen durchgefflhrt, bei Anbruch der günstigen Jahreszeit nach Möglichkeit ins Freie verlegt werden. Geplant sind: Gruppe A: Violine und Klavier; Gruppe B: Zupf- und Blasinstrumente; Gruppe C: Singchöre mit besonderer Pflege der Einzelstimme; Gruppe D: Sprechchöre, Vortrag und dramatischer Unterricht; Gruppe E: Theoriekurse. Die Ungunst der Zeit verwehrt es vielen jüdischen Eltern, an die musikalische Ausbildung ihrer Kinder zu denken und diese Erwägung bestimmt uns, nur einen monatlichen Regiebeitrag für Kind und Kurs einzuheben. Lediglich der sozialen Einsicht und dem selbstlosen Entgegenkommen der sich zur Verfügung stellenden Fachkräfte ist es zu danken, daß wir an die Ausführung unseres Projektes gehen können. Wir hoffen, daß die jüdische Elternschaft, in richtiger Einschätzung des großen Wertes und der erzieherischen Wichtigkeit der von uns geplanten Institution, uns ihre Kinder vertrauensvoll zuführen wird. Anmeldungen und Auskünfte schriftlich und telephonisch bei der Präsidentin Frau Sofie Löwenherz, Wien, IX., Nußdorferstraße 42/8, Tel. A 16-0 44. Persönliche Einschreibung jeden Samstag von 6 bis V2I Uhr im Heim der Mirjam, I., Jordangasse 7 (Seitengasse der Wipplingerstraße 5—7). Für das Präsidium: Für die künstlerische Leitung: Sofie Löwenherz, Max Lampel. Blanka Federn-Lipschütz, Sabine Paßweg. Sklaverei bei Palästina-Arabern Chassan Zidki al Dejani, Publizist und einer der Führer der jungen arabischen Intelligenz, richtet an den Oberkommissär einen offenen Brief, den wir vollinhaltlich wiedergeben. «Auf dem Wege von Haifa stieg in Nablus ein Mann mit einem achtjährigen Mädchen, das armselige und zerrissene Kleider anhatte, in unser Auto. «Woher hast du das Mädchen», fragte Ich ihn. «Ich habe sie für meiner Bruder in Bire (einem Nachbardorfe) gemietet.» «Gemietet?» «Ja,, von. ihren Eitern, auf 25 Jahre für 25 LP.» «Seltsam.» «Wundere dich nicht, manche kaufen auch für immer.» «Wirklich? Aber Sklaverei ist doch verboten!» «Der Hunger zwingt den Fellachen, seine Kinder zu verkaufen. Er braucht sie dann nicht zu ernähren und verbessert durch den Erlös seine Existenz.» Ein zweiter Reisender mischte sich ein. «Das ist richtig. Ich habe für mich und auch für meinen Neffen ein Mädchen gekauft. Viele kaufen. Vor einem halben Jahre waren sie noch teuer, für mein Mädchen habe ich 28 LP. und noch 2 LP. dem Vermittler bezahlt. Heute beträgt der Preis nur 20 bis 25 LP.» «Und was tut ihr mit diesen Mädchen?» «Sie dienen im Haus und wachsen bei uns heran.» «Und die Regierung weiß das?» «Viele Regierungsbeamte kaufen wie wir.» * Der Verfasser forderte den Oberkommissär im Namen der Menschlichkeit auf, einzuschreiten. «Al Chiat» teilt mit, daß der Oberkommissär bereits eine strenge Untersuchung anbefohlen habe. Nehmen wir selbst an, daß die Phantasie des Orientalen übertrieben hat; die Tatsache selbst ist kaum zu leugnen. Schon über zehn Jahre gibt es eine britische Administration in diesem kleinen und leicht Überschaubaren Lande, hie und da tauchten des öfteren Gerüchte über solche Fälle auf (vergl. Asis Effendi, Beduinenkinder, Deutscher Dawar, Nr. 29), aber die Behörden und die Araber waren mit anderen Dingen beschäftigt: mit dem Kampf gegen den Zionismus. Wir wollen den Schandfleck der Sklaverei ln Erez Israel nicht als Propaganda für den Zionismus benutzen, da dieser nicht auf dem Niedergange der arabischen Wirtschaft aufgebaut ist. Die Behörden und die Oberschicht des arabischen Volkes müssen die Sklaverei scharf bekämpfen, ohne jede Verbindung mit politischen Maßnahmen. Aber die Sklaverei ist nur eine Folge der Verarmung des Fellachen, und diese wiederum Ist nur zu beheben, wenn die zionistische Aufbauarbeit Erfolg hat. «Dawar». Die Juden In Afrika In Afrika wohnen derzeit 543.000 Juden, davon 419.000 in Nordafrika. In Aegypten allein leben 64.000 Juden. Unter ihnen gibt es auch Karaiten, die sich von den anderen Juden streng separieren. In Kairo und Alexandria gibt es eigene Judenviertel. In Marokko heißen die Ghettl «Mellah», ln anderen Ländern Nordafrikas «Hara». In der «Hara» von Tripolis leben 14.000 Juden, vielfach in großem Elend. Sie tragen die landesübliche Tracht und betätigen sich als Handwerker und im Karawanenhandel. Die Alliance Israelite fördert ihr Schulwesen. In ganz Libien leben 43.000 Juden. In Tunis leben 65.000 Juden, davon in der Stadt Tunis allein 45.000 Juden, die meisten von ihnen in der «Hara». Sie leben ebenfalls unter schlechten Verhältnissen und leiden sehr unter der Judenfeindschaft der Araber. Das gleiche gilt von Algerien, wo 100.000 Juden leben. In Algerien gibt es in Algier, Oran und Constantlne große jüdische Gemeinden, die gut organisiert sind. Die Juden in Algier genießen die gleichen Rechte wie die dortigen Nichtjuden, treten aber politisch nicht hervor; Jlotixen Jüdische Malerinnen in Rom. Wahrend der feierlichen Zeremonie der Eröffnung der ersten nationalen Ausstellung italienischer Malerinnen in Rom begrüßte Königin Helena von Italien herzlich die bekannten jüdischen Malerinnen Poala Levi Montalcini, üiulia Zeiscl und Adriana Pinchorie Moravia, die sich mit bedeutenden Werken an der Ausstellung beteiligen. Erste Enzyklopädie in jiddischer Sprache. In Berlin ist eine neue jüdische Verir.gr,gesclisclmft ins Leben gerufen worden, die die erste Enzyklopädie in jiddischer Sprache hernusbringen wird. Die Enzyklopädie s 1 neben den allgemeinen Wissenschaften auch alle nult dem heutigen }udentum zusammenhängenden Probleme berücksichtigen. Siedlungszeitselirift «Der Pflug». Als Sonderbeilage des «Schild» erschien zum erstenmal «Der Pflug», Zeitschrift für landwirtschaftliche Siedlung, Handwerk und Berufsumschichtung im deutschen Judentum. Der achte Band von Ben Jehudas hebräischem Wörter« buch erschienen. Im Verlag Paul Langenschcidt ist der achte Band des großen Wörterbuches der alten und modernen hebräischen Sprache «Thesaurus totius hebraltatis» erschienen. Der Band enthält auf etwa 600 eng bedruckten Seiten die Wörter mit den Anfangsbuchstaben Nun und Samech. Der neunte Band des Wörterbuches, dessen Herausabe durch eine große Spende des verstorbenen Lord lelchett ermöglicht wird, ist gegenwärtig im Druck. Insgesamt wird das Wörterbuch 16 oder 17 Bände umfassen. Herr I. Segal-Rosenbach teilt auf diesem Wege allen jüdischen Vereinen, die auf seine Mitwirkung bei musikalischen Veranstaltungen reflektieren, seine Adresse mit. Sie lautet: VIII., Lenaugasse 11/9. Das Berliner Gastspiel der Wilnaer Truppe. Seit dem 7. Februar gastiert in Berlin die von Alex Stein geführte Wilnaer Truppe, die seit einigen Jahren in Wien mr Domizil hat und von hier aus einige künstlerisch sehr erfolgreiche Uastspieltourneen unternommen hat. Die ersten Vorstellungen im Berliner Wallner-Theater waren sehr gut besucht und von tiefer Wirkung auf das Publikum. Die" Berliner Kritik widmet dem Gastspiel viel Aufmerksamkeit. In Marokko leben zirka 132.000 Juden, die meisten von ihnen sind Sephardim. Die größte Judengemeinde ist Casablanca mit 20.000 Seelen. Die marokkanischen Juden leben in den Seestädten und beschäftigen sich vorwiegend mit Handel. Die meisten von ihnen sind arm, zionistische Betätigung ist ihnen verboten. Ihre «Mellahs» (Ghetti) sind oft von hohen Mauern umgeben. Auch in Marokko erhält die. Alliance Schulen. Sogar in manchen Oasen Afrikas gibt es Juden, die dort in primitiven Verhältnissen leben. Es gibt in Afrika Sephardim, Aschkenasim und eingeborene Juden. Letztere stehen oft auf der Kulturstufe einfacher Araber. In Abessinien leben, die Falaschas inbegriffen, zirka ■ 50.000 Juden, in Südafrika 72.000. Die Juden in Südafrika/ erfreuen sich politischer Gleichberechtigung. Bekannt ist dierege Anteilnahme der südafrikanischen Juden an der zionk; stischen Bewegung. Sehnsucht nach der Feldarbeit Johann Christoph Wagenseyl läßt in seinem 1767 erschienenen Buche «Wohlgemeinte Anzeig und Erinnerung, wie der Juden Wucher abzuschaffen» einen Juden namens Salomon Zewi, der neidvoll auf dem Felde arbeitende Bauern betrachtet, sagen: «Den Wucher hat man uns vergönnt, der macht uns Feindschaft, Verachtung und alles Unglück bei den Christen. Ich möcht leiden, so uns der Feldbau und Handtlrung erlaubt wär und sollte den Wucher Wucher seyn lassen.» Die Kuppe) der jroflen Synagoge von Rom soll abgetragen werden Das Mitglied der «Academia d’Italia» (italienische' Akademie der Wissenschaften) Architekt Marceilo Piacentini hat dem Ministerpräsidenten Mussolini die Beschlüsse der mit der Ausarbeitung eines neuen Stadtregulierungsplanes für die Stadt Rom beauftragten Kommission vorgelegt. Die Beschlüsse sehen die Anlage einer Reihe neuer Verkehrswege und gewisse bau’iche Veränderungen zur Verschönerung des Stadtbildes vor. Unter anderem soll aus ästhetischen Rücksichten die große Aluminiumkuppel der am Ufer des Tiber gelegenen Synagoge abgetragen werden. Der Vorschlag auf Entfernung der Synagogenkuppel hat in den Kreisen der jüdischen Bevü kerung Roms lebhaftes Befremden hervorgerufen und Anlaß zu den verschiedensten Kommentaren gegeben. Es wird darauf hingewiesen, daß der Plan der erst im Jahre 1904 errichteten Synagoge seinerzeit von einer Kommission genehmigt worden war, der die berühmtesten italienischen Architekten, unter ihnen Architekt Zacconi, der Schöpfer des grandiosen Victor-Emanuel-Denkmals, und Architekt Piacentini, der Vater des Referenten der Reguiierungskommiss'on, angehörten. Die große Synagoge von Rom gehört zweifellos zu den schönsten Synagogenbauten Europas und gewährt mit ihrer hohen Kuppe! gerade jetzt, nach «ihrer Freilegung durch Demolierung des 1000^« jährigen römischen Ghettos und Erweiterung der umliegenden Straßen und Plätze, einen imposanten Anblick. In manchen jüdischen Kreisen führt man den Vorschlag der Regullerungskommission im Hinblick darauf, daß die Italienische Regierung sich im Konkordat mit dem Vatikan von» pflichtet hat, den christlichen Charakter des Stadtbildes von Rom zu wahren, auf klerikale Einflüsse zurück. Die Entscheidung Uber das Schicksal der Kuppel der römischen Synagoge wird in allernächster Zeit getroffen werden. jfus alter Wett

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